Bestiarium

Fantastisches aus Biologie, Paläontologie und Kryptozoologie

Archive for the ‘Populäre Irrtümer’ Category

Warum es dumm ist von Minkwalen zu sprechen.

Sonntag, Februar 17th, 2013

Wenn es in den Medien um Walfang geht, hört oder liest man immer wieder von Minkwalen. Minkwale sollen wieder in größeren Mengen gejagt werden, Minkwale sollen wieder in höheren Stückzahlen zu “wissenschaftlichen Forschungszwecken” von Japanischen Walfängern getötet werden. Wenn ich so etwas höre oder lese muss ich mich jedes Mal wieder etwas ärgern. Warum? Weil der Name “Minkwal” ein typisches Beispiel für die Unfähigkeit vieler Journalisten ist, Tiernamen korrekt ins Deutsche zu übertragen. Allzu oft passiert es nämlich, dass unkundige Journalisten nicht in der Lage sind 10 Sekunden zu investieren um zu sehen ob ein Tier auch einen deutschen Namen hat, und statt dessen einfach mehr oder weniger genaue wörtliche Übersetzungen des englischen Namens benutzen. Dabei kommen zuweilen solche Wortmonstrositäten wie “Wolkopard” heraus, weil eine große deutsche Tageszeitung mit großen Bildern und wenig Text kurzerhand “clouded leopard” eindeutschen musste, anstatt die geläufige Bezeichnung Nebelparder zu registrieren.

Auch bei den Minkwalen ist es so. Im Englischen heißen diese Wale “Minke Whale”, ausgehend von der norwegischen Bezeichnung minkehval , nach einem norwegischen Walfänger namens Meincke aus dem 18. Jahrhundert. Der deutsche Name “Minkwal” ist also nicht einmal eine korrekte Wiedergebung des schon abgeänderten Namens. Ohnehin haben diese Wale seit Ewigkeiten einen in jedem sie erwähnenden Tierbuch gebräuchlichen deutschen Namen, nämlich Zwergwal. Genau genommen sind es wie man inzwischen weiß, sogar zwei (unter umständen sogar drei) verschiedene Arten, der Nördliche Zwergwal und der Südliche Zwergwal. Da sie nach dem extrem seltenen Zwergglattwal die kleinsten Bartenwale überhaupt sind, ist dieser Name auch deutlich passender (unten eine alte Illustration eines Nördlichen Zwergwals von Wikipedia):

Nördlicher Zwergwal

 

Ein Mink, ohne irgendeine Verbindung zum Minkwal (von Wikipedia):

Mink

Es darf auch Fisch sein – was Furchenwale tatsächlich so alles fressen

Sonntag, Februar 17th, 2013

Viele Leute sind der Ansicht dass sich die großen Bartenwale primär von Krill oder Plankton ernähren, doch diese Vorstellung trifft nur bedingt und auch nur auf einige Arten zu. Zwar fressen einige von ihnen, etwa der Blauwal, tatsächlich primär Krill und andere Kleinsttiere, doch das Beutespektrum vieler anderer Arten ist erheblich breiter, und umfasst teilweise erstaunlich große Beutetiere. Die Ernährungsgewohnheiten der Bartenwale unterscheiden sich zum Teil ganz erheblich, sowohl was die Art des Beutefangs angeht, als auch in Bezug auf die Art und Größe der Beute. Auch scheinen viele die Bartenwale aufgrund ihrer Ernährung tendenziell eher mit Pflanzenfressern gleichzusetzen, doch auch sie sind Fleischfresser, die andere Tiere jagen, auch wenn diese im Vergleich zu ihnen selbst in der Regel verschwindend klein sind. Daher ist auch der Blauwal nicht nur das größte Tier auf der Welt, sondern genau genommen auch der größte Räuber.

Ein Bartenwal der deutlich von der allgemeinen Vorstellung eines Krillfressers abweicht, ist der Brydewal (Balaenoptera brydei), ein mit 12-14 m eher kleinerer bis mittelgroßer Vertreter der Furchenwale. Seine Nahrung besteht zum Großteil aus Fisch, wobei nicht nur kleine Schwarmfische wie Sardinen, sondern auch solche wie Makrelen gefressen werden. Daneben fressen sie auch Krebstiere und sogar Kopffüßer. Hier ein Photo eines Brydewal vor Thailand (von Wikipedia):

Brydewal (von Wikipedia)

Auch der nahe mit dem Brydewal verwandete Edenwal (Balaenoptera edeni), der erst 1993 als separate Art erkannt wurde, ernährt sich größtenteils von Fischen. Mit nur etwa 10 m Maximallänge ist der Edenwal einer der kleinsten Furchenwale. Hier eine Illustration von Wikipedia:

Edenwal

Mit 12-16 m ein gutes Stück größer ist der Seiwal (Balaenoptera borealis). Er ernährt sich zwar auch von Krill, doch auch von Schwarmfischen, besonders von Köhlern (welche die meisten unter ihrer gastronomischen Bezeichnung “Seelachs” kennen), was ihnen auch ihren Namen gegeben hat, denn “Sei” ist das norwegische Wort für Köhler. Um den Artikel interessanter zu machen, gibt es auch hier ein Bild, ebenfalls von Wikipedia:

Seiwal

Ein weiterer ausgesprochener Fischfresser ist der Nördliche Zwergwal (Balaenoptera acutorostrata). Zwergwale werden oft in den Medien als Minkwale bezeichnet. Warum das dumm ist werde ich mal bei Gelegenheit schreiben. Der Nördliche Zwergwal ist der kleinste aller Furchenwale, und nur der Zwergglattwal ist unter den Furchenwalen noch kleiner. Erwachsene Bullen sind im Durchschnitt nur etwa 8 m, während Kühe etwa 8,5 m messen. Umso erstaunlicher ist, dass sich unter ihrer Beute nicht nur erstaunlich viele, sondern teilweise sogar erstaunlich große Fische finden. Zwar finden sich durchaus auch viele kleine Schwarmfische in ihrer Nahrung, etwa Sandaale, Sardellen oder Lodden, aber auch mittelgroße Arten wie Herringe und Makrelen. Daneben finden sich aber  in ihren Mägen auch größere Arten wie Lachs, Kabeljau, Köhler oder Schellfisch und sogar wieder nur bedingt oder gar nicht schwarmlebende Fische wie Seewölfe oder Dornhaie. Der Südliche Zwergwal (Balaenoptera bonaerensis) frisst zwar durchaus auch kleine Schwarmfische, doch machen bei ihm Krill und andere kleine Krebstiere einen größeren Anteil der Nahrung aus.

Hier ein Photo eines springenden Zwergwals vor den Azoren (von Wikipedia):

Springender Zwergwal

Das wahrscheinlich komplexeste Verhalten zum Fangen von Fischen haben Buckelwale (Megaptera novaeangliae) entwickelt, welche in Gruppenarbeit unter Wasser Schwärme von Fischen mit Hilfe von kreisförmig gezogenen Bahnen von Luftblasen zusammentreiben. Auch sie fressen Krill und in einigen Gegenden auch noch kleinere Beute wie Ruderfußkrebse, aber auch Lachse, Köhler, Heringe, Makrelen und andere größere Fische. Interessanterweise fangen sie ihre Beutefische nicht nur durch bloßes Verschlingen, sondern teilweise auch durch Schläge ihrer Brust-und Schwanzflossen, mit denen sie die Fische betäuben. Ein sehr eindrucksvolles Photo von Buckelwalen beim Abfischen eines zusammengetriebenen Fischschwarmes sieht man hier (von Wikipedia):

Buckelwale beim Fressen

Blauwale ernähren sich wie bereits erwähnt, tatsächlich zum Großteil von Krill und auch von kleinen Ruderfußkrebsen, Beutetieren die oft nur wenige Milimeter groß sind. Der etwas kleinere Finnwal dagegen frisst durchaus auch gelegentlich kleinere Schwarmfische. Über die Ernährung des kaum bekannten Omurawales (Balaenoptera omurai) weiß man so gut wie gar nichts, daher kann ich hier leider nichts über diese Art sagen.Natürlich muss man sich auch klar machen, dass die Beute bei allen hier vorgestellten Furchenwalen abhängig von Jahreszeit, Region und vermutlich teilweise auch familienbedingt wechseln kann. Dennoch ist es relevant sich klar zu machen, dass mit wenigen Ausnahmen auch die meisten Furchenwale zu einem mehr oder weniger starken Grad Fischfresser sind. Dies soll in keinster Weise eine Rechtfertigung für Walfang sein, wie sie etwa genau auf diese Weise in Japan betrieben wird, nämlich indem behauptet wird dass Wale eine Bedrohung für die Fischbestände darstellen, und daher eine Konkurrenz für die Fischer darstellen. Das ist natürlich völliger Unsinn, in früheren Zeiten gab es erheblich viel mehr Wale als heute, und trotzdem waren die Fischbestände ebenfalls viel größer. Der Rückgang vieler kommerziell genutzter Fischarten ist einzig auf Überfischung durch den Menschen zurückzuführen, und nicht auf Tiere, die sich in einem viele Jahrmillionen andauernden Prozess zu einem auf Gleichgewicht basierenden Räuber-Beute-Verhältnis mit ihrer Nahrung entwickelt haben.

Alle hier vorgestellten Wale waren Furchenwale. Wenn man die übrigen Bartenwale, die Glattwale, den Zwergglattwal und den Grauwal miteinbezieht, kommt man auf einige noch merkwürdigere Beutetiere, welche viele wohl kaum bei einen Wal vermuten würden, aber das soll in einem anderen Blogpost irgendwann später Erwähnung finden.

 

 

Fossile Wale Teil 1: Was bei vielen Darstellungen von Urwalen falsch gemacht wird

Freitag, Dezember 21st, 2012

Im Gegensatz zu prähistorischen marinen Reptilien wie Plesiosauriern, Mosasauriern oder Ichthyosauriern gekommen fossile Wale in der Regel nur recht wenig Publicity, und auch in Büchern werden in aller Regel nur eine handvoll Arten vorgestellt, obendrein meistens auch mehr oder weniger die selben. Zu diesen gehören insbesondere Basilosaurus und Dorudon, wobei es sich bei beiden im Übrigen nicht um einzelnen Arten, sondern um Gattungen mit jeweils mehreren bekannten Spezies handelt. Dass ausgerechnet diese so häufig gezeigt werden, hat zweifellos auch einen historischen Grund, denn beide sind schon seit über hundert Jahren durch recht gute und vor allem sehr zahlreiche Fossilfunde bekannt. Dass es auch noch sehr viele andere, teilweise sogar exzellent erhaltene Archaeoceti gab, wird meistens völlig unterschlagen, so dass man leicht den Eindruck bekommt, dass die frühe Walfauna nur aus jenen beiden Formen bestanden hat. Tatsächlich war die Diversität allerdings schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Evolution der Wale erstaunlich hoch, und ständig werden neue Arten entdeckt. Hinzu kommt, dass uns seit nunmehr über 100 Jahren immer wieder aufs Neue Rekonstruktionen aufgetischt werden, welche mit größter Wahrscheinlichkeit nicht dem tatsächlichen Aussehen dieser Tiere entsprechen. Die meisten Darstellungen von Basilosaurus und anderne frühen Urwalen sehen in etwa so aus (Quelle: Wikipedia):

Basilosaurus “traditionell” rekonstruiert

Die Zeichnung ist vom künsterlischen ja an sich ganz gut, doch weist sie einige eklatante Fehler auf. Eigentlich wollte ich auf dieses spezielle Thema schon vor Jahren einmal näher eingehen, habe es dann aber irgendwie nie geschafft. Erst durch die kürzliche Veröffentlichung des Buches “All Yesterdays: Unique and Speculative Views of Dinosaurs and Other Prehistoric Animals ” von meinem guten Freund Dr. Darren Naish hat mich dazu angespornt, den Artikel endlich zu schreiben. In dem Buch geht es um die Problematik der Rekonstruktion ausgestorbener Arten von denen lediglich die Knochen bekannt sind, und die damit einhergehende Problematik dass besonders bei Tieren ohne lebende Verwandte das Aussehen und die Menge des Weichgewebes im Prinzip völlig unbekannt sind. Desweiteren wird die seit Anbeginn der Paläontologie verbreitete Unsitte des “shrink-wrapping” oder Zusammenschrumpfens kritisiert, bei der viele Tiere auf eine Art und Weise portraitiert werden, die nur einen minimalen und völlig unnatürlichen Anteil von Weichgewebe und Haut über dem Skelett zeigt.

Dies betrifft vor allem Dinosaurier, prähistorische Säuger sind davon glücklicherweise in der Regel weitaus weniger betroffen, da hier allgemein weitaus bessere Vergleiche zu lebenden Arten möglich sind. Aber eben leider nicht immer, und gerade bei den Archaeoceti werden immer wieder die gleichen Fehler gemacht. Was genau das ist, soll hier noch einmal anhand von Basilosaurus gezeigt werden. Hier ist ein Photo eines Schädels von Basilosaurus cetoides, ebenfalls von Wikipedia:

Schädel von Basilosaurus cetoides

Wenn man ihn mit der zuvor gezeigten Rekonstruktion vergleicht, fällt auf dass der Kopf des Basilosaurus fast zu 100% der Form des Schädels entspricht, und damit ein besonders gutes Beispiel für “shrink-wrapping” ist. Dieser Basilosaurus (und auch die meisten anderen Rekonstruktionen) sieht kaum nach einem Säugetier aus, sondern viel mehr nach einem Reptil wie etwa einem Mosasaurier, wobei allerdings auch bei diesen ähnlich heutigen Waranen die Zähne kaum sichtbar gewesen esin dürften. Dies liegt nicht nur an dem recht lange Körper (der im Übrigen in Wirklichkeit noch weitaus länger war als hier dargestellt), sondern vor allem an den Zähnen und der Nasenregion. Bei Reptilien ist in aller Regel tatsächlich sehr wenig Muskulatur, Fett-, Knorpel-und Bindegewebe im Kopfbereich vorhanden, und das Äußere entsprechen teilweise tatsächlich recht stark dem darunter liegenden Schädel, wenngleich auch hier keineswegs zu stark verallgemeinert oder vereinfacht werden darf, insbesondere in Bezug auf Dinosaurier.

Aber Basilosaurus und seine Verwandten waren Säugetiere, und es gibt keinerlei Grund anzunehmen, dass ihre Schädel mit deratig wenig Weichgewebe bedeckt waren wie man das meistens zu sehen bekommt. Zwar hatten sie noch keine Echolotorgane, welche bei heutigen Zahnwalen teilweise einen erheblichen Einfluss auf die äußere Form des Kopfes haben, aber dennoch dürften sie fast mit Sicherheit anders ausgesehen haben als die zähnestarrenden, reptilartigen Monstrositäten die wir kennen. Dem liegen eine Reihe von Überlegungen zugrunde. Zum einen muss man sich einmal bewusst machen, von was für Tieren die frühen Wale abstammten. Auch wenn sie sich in einigen Merkmalen wie etwa dem ausgesprochen großen Schädel von vielen heutigen Raubtieren unterschieden, dürften noch stark terrestrisch gebundene frühe Walvorfahren wie Pakicetus oder Indohyus noch mit Sicherheit Säugetier-typische anatomische Merkmale wie Lippen, Backen und Nasen besessen haben, wie man etwa auf dieser wunderschönen von Carl Buell angefertigen Rekonstruktion von Indohyus sieht:

Indohyus major von Carl Buell

Abgesehen von einigen wenigen Arten bei denen spezialisierte Eck-oder Schneidezähne auch bei geschlossenem Maul herausragen, können alle landlebenden Säugetiere ihr Maul komplett schließen, da die Lippen über die Zähne ragen, und so die Mundhöhle abschließen können. Hinzu kommt dass auch die Mundwinkel durch das Vorhandensein von flexiblen Gewebe in der Wangenregion viel weiter vorne liegen als die hintersten Zähne. Das trifft übrigens auch auf Robben und andere größtenteils im Wasser lebende Säugetiere zu, auch auf Arten wie den Seeleoparden, der ein ausgesprochen tief gespaltenes Maul hat. Aber durch die Lippen und das Wangengewebe sind dennoch bei geöffnetem Maul normalerweise allerhöchstens noch die langen Eckzähne zu sehen, wie man auf diesem Bild von Wikipedia erkennen kann:

Seeleopard

Aber auch moderne Wale haben Backen und Lippen, auch wenn diese etwas anders aussehen als bei anderen Säugern. Sie sind recht steif und wenig flexibel, aber dennoch immer mehr oder weniger ausgeprägt vorhanden. Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen wie dem Gangesdelphin, bei dem die vordersten Zähne in den schnabelförmig verlängerten Kiefern wie eine Pinzette “offen” ineinander beißen, haben alle anderen Wale die Fähigkeit ihr Maul zum umliegenden Wasser dicht zu schließen. Dies kommt zustande weil die Oberlippen die Zähne des Oberkiefers überragen, vor allem im hinteren Bereich des Maules teilweise sogar erheblich, und regelrechte Wangentaschen bilden können. Wird das Maul geschlossen, greifen die Zähne des Unterkiefers zwischen die Zähne des Oberkiefers, und werden dadurch von den Lippen verdeckt und die Mundhöhle geschlossen. Besonders eindrucksvoll sieht man das bei Arten mit sehr großen Zähnen, wie etwa dem Orca oder dem Kleinen Schwertwal Pseudorca crassidens. Bei ihnen haben die Zähne im Vergleich zum Schädel ähnliche Ausmaße wie bei den oftmals sehr großzähnigen Archaeoecti, wie man hier am Beispiel eines Schädelabgusses von Pseurorca crassidens aus dem Zoologischen Museum in Kopenhagen sehen kann:

Pseurorca crassidens Kopenhagen

Doch ungeachtet der sehr großen Zähne sind bei geöffnetem Maul von der Seite lediglich jene im Unterkiefers zu sehen, die oberen werden durch die steifen Lippen komplett verdeckt. Es gibt auch weitaus bessere Bilder die das zeigen, und bei denen man besonders gut sieht wie weit vor allem die hinteren Zähne von den Wangen überragt werden, aber leider keine die ich für den Artikel verwenden konnte.

Kleiner Schwertwal Pseudorca crassidens

Was sagt uns das nun über das Aussehen der Archeaoceti? Rein logisch betrachtet muss man davon ausgehen dass, wenn sowohl ihre Vorfahren säugertypische Lippen besaßen, als auch die heutigen Wale (wenngleich auch abgewandelte) Lippen haben, sie ebenfalls welche besessen haben müssen. Andernfalls hätten sie ihr Maul gar nicht richtig schließen können, was an Land zum Austrocknen der Mundhöhle und im Wasser zu einem ständigen Durchfluss geführt hätte. Genau das wäre aber der Fall bei all den Rekonstruktionen gewesen, bei denen die Zähne vollständig sichtbar aus dem Oberkiefer ragen, und – seltsamerweise – werden sie auch fast immer mit geöffnetem Maul dargestellt, da sich kaum jemand je der Problematik gestellt hat wie es aussehen würde wenn die Kiefer geschlossen wären. Die Lippen der frühesten Formen waren sicherlich noch flexibler und weniger steif als die moderner Wale, aber in jedem Fall kann man davon ausgehen dass sie zumindst im Oberkiefer gut ausgebildet waren, und die Zähne zumindest im hinteren Teil völlig, und im vorderen Teil des Maules zumindest größtenteils verdeckt haben. Übrigens werden häufig nicht nur Archaeoceti, sondern auch andere fossile Zahnwale wie Squalodonten oder etwa die “Killerpottwale” wie Zygophyseter oder Brygmophyseter sehr häufig ohne Lippen und mit deutlich sichtbaren Zähnen im Oberkiefer dargestellt.

Ein weiterer Grund warum sehr viele Rekonstruktionen so reptilienartig und “schädelig” sind, liegt daran dass das Weichgewebe rund um die Nase meistens mehr oder weniger völlig missachtet wird. Säugetiere besitzen üblicherweise ein komplexes System aus Knorpel-und Muskelgewebe in ihren Schnauzen, das letztendlich dem Profil erst seine eigentliche Form verleiht. Auch die Nase des Menschen besteht zum größten Teil aus Knorpel, und nur ein recht kleiner Teil wird vom eigentlichen Nasenbein gebildet. Im Wasser lebendende Säuger besitzen normalerweise verschließbare Nasenöffnungen, was zusätzlich ausgebildete Muskulatur, und daher auch ein etwas höheres Gewebevolumen vor der eigentlichen knöchernen Nasenöffnung bedingt. Es ist sehr schwer zu sagen wie die Schnauzen der frühen Wale ausgesehen haben, aber man kann mit Sicherheit davon ausgehen dass sie nicht einfach nur Löcher in der Haut über dem Nasenbein waren. Ihre terrestrischen Vorfahren hatten eine weiche Schnauze aus Knorpeln und Muskeln, und auch ihre heutigen Nachfahren besitzen etwas vergleichbares. Die auf ein einziges Blasloch reduzierte Atemöffnung der Zahnwale mit ihren komplexen Verbindungen zum Echolotorgan ist hier kein besonders guter Vergleich, da hier durch Melone und Fettgewebe beinahe alles verdeck ist. Das linksseitig gelegene Blasloch des Pottwals ist hier eine Ausnahme, und man erkennt deutlich einen recht großen muskulösen Wulst um es herum. Die Bartenwale entwickelten im Gegensatz zu den späteren Zahnwalen keine Echolotorgane, und da sie sich bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt von den Archaeoceti abspalteten, sind sie wahrscheinlich auch der beste Vergleich in Bezug auf die Nasenöffnungen. Wie man auf diesem Photo (von Wikipedia) eines Finnwals sieht, sind die paarigen Nasenöffnungen von einem erstaunlich großen Wulst umgeben, welcher unter der Haut und dem Speck sowohl von den Nasenknorpeln als auch verschiedenen sie verbindenden Muskeln gebildet wird.

Finnwal Nasenöffnungen

Dieses Photo stammt aus dem Zoologischen Museum in Hamburg, und zeigt den Schädel eines Furchenwales. Ich bin mir leider nicht mehr genau sicher um welche Art es sich handelte, aber ich meine es sei ebenfalls ein Finnwal gewesen. Wie man erkennen kann entspricht das äußere Profil der Nasenregion keineswegs jenem des Schädels, eben weil auch bei heutigen Bartenwalen sehr viel Gewebe um die Nasenöffnungen vorhanden ist.

Furchenwal Schädel

Entsprechend muss man auch hier davon ausgehen dass bei den Archaeoceti die Schnauzenregion vor der Nasenöffnung des Schädels deutlich fleischiger war als meistens dargestellt, und vielleicht sogar den dahinter liegenden Bereich des Nasenbeins leicht überragt haben könnte. Mit Sicherheit hat die Schnauzenregion aber nicht der Form des Schädels entsprochen, und entsprechend anders dürfte das Profil ausgesehen haben.

Eine weiter Körperregion die bei Archaeoceti oft falsch dargestellt wird, ist der Hals. Sehr oft ist der Kopf stark und äußerst aprupt vom Körper abgesetzt, und häufig sogar mit einem dünnen Hals. Warum nun ist dies sehr unwahrscheinlich? Hier muss man sich überlegen, dass ein stark vom restlichen Körper abgesetzter Hals höchstwahrscheinlich strömungsungünstig gewesen wäre, und zum anderen aus thermoregulatorischer Sicht ebenfalls ungünstig, weil gerade an diesem zur Versorgung des Kopfes sehr gut durchblutetem Körperareal im Wasser sehr viel Wärme verloren ginge. Bei Robben ist im Halsbereich extrem viel Fett vorhanden, welches einerseits isoliert, und zum anderen den Körperbewegungen folgt, und immer eine übergangslose strömungsgünstige Form bildet.  Tatsächlich entspricht bei Robben die äußere Form des Halses nicht einmal annäherungsweise der Form der Wirbelsäule. Auf dem weiter unten gezeigten Photo aus dem Naturkunde-Museum in Berlin sieht man sehr deutlich wie das Fett im Hals den Übergang vom Kopf über den Hals und Körper völlig egalisiert. Anhand von Röntgenaufnahmen von Seehunden weiß man dass deren Halswirbelsäulen sogar noch weitaus extremer nach hinen gebogene Stellungen einnehmen können, ohne das man von außen eine große Änderung der Konturen erkennen kann. Ebenfalls sehr auffällig ist der extrem verlängerte Schwertfortsatz des Brustbeins.  Auch der Nacken bildet trotz der massiven S-Krümmung des Halses keine Einbuchtung.

Zum Vergleich habe ich auch noch mal das Skelett samt Außenhülle eines Schweinswales dazu gestellt, um zu zeigen wie unterschiedlich hier auch Skelett und Körperform sind. Bereits von der vordersten Schnauzenregion an verläuft der Mundboden übergangslos über das Zungenbein in den Brustbereich. Hier muss man auch bedenken dass Wale auch ein sehr gut ausgeprägtes Zungenbein samt anhängender Muskulatur haben (was sehr praktisch ist wenn man unter Wasser die Beute mehr oder weniger stark ins Maul saugen möchte), und dieser Bereich nicht nur nur von Fett ausgefüllt wird. Auch der deutliche Höhenunterschied zwischen dem Scheitel des Schädels und der Wirbelsäule ist komplett durch Muskulatur und darüber liegenden Blubber ausgeglichen. Auch fällt auf, dass die Kontur des Rückens insgesamt ein gutes Stück über den Dornfortsätzen der Wirbel liegt.

Schweinswal-und Seehund-Weichgewebe

Selbst die sehr frühen Archaeoceti wie Dorudon, die sogar noch recht deutlich erkennbare äußere Hintergliedmaßen besaßen, waren bereits weitaus stärker an ein Leben im Meer angepasst als sämtliche heutige Robben. Es gibt wirklich keinen Grund warum sie nicht auch sowohl im Kehl-als auch im Nackenbereich bereits gut ausgebildete Fettpolster gehabt habens sollten, und der Übergang zwischen Kopf und Körper viel weniger drastisch war, als man es meistens auf Rekonstruktionen sieht. Zudem ist die Zunahme des Fettpolsters in einer solchen Körperregion ein Merkmal das nur äußerst geringe Änderung der vorhandenen Verhältnisse nötig macht, und zudem aufgrund besserer Isolation und besserer Hydrodynamik mit Sicherheit einen Selektionsvorteil bot. Insofern ist es sogar durchaus anzunehmen dass sogar bereits sehr frühe, vermutlich sogar noch robbenähnlich ans Land kommende Urwale bereits fette Hälse hatten.

Um noch einmal zu illustrieren wie irreführend das Skelett eines Tiere für das tatsächliche Aussehen sein kann, habe ich hier noch einmal ein Skelett von Dorudon atrox (von Wikipedia) im direkten Vergleich zu einem Schwertwal-Skelett aus dem Zoologischen Museum in Hamburg:

Dorudon atrox Skelett

Im Großen und Ganzen unterscheiden sich die Proportionen der beiden Skelette gar nich einmal sonderlich. Vielmehr scheint beim Orca der Kopf sogar fast noch stärker vom Körper abgesetzt als bei Dorudon. Würde man heutzutage keine Wale kennen, würde man diesen Schwertwal nur anhand des Skeletts fast mit Sicherheit mit einem viel zu schlanken Hals und einem deutlich vom Körper abgesetzen Kopf rekonstruieren. Was ebenfalls bei genauerem Hinsehen auffällt, ist dass der Hals von Dorudon noch gar nicht einmal so sehr viel länger war als beim Schwertwal. Zwar waren die Halswirbel noch beweglicher und länger, aber das bedeutet noch keineswegs dass der Hals deswegen auch schlank war.

Orca-Skelett, Zoologisches Museum Hamburg

Beim Orca verläuft statt einer deutlichen Eindbuchtung zwischen Unterkiefer und Brustkorb der Körper vom Kinn bis zum Brustbereich fast völlig konvex, was natürlich den ganzen Körper viel stromlinienförmiger macht. Zum besseren Vergleich, hier noch mal ein lebender Schwertwal (mal wieder von Wikipedia):

Orcas

Auch einige lebende Arten wie der Irawadidelfin (Orcaella brevirostris) haben aufgrund nicht verwachsener Halswirbel einen sehr beweglichen Kopf, und tatsächlich ist bei ihnen die Halsregion etwas schlanker als bei den meisten anderen Walen, aber keineswegs so stark abgesetzt wie man es oft beispielsweise bei Darstellungen von Basilosaurus sieht.

Ein besonders gutes Beispiel dafür, wie viel Weichgewebe auch über den Skeletten von modernen Furchenwalen vorhanden ist, repräsentiert dieses Skelett eines Seiwales (Balaenoptera borealis) mit Darstellung des Körperlängsschnittes, welches im Muesum für Naturkunde im Schloss Rosentein in Stuttgart ausgestellt ist:

Seiwal, Balaenoptera borealis Rosenstein-Museum

Man kann zum Beispiel sehr gut erkennen, wie viel Muskeln und Blubber noch oberhalb der Wirbel liegen, und wie den riesigen Kopf stützende Bänder (das Ligamentum nuchae) von den Ausläufern der Rückenwirbel zum Hinterhauptsbereich des Schädels ziehen, und keinerlei Einbuchtung um Nackenbereich vorhanden ist. Man sieht auch sehr schön wie die bei Bartenwalen ziemlich extrem ausgebildete Zunge und die darunter zwischen Unterkiefer und Zungenbein ansetzende Muskulatur verläuft. Was genau aber mit all diesen Strukturen passiert wenn Furchenwale fressen und sich ihr Kehlsack mit den namensgebenden Furchen aufdehnt, ist mit immer noch ein völliges Rätsel, allerdings ist das Thema für einen eigenen Artikel.

Was als Resumée bleibt, ist dass auch Archaeoceti mit Sicherheit zumindest im Oberkiefer Lippen hatten welche ihre oberen Zähen verdeckten, dass sie Knorpel-und Muskelgewebe vor ihrer knöchernen Nasenöffnung hatten, und dass ihre Hälse fast mit Sicherheit schon recht dick gewesen sind. Wenn man all dies berücksichtigt, und beispielsweise Dorudon unter diesen Gesichtpunkten rekonstruiert, kommt dabei ein Wesen heraus das viel weniger reptilienhaft und fremdartig, dafür aber viel mehr wie ein moderner Wal aussieht, als die meisten anderen Darstellungen.

Um das noch etwas besser zu illustrieren, habe ich zweimal eine Rekonstruktionszeichnung von Dorudon atrox anhand des Skeletts gemacht, einmal traditionell, das heißt ohne Lippen, Nasenknorpel und mit einem dünnen Hals, und einmal “natürlich”. Die obere Rekonstruktion habe ich bewusst relativ extrem gemacht, zum Glück zeigen sowohl einige der neueren als auch schon einige der älteren Rekonstruktionen zumindest teilweise Ansätze den Kopf- und Hals mit mehr als nur über die Knochen gespannter Haut zu rekonstruieren. Es gibt allerdings auch durchaus Rekonstruktionen in denen etwa der Kopf noch stärker vom Körper abgesetzt ist, und die Maulspalte teilweise fast bis zum Kiefergelenk verläuft. Erschreckenderweise findet man solche Monstrositäten teilweise sogar noch heute in der Fachliteratur…

Dorudon atrox by Markus Bühler

Wenn man die beiden verschiedenen Rekonstruktionen betrachtet, erscheint die erstere eigentlich sehr unnatürlich und grotesk, vor allem mit den riesigen und frei sichtbaren Zähnen im hinteren Bereich des Oberkiefers. Dagegen erscheint die untere Rekonstruktion viel lebensechter und natürlicher, und viel mehr wie ein Wal als wie ein Reptil. Ich habe mich beim Verlauf der Oberlippe und der Ausformung des Mundwinkels vor allem an Pseudorca orientiert, aber auch an anderen Arten, wie etwa Schwertwalen. Auch den Hals und Kehlbereich habe ich an Pseudorca orientiert, allerdings bewusst den Hals noch etwas schlanker gelassen, wobei mir hier Irawadidelfine als Vorbild dienten. Bei der Oberseite des Kopfes dagegen standen Furchenwale Pate, da diese eine gut sichtbare Nasenregion besitzen, aber insgesamt nur sehr wenig Weichgewebe auf der Oberseite des Schädels haben, und daher wahrscheinlich noch viel besser mit Archaeoceti vergleichbar sind. Man muss auch bedenken dass die Zähne beim lebenden Tier etwas kürzer aussahen als am Schädel, da sie ja über dem Knochen noch zusätzlich von Zahnfleisch umgeben waren. Es ist sogar durchaus gut möglich dass die Köpfe der Archaeoceti sogar noch weniger den Schädelformen entsprochen hat, als ich das im unteren Bild dargestellt habe. Es könnte sehr gut sein dass vor allem die Profillinie der Kopfoberseite ähnlich wie beim Beispiel des Seiwales noch mehr Muskel-, Knorpel-, Binde-und Fettgewebe aufwies, und dadurch auch insgesamt noch etwas runder verlief.

Vor Jahren habe ich einmal ein Modell von Dorudon gemacht, wobei ich mich ebenfalls bei den Proportionen stark an das Originalskelett gehalten habe, allerdings unter den vorher genannten Gesichtspunkten in Bezug auf das Weichgewebe. Daher ist der Bereich des Oberkiefers dicker und auch die Nüstern sind mitbeachtet worden. Ich behaupte nicht dass dieses Modell perfekt ist (das ist es nicht), und auch würde ich heute ein paar Dinge etwas anders machen, etwa die Konkavität im Nacken ganz weg lassen, und vielleicht sogar noch etwas mehr “Fett” im Bereich zwischen Unterkiefer und Brustansatz aufmodellieren, dann würde das Modell noch viel mehr wie ein moderner Wal aussehen.

Dorudon atrox Markus Bühler 2

Das Modell ist nicht besonders groß, daher konnte ich auch im Bereich des Kopfes nicht allzu weit die Details wie etwa die Nasenregion ausarbeiten.

Dorudon atrox Rekonstruktion,Markus Bühler

Ich hoffe sehr dass dieser Artikel vielleicht den einen oder anderen der sich ebenfalls mit fossilen Walen beschäftigt auf diese speziellen Gesichtspunkte bei der Rekonstruktion aufmerksam gemacht hat. Zudem gelten diese Aspekte nicht nur bei Archaeoceti, sondern auch bei vielen anderen ausgestorbenen Tieren, nämlich dass diese unter Umständen vielleicht teilweise ganz anders ausgesehen haben als uns ihre Skelette zuweilen glauben lassen, und als wir sie uns schon seit Jahrzehnten vorstellen.

 

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Walen und Delfinen?

Dienstag, August 7th, 2012

Ich schreibe diesen Artikel weil eine ganze Menge Leute wirklich ernsthaft mit dieser Frage überfordert sind, und sie auch immer wieder gestellt wird. Zumal hier sehr viel Halb-und wohl noch mehr Falschwissen kursiert. Tatsächlich denken viele dass Wale und Delfine etwas grundlegend unterschiedliches sind. Problematisch ist hier allein schon die Definition, denn viele unterscheiden primär einmal anhand der Größe zwischen den “kleinen” Delphinen und den “großen” Walen. Dass diese Unterscheidung wenig hilft, möchte ich anhand einiger Beispiele etwas später darlegen. Wirklich zum Schreiben dieses Artikels bewogen hat mich dann aber tatsächlich erst eine Forendiskussion, über die ich zufällig gestoßen bin, in der ein Nutzer allen Ernstes auch behauptet hat er hätte in Vorlesungen gehört dass Delfine auch evolutionär einen ganz anderen Ursprung als Wale hätten, und ihre Vorfahren marderatige Angehörige der Carnivora, also Raubtiere wie Katzen oder Hunden waren. Das ist natürlich vollkommener und massiver Stuss, und ich habe keine Ahnung wer sowas heutzutage verbreitet.

In der Zoologie unterscheidet man nicht zwischen Walen und Delfinen, sondern primär zwischen Zahnwalen und Bartenwalen, da sich deren Linien bereits relativ früh voneinander getrennt haben, nämlich im Eozön vor etwa 29-39 Millionen Jahren. Zu den Bartenwalen gehören beispielsweise die Furchenwale, zu denen auch der Blauwal zählt, dann die Glattwale mit insgesamt vier Arten sowie die Zwergglattwale und Grauwale, welche jeweils nur als einzige rezente Art ihrer Gattung existieren. Bartenwale besitzen bezeichnenderweise Barten, mit welchen sie ihre Nahrung aus dem Wasser filtern. Die Barten sind übrigens auch keine umgewandelten Zähne, sondern leiten sich von keratinösen Strukturen ab, die unabhängig von den Zähnen sind. Bei den Föten von Bartenwalen kann man teilweise noch recht zahlreichen und auch proportional erstaunlich große Anlagen für Zähne erkennen, allerdings werden diese im Laufe der weiteren Entwicklung wieder resorbiert ohne jemals durchzubrechen. Man kennt einige sehr ursprüngliche Bartenwale wie Aetiocetus, welche sowohl schon kurze Barten als auch noch funktionsfähige Zähne hatten. Dass sie schon Barten hatten weiß man anhand der Foramina für Blutgefäße im Oberkiefer, denn auch wenn die Barten selbst wie Fingernägel oder Haare “tot” sind, müssen die sie produzierenden Gewebe mit Blut versorgt werden. Die Durchgänge im Knochen für die dafür notwendigen Blutgefäße lassen sich noch an den Schädeln erkennen. Hier ist eine Rekonstruktion von Aetiocetus von meinem Freund Carl Buell:

Auch recht verbreitet erscheint die Annahme dass die “großen” Wale vor allem Plankton oder Krill fressen, und daher oft nicht selten eher den Pflanzenfressern angedacht werden. Das ist natürlich Unsinn, denn Fleisch bleibt Fleisch, egal ob es sich nun um sehr große oder sehr kleine Beutetiere handelt. Allerdings ist es ein Mythos dass sie sich nur von Plankton oder Krill ernähren, denn eine ganze Reihe von Furchenwalen ernähren sich zu einen großen Teil von Fischen, beispielsweise der Brydewal,(Balaenoptera brydei) welcher fast ausschließlich von Fischen lebt. Dabei werden nicht nur ausschließlich kleine Schwarmfische wie etwa Sardinen gefressen, sondern teilweise auch recht große wie Lachse oder Kabeljau, wenngleich dies eher seltener der Fall ist. Buckelwale haben sogar eine äußerst komplexe Technik entwickelt um in Gruppen Schwärme von Fischen mit Hilfe von Luftblasen zusammen zu treiben.

Zu den Zahnwalen gehören alle übrigen Wale, die Pottwale, die Schnabelwale, die Gründelwale, die Schweinswale, die Ganges-Delfine (zwei Arten), die Fluss-Delfine (drei Arten) und eben auch “die” Delfine. Der Begriff “Wal” ist weder ein Kriterium für Größe oder Zugehörigkeit. Delfine sind schlichtweg eine Familie innerhalb der Unterordnung der Zahnwale. Sie gehören genauso zu den Walen wie alle Ziegen oder Schafe zu den Huftieren gehören. Dazu kommt noch, dass die ausgesprochen artenreiche Familie der Delfine viele Spezies beinhaltet, die durchaus den Begriff “Wal” in ihrem Namen tragen. Dazu zählt etwa der Orca, beziehungsweise Schwertwal. Ja, Schwertwale sind Delfine, auch wenn sie ziemlich groß werden können und auch nicht besonders delfinartig aussehen. Auch der kleine Zwerggrindwal, der nur etwa 2,6 m lang wird ist ein Delfin. Die meisten kennen als Delfine nur einen moderat langschnäuzigen und recht kleinen “Flipper”-Archetypus, aber es gibt noch weitaus mehr Arten, und keineswegs alle fallen in diese Kategorie. Es gibt sowohl deutlich kleinere als auch deutlich größere Arten, manche haben eine deutlich längere Schnauze, viele andere wiederum überhaupt keinen sichtbaren “Schnabel” mehr, beispielsweise die großen Grindwale.

Auf dieser sehr schönen Zusammenstellung die Carl Buell von verschiedenen Angehörigen der Delphinidae gemalt hat, sieht man einmal sehr gut wie vielgestaltig diese Familie ist, und das obwohl dies ja nur eine sehr kleine Auswahl ist:

Links oben ist ein Gemeiner Delfin (Delphinus delphis), daneben ein Kleiner Schwertwal (Pseudorca crassidens), rechts von diesem ein Blau-Weißer Delfin (Stenella coeruleoalba), darunter ein Rauzahndelfin (Steno bredanensis) und darunter ein Schwertwal der Spezies Orcinus orca (Tatsächlich weiß man inzwischen dass es eine ganze Reihe teilweise sehr unterschiedlicher Schwertwale gibt, und nicht nur eine einzige weltweit verbreitete Art). Was auffällt sind die Bezeichnungen, zwei dieser “Delfine” tragen das Wort “Wal” in Namen. Natürlich sind diese Arten teilweise recht weit voneinander entfernt verwandt, aber sie sind doch dennoch alle näher miteinander verwandt als beispielsweise irgend einer von ihnen mit den Schnabelwalen. Anatomisch unterscheiden sich Delfine im Prinzip auch abgesehen von einigen relativ geringfügigen Merkmalen wie der Verschmelzung der ersten beiden Wirbel, einer relativ gerinen Anzahl von Rippen, höchstens zu einem Drittel miteinander fusionierten Kieferhälften und stumpfen Zähnen nicht grundlegend von anderen Zahnwalen, und es gibt keinerlei Grund ihnen in irgendeiner Weise eine Sonderstellung zu geben und von anderen Walen deutlich abzugrenzen. Wobei ich hier die Definition der stumpfen Zähne auch reichlich unsinnig finde. Viele andere Zahnwale haben auch stumpfe Zähne, etwa die Schweinswale, umgekehrt haben aber auch viele Delfine ausgesprochen spitze Zähne, dieses Unterscheidungskriterium kann also auch nicht universell gelten. Genau genommen gehören die Delfine sogar zu den “gewöhnlichsten” Zahnwalen überhaupt, und man findet unter ihnen kaum extreme Entwicklungen wie man sie bei praktisch allen anderen Zahnwalfamilien finden kann. Einen weiteren schönen Vergleich zwischen einem typischen Delfin und einem nicht ganz so typischen sieht man hier auf diesem Photo das noch einmal einen Falschen Schwertwal und einen Großen Tümmler zeigt (von Wikipedia):

Beide Arten sind trotz ihres sehr unterschiedlichen Aussehens dennoch so nahe verwandt, dass sie im Sea Life Park auf Hawaii sogar schon erfolgreich Hybriden hervorgebracht haben.

Ich habe vorhin schon geschrieben dass auch die Größe eine sehr schlechte Definition für die Zugehörigkeit von “Walen” oder “Delfinen” ist. Viele verstehen ja unter “Walen” primär mal Bartenwale, doch auch diese sind keineswegs alles Riesen. Der Südliche Zwergwal (Balaenoptera bonaerensis) erreicht Längen zwischen 7,2 m bis etwa 10,7 m, der kleinere Zwergwal (Balaenoptera acutorostrata) nur 6,8 m bis 9,8 m und der kaum bekannte Zwergglattwal (Caperea marginata) sogar nur etwa 6 m. Hier sei natürlich auch zu bedenken dass die oberen Längen auch eher seltene Ausnahmen sind. Hier einmal ein Größenvergleich zwischen einem (recht großen) Zwergglattwal und einem Menschen:

Im Vergleich dazu werden die größten Orcabullen teilweise über 9 m lang, und auch Durchschnittslängen von 6-8 m bei einigen Arten durchaus normal sind, wobei sie auch gleichzeitig ziemlich kräftig gebaut sind. Das heißt dass die größten Delfine größer werden als die kleinsten Bartenwale. Auch derLangflossen-Grindwal (Globicephala melas)wird mit Längen bis 6 und teilweise sogar bis zu 8 m zumindest einmal ähnlich groß wie die kleinsten Bartenwale (Bild ebenfalls von Wikipedia).

Andere Vertreter der Zahnwale welche nicht zu den Delfinen gehören werden sogar noch größer, der Baird-Schnabelwal (Berardius bairdii) erreicht Rekordlängen bis zu 13 m, der Arnoux-Schnabelwal (Berardius arnuxii) immerhin noch 8-10 m, der Nördliche Entenwal (Hyperoodon ampullatus) auch Rekordlängen bis 9,8 m, der Südliche Entenwal (Hyperoodon planifrons) bis zu 8 m, und einige der anderen Arten erreichen auch Größen welche durchaus den kleinsten Bartenwalen nahe kommen. Außerdem gibt es natürlich noch den Pottwal (Physeter catodon) welcher in Ausnahmefällen Längen von mehr als 20 m und Gewichte von weit über 50 Tonnen (zu diesem speziellen Thema hoffentlich irgendwann mehr…) erreicht, und damit auch die allermeisten mittelgroßen Bartenwale deutlich in den Schatten stellt.

Umgekehrt gibt es auch winzige Wale außerhalb der Delfine. Zwar gibt es auch einige sehr kleine Delfine, aber die kleinsten Wale überhaupt gehören zu den Schweinswalen, bei denen selbst die größten Arten nicht mehr als etwa 2,5 m lang werden. Der Kalifornische Schweinswal (Phocoena sinus) erreicht sogar nur etwa 1,5 m. Man sieht also sehr gut, dass der Begriff “Wal” in keinster Weise irgendetwas über die Größe aussagt. Auf diesem Wild von der dänischen Wikipedia-Seite über den Gewöhnlichen Schweinswal (Phocoena phocoena), der nur bis zu 1,85 m lang wird, sieht man sehr gut wie klein sie sind:

Was bleibt also letztendlich als Antwort auf die Frage des Titels zu sagen? Nun, alle Delfine sind Wale, aber nicht alle Wale sind Delfine.

Mein neues Buch: Die Insel des Grauens

Sonntag, Januar 10th, 2010

Nach langer langer Arbeit habe ich es nun endlich geschafft mein erstes eigenes Buch zu veröffentlichen, “Die Insel des Grauens”. Es handelt sich dabei um zwei Kurzgeschichten mit größtenteils kryptozoologischen Hintergründen. Allerdings habe ich mich dabei sehr bemüht, so weit wie möglich auf echte historische Ereignisse und gesicherte Daten als Vorlage zurückzugreifen, und nicht allzu sehr ins Fantastische abzudriften. Genau genommen kommt in dem ganzen Buch auch kein einziges erfundenes Wesen vor, sondern lediglich lebende Arten (vielleicht abgesehen von einer einzigen, sehr kleinen Spezies die bisher noch nicht entdeckt wurde…), beziehungsweise solche, die es noch bis vor relativ kurzer Zeit gegeben hat. Dabei habe ich versucht möglichst realistische Verhaltensweisen zu beschreiben, auch wenn ich mir aus dramaturgischen Gründen natürlich eine gewisse “künstlerische Freiheit” vorbehalten habe. Wem meine erste Geschichte “Der Herr der Tiefe” gefallen hat, könnte auch an den beiden neuen Gefallen finden, wobei diese aber auch ein gutes Stück länger sind. Außerdem beschränkt sich das Buch nicht auf reine Erzählungen, sondern besteht in etwa zur Hälfte aus einem Fachteil, in welchem auf die Hintergründe der Geschichten eingegangen wird, sowohl auf die geschichtlichen, als auch auf die zoologischen und kryptozoologischen. Dabei gehe ich etwa beispielsweise auf die Biologie der behandelten Tiere ein, ihre Entdeckung, wie sie in Mythologie und Folklore Einfluss gehalten haben, und zumindest auch bei einigen, wie sie ausgestorben sind. Außerdem wird vor allem in den Hintergründen der zweiten Geschichte auf eine Reihe von populären Irrtümern eingegangen. Ich möchte mal nicht allzu sehr auf den Inhalt der Geschichten eingehen, um nicht zuviel über die Handlung im Voraus zu verraten. Was ich immerhin sagen kann, ist dass das Tier auf dem Cover auch in einer der beiden Geschichten vorkommt. Es war eine ziemliche Arbeit dieses Modell anzufertigen, und ich habe auch mehrere Wochen dafür gebraucht, um es auf einen im verkleinerten Maßstab modellierten Schädel so realistisch wie möglich zu modellieren. Dabei hat mich auch mein Freund Carl Buell, der im Rekonstruieren ausgestorbener Tiere jahrzehntelange Erfahrung hat, vom Beginn an beraten. Kann jemand erraten um was für ein Tier es sich handelt?

Um aber den Inhalt der Geschichten nicht völlig im Dunkeln zu lassen, verweise ich hier auch noch einmal auf das Backcover:

Wer neugierig geworden ist, kann das Buch bei praktisch allen Internet-Anbieter für Bücher bestellen. “Die Insel des Grauens” gibt es ab jetzt übrigens auch über amazon.com, so dass man das Buch auch für die Vereinigten Staaten und Großbritannien bestellen kann.

Wem das Buch gefallen sollte, dürfte wahrscheinlich auch daran interessiert sein, dass ein ähnliches Buch mit neuen Geschichten auch in absehbarer Zeit veröffentlicht werden wird.

Bizarre Hirsche Teil 4: Der gar nicht mal so außergewöhnliche Riesenhirsch Megaloceros

Mittwoch, September 23rd, 2009

Heute soll es nun um Megaloceros gehen, den sicherlich mit Abständ populärsten ausgestorbenen Hirsch überhaupt. Dass er weder der größte Hirsch aller Zeiten war, noch das proportional zur Körpergröße gewaltigste Geweih hatte, ist ja schon in den letzten zwei Blog-Posts dargelegt worden. Nichtsdestotrotz war Megaloceros ein wirklich äußerst beeindruckendes Tier. Das wird einem am ehesten dann bewußt, wenn man einmal ein Skelett oder eine Lebendrekonstruktion in voller Größe sieht. Diese wirklich wunderschöne Bronzeplastik etwa, welche zusammen mit einigen anderen lebensgroßen Bronzefiguren von lebenden und ausgestorbenen Tieren im Tierpark Berlin zu sehen ist, macht das gut deutlich, zumindest wenn man vor ihr steht:

Megaloceros Tierpark Berlin

Hier fehlt nun leider mal wieder ein passender Größenvergleich, aber wenn man bedenkt dass die Schulterhöhe von Megaloceros giganteus bei etwa 2 m gelegen ist, bekommt man eine gewisse Vorstellung von der Größe. Man muss auch dazu sagen, dass diese Bronzeplastik ein wirklich enorm lebendigen Eindruck macht, und wirklich ungemein eindrucksvoll ist. Sie zeigt auch wirklich gut die gewaltige Größe des Geweihs, für welches diese Tiere auch am bekanntesten sind. Relativ oft wird der Riesenhirsch, vor allem im Englischen, auch als “Irischer Elch” bezeichnet. Das ist natürlich eine ziemlich unglückliche Bezeichnung, welche auch eine völlig falsche Vorstellung dieser Tiere macht. Denn sie waren weder Elche, noch lebten ausschließlich in Irland. Dieser Name rührt vor allem daher, dass in Irland besonders viele und besonders gut erhaltene Reste von Riesenhirschen gefunden wurden, vor allem beim Abbau von Torf, doch das liegt weniger an einer einstmals ganz besonders reichen Population, sondern an günstigen Konservierungs-und Fundbedingungen der Fossilien.  Das tatsächliche Verbreitungsgebiet war weitaus größer und umfaßte große Teile Europas bis hin nach Sibirien, China und Nordafrika.

Megaloceros giganteus war nur eine einer ganzen Reihe ähnlicher Arten, welche teilweise recht bizarre Geweihformen hervorbrachten. Bei keiner wurde sie aber so groß wie bei Megaloderos giganteus, bei welchem das Geweih in Ausnahmefällen Spannweiten von mehr als 3,5 m erreichen konnte, bei einem Gewicht von bis zu 40 kg. Wie bereits in den früheren  Teilen der Reihe “Bizarre Hirsche” erwähnt, war dieses Geweih proportional gesehen noch nicht einmal so gewaltig, und im Verhältnis zum Körpergewicht sogar noch deutlich leichter als große Geweihe von Rentieren. Es wird teilweise behauptet, dass die Größe des Geweihs von Megaloceros in direktem Verhältnis zur Körpergröße steht, und das besonders große Hirsche besonders große Geweihe ausbilden. Das ist aber so nicht richtig. Im Verhältnis zur Körpermasse erreicht selbst das Geweih von Alaska-Elchen nur etwa die Hälfte von dem des Megaloceros, bei den europäischen Elchen ist es oft sogar noch weitaus leichter. Dass gerade die im Allgemeinen nicht besonders großen Rentiere die proportional gesehen schwersten Geweihe unter allen bekannten lebenden und ausgestorbenen Hirschen ausbilden, spricht da auch deutlich dagegen. Europäische Rothirsche können Geweihe ausbilden, welche proportional gesehen mehr als 10% schwerer sind, als jene des Megaloceros, wohingegen die Geweihe der nahe verwandten und größeren Wapitis trotz der eindrucksvollen totalen Größe relativ gesehen deutlich hinter ihren kleineren europäischen Verwandten bleiben. Nicht zuletzt variierte unter den Megaloceros-Arten selbst die Geweihgröße beträchtlich. Der japanische Sinomegaceros yabei etwa, welcher fast ebenso groß war wie Megaloceros giganteus, hatte nur etwa halb so lange Geweihstangen, welche auch nur etwa ein Drittel so viel wogen.

Eine weitere Aussage die öfter einmal vorgebracht wird, nämlich dass das Riesengeweih des Megaloceros ausschließlich zum Imponieren gebraucht wurde, und nicht zum Kämpfen, ist höchst unwahrscheinlich. Zwar besaß das Geweih einen relativ hohen Anteil spongiöser, also schwammartig aufgebauter Knochensubstanz und nur relativ dünne Compacta-Anteile an den Außenbereichen, doch war es nichtsdestotrotz sehr stabil und durchaus in der Lage den enormen Kräften standzuhalten, welche bei Kämpfen zwischen Riesenhirschbullen auftraten. Hier noch ein Photo eines der beiden Schädel welche im Berliner Humboldt-Museum ausgestellt sind:

 Megaloceros Berlin (2)

Und hier noch ein Photo des zweiten Schädels, man sieht gut die Unterschiede in der Form des Geweihs:

Megaloceros Berlin

Aufgrund der vielen Fossilien und einigen erhaltenen Höhlenmalereien sind wir recht gut über das Aussehen des Riesenhirsches informiert. Der nächste lebende Verwandte des Riesenhirsches ist ausgerechnet der nicht besonders große Damhirsch (Dama dama), welcher ein recht helles und durch Muster strukturiertes Fell hat. Höhlenzeichnungen des Riesenhirsches weisen darauf hin, dass auch dieser ein recht helles Fell hatte, mit einem dunklen Streifen auf dem Rücken, einer größeren dunklen Stelle im Bereich der Wirbelfortsätze über den Vorderbeinen und einen hellen Kehlfleck. Höhlenzeichnungen zeigen den Bereich über den Schulter besonders ausgeprägt, und es ist gut möglich, dass über den dort besonders langen Wirbelausläufern und der daran ansetzenden Muskulatur lokal etwas Fett gespeichert wurde. Ein solches lokales Fettdepot (wenngleich auch in den Ausmaßen keineswegs vergleichbar mit dem von Kamelen und Dromedaren) verhindert eine zu schnelle Überhitzung, besonders im Sommer.

Es gäbe noch weitaus mehr über den Riesenhirsch zu schreiben, etwa darüber dass er unter allen Hirschen am stärksten auf schnelles Rennen angepasst war. Doch das würde jetzt alles doch noch etwas zu weit gehen, darum noch ein paar Worte über das Aussterben dieser Tiere. Megaloceros war eines der wenigen europäischen Eiszeit-Großtiere, welches zumindest lokal noch ins Holozän überlebte. In Schottland und auf der Isle of Man hat man Fossilien von Megaloceros gefunden, welche auf etwa 9000 Jahre datiert wurden. Interessanterweise hatten die Riesenhirsche auf der Isle of Man eine geringere Körpergröße als ihre Festland-Verwandten, aber proportional gesehen sogar noch größere Geweihe. In Westsibirien fanden sich sogar Knochen des Riesenhirsches, welche gerade einmal 7600 Jahre alt waren. Das wirft natürlich wieder Fragen bezüglich der Gründe für das Aussterben aus, und warum sie wann und wo überall nun tatsächlich ausgestorben sind.

Bizarre Hirsche Teil 3: Der Breitstirnelch Alces latifrons

Dienstag, September 15th, 2009

Wenn es um extrem große prähistorische Hirsche geht, dann fällt eigentlich immer nur einer, und zwar wirklich nur ein einziger Name: Megaloceros giganteus, zu deutsch der Riesenhirsch. Dieser, vor allem durch sein unglaublich riesiges Geweih bekannte Hirsch wird üblicherweise als der größte Hirsch aller Zeiten bezeichnet, ganz so als gäbe es weder heute andere ähnlich große Hirsche, noch in der Vergangenheit. Nun, Megaloceros wurde tatsächlich sehr sehr groß, selbst die größten lebenden Wapitis würden ziemlich klein aussehen neben einem solchen Koloss. Aber selbst die lebenden Elche erreichen ähnliche, wenn nicht gar sogar größere Ausmaße. Große kanadische Elche können durchaus eine dreiviertel Tonne erreichen, teilweise sogar noch mehr, womit sie sicherlich nicht hinter dem Riesenhirsch standen. Im Prinzio schenkt sich der Größenvergleich dieser beiden Arten, da beide ungefähr gleich groß waren, und es bei beiden Arten zweifellos Populationen mit höheren oder niedrigeren Durchschnittsgrößen gibt, bzw gab, und auch immer wieder extrem große Individuen vorkommen, bzw vorkamen. Zweiffelos waren es beim Megaloceros viel eher die unheimlich riesigen Geweihe, welche viele Autoren allzu schnell dazu verleiteten, sie vorschnell als die größten Hirsche aller Zeiten zu bezeichnen.

Einem Hirsch dem dieser Titel wohl berechtiger zugeschrieben wäre, war der Riesen-oder Breitstirnelch Alces latifrons. Dieser spätplestizäne Riesenhirsch, oder -Elch, scheint noch mal ein gutes Stück größer gewesen zu sein, als seine lebenden Verwandten. Das Gewicht lag bei mindestens 1000 kg, möglicherweise sogar bei noch mehr, was ungefähr das doppelte Gewicht eines großen heutigen Elchbullen wäre. Selbst die riesigen Alaska-Elche waren noch deutlich kleiner als der gewaltige Alces latifrons. Übrigens hatte man noch bis vor relativ kurzer Zeit praktisch keine gesicherten Daten über die Gewichte amerikanischer Elche, unter anderem deshalb, weil es meistens sehr schwer möglich war, diese riesigen Tiere an Ort und Stelle zu wiegen. Erst in den 70iger und 80iger Jahren kamen die ersten entsprechenden wissenschaftlichen Daten auf, was unter anderem mit der Verwendung von Betäubungsmitteln zum Wiegen lebenden Elche in Zusammenhang stand. Allerdings waren das auch erst mal primär eurasische Elche, und erst in den späten 80igern hatte man dann eine größere Menge verlässliche Daten. Daraus ergab sich auch, dass der durchschnittliche erwachsene amerikanische Elchbulle 495 kg und die durchschnittliche Elchkuh 460 kg wiegt, wobei der schwerste während der Untersuchungen gewogene Bulle es auf 540 kg brachte. Aber das nur am Rande. Der Breitstirnelch war allerdings, trotz seines Namens, möglicherweise gar kein Elch, trotz des an auffälligen langen Stangen sitzenden Schauffelgeweihs, das über 2 m spannen konnte. Dieses Photo, welches den Gipsabguss eines latifrons-Geweihes zeigt, stammt aus der paälontologischen Sammlung Hamburg. Leider kommt mangels wirklichen Größenvergleichs die Dimension des Geweihes nicht so rech rüber.

 

alces-latifrons1

Bei den latifrons-Funden aus Mosbach hatten die Stangen an deren Enden die Schaufeln saßen im Schnitt einen Umfang von 24 cm, was vergleichsweise riesig ist, wenn man bedenkt dass die allergrößten kanadischen Elche nur in extrem seltenen Fällen Stangenumfänge von 21 cm erreichen. Die längsten Stangen die man in Mosbach fand, waren allein schon 50 cm lang (bei einem Durschnitt von 41 cm), wobei bei modernen Elchen 20 cm schon außerordentliche Ausnahmen sind. Auch im Gewicht des Geweihes, dürften sie sogar durchaus noch mit dem weitaus bekannteren Megaloceros mitgehalten haben können. Ein großer latifrons-Bulle von 1200 kg Gewicht hätte ein Geweih von etwa 36 kg Gewicht gehabt.

Alces latifrons sah auch abgesehen von dem auf Stangen sitzenden Geweihes nicht aus wie ein moderner Elch, sondern wohl eher wie eine Kreuzung aus Rothirsch und Elche. Höchstwahrscheinlich hatte er auch nicht die typische überhängende Oberlippe moderner Elche, sondern höchstens eine leichte Andeutung davon. Wahrscheinlich war auch die Gestalt des Körpers noch hirschartiger.

Der Riesentausendfüßer Arthropleura – der größte Landarthropode aller Zeiten

Sonntag, August 23rd, 2009

Es gibt zahllose Horrorfilme- und Geschichten in denen riesigen Insekten, Monsterspinnen oder andere Arthropoden von gigantischer Größe vorkommen. Mit der Wirklichkeit haben diese aber praktisch gar nichts gemein, denn kein einziges lebendes Insekt oder ein anderer landbewohnender Gliederfüßer erreicht wirkliche Monsterdimensionen. In früheren Zeiten war das aber noch anders, denn es hat durchaus einige terrestrische Arthopoden gegeben, welche durchaus gut in einem Horrorfilm mitspielen könnten. Es gab Riesenlibellen wie Meganeura, welche mit einer Flügelspannweite von ca. 75 cm in etwa so groß war wie ein Turmfalke. In der BBC-Doku “Die Ahnen der Saurier” mußte das ganze natürlich völlig maßlos übertrieben werden, denn obwohl die richtige Spannweite angegeben wurde, behauptet der Sprecher selbstsicher dass diese Riesenlibelle so groß gewesen sei wie ein Adler…Hier sei angemerkt, dass selbst die allerkleinsten echten Adler wie etwa der Kanninchenadler Aquila morphnoides nicht so klein sind. Ein anderer Schnitzer war die Riesenspinne, welche als Mesothelae bezeichnet wurde, und munter auf die Jagd nach frühen Landtetrapoden ging. Tatsächlich gab es aber nie so großen Spinnen. Megarachne, welche als Vorlage für die Riesenspinne diente, hat sich nämlich im Nachhinein als ein im Wasser lebender Verwandter der Seeskorpione entpuppt. Es gab noch einen weiteren Riesenarthopoden welche in der Doku vorkam, und um welchen es in diesem Blogpost auch primär gehen soll, den Riesentausendfüßer Arthropleura. Unter allen bekannten landbewohnender Gliederfüßern erreichte Arthropleura die bei weitem gewaligsten Ausmaße, welche durchaus an die größten Meeresskorpione heranreichte, wenngleich auch die Masse mit Sicherheit viel geringer war. Die größten Exemplare von Arthropleura erreichten eine Länge von etwa 2,6 m, und das ist wirklich Monstergröße.

Arthropleura

Dieses schöne Modell stammt übrigens aus dem Naturkunde-Museum Karlsruhe. Hier noch mal eine andere Ansicht:

Arthropleura (2)

In der BBC-Doku wird Arthopleura dargestellt, wie sie sich zur Verteidigung kobraartig aufrichtete. Dass sie das tatsächlich getan haben, ist bei aller Medienwirksamkeit aber sehr sehr unwahrscheinlich. Zunächst einmal gibt es keinerlei Indizien dafür, das sie überhaupt so etwas gemacht haben. Zum Anderen halte ich es für beinahe unmöglich, dass sie rein anatomisch dazu in der Lage gewesen sein sollen. Der computeranimierte Riesentausendfüßer der BBC richtet sich etwa zur halben Körperhöhe auf, so dass er L-förmig gebogen ist. Aus rein statischen Gesichtspunkten ist das schon bei so einem Tier fast unmöglich. Wer sich das mal selbst ansieht (etwa bei Youtube, da kann man die einzelnen Folgen auch anwählen), merkt schnell wie unrealistisch das aussieht.  Selbst Schlangen können nur einen relativ geringen Teil ihres Vorderkörpers nach oben recken, und das obwohl sie fast nur aus Muskeln bestehen und über eine Wirbelsäule als Stütze verfügen, und keine völlig überdimensionierten Extremformen von Exoskelett-tragenden Wirbellosen sind. Irgendwie finde ich es schon ziemlich traurig, dass man zugunsten der Medienwirksamkeit immer solche Effekthascherei verwenden muss, zumal vielen Zuschauern vermittelt wird, dass es sich dabei um Tatsachen, und nicht nur reine Spekulationen handelt. Auch bei den anderen Dokumentationen dieser Art haben sich ja einige grobe Schnitzer ereignet, und auch die Rekonstruktionen sind leider teilweise nicht unbedingt wirklichkeitsnah. Nichtsdestotrotz sind diese Serien wirklich toll, zumal sich dabei oftmals ziemlich unbekannten Tieren gewidmet wird.

Arthropleura (3)

Arthropleura ist übrigens auch in Deutschland dokumentiert worden, etwa durch dieses Fossil der “nur” etwa einen Meter langen Art Arthropleura armata, welche im Saarland gefunden wurde, und ebenfalls in Karlsruhe ausgestellt ist:

Arthropleura armata Saarland

Man kennt aber auch Fossilien der deutlich größeren Formen von Arthropleura aus Deutschland. Ich denke ein Hauptgrund dafür, dass diese Tiere derartig riesig werden konnten, liegt in ihrem Körperbau. Die Anatomie der Arthropoden mit aus Chitin aufgebautem Exoskelett erlaubt nur einge gewisse Belastung. Daher hätten Rieseninsekten von den Ausmaßen Arthropleuras schon allein aufgrund der zierlichen Gliedmaßen enorme Probleme, da das ganze Gewicht auf nur sechs Beine verteilt würde. Bei Tausend-und Hundertfüßern sieht die Sache aber ganz anders aus. Dadurch dass das Körpergewicht auf mehrere Dutzend Beine verteilt wird, spielt das Gesamtgewicht nur noch eine untergeordnete Rolle, solange die Belastung jedes einzelnen Beinpaares nur nicht zu hoch wird. Nach dem gleichen Prinzip könnte man auch ein Auto auf eine Platte stellen, die nur von Streichhölzern gestützt wird, solange es derer nur genug sind. Interessanterweise kennt man sogar eine Reihe versteinerter Fußspuren dieser Tiere. Ich finde es auch dahingehend etwas seltsam, dass heute keine auch nur annährend so großen Hundert-und Tausenfüßer mehr gibt, selbst wenn einige Arten doch sehr beachtliche Ausmaße erreichen können (dazu irgendwann mal mehr). Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es nur mit dem damals höhreren Sauerstoffgehalt der Atmosphäre zu tun hat, den um zu einer solchen gewaltigen Größe heranzuwachsen, waren bei Riesenarthropoden wie Meganeura und Arthropleura sicherlich immer noch massive Veränderungen der ursprünglichen Atmungsorgane nötig.

Ebenfalls nach wie vor mysteriös ist die Ernährung von Arthropleura. Während die einen davon ausgehen, dass sie ähnlich den meisten heutigen Tausendfüßern vor allem verrottendes Pflanzenmaterial gefressen haben, vermuten andere dass es sich bei ihnen um Apexprädatoren handelte, die selbst noch hundegroße Wirbeltiere erbeuteten, und damit eher den räuberischen Skolpendern geähndelt haben.

Bild des Tages: Modell eines gebärenden Ichthyosaurier

Mittwoch, Oktober 31st, 2007

Ich habe ja leider schon länger nichts mehr geschrieben, und momentan sind noch mehrere Artikel kurz vor der Veröffentlichung, daher kann ich nur ein Bild des Tages posten, ein sehr schönes Modell aus der Sonderausstellung des Löwentor-Museums in Stuttgart:

Gebärender Ichthyosaurus

Anhand einiger hervorragend erhaltener Fossilien sind der Geburtsvorgang und sogar die Embryonalentwicklung von Ichthyosauriern recht gut bekannt. Wie heutige Wale wurden sie nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Schwanz voran geboren. Ein populärer Irrtum ist übrigens, dass die Fossilien von Ichthyosauriermütter mit mehr oder weniger ausgepresstem Nachwuchs einen fossilierten Geburtvorgang zeigen. Vielmehr handelt es sich dabei um postmortale Abborte, welche auch von Walen bekannt sind. Dabei führen die Faulgase im Körper eines trächtigen Tieres zu einem Herauspressen des Nachwuchses.

Hier noch eine Kopfansicht dieses schönen Modells:

Mastodonsaurus giganteus – eines der größten Amphibien aller Zeiten

Donnerstag, Oktober 18th, 2007

 

Heute möchte ich etwas über den Mastodonsaurus schreiben. Dieser gewaltige Panzerlurch war eines der spektakulärsten Amphibien aller Zeiten, mit Ausmaßen, welche man sich für ein Tier dessen nächste lebende Verwandte etwa Frösche oder Molche wären, kaum noch vorstellen kann. Gemeinhin wird Mastodonsaurus als das größte Amphibium bezeichnet, das je gelebt hat. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass manche Arten noch deutlich größer wurden, etwa der langschnäuzige Prionosuchus plummeri dessen Fossilien man aus Brasilien kennt, und der eventuell sogar Längen von 9m erreichte.  Aber unabhängig davon, ob es noch größere Amphibien gab oder nicht, Mastodonsaurus war in jedem Fall ein Gigant.

Mastodonsaurus ist vor allem aus dem deutschen Raum durch eine Reihe extrem gut erhaltenenr Fossilien bekannt, die teilweise fast vollständig sind. Selbst Fossilien von Mastodonsaurus-Larven sind bekannt. Mastodonsaurus giganteus erreichte eine Länge von mindestens 6m, fragmentarische Funde lassen aber sogar auf Tiere von 7m Länge schließen. Damit war Mastodonsaurus giganteus mindestens so lang wie die größten heutigen Krokodile. Da diese Tiere insgesamt aber etwas kompakter waren als Krokodile, dürften sie noch deutlich schwerer geworden sein, und Gewichte von mehr als 2 Tonnen erscheinen für die größten Exemplare keineswegs unrealistisch.  Noch eine andere Eigenschaft verband Mastodonsaurus mit diesen heutigen größten fleischfressenden Räubern des Süßwassers: Er hatte Knochenplatten unter der Haut, ähnlich den Panzerechsen. Eine solche Knochenplatte kann man hier sehen (das Photo stammt aus dem Naturhistorischen Museum in Wien):

Das von Burian stammende Rekonstruktionsbild zeigt die alte Vorstellung, dass diese Tiere eine sehr kompakten Körper, und einen extrem kurzen Schwanz hatten, eine Ansicht, die sich über viele Jahrzehnte gehalten hat. Neurere Rekonstruktionen zeigen aber, dass Mastodonsaurus sehr wohl einen gut entwickelten Schwanz hatte, und weniger kröten-als viel eher krokodilsgestaltig war.

So wurde auch etwa dieses, an sich sehr schöne Modell im Stuttgarter Museum am Löwentor mit einem überaus kurzem Körper und Schwanz rekonstruiert:

Mir war diese Darstellung schon seit jeher etwas seltsam vorgekommen, denn ein solches Tier hätte sich kaum effektiv fortbewegen können. Die Beine sind ziemlich schwach, und hätten beim Schwimmen keine große Hilfe geleistet, und ein derartig kurzer Schwanz hätte gar keinen Nutzen bei der Fortbewegung gehabt. Folglich hätte ein derartig proportioniertes Wesen darauf warten müssen, dass ihm seine Beutetiere schon beinahe ins Maul geschwommen wären.  Vor allem hätte auch eine Möglichkeit gefehlt, zumindest eine kurze Entfernung schnell zurücklegen zu können, wie es etwa Krokodile machen, wenn sie sich mit ihrem kräftigen Schwanz mehrere Meter hervorschnellen. Das in der aktuellen Ausstellung gezeigt Skelett, welches in extrem aufwendiger Arbeit mit Hilfe von per Hand aus Kupfer getriebenen Knochen rekonstruiert wurde, zeigt die tatsächlichen Proportionen dieses Tieres, welches nun deutlich krokodilähnlicher wirkt. Das Skelett darunter gehört übrigens Batrachotomus:

Das ganz oben zu sehende Bild zeigt eine Lebendrekonstruktion, welche auf diesen neuen Ergebnissen basiert, was man bei dieser Ansicht aber nicht sehen kann. Zugegebenerweise finde ich die Farbgebung etwas unstimming, zwar findet sich fast die gleiche Farbkombination bei Marmormolchen, aber irgendwie finde ich dass sie bei einem Tier wie Mastodonsaurus fehl am Platz wirkt. Naja, das ist eben die künsterlische Freiheit, und des ist ja nicht meine Rekonstruktion.  Interessant wäre auch zu wissen, ob sich die Panzerplatten unter der Haut abhoben, oder ob sie praktisch versteckt unter der Haut waren.

Mastodonsaurier waren Raubtiere, welche anderen Wirbeltieren nachstellten, vermutlich in ähnlicher Manier wie heutige Krokodile. Allerdings unterscheidet sich ihre Bezahnung beinahe grundlegend. Während Krokodile eine relativ geringe Variationsbreite von Zahngrößen besitzen, waren bei Mastodonsaurus zwei völlig unterschiedliche Zahnformen vorhanden. Der Großteil der Kiefer wurden von sehr kleinen Zähnen gesäumt, welche Ähnlchkeiten zu jenen heutiger Amphibien oder auch vieler Fische habe. Zusätzlich hatten sie aber auch drei Paar riesige Fangzähne, jeweils zwei im Ober-und eines im Unterkiefer. Die Fangzähne im Unterkiefer waren so lang, dass sie selbst bei geschlossenen Maul durch Löcher in der Schnauze nach außen ragten. Zweifellos waren diese Zähne außerst effektiv um große Beutetiere festzuhalten. Bei den größten Exemplaren konnten diese Fangzähne gut 15cm lang werden. Von diesen Zähnen leitet sich auch der Name der Tiere ab, denn Mastodonsaurus bedeutet “Zitzenzahnechse”, wobei hier der Begriff Echse natürlich völlig fehl am Platz ist. Im Querschnitt weisen diese Zähne eine äußerst ungewöhnliche Fältelung auf, welche unter anderem von Quastenflossern bekannt ist.

Einen etwas besseren Einblick in die Bezahnung bekommt man auf diesem Photo eines Mastodonsaurus-Schädels:

Gut erkennbar sind auch die mächtigen Kiefer, welche bis zu 90° aufgerissen werden konnten, und stark genug waren, um selbst bei größeren Beuteieren deutliche Spuren an den Knochen zu hinterlassen. Man kennt Zahnabdrücke an Knochen von Plagiosauriern, welche etwa 70cm lang wurden, aber auch von landbewohndenden Thekodontiern, welche bis zu 5m lang wurden. Allerdings ist mir hier nicht bekannt, wie groß die Exemplare waren, an denen die Spuren gefunden wurden. Interessant ist auch, dass diese verheilt waren, was bedeutet, dass sie von Mastodonsaurus in Krokodilmanier angegriffen worden sein müssen, und nicht etwa nur an einem im Wasser treibenden Kadaver herumgefressen haben.  Man kennt sogar Bissabdrücke dieser Tiere an anderen Mastodonsauriern, was bedeutet, dass es sich wahrscheinlich um nicht gerade sonderlich umgängliche Wesen gehandelt hat.

Mastodonsaurus verbrachte mit Sicherheit den größten Teil seines Lebens im Wasser, worauf auch die  Rinnen am Schädel deuten, welche einst nur im Wasser wirksame Seitenlinienorgane beherbergten. Allerdings sind auch Spuren bekannt, welche diese riesigen Panzerlurche an Land hinterlassen haben müssen, und zeigen, dass sie sich dort nur sehr schwerfällig fortbewegten.

Wer sich für dieses und ähnliche Themen interessiert, dem seien noch zwei Bücher ans Herz gelegt:

Rainer Schoch: Saurier – Expedition in die Urzeit

Ernst Probst: Deutschland in der Urzeit -  Von der Entstehung des Lebens bis zum Ende der Eiszeit

Beide Bücher behandeln vor allem Funde aus dem süddeutschen Raum, von denen auch viele in der Dauerausstellung des Stuttgarter Museums am Löwentor bestaunt werden können, aber es werden auch eine ganze Reihe von anderen Funden abgedeckt. Das Buch von Ernst Probst ist schon etwas älter, und enthält ein paar wenige Fehler, etwa ein noch froschartige Darstellung des Mastodonsaurus. Das Buch von Rainer Schoch ist auf dem neuesten Stand der Wissenschaft, und geht auch sehr detailliert auf die Evolution und Biologie der Dinosaurier ein, mit vielen Details und Entdeckungen, die ich bisher nur aus Internet und Fernsehen kenne, aber bisher noch nicht aus der Populärliteratur. Es enthält auch haufenweise Farbphotos der Rekonstruktionen, welche für die Sonderausstellung “Saurier – Erfolgsmodelle der Evolution” hergestellt wurden. Wer sich für Urzeit interessiert, sollte sich dieses Buch unbedingt kaufen.