Bestiarium

Fantastisches aus Biologie, Paläontologie und Kryptozoologie

Archive for the ‘Populäre Irrtümer’ Category

Mein neues Buch: Die Insel des Grauens

Sonntag, Januar 10th, 2010

Nach langer langer Arbeit habe ich es nun endlich geschafft mein erstes eigenes Buch zu veröffentlichen, “Die Insel des Grauens”. Es handelt sich dabei um zwei Kurzgeschichten mit größtenteils kryptozoologischen Hintergründen. Allerdings habe ich mich dabei sehr bemüht, so weit wie möglich auf echte historische Ereignisse und gesicherte Daten als Vorlage zurückzugreifen, und nicht allzu sehr ins Fantastische abzudriften. Genau genommen kommt in dem ganzen Buch auch kein einziges erfundenes Wesen vor, sondern lediglich lebende Arten (vielleicht abgesehen von einer einzigen, sehr kleinen Spezies die bisher noch nicht entdeckt wurde…), beziehungsweise solche, die es noch bis vor relativ kurzer Zeit gegeben hat. Dabei habe ich versucht möglichst realistische Verhaltensweisen zu beschreiben, auch wenn ich mir aus dramaturgischen Gründen natürlich eine gewisse “künstlerische Freiheit” vorbehalten habe. Wem meine erste Geschichte “Der Herr der Tiefe” gefallen hat, könnte auch an den beiden neuen Gefallen finden, wobei diese aber auch ein gutes Stück länger sind. Außerdem beschränkt sich das Buch nicht auf reine Erzählungen, sondern besteht in etwa zur Hälfte aus einem Fachteil, in welchem auf die Hintergründe der Geschichten eingegangen wird, sowohl auf die geschichtlichen, als auch auf die zoologischen und kryptozoologischen. Dabei gehe ich etwa beispielsweise auf die Biologie der behandelten Tiere ein, ihre Entdeckung, wie sie in Mythologie und Folklore Einfluss gehalten haben, und zumindest auch bei einigen, wie sie ausgestorben sind. Außerdem wird vor allem in den Hintergründen der zweiten Geschichte auf eine Reihe von populären Irrtümern eingegangen. Ich möchte mal nicht allzu sehr auf den Inhalt der Geschichten eingehen, um nicht zuviel über die Handlung im Voraus zu verraten. Was ich immerhin sagen kann, ist dass das Tier auf dem Cover auch in einer der beiden Geschichten vorkommt. Es war eine ziemliche Arbeit dieses Modell anzufertigen, und ich habe auch mehrere Wochen dafür gebraucht, um es auf einen im verkleinerten Maßstab modellierten Schädel so realistisch wie möglich zu modellieren. Dabei hat mich auch mein Freund Carl Buell, der im Rekonstruieren ausgestorbener Tiere jahrzehntelange Erfahrung hat, vom Beginn an beraten. Kann jemand erraten um was für ein Tier es sich handelt?

Um aber den Inhalt der Geschichten nicht völlig im Dunkeln zu lassen, verweise ich hier auch noch einmal auf das Backcover:

Wer neugierig geworden ist, kann das Buch bei praktisch allen Internet-Anbieter für Bücher bestellen. “Die Insel des Grauens” gibt es ab jetzt übrigens auch über amazon.com, so dass man das Buch auch für die Vereinigten Staaten und Großbritannien bestellen kann.

Wem das Buch gefallen sollte, dürfte wahrscheinlich auch daran interessiert sein, dass ein ähnliches Buch mit neuen Geschichten auch in absehbarer Zeit veröffentlicht werden wird.

Bizarre Hirsche Teil 4: Der gar nicht mal so außergewöhnliche Riesenhirsch Megaloceros

Mittwoch, September 23rd, 2009

Heute soll es nun um Megaloceros gehen, den sicherlich mit Abständ populärsten ausgestorbenen Hirsch überhaupt. Dass er weder der größte Hirsch aller Zeiten war, noch das proportional zur Körpergröße gewaltigste Geweih hatte, ist ja schon in den letzten zwei Blog-Posts dargelegt worden. Nichtsdestotrotz war Megaloceros ein wirklich äußerst beeindruckendes Tier. Das wird einem am ehesten dann bewußt, wenn man einmal ein Skelett oder eine Lebendrekonstruktion in voller Größe sieht. Diese wirklich wunderschöne Bronzeplastik etwa, welche zusammen mit einigen anderen lebensgroßen Bronzefiguren von lebenden und ausgestorbenen Tieren im Tierpark Berlin zu sehen ist, macht das gut deutlich, zumindest wenn man vor ihr steht:

Megaloceros Tierpark Berlin

Hier fehlt nun leider mal wieder ein passender Größenvergleich, aber wenn man bedenkt dass die Schulterhöhe von Megaloceros giganteus bei etwa 2 m gelegen ist, bekommt man eine gewisse Vorstellung von der Größe. Man muss auch dazu sagen, dass diese Bronzeplastik ein wirklich enorm lebendigen Eindruck macht, und wirklich ungemein eindrucksvoll ist. Sie zeigt auch wirklich gut die gewaltige Größe des Geweihs, für welches diese Tiere auch am bekanntesten sind. Relativ oft wird der Riesenhirsch, vor allem im Englischen, auch als “Irischer Elch” bezeichnet. Das ist natürlich eine ziemlich unglückliche Bezeichnung, welche auch eine völlig falsche Vorstellung dieser Tiere macht. Denn sie waren weder Elche, noch lebten ausschließlich in Irland. Dieser Name rührt vor allem daher, dass in Irland besonders viele und besonders gut erhaltene Reste von Riesenhirschen gefunden wurden, vor allem beim Abbau von Torf, doch das liegt weniger an einer einstmals ganz besonders reichen Population, sondern an günstigen Konservierungs-und Fundbedingungen der Fossilien.  Das tatsächliche Verbreitungsgebiet war weitaus größer und umfaßte große Teile Europas bis hin nach Sibirien, China und Nordafrika.

Megaloceros giganteus war nur eine einer ganzen Reihe ähnlicher Arten, welche teilweise recht bizarre Geweihformen hervorbrachten. Bei keiner wurde sie aber so groß wie bei Megaloderos giganteus, bei welchem das Geweih in Ausnahmefällen Spannweiten von mehr als 3,5 m erreichen konnte, bei einem Gewicht von bis zu 40 kg. Wie bereits in den früheren  Teilen der Reihe “Bizarre Hirsche” erwähnt, war dieses Geweih proportional gesehen noch nicht einmal so gewaltig, und im Verhältnis zum Körpergewicht sogar noch deutlich leichter als große Geweihe von Rentieren. Es wird teilweise behauptet, dass die Größe des Geweihs von Megaloceros in direktem Verhältnis zur Körpergröße steht, und das besonders große Hirsche besonders große Geweihe ausbilden. Das ist aber so nicht richtig. Im Verhältnis zur Körpermasse erreicht selbst das Geweih von Alaska-Elchen nur etwa die Hälfte von dem des Megaloceros, bei den europäischen Elchen ist es oft sogar noch weitaus leichter. Dass gerade die im Allgemeinen nicht besonders großen Rentiere die proportional gesehen schwersten Geweihe unter allen bekannten lebenden und ausgestorbenen Hirschen ausbilden, spricht da auch deutlich dagegen. Europäische Rothirsche können Geweihe ausbilden, welche proportional gesehen mehr als 10% schwerer sind, als jene des Megaloceros, wohingegen die Geweihe der nahe verwandten und größeren Wapitis trotz der eindrucksvollen totalen Größe relativ gesehen deutlich hinter ihren kleineren europäischen Verwandten bleiben. Nicht zuletzt variierte unter den Megaloceros-Arten selbst die Geweihgröße beträchtlich. Der japanische Sinomegaceros yabei etwa, welcher fast ebenso groß war wie Megaloceros giganteus, hatte nur etwa halb so lange Geweihstangen, welche auch nur etwa ein Drittel so viel wogen.

Eine weitere Aussage die öfter einmal vorgebracht wird, nämlich dass das Riesengeweih des Megaloceros ausschließlich zum Imponieren gebraucht wurde, und nicht zum Kämpfen, ist höchst unwahrscheinlich. Zwar besaß das Geweih einen relativ hohen Anteil spongiöser, also schwammartig aufgebauter Knochensubstanz und nur relativ dünne Compacta-Anteile an den Außenbereichen, doch war es nichtsdestotrotz sehr stabil und durchaus in der Lage den enormen Kräften standzuhalten, welche bei Kämpfen zwischen Riesenhirschbullen auftraten. Hier noch ein Photo eines der beiden Schädel welche im Berliner Humboldt-Museum ausgestellt sind:

 Megaloceros Berlin (2)

Und hier noch ein Photo des zweiten Schädels, man sieht gut die Unterschiede in der Form des Geweihs:

Megaloceros Berlin

Aufgrund der vielen Fossilien und einigen erhaltenen Höhlenmalereien sind wir recht gut über das Aussehen des Riesenhirsches informiert. Der nächste lebende Verwandte des Riesenhirsches ist ausgerechnet der nicht besonders große Damhirsch (Dama dama), welcher ein recht helles und durch Muster strukturiertes Fell hat. Höhlenzeichnungen des Riesenhirsches weisen darauf hin, dass auch dieser ein recht helles Fell hatte, mit einem dunklen Streifen auf dem Rücken, einer größeren dunklen Stelle im Bereich der Wirbelfortsätze über den Vorderbeinen und einen hellen Kehlfleck. Höhlenzeichnungen zeigen den Bereich über den Schulter besonders ausgeprägt, und es ist gut möglich, dass über den dort besonders langen Wirbelausläufern und der daran ansetzenden Muskulatur lokal etwas Fett gespeichert wurde. Ein solches lokales Fettdepot (wenngleich auch in den Ausmaßen keineswegs vergleichbar mit dem von Kamelen und Dromedaren) verhindert eine zu schnelle Überhitzung, besonders im Sommer.

Es gäbe noch weitaus mehr über den Riesenhirsch zu schreiben, etwa darüber dass er unter allen Hirschen am stärksten auf schnelles Rennen angepasst war. Doch das würde jetzt alles doch noch etwas zu weit gehen, darum noch ein paar Worte über das Aussterben dieser Tiere. Megaloceros war eines der wenigen europäischen Eiszeit-Großtiere, welches zumindest lokal noch ins Holozän überlebte. In Schottland und auf der Isle of Man hat man Fossilien von Megaloceros gefunden, welche auf etwa 9000 Jahre datiert wurden. Interessanterweise hatten die Riesenhirsche auf der Isle of Man eine geringere Körpergröße als ihre Festland-Verwandten, aber proportional gesehen sogar noch größere Geweihe. In Westsibirien fanden sich sogar Knochen des Riesenhirsches, welche gerade einmal 7600 Jahre alt waren. Das wirft natürlich wieder Fragen bezüglich der Gründe für das Aussterben aus, und warum sie wann und wo überall nun tatsächlich ausgestorben sind.

Bizarre Hirsche Teil 3: Der Breitstirnelch Alces latifrons

Dienstag, September 15th, 2009

Wenn es um extrem große prähistorische Hirsche geht, dann fällt eigentlich immer nur einer, und zwar wirklich nur ein einziger Name: Megaloceros giganteus, zu deutsch der Riesenhirsch. Dieser, vor allem durch sein unglaublich riesiges Geweih bekannte Hirsch wird üblicherweise als der größte Hirsch aller Zeiten bezeichnet, ganz so als gäbe es weder heute andere ähnlich große Hirsche, noch in der Vergangenheit. Nun, Megaloceros wurde tatsächlich sehr sehr groß, selbst die größten lebenden Wapitis würden ziemlich klein aussehen neben einem solchen Koloss. Aber selbst die lebenden Elche erreichen ähnliche, wenn nicht gar sogar größere Ausmaße. Große kanadische Elche können durchaus eine dreiviertel Tonne erreichen, teilweise sogar noch mehr, womit sie sicherlich nicht hinter dem Riesenhirsch standen. Im Prinzio schenkt sich der Größenvergleich dieser beiden Arten, da beide ungefähr gleich groß waren, und es bei beiden Arten zweifellos Populationen mit höheren oder niedrigeren Durchschnittsgrößen gibt, bzw gab, und auch immer wieder extrem große Individuen vorkommen, bzw vorkamen. Zweiffelos waren es beim Megaloceros viel eher die unheimlich riesigen Geweihe, welche viele Autoren allzu schnell dazu verleiteten, sie vorschnell als die größten Hirsche aller Zeiten zu bezeichnen.

Einem Hirsch dem dieser Titel wohl berechtiger zugeschrieben wäre, war der Riesen-oder Breitstirnelch Alces latifrons. Dieser spätplestizäne Riesenhirsch, oder -Elch, scheint noch mal ein gutes Stück größer gewesen zu sein, als seine lebenden Verwandten. Das Gewicht lag bei mindestens 1000 kg, möglicherweise sogar bei noch mehr, was ungefähr das doppelte Gewicht eines großen heutigen Elchbullen wäre. Selbst die riesigen Alaska-Elche waren noch deutlich kleiner als der gewaltige Alces latifrons. Übrigens hatte man noch bis vor relativ kurzer Zeit praktisch keine gesicherten Daten über die Gewichte amerikanischer Elche, unter anderem deshalb, weil es meistens sehr schwer möglich war, diese riesigen Tiere an Ort und Stelle zu wiegen. Erst in den 70iger und 80iger Jahren kamen die ersten entsprechenden wissenschaftlichen Daten auf, was unter anderem mit der Verwendung von Betäubungsmitteln zum Wiegen lebenden Elche in Zusammenhang stand. Allerdings waren das auch erst mal primär eurasische Elche, und erst in den späten 80igern hatte man dann eine größere Menge verlässliche Daten. Daraus ergab sich auch, dass der durchschnittliche erwachsene amerikanische Elchbulle 495 kg und die durchschnittliche Elchkuh 460 kg wiegt, wobei der schwerste während der Untersuchungen gewogene Bulle es auf 540 kg brachte. Aber das nur am Rande. Der Breitstirnelch war allerdings, trotz seines Namens, möglicherweise gar kein Elch, trotz des an auffälligen langen Stangen sitzenden Schauffelgeweihs, das über 2 m spannen konnte. Dieses Photo, welches den Gipsabguss eines latifrons-Geweihes zeigt, stammt aus der paälontologischen Sammlung Hamburg. Leider kommt mangels wirklichen Größenvergleichs die Dimension des Geweihes nicht so rech rüber.

 

alces-latifrons1

Bei den latifrons-Funden aus Mosbach hatten die Stangen an deren Enden die Schaufeln saßen im Schnitt einen Umfang von 24 cm, was vergleichsweise riesig ist, wenn man bedenkt dass die allergrößten kanadischen Elche nur in extrem seltenen Fällen Stangenumfänge von 21 cm erreichen. Die längsten Stangen die man in Mosbach fand, waren allein schon 50 cm lang (bei einem Durschnitt von 41 cm), wobei bei modernen Elchen 20 cm schon außerordentliche Ausnahmen sind. Auch im Gewicht des Geweihes, dürften sie sogar durchaus noch mit dem weitaus bekannteren Megaloceros mitgehalten haben können. Ein großer latifrons-Bulle von 1200 kg Gewicht hätte ein Geweih von etwa 36 kg Gewicht gehabt.

Alces latifrons sah auch abgesehen von dem auf Stangen sitzenden Geweihes nicht aus wie ein moderner Elch, sondern wohl eher wie eine Kreuzung aus Rothirsch und Elche. Höchstwahrscheinlich hatte er auch nicht die typische überhängende Oberlippe moderner Elche, sondern höchstens eine leichte Andeutung davon. Wahrscheinlich war auch die Gestalt des Körpers noch hirschartiger.

Der Riesentausendfüßer Arthropleura – der größte Landarthropode aller Zeiten

Sonntag, August 23rd, 2009

Es gibt zahllose Horrorfilme- und Geschichten in denen riesigen Insekten, Monsterspinnen oder andere Arthropoden von gigantischer Größe vorkommen. Mit der Wirklichkeit haben diese aber praktisch gar nichts gemein, denn kein einziges lebendes Insekt oder ein anderer landbewohnender Gliederfüßer erreicht wirkliche Monsterdimensionen. In früheren Zeiten war das aber noch anders, denn es hat durchaus einige terrestrische Arthopoden gegeben, welche durchaus gut in einem Horrorfilm mitspielen könnten. Es gab Riesenlibellen wie Meganeura, welche mit einer Flügelspannweite von ca. 75 cm in etwa so groß war wie ein Turmfalke. In der BBC-Doku “Die Ahnen der Saurier” mußte das ganze natürlich völlig maßlos übertrieben werden, denn obwohl die richtige Spannweite angegeben wurde, behauptet der Sprecher selbstsicher dass diese Riesenlibelle so groß gewesen sei wie ein Adler…Hier sei angemerkt, dass selbst die allerkleinsten echten Adler wie etwa der Kanninchenadler Aquila morphnoides nicht so klein sind. Ein anderer Schnitzer war die Riesenspinne, welche als Mesothelae bezeichnet wurde, und munter auf die Jagd nach frühen Landtetrapoden ging. Tatsächlich gab es aber nie so großen Spinnen. Megarachne, welche als Vorlage für die Riesenspinne diente, hat sich nämlich im Nachhinein als ein im Wasser lebender Verwandter der Seeskorpione entpuppt. Es gab noch einen weiteren Riesenarthopoden welche in der Doku vorkam, und um welchen es in diesem Blogpost auch primär gehen soll, den Riesentausendfüßer Arthropleura. Unter allen bekannten landbewohnender Gliederfüßern erreichte Arthropleura die bei weitem gewaligsten Ausmaße, welche durchaus an die größten Meeresskorpione heranreichte, wenngleich auch die Masse mit Sicherheit viel geringer war. Die größten Exemplare von Arthropleura erreichten eine Länge von etwa 2,6 m, und das ist wirklich Monstergröße.

Arthropleura

Dieses schöne Modell stammt übrigens aus dem Naturkunde-Museum Karlsruhe. Hier noch mal eine andere Ansicht:

Arthropleura (2)

In der BBC-Doku wird Arthopleura dargestellt, wie sie sich zur Verteidigung kobraartig aufrichtete. Dass sie das tatsächlich getan haben, ist bei aller Medienwirksamkeit aber sehr sehr unwahrscheinlich. Zunächst einmal gibt es keinerlei Indizien dafür, das sie überhaupt so etwas gemacht haben. Zum Anderen halte ich es für beinahe unmöglich, dass sie rein anatomisch dazu in der Lage gewesen sein sollen. Der computeranimierte Riesentausendfüßer der BBC richtet sich etwa zur halben Körperhöhe auf, so dass er L-förmig gebogen ist. Aus rein statischen Gesichtspunkten ist das schon bei so einem Tier fast unmöglich. Wer sich das mal selbst ansieht (etwa bei Youtube, da kann man die einzelnen Folgen auch anwählen), merkt schnell wie unrealistisch das aussieht.  Selbst Schlangen können nur einen relativ geringen Teil ihres Vorderkörpers nach oben recken, und das obwohl sie fast nur aus Muskeln bestehen und über eine Wirbelsäule als Stütze verfügen, und keine völlig überdimensionierten Extremformen von Exoskelett-tragenden Wirbellosen sind. Irgendwie finde ich es schon ziemlich traurig, dass man zugunsten der Medienwirksamkeit immer solche Effekthascherei verwenden muss, zumal vielen Zuschauern vermittelt wird, dass es sich dabei um Tatsachen, und nicht nur reine Spekulationen handelt. Auch bei den anderen Dokumentationen dieser Art haben sich ja einige grobe Schnitzer ereignet, und auch die Rekonstruktionen sind leider teilweise nicht unbedingt wirklichkeitsnah. Nichtsdestotrotz sind diese Serien wirklich toll, zumal sich dabei oftmals ziemlich unbekannten Tieren gewidmet wird.

Arthropleura (3)

Arthropleura ist übrigens auch in Deutschland dokumentiert worden, etwa durch dieses Fossil der “nur” etwa einen Meter langen Art Arthropleura armata, welche im Saarland gefunden wurde, und ebenfalls in Karlsruhe ausgestellt ist:

Arthropleura armata Saarland

Man kennt aber auch Fossilien der deutlich größeren Formen von Arthropleura aus Deutschland. Ich denke ein Hauptgrund dafür, dass diese Tiere derartig riesig werden konnten, liegt in ihrem Körperbau. Die Anatomie der Arthropoden mit aus Chitin aufgebautem Exoskelett erlaubt nur einge gewisse Belastung. Daher hätten Rieseninsekten von den Ausmaßen Arthropleuras schon allein aufgrund der zierlichen Gliedmaßen enorme Probleme, da das ganze Gewicht auf nur sechs Beine verteilt würde. Bei Tausend-und Hundertfüßern sieht die Sache aber ganz anders aus. Dadurch dass das Körpergewicht auf mehrere Dutzend Beine verteilt wird, spielt das Gesamtgewicht nur noch eine untergeordnete Rolle, solange die Belastung jedes einzelnen Beinpaares nur nicht zu hoch wird. Nach dem gleichen Prinzip könnte man auch ein Auto auf eine Platte stellen, die nur von Streichhölzern gestützt wird, solange es derer nur genug sind. Interessanterweise kennt man sogar eine Reihe versteinerter Fußspuren dieser Tiere. Ich finde es auch dahingehend etwas seltsam, dass heute keine auch nur annährend so großen Hundert-und Tausenfüßer mehr gibt, selbst wenn einige Arten doch sehr beachtliche Ausmaße erreichen können (dazu irgendwann mal mehr). Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es nur mit dem damals höhreren Sauerstoffgehalt der Atmosphäre zu tun hat, den um zu einer solchen gewaltigen Größe heranzuwachsen, waren bei Riesenarthropoden wie Meganeura und Arthropleura sicherlich immer noch massive Veränderungen der ursprünglichen Atmungsorgane nötig.

Ebenfalls nach wie vor mysteriös ist die Ernährung von Arthropleura. Während die einen davon ausgehen, dass sie ähnlich den meisten heutigen Tausendfüßern vor allem verrottendes Pflanzenmaterial gefressen haben, vermuten andere dass es sich bei ihnen um Apexprädatoren handelte, die selbst noch hundegroße Wirbeltiere erbeuteten, und damit eher den räuberischen Skolpendern geähndelt haben.

Bild des Tages: Modell eines gebärenden Ichthyosaurier

Mittwoch, Oktober 31st, 2007

Ich habe ja leider schon länger nichts mehr geschrieben, und momentan sind noch mehrere Artikel kurz vor der Veröffentlichung, daher kann ich nur ein Bild des Tages posten, ein sehr schönes Modell aus der Sonderausstellung des Löwentor-Museums in Stuttgart:

Gebärender Ichthyosaurus

Anhand einiger hervorragend erhaltener Fossilien sind der Geburtsvorgang und sogar die Embryonalentwicklung von Ichthyosauriern recht gut bekannt. Wie heutige Wale wurden sie nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Schwanz voran geboren. Ein populärer Irrtum ist übrigens, dass die Fossilien von Ichthyosauriermütter mit mehr oder weniger ausgepresstem Nachwuchs einen fossilierten Geburtvorgang zeigen. Vielmehr handelt es sich dabei um postmortale Abborte, welche auch von Walen bekannt sind. Dabei führen die Faulgase im Körper eines trächtigen Tieres zu einem Herauspressen des Nachwuchses.

Hier noch eine Kopfansicht dieses schönen Modells:

Mastodonsaurus giganteus – eines der größten Amphibien aller Zeiten

Donnerstag, Oktober 18th, 2007

 

Heute möchte ich etwas über den Mastodonsaurus schreiben. Dieser gewaltige Panzerlurch war eines der spektakulärsten Amphibien aller Zeiten, mit Ausmaßen, welche man sich für ein Tier dessen nächste lebende Verwandte etwa Frösche oder Molche wären, kaum noch vorstellen kann. Gemeinhin wird Mastodonsaurus als das größte Amphibium bezeichnet, das je gelebt hat. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass manche Arten noch deutlich größer wurden, etwa der langschnäuzige Prionosuchus plummeri dessen Fossilien man aus Brasilien kennt, und der eventuell sogar Längen von 9m erreichte.  Aber unabhängig davon, ob es noch größere Amphibien gab oder nicht, Mastodonsaurus war in jedem Fall ein Gigant.

Mastodonsaurus ist vor allem aus dem deutschen Raum durch eine Reihe extrem gut erhaltenenr Fossilien bekannt, die teilweise fast vollständig sind. Selbst Fossilien von Mastodonsaurus-Larven sind bekannt. Mastodonsaurus giganteus erreichte eine Länge von mindestens 6m, fragmentarische Funde lassen aber sogar auf Tiere von 7m Länge schließen. Damit war Mastodonsaurus giganteus mindestens so lang wie die größten heutigen Krokodile. Da diese Tiere insgesamt aber etwas kompakter waren als Krokodile, dürften sie noch deutlich schwerer geworden sein, und Gewichte von mehr als 2 Tonnen erscheinen für die größten Exemplare keineswegs unrealistisch.  Noch eine andere Eigenschaft verband Mastodonsaurus mit diesen heutigen größten fleischfressenden Räubern des Süßwassers: Er hatte Knochenplatten unter der Haut, ähnlich den Panzerechsen. Eine solche Knochenplatte kann man hier sehen (das Photo stammt aus dem Naturhistorischen Museum in Wien):

Das von Burian stammende Rekonstruktionsbild zeigt die alte Vorstellung, dass diese Tiere eine sehr kompakten Körper, und einen extrem kurzen Schwanz hatten, eine Ansicht, die sich über viele Jahrzehnte gehalten hat. Neurere Rekonstruktionen zeigen aber, dass Mastodonsaurus sehr wohl einen gut entwickelten Schwanz hatte, und weniger kröten-als viel eher krokodilsgestaltig war.

So wurde auch etwa dieses, an sich sehr schöne Modell im Stuttgarter Museum am Löwentor mit einem überaus kurzem Körper und Schwanz rekonstruiert:

Mir war diese Darstellung schon seit jeher etwas seltsam vorgekommen, denn ein solches Tier hätte sich kaum effektiv fortbewegen können. Die Beine sind ziemlich schwach, und hätten beim Schwimmen keine große Hilfe geleistet, und ein derartig kurzer Schwanz hätte gar keinen Nutzen bei der Fortbewegung gehabt. Folglich hätte ein derartig proportioniertes Wesen darauf warten müssen, dass ihm seine Beutetiere schon beinahe ins Maul geschwommen wären.  Vor allem hätte auch eine Möglichkeit gefehlt, zumindest eine kurze Entfernung schnell zurücklegen zu können, wie es etwa Krokodile machen, wenn sie sich mit ihrem kräftigen Schwanz mehrere Meter hervorschnellen. Das in der aktuellen Ausstellung gezeigt Skelett, welches in extrem aufwendiger Arbeit mit Hilfe von per Hand aus Kupfer getriebenen Knochen rekonstruiert wurde, zeigt die tatsächlichen Proportionen dieses Tieres, welches nun deutlich krokodilähnlicher wirkt. Das Skelett darunter gehört übrigens Batrachotomus:

Das ganz oben zu sehende Bild zeigt eine Lebendrekonstruktion, welche auf diesen neuen Ergebnissen basiert, was man bei dieser Ansicht aber nicht sehen kann. Zugegebenerweise finde ich die Farbgebung etwas unstimming, zwar findet sich fast die gleiche Farbkombination bei Marmormolchen, aber irgendwie finde ich dass sie bei einem Tier wie Mastodonsaurus fehl am Platz wirkt. Naja, das ist eben die künsterlische Freiheit, und des ist ja nicht meine Rekonstruktion.  Interessant wäre auch zu wissen, ob sich die Panzerplatten unter der Haut abhoben, oder ob sie praktisch versteckt unter der Haut waren.

Mastodonsaurier waren Raubtiere, welche anderen Wirbeltieren nachstellten, vermutlich in ähnlicher Manier wie heutige Krokodile. Allerdings unterscheidet sich ihre Bezahnung beinahe grundlegend. Während Krokodile eine relativ geringe Variationsbreite von Zahngrößen besitzen, waren bei Mastodonsaurus zwei völlig unterschiedliche Zahnformen vorhanden. Der Großteil der Kiefer wurden von sehr kleinen Zähnen gesäumt, welche Ähnlchkeiten zu jenen heutiger Amphibien oder auch vieler Fische habe. Zusätzlich hatten sie aber auch drei Paar riesige Fangzähne, jeweils zwei im Ober-und eines im Unterkiefer. Die Fangzähne im Unterkiefer waren so lang, dass sie selbst bei geschlossenen Maul durch Löcher in der Schnauze nach außen ragten. Zweifellos waren diese Zähne außerst effektiv um große Beutetiere festzuhalten. Bei den größten Exemplaren konnten diese Fangzähne gut 15cm lang werden. Von diesen Zähnen leitet sich auch der Name der Tiere ab, denn Mastodonsaurus bedeutet “Zitzenzahnechse”, wobei hier der Begriff Echse natürlich völlig fehl am Platz ist. Im Querschnitt weisen diese Zähne eine äußerst ungewöhnliche Fältelung auf, welche unter anderem von Quastenflossern bekannt ist.

Einen etwas besseren Einblick in die Bezahnung bekommt man auf diesem Photo eines Mastodonsaurus-Schädels:

Gut erkennbar sind auch die mächtigen Kiefer, welche bis zu 90° aufgerissen werden konnten, und stark genug waren, um selbst bei größeren Beuteieren deutliche Spuren an den Knochen zu hinterlassen. Man kennt Zahnabdrücke an Knochen von Plagiosauriern, welche etwa 70cm lang wurden, aber auch von landbewohndenden Thekodontiern, welche bis zu 5m lang wurden. Allerdings ist mir hier nicht bekannt, wie groß die Exemplare waren, an denen die Spuren gefunden wurden. Interessant ist auch, dass diese verheilt waren, was bedeutet, dass sie von Mastodonsaurus in Krokodilmanier angegriffen worden sein müssen, und nicht etwa nur an einem im Wasser treibenden Kadaver herumgefressen haben.  Man kennt sogar Bissabdrücke dieser Tiere an anderen Mastodonsauriern, was bedeutet, dass es sich wahrscheinlich um nicht gerade sonderlich umgängliche Wesen gehandelt hat.

Mastodonsaurus verbrachte mit Sicherheit den größten Teil seines Lebens im Wasser, worauf auch die  Rinnen am Schädel deuten, welche einst nur im Wasser wirksame Seitenlinienorgane beherbergten. Allerdings sind auch Spuren bekannt, welche diese riesigen Panzerlurche an Land hinterlassen haben müssen, und zeigen, dass sie sich dort nur sehr schwerfällig fortbewegten.

Wer sich für dieses und ähnliche Themen interessiert, dem seien noch zwei Bücher ans Herz gelegt:

Rainer Schoch: Saurier – Expedition in die Urzeit

Ernst Probst: Deutschland in der Urzeit -  Von der Entstehung des Lebens bis zum Ende der Eiszeit

Beide Bücher behandeln vor allem Funde aus dem süddeutschen Raum, von denen auch viele in der Dauerausstellung des Stuttgarter Museums am Löwentor bestaunt werden können, aber es werden auch eine ganze Reihe von anderen Funden abgedeckt. Das Buch von Ernst Probst ist schon etwas älter, und enthält ein paar wenige Fehler, etwa ein noch froschartige Darstellung des Mastodonsaurus. Das Buch von Rainer Schoch ist auf dem neuesten Stand der Wissenschaft, und geht auch sehr detailliert auf die Evolution und Biologie der Dinosaurier ein, mit vielen Details und Entdeckungen, die ich bisher nur aus Internet und Fernsehen kenne, aber bisher noch nicht aus der Populärliteratur. Es enthält auch haufenweise Farbphotos der Rekonstruktionen, welche für die Sonderausstellung “Saurier – Erfolgsmodelle der Evolution” hergestellt wurden. Wer sich für Urzeit interessiert, sollte sich dieses Buch unbedingt kaufen.

Der menschenfressende Riesenwels, ein Fallbeispiel eines Internet-Hoaxes

Montag, September 10th, 2007

Das Internet ist eine wunderbare Sache um an alle möglichen Arten von Informationen heranzukommen, leider ist es aber auch so, dass man im Internet jede Menge Müll lesen kann. Manche Leute machen sich sogar bewußt einen Spaß daraus (gut, die BILD macht das jeden Tag, und die Leute verdienen sogar damit), Geschichten zu erfinden, und diese im Internet als wahre Begebenheiten zu verbreiten. Besonders beliebt ist es, echte Photos zu verwenden, und eine Story dazu herum zu erfinden, damit das ganze glaubhafter wirkt. Solche Sachen werden dann auch nicht selten direkt mit E-mail-Verteilern in die ganze Welt geschickt.

Vor kurzem machte wieder einmal einer dieser Internet-Hoaxes die Runde, und da es sich um ein Thema handelt, das gut zum Inhalt des Bestiarium paßt, und das ich hier kurz vorstellen wollte. Es geht um folgendende Geschichte: Im Huadu´s Furong Wasser-reservoir sollen jedes Jahr ein paar Leute auf mysteriöse Weise ertrunken sein, und erst kürzlich sollen dort beim Schwimmen zwei Personen ertrunken sein.  Als der Grund dieser Unfälle wird ein 3m langer Riesenwels präsentiert, dessen Kopf alleine schon einen Meter breit sein soll, und der die Leute gefressen haben soll. Im Magen dieses Riesenwelses, sollen sogar die Überreste eines Menschen gefunden worden sein. Zusätzlich zu der Geschichte werden jede Menge Photos gezeigt, die mehrere Asiaten zeigen, die sich um einen abgesperrten Bereich drängeln, in dem mehrere Männer und ein riesiger Fisch liegen. Spätere Photos zeigen dann wie der Fisch aufgeschnitten und zerlegt wird.

Das war jetzt die Geschichte, und nun kommen die Fakten. Zunächst gibt es weder in Asien noch sonstwo einen Wels der in der Lage wäre einen erwachsenen Menschen zu fressen. Außerdem handelt es sich bei dem gezeigten Fisch gar nicht um einen Wels. Der Fisch zeigt zwar für einen mit diesen Tieren nicht vertrauten Betrachter mit dem breiten endständigen Maul eine gewisse Ähnlichkeiten mit Welsen wie dem asiatischen Mekong-Riesenwels Pangasianodon gigas, der tatsächlich in Ausnahmefällen Längen von beinahe 3m erreichen kann (aber ein harmloser Algen-und Kleintierfresser ist) , aber es handelt sich bei diesem Fisch ohne jeden Zweifel um einen jungen Walhai (Rhyncodon typus). In den Kommentaren zu der Story wird das mehrfach auch schon gesagt, aber manche Leute versuchen mit den abstrusesten Gegenargumenten zu konntern, etwa wie der Walhai ins Süßwasser gekommen sein soll, oder warum er getötet wurde, obwohl sie vom Aussterben bedroht sind. Nun ist es vielen Ländern, vor allem in Asien, herzlich egal ob eine Tierart vom Aussterben bedroht ist oder nicht, solange sie Profit bringt, wird sie gejagt. Und gerade in Asien kann man mit Fleisch und Flossen von Walhaien eine ganze Menge Profit machen. Die ganze Geschichte vom Riesenwels im Wasser-reservoir ist natürlich nur erfunden, hier wurden einfach Photos, die irgendwo in der Nähe eines Hafens gemacht wurden, in eine Monster-Story integriert. Leider sind viele Leute allzu Bereit solchen Mist zu glauben.

Das ganze kann man hier nachlesen:

http://shanghaiist.com/2007/08/11/amazingly_huge.php

Wie groß werden Krokodile wirklich?

Sonntag, September 9th, 2007

leistenkrokodil-in-der-wilhelma.JPG 

Dass zwischen den in der allgemeinen Literatur vorhandenen, und den tatsächlichen Maximalgrößen von Tieren teilweise massive Differenzen bestehen, habe ich ja schon im allerersten Post über den Arapaima dargelegt (http://bestiarium.kryptozoologie.net/?p=6). Nun soll es um Krokodile gehen, speziell um Leistenkrokodile. Selbst in der Fachliteratur kann man immer wieder über angeblich gewaltige Größen lesen, welche diese Tiere erreichen sollen. Vielfach wird sogar nicht einmal die Durchschnittsgröße, oder wenigstens die nachgewiesene Maximalgröße abgeruckt, sondern nur teilweise lediglich vom Hörensagen übernommene, und maßloß übertriebene Größen. Nicht selten kann man lesen dass Leistenkrokodile 7, 8, 9 oder auch 10m lang werden können. Aber wie sieht es mit der Wirklichkeit aus, gab es tatsächlich jemals so große dokumentierte Exemplare?

Bevor ich darauf eingehe, möchte ich mich erst noch etwas mit dem  Wachstum von Leistenkrokodilen befaßen. Diese Krokodile zeigen ein typsches Wachstumsverhalten für Krokodile, sie wachsen in den ersten Jahren sehr schnell, und können mit etwa 10 Jahren eine Länge von 3m erreichen. Mit 10-15Jahren, je nach dem wann die Geschlechtsreife erreicht wurde, nimmt das Wachstum deutlich ab, um mit zunehmenden Alten immer weiter abzunehmen, bis es praktisch gar keine sichtlichen Zuwachs mehr gibt. Dabei sei anzumerken dass die Männchen deutlich größer werden als die Weibchen, und auch ein etwas anderes Wachstumsverhalten zeigen. Bei Leistenkrokodile werden die Männchen deutlich größer als die Weibchen, da sie auch deutlich schneller wachsen, und auch später die Geschlechtsreife erreichen. Viele Leute sind der Meinung, dass Reptilien, und speziell Krokodile ihr Leben lang wachsen, und dadurch auch theoretisch jede Größe erreichen können, wenn sie nur alt genug werden. Die Realität sieht aber ganz anders aus. Entscheidend für die Größe die ein Krokodil erreichen kann, sind weniger die Lebensjahre, als viel mehr die Größe, die es vor der Geschlechtsreife erreicht. Ein Krokodil das durch gute Bedingungen wie viel Nahrung, günstige Temperaturen oder auch gute genetische Anlange schon vor Erreichen der Geschlechtsreife sehr groß ist, hat gegenüber seinen Artgenossen nach der Geschlechtsreife einen deutlichen Vorteil, denn diese brauchen dann mehrere Jahre, um diesen Vorsprung nachzuholen, und in dieser Zeit kann das ohnehin schon große Krokodil auch noch zusätzlich wachsen. Ein Krokodil das nicht schon in seiner Jugend sehr groß geworden ist, wird auch später nie wirklich riesig werden können. Selbiges gilt im Übrigen auch für praktisch alle anderen Reptilien und Fische, welche sehr alt werden können. Die Wachstumskurve nimmt mit dem Alter immer weiter ab, und selbst wenn ein Krokodil wirklich alt wird, kann es nur noch relativ geringfügig an Größe zunehmen. Da ich wenig Bildmaterial zu diesem Thema besitze, und weil lange Posts ohne Bilder langweilig sind und viele vom Lesen abschreckt, zeige ich hier einfach mal zwei Photos eines sehr großen Leistenkrokodilschädels, dass ich vor kurzem im Archiv des Zoologischen Institutes in Tübingen gemacht habe. Als Größenvergleich (und damit jeder sieht dass ich ein uraltes, spartanisches und beinahe unkapputbares Nokia-Handy habe) habe ich mal mein Handy daneben gelegt:

Leistenkrokodilschädel

Einen solchen Schädel einmal aus nächster Nähe zu sehen macht einem erst einmal bewußt wie gewaltig diese Tiere werden können. Ich habe keine Ahnung wie lang der Schädel gewesen ist, oder das gesamte Tier als es noch lebendig war. Das restliche Skelett lag unter dem eines aufgestellten Zwergwalskelettes, und ich vermute einmal dass die Gesamtlänge zu Lebzeiten etwa 4,5m Meter betragen hat. Da das Skelett aber nicht aufgebaut war, und auch der Schädel nicht dabei gewesen ist, möchte ich mich hier aber nicht allzu sehr festlegen. Das Verhältnis von der Schädel- zur Körperlänge liegt bei Krokodilen bei etwa 1:7,5, das heißt man könnte die ursprüngliche Gesamtlänge durchaus recht gut bestimmen, wenn man die genaue Länge des Schädels wüßte. Hier noch mal ein Bild aus einer anderen Ansicht (kleiner Tipp: um sich die Größe dieses Schädels bewußt zu machen speichert man am besten die Bilder, und vergrößere sie mit Hilfe eines gleichgroßen Handys auf Originalgröße):

Leistenkrokodilschädel von vorne

Das sieht man ziemlich gut an einem der weltgrößten Krokodile überhaupt, dem thailändischen Riesenkrokodil Yai. Es ist das größte in Gefangenschaft lebende Krokodil der Welt. Es handelt sich bei ihm nicht um ein echtes Leistenkrokodil, sondern um einen Hybriden aus Leistenkrokodil und Siam-Krokodil (Crocodylus siamensis). Solche Hybriden werden manchmal auf Krokodilfarmen gezüchtet, da sie schneller wachsen als normale Krokodile, und daher auch profitabler sind. Man sieht Yai auch an dass er kein reinrassiges Leistenkrokodil ist, denn die Farben und Muster seiner Haut sind etwas abweichend von denen echter Leistenkrokodile. Als Yai das letzte Mal gemessen wurde, war er 6m lang und wog 1114 kg, inzwischen dürfte er sogar noch etwas größer sein, allerdings hat sein Wachstum in den letzten Jahren stark abgenommen. Erstaunlich ist dass Yai erst 35 Jahre alt ist, er also schon in einem relativ frühen Alter wahrlich monströse Ausmaße erreicht hat. Hier sollte man aber bedenken, dass daran mehrere Faktoren beteiligt waren. Zunächst hatte Yai durch den Hybrid-bedingten Heterosiseffekt einen massiven Wachstumsvorteil gegenüber normalen Leistenkrokodilen, außerdem ist seine Größe selbst unter anderen Hybriden ungewöhnlich, so dass man davon ausgehen kann, dass dieses Exemplar besonders günstige genetische Voraussetzungen besitzt. Zudem wurde Yai auf einer Krokodilfarm ausgebrütet und aufgezogen, das heißt er konnte unter annäherungsweise idealen Lebensbedingungen aufwachsen. Die Temperaturen in Thailand lassen einen hohen Stoffwechsel bei diesen Tieren zu, und Nahrung war ebenfalls immer genügend vorhanden. Yai konnte sein Wachstumspotential also annäherungsweise voll ausschöpfen. Vor einiger Zeit habe ich in einer Reportage über die Krokodilfarm, auf der Yai lebt, gesehen, und war wirklich beeindruckt einmal Videoaufnahmen dieses Giganten zu sehen. Er lebt zusammen mit dutzenden anderen Krokodilen in einem riesigen Gehege, über das eine Brücke führt, von dem aus Touristen Photos machen, und die Krokodile füttern können. Die anderen Krokodile waren auch nicht gerade klein, aber im Gegensatz zu Yai wirkten sie allesamt wie Zwerge. Übrigens ist Yai auf einer Seite blind, eines seiner Augen ist weiß-rot verfärbt, warum das so ist, wurde aber nicht gesagt, vermutlich geht es auf eine Rangelei mit Artgenossen zurück. Ein makabres Detail über Yai ist auch, dass er wahrscheinlich auch schon Menschenfleisch gefressen hat. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber da jedes Jahr wieder einige Leute auf die bescheuerte Idee kommen, Suizid zu begehen, indem sie von der Brücke ins Krokodilbecken springen, wird Yai als “Big Boss” in der Anlage sicher auch schon den einen oder anderen Bissen Mensch abgekriegt haben.

Es gibt noch ein paar andere sehr große Leistenkrokodilhybriden in Gefangenschaft, ist der 1964 auf der Samut Prakan Krokodilfarm in Thailand geborene Utan, der seit 2002 in South Caroline im Alligator Adeventure Parc lebt. Er hat eine Länge von knapp 6m, und wie etwa eine Tonne, ist also etwas kleiner als Yai. Auch einige reinrassige Leistenkrokodile von sehr großen Ausmaßen sind aus Zoos bekannt, etwa der etwa 6m lange Oscar, welcher im australischen Queensland beheimatet ist. Er stammt aus Papua Neuguinea, von wo er vor mehreren Jahrzehnten zusammen mit einem anderen Krokodil gebracht wurde. Diese andere Krokodil erhielt den Namen Gomek, und wurde vor mehreren Jahrzehnten nach Florida verkauft, wo er äußerst populär als größtes Krokodil der Vereinigten Staaten. Als er 1997 gestorben ist, war er 5,5m lang, und wog etwa eine knappe Tonne. Zu seinem Todeszeitpunkt war er bereits 70-80 Jahre alt, und es scheint dass er tatsächlich an altersbedingten Kreislaufversagen gestorben ist. In den 20 Jahren in denen Gomek in Florida lebte, wuchs er weniger als 30cm, und das obwohl er sicherlich immer genug zu fressen bekam. Das zeigt sehr gut, dass ein langes Leben keineswegs der Hintergrund für ungewöhnliche Größen bei Krokodilen ist. Nicht unerwähnt bleiben soll das “weiße” Leistenkrokodil das früher in der Wilhelma lebte, und Generationen von Zoobesuchern mit seiner stoischen Trägheit langweilte. Ich habe es zu Lebzeiten viele Male gesehen, aber niemals wie es irgend eine Bewegung vollführt hätte.  Dieses Leistenkrokodil war ungewöhnlich hell, wenn auch nicht wirklich weiß, und stammte von einer Krokodilfarm aus Asien, von wo es 1967 nach Stuttgart gebracht wurde. Mit einer Länge von 4,5m und einem Gewicht von etwas unter einer halben Tonne war es zwar ein gutes Stück unter den bisher genannten Krokodilen, aber dennoch für seine Art von sehr beachtlicher Größe. Inzwischen kann man es übrigens von der Decke hängend im Stuttgartere Rosenstein-Museum bewundern:

Das “weiße” Leistenkrokodil aus der Wilhelma

Das waren jetzt alles Krokodile, welche entweder in Gefangenschaft geboren, oder zumindest über längere Zeit dort gelebt haben, aber wie sah es mit den Krokdilen aus der Wildnis aus? Während man in Zoos relativ verläßliche Größenangaben (und nicht zu vergessen Bildmaterial) bekommen kann, und davon ausgehen kann, dass die gemachten Angaben auch stimmen, sieht die Sache von in der Wildnis gesehenen oder geschossenen Krokodilen vollkommen anders aus, hier gehen Wirklichkeit und pure Fiktion Hand in Hand.

Viele große Tiere, insbesondere solche die im Wasser leben, und daher oft nut teilweise gesehen werden, haben die Eigenschaft sehr viel größer auszusehen, als sie tatsächlich sind. Vor allem bei Reptilien scheint dies ein weit verbreitetes Phänomen zu sein, Größen werden hier extrem oft maßlos überschätzt, nicht selten um 100% oder sogar mehr. Daher werde ich gar nicht erst auf verschiedene ominöse Sichtungen von Krokodilen eingehen, deren Größe weit über den belegten Rekorden gelegen haben soll. Betrachtet man die geschossenen Riesenkrokodile, so fällt auf dass auch diese oft auf wundersame Weise schrumpften, wenn man sie genauer untersuchte (ein mysteriöses Phänomen, das man seltsamerweise auch oft bei Schlangen, Haien und anderen Fischen findet…). Etwa das vermeintliche Riesenkrokodil, das 1840 in der Bucht von Bengalen geschossen wurde, und das so groß war, dass man nur seinen Kopf mitnehmen konnte. Dieser landete dann später im Naturhistorischen Museum von London. Eine genaue Untersuchung des Schädels zeigte dann aber, dass dieses Krokodil keineswegs wie ursprünglich angegeben 10,1m lang gewesen ist, sondern nur etwa 4,8m (nach einer anderen Quelle 5,98m). Leider findet man die zuerst angegebene Größe von 10,1m immer noch in einigen Büchern als Rekordgröße. Bei einem anderen Krokodil, das einst eine Länge von 8,8m gehabt haben soll, stellte sich beim Vermessen des Schädels später heraus, dass es lediglich 4,9m lang gewesen ist. Das ist immer noch ziemlich viel für ein Leistenkrokodil, aber es zeigt doch wie massiv die Leute zum Übertreiben neigen, und wie leicht reines Jägerlatein als Tatsachen den Einzug in die Fachliteratur finden kann. Derartige Abenteuergeschichten von Riesenkrokodilen, bei denen spätere Messugen der Schädel ergaben, dass diese Tiere viel kleiner waren als angegeben, gibt es viele. Etwa ein 1823 auf den Philippinen geschossenes Leistenkrokodil, von dem es hieß, es habe eine Länge von 8,2m, das aufgrund der Schädelgröße aber nur etwa 6m lang gewesen sein kann. 

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie groß die größten wirklich nachprüfbaren Leistenkrokodile gewesen sind. 1974 geriet im Mary River in Nordaustralien ein Krokodil in ein Fischernetz, und wurde mit einer Axt getötet. Der Kadaver wurde dann geköpft, aber später konnte der Körper von Rangern gefunden, und noch einmal vermessen werden. Dieses Krokodil, dessen von Axthieben gezeichneter Schädel auf der Darwin-Crocodile-Farm zu sehen ist, hatte eine Länge von 6,2m. 1983 wurde im Fly River auf Papua Neuguinea ein Leistenkrokodil getötet, dessen Haut von mehreren Zoologen untersucht werden konnte. Nach der Messung der Haut zu urteilen, muss dieses Exemplar auch etwa 6,2m lang gewesen sein, aber da Krokodilhäute etwas kürzer werden als die lebenden Tiere, war dieses Krokodil ursprünglich wahrscheinlich sogar 6,3m lang. Man kennt auch den Schädel eines Leistenkrokodil aus Orissa, Indien, der einem Krokodil gehörte, das einst eine Länge zwischen 6m und 6,9m gehabt haben muss. Vor wenigen Jahren wurde im Archiv des Paleontologischen Museums of Paris auch ein Leistenkrokodilschädel mit einer Länge von 98,2 cm und einem Gewicht von 25kg entdeckt. Da die Gesamtlänge das 7-7,5-fache der Schädellänge beträgt, muss dieses Tier mindestens eine Länge von 6,9m gehabt haben. In der vierten Ausgabe des Crocodile Specialist Group Newsletter von 2006 wird auch von einem gigantischen Leistenkrokodilschädel aus Indien berichtet, der von einem Exemplar stammte, das 1926 im Dhamara-Fluss geschossen wurde. Der Schädel befindet sich momentan im Kanika-Palast der Raja von Kanika. Die Länge des Schädels beträgt 99cm, und er ist der größte bekannte Krokodilschädel der Welt. Die Länge soll bei 7,5m gelegen haben, was in Anbetracht des Schädels durchaus glaubhaft ist. Das abgebildete Photo des Schädels zeigt auch die enorme Robustheit des selben, er ist ungewöhnlich breit, und noch viel massiver als der oben gezeigte große Schädel aus Tübingen. Bei Krokodilen wird wie bei vielen anderen Reptilien der Schädel mit zunehmender Größe immer kräftiger und kompakter. Das Gewicht dieses Monstrums muss nach groben Schätzungen bei etwa 2 Tonnen gelegen haben, vielleicht aber sogar noch etwas mehr. Ein Krokodil dieser Größe wäre theoretisch sogar in der Lage gewesen, ausgewachsene Wasserbüffel, Nashörner und halbwüchsige Elefanten zu überwältigen. Selbst Riesen wie Yai oder Utan würden neben einem solchen Giganten wie Hänflinge aussehen.

Was bleibt also abschließend zu sagen? Man kann Größenangaben von 10m guten Gewissens ignorieren, auch solche von 9m. Angaben über 8m für Leistenkrokodile würde ich sehr vorsichtig betrachten, da dies vielleicht schon über der biologischen Grenze liegt, die diese Art erreichen kann, und auch viele Geschichten von 6 oder 7m langen Krokodilen werden übertrieben sein. Die Beispiele von schamlos übertriebenen Größenangaben zeigen auch, dass vieles, selbst wenn es in der Literatur verbreitet wird, nichts wert ist. Wirklich glaubhaft sind nur solche Angaben, die wirklich nachprüfbar sind, etwa durch Vermessen der Haut, des Schädels, oder im Idealfall des ganzen Tieres durch autenthizierte Personen. Die Tatsache dass es unzweifelhafte Beweise in Form von Schädeln für die Existenz von mehr als 7m großen Leistenkrokodilen gibt, bedeutet natürlich auch, dass es sicherlich auch einige Berichte über riesige Krokodile gibt, die nicht übertrieben gewesen sind, aber mangels entsprechend erhaltener Relikte nicht mehr nachprüfbar sind. Leider kann man solche Fälle nicht wirklich berücksichtigen, da der Hang des Menschen zur Übertreibung leider viel zu groß ist, und so allzuleicht falsche Informationen als Tatsachen verbreitet werden. Die Tatsache dass es weltweit wirklich nur eine Handvoll bekannte Krokodile gibt oder gab, die nachweislich Größen von 6m und mehr erreichten, zeigt auch gut, wie extrem selten solche Tiere sind, und dass es sich um außerordentlich Ausnahmen handelt. Die Ausführugen über das Wachstumsverhalten zeigen auch, dass keineswegs einfach ein langes Leben der ausschlaggebende Faktor für solche Größen sind. Gerade in Populationen in denen eine große Anzahl von Krokodilen praktisch unter den gleichen Lebensbedingungen leben, kann man viel eher davon ausgehen, dass das Vorhandensein einiger extrem überdurchschnittlich großer Individuen auf genetischen Hintergründen basiert, und diese Tiere primär dank ihrer Anlagen (gekoppelt mit optimalen Umweltbedingungen) die enormen Größen erreichen konnten. Krokodile die sehr groß sind, haben natürlich auch bessere Chancen ein hohes Alter zu erreichen, nicht nur weil sie keine Feinde mehr zu fürchten haben, sondern auch weil sie sich gegenüber Artgenossen besser durchsetzen können, was nicht nur das Risiko bei einer innerartlichen Konfrontation schwer verletzt zu werden senkt, sondern auch Vorteile beim Besetzen von Revieren oder dem gemeinsamen Fressen an Kadavern bietet.

Bevor die Krokodilpopulationen im großen Ziel hauptsächlich mit Hilfe von Schusswaffen dezimiert wurden, waren extrem große Exemplare sicherlich noch häufiger, wenngleich Längen von 6m und mehr niemals dem Standard ensprochen haben, und immer schon sehr selten gewesen sind. Durch die unnatürliche Selektion menschlicher Jäger, die bevorzugt die größten und eindrucksvollsten Exemplare einer Tierart schießen, sind derartige Riesen natürlich besonders selten geworden. Das vielleicht größte Krokodil der Welt lebt im Orissa-Reservat in Indien, das eine Länge von beinahe 7m hat.

Weiterführende Links:

Artikel der Crocodylian Biology Database über die Größe von Krokodilen:

http://www.flmnh.ufl.edu/cnhc/cbd-faq-q2.htm

Newsletter der Crocdile Specialist Group mit Photo des 99cm langen Krokodilschädels (ganz unten):

http://www.flmnh.ufl.edu/natsci/herpetology/Newsletter/csgnews254.pdf

Irgendwann möchte ich noch über den Mythos über das riesige Nilkrokodil namens Gustave eingehen, und vielleicht auch einmal kurz auf die Größe von Ganges-Gavialen.

Die Mähne des Höhlenlöwen

Montag, August 27th, 2007

Löwen werden ja allgemein speziell mit Afrika assoziiert, auch wenn es mit einer kleinen Population im indischen Gir-Forest auch eine letzte Bastion des noch vor gar nicht langer Zeit viel weiter verbreiteten asiatischen Löwen gibt. Noch in der frühen Antike gab es Löwen sogar noch auf dem Balkan. Dass die letzten Löwen in Mitteleuropa jagten, ist aber schon etwas länger her, nämlich etwa 10.000 Jahre. Die damals lebenden Höhlenlöwen waren nahe verwandt mit den modernen Löwen, und stellten möglicherweise sogar nur eine an die nördlichen Gefilde angepaßte Variante des afrikanischen Löwen dar. Man kennt das Aussehen dieser Tiere recht gut von gut erhaltenen Skelettfunden, sowie steinzeitlichen Plastiken und Höhlenmalereinen. Der Höhlenlöwe war etwas größer als heutige Löwen, was vielleicht eine Anpassung an das kältere Klima war. Von steinzeitlichen Kunstwerken ist auch bekannt, dass diese Tiere eine Schwanzquaste besaßen, aber meistens auch keine Mähne. Wohlgemerkt meistens. Zwar kann man in der Regel lesen, dass Höhlenlöwen, und auch ihre Verwandten, die über die trockengefallene Beringstraße nach Nordamerika gelangt waren, überhaupt keine Mähne besaßen. Einige alte Darstellungen zeigen aber unzweifelhaft, dass zumindest einige Höhlenlöwen eine Mähne besaßen. Diese war zwar nicht so stark ausgeprägt, wie bei den meisten modernen Löwen, aber dennoch vorhanden. Einige Darstellungen zeigen lediglich eine sehr kurze Mähne, die an Nacken und Kehle vorhanden war, und nicht viel länger als der Rest des Fells gewesen ist, aber eindeutig eine andere Fellstruktur aufwies. Aber es gibt auch Darstellungen, die längere Mähnen zeigen, etwa aus der französischen Chauvet-Höhle, welche man hier sehen kann: http://www.uf.uni-erlangen.de/chauvet/Chauvet_09.jpg

Ein solcher bemähnter Höhlenlöwe wird wohl zu Lebzeiten so ähnlich ausgesehen, haben wie diese Photoshop-Rekonstruktion eines Amerikanischen Löwen von Daniel Reed:

Panthera leo atrox mit Mähne

Die Behauptung dass der Höhlenlöwe grundsätzlich mähnenlos war, ist folglich falsch. Wahrscheinlich traf dies zwar auf die meisten männliche Höhlenlöwen zu, aber wenigsten manchen scheint sich eine Mähne erhalten zu haben, die darüber hinaus ging, bloß rudimentär zu sein. Auch die modernen afrikanischen Löwen zeigen eine extreme Variabilität in Bezug auf die Mähne. Während sie bei manchen über den gesamten Vorderkörper wallt, und am Bauch entlang seitlich bis zu den Hinterbeinen reicht, haben andere praktisch gar keine Mähne, und selbstverständlich gibt es sämtliche Formen dazwischen. Hier sieht man etwa den Vergleich eines riesigen Berberlöwen mit einer enormen Mähne, und einen kleinen Somali-Löwen, bei dem sie kaum vorhanden ist:

Berberlöwe vs Somali-Löwe

Das Photo stammt übrigens aus dem Naturhistorischen Museum in Wien, wo sich eines der letzten existierenden Präparate eines Berberlöwen befindet. Leider war der Raum sehr dunkel, und eng, darum ist die Qualität des Photos leider nicht besonders gut.

Wahrscheinlich werden selbst die größten Mähnen bei Höhlenlöwen nicht viel größer gewesen sein, als jene dieses Somali-Löwen, und bei den meisten war es wohl noch weniger. Dennoch ist es nicht richtig zu behaupten, dass sie gar nicht existierten. Da die Mähne bei modernen Löwen eine wichtige Rolle im Sozialleben spielt, und auch einen ausgezeichneten Schutz bei innerartlichen Kämpfen zwischen den Männchen darstellt, könnte man dahingehend auch spekulieren, dass sich die Sozialstruktur von Höhlenlöwen und modernen Löwen unterschieden haben könnte.

Hier ist noch eine ausgezeichnete Rekonstruktion des amerikanischen Höhlenlöwen von Daniel Reed, welche ein relativ typisches Männchen mit nur angedeuteter Mähne zeigt:

Panthera leo atrox

Gab es auf Madagaskar tatsächlich 10m lange Nilkrokodile?

Montag, August 20th, 2007

Wenn es um die Größe von Krokodilen geht, dann kann man oft eine ganze Menge ziemlich abenteuerlicher und allzu oft auch ziemlicher unwahrer Dinge lesen. Dabei fällt auch immer wieder auf, dass hier die tatsächlich dokumentierten und angeblichen Rekordexemplaren in ihrer Größe meisten weit auseinander klaffen. Ich wollte hier jetzt gar nicht auf all diese angeblichen Riesenexemplare aus Afrika, Asien oder Australien eingehen (das werde ich später irgendwann mal), sondern mich einmal einer sehr speziellen Thematik widmen.

Wenn es um die maximale Größe des Nilkrokodils geht, kann man zuweilen lesen, dass man auf Madagaskar Knochen von Nilkrokodilen mit einer Länge von 10m gefunden haben soll. Nähere Angaben werden dazu aber nie gegeben. Als erstes las ich davon in Grizmek´s Tierleben, und bei Wikipedia bin ich auf darauf gestoßen. Zugegebenerweise hat mir das ziemliches Kopfzerbrechen bereitet, und auch langwieriges Nachforschen hat praktisch keine Ergebnisse geliefert. Heutzutage gibt es auf Madagaskar nur eine einzige Krokodilart, das Nilkrokodil Crocodylus niloticus. Diese Tiere zeigen keinerlei Affinität zu extremen Größen heranzuwachsen, und werden auch nicht so groß wie ihre Verwandten auf dem wildreichen afrikanischen Kontinent. Es ist extrem unwahrscheinlich dass diese Krokodile auf Madagaskar jemals wirklich aufsehenserregende Größen erreicht haben. Ein Krokodil wächst nicht einfach mal auf das Doppelte  seiner natürlichen Länge, völllig unabhängig davon wie lange es lebt, denn auch bei Krokodilen stagniert das Wachstum mit zunehmenden Alter immer mehr, und wirklich alte Exemplare wachsen praktisch gar nicht mehr. Von ausgestorbenen Riesenkrokodilen wie Sarcosuchus imperator, der eine Länge von etwa 12m erreichte, weiß man dass sie ein anderes Wachstumsverhalten hatten als moderne Krokodile. Sie wuchsen eigentlich gar nicht einmal unbedingt schneller als moderne Krokodile, aber dafür hielt ihr schnelles “jugendliches” Wachstum, das bei modernen Arten meist einige Zeit nach erreichen der Geschlechtsreife stark abnimmt, über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten an, und ließ erst viel später merklich nach. Ein ähnliches Wachstumsverhalten konnte auch für den Riesenwaran Megalania prisca ermittelt werden, wenngleich diese Art ihr Wachstum schon deutlich früher bremste.

Hätten die madagasischen Nilkrokodile das genetische Potential zu einer Länge von 10m heranzuwachsen, dann wären heute mit Sicherheit auch extrem große Exemplare bekannt, was aber nicht der Fall ist. Madagaskar bot auch nie eine wirklich gute Ausgangsposition für einen wirklich großen Räuber. Es gab zwar noch bis vor wenigen hundert Jahren eine reichhaltige Megafauna aus Elefantenvögeln, Riesenlemuren und drei Arten von kleinen Nilpferden, um nur mal einige der spektakulärsten Arten zu nennen, aber im Vergleich zu den afrikanischen Savannen, welche riesige Mengen an Großwild beherbergen, war die madagasische Tierwelt doch recht ärmlich. Das Nilkrokodil ist vielleicht unter allen modernen Arten am stärksten darauf angepaßt, ab einer gewissen Größe Säugetiere von teils beachtlichen Größen zu fressen. Die Voraussetzungen dafür sind günstig, denn ihre Beute, allen voran verschiedene Huftiere, müssen nicht nur zum Trinken in den Aktionsbereich der Krokodile kommen, sondern sind bei Wanderungen auch oft gezwungen, Flüsse zu durchqueren, wovon die Krokodile ebenfalls profitieren können. Genaugenommen stellt sich hier sogar die Frage, warum das afrikanische Nilkrokodil nicht noch größer ist.

Tatsächlich hat es in Afrika vor zwei Millionen Jahren einmal ein sehr großes Krokodil namens Rimasuchus lloydi gegeben. Diese Art erreichte eine Länge von etwa 8m und war extrem robust gebaut. Der Schädel war noch kräftiger und massiver als beim Nilkrokodil, und mit größter Wahrscheinlichkeit handelte es sich um ein auf Großsäuger spezialisiertes Raubtier. Eine zeitgleich lebendene Art, Euthecodon brumpti, wurde sogar noch größer, und erreichte eine Länge von etwa 10m. Allerdings war Euthecodon eine extrem langschnäuzige Krokodilart, die eine Parallelentwicklung zu den Gavialen war, und ein spezialisierter Fischfresser gewesen ist. Laut Wikipedia sollen auch am Viktoriasee Fossilien sehr großer Nilkrokodile gefunden worden sein, aber ich glaube viel eher, dass es sich um Knochen von Rimasuchus oder Euthecodon handelte, und nicht um die von normalen Nilkrokodilen.

Aber zurück zu Madagaskar. Dort lebte tatsächlich noch vor sehr kurzer Zeit noch eine andere Krokodilart namens Crocodylus robustus. Man hielt sie ursprünglich für nahe Verwandte des Nilkrokodils, oder ging sogar davon aus, dass sie mit den heutigen Nilkrokodilen auf Madagaskar identisch waren und sogar heute noch leben würden, spätere Untersuchungen haben aber gezeigt, dass sie viel mehr mit dem Zwergkrokodil Osteolaemus tetrapsis. Insofern ist die Bezeichnung Crocodylus robustus falsch, und sollte entsprechend geändert werden. Diese Art war noch vor sehr kurzer Zeit existent, und möglicherweise verschwanden sie erst mit der restlichen Megafauna Madagaskars nach der Besiedlung durch den Menschen. Warum diese Art aber ausstarb, und das Nilkrokodil überlebte, ist allerdings unbekannt. Diese Tiere waren in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Am auffallensten waren die kleinen “Hörner” am Hinterrand des Schädels. Auch moderne Krokodile wie das Nilkrokodil besitzen nach oben ragende Knochenwülste hinter den Augen, aber bei Crocodylus robustus waren diese stärker ausgeprägt, als bei jeder anderen Art. Wozu sie aber gut waren, ist nicht bekannt. Hier ist mal eine Rekonstruktion die ich vor einiger Zeit anhand eines Schädel von Crocodylus robustus gemacht habe:

Crocodylus robustus- wurde allerdings nur 4-5m lang

 Könnte als diese Art hinter den angeblichen 10m langen Nilkrokodilen stecken? Teilweise habe ich schon gelesen dass diese Art 10m erreicht haben soll. Aber allem Anschein nach wurden hier die vermeintlichen 10m langen Krokodile und Crocodylus robustus einfach in einen Topf geworfen, und die Seite auf der ich das gefunden habe, machte auch keinen allzu seriösen Eindruck. Von Crocodylus robustus sind eine Reihe von Knochen bekannt, auch fast vollständige Schädel, aber selbst die größten bekannten Individuen waren nur 4-5m lang. Das ist immer noch recht groß, vor allem wenn man bedenkt dass der nächste lebende Verwandte eine maximale Länge von 1,9m erreicht, aber meistens sogar noch deutlich kleiner bleibt. Als Gewichtsangabe findet man für C. robustus übrigens oft ein Gewicht von 170kg, doch diese Angabe ist zweifellos zu gering, denn ein solches Krokodil wäre nur Haut und Knochen. Bei 4-5m würde das tatsächliche Gewicht viel eher 300-500kg betragen haben, abhängig davon, wie groß diese Tiere tatsächlich geworden sind. Also kann auch Crocodylus robustus wohl kaum hinter den Angaben von 10m langen Krokodilen stecken.

Die große Frage ist hier nun natürlich, woher diese Angaben kommen. In “ The Eighth Continent: On the Trail of the Extraordinary in Madagascar” von Peter Tyson konnte ich einen kleinen Zusatzhinweis finden. Dort wird erwähnt dass es auf Madagaskar einst eine riesiges Krokodiartl gegeben haben könnte, wobei allerdings allgemein vermutet wird, dass es sich um die noch heute dort vorkommenden Nilkrokodile handelte. Crocodylus robustus wurde auch lange als identisch mit den modernen madagasischen Krokodilen angesehen, und ich habe den Verdacht, dass hier verschiedene Dinge miteinander vermischt wurden. Falls es auf Madagaskar tatsächlich 10m lange Krokodile gegeben haben sollte, dann waren diese sicherlich nicht mit den Nilkrokodilen identisch, die heute dort leben. Und selbst wenn es irgendwann mal auf Madagaskar 10m lange Nilkrokodile gegeben haben sollte (was ich nicht glaube), dann würde dass noch lange nicht bedeuten, dass auch heutige Nilkrokodile tatsächlich so groß werden können. Meine persönlich Vermutung ist, dass es nie 10m lange Krokodile auf Madagaskar gegeben hat, auch wenn ich der letzte wäre, der sich nicht wünschen würde dass es sie doch gab. Massive Größenüberschätzungen anhand von Fossilien sind leider in der Geschichte der Paläontologie nichts ungewöhnliches gewesen, vor allem wenn nur fragmentarische Fossilien bekannt waren. Dass man über diese angelichen 10m langen Krokodile auch so gut wie gar nichts findet, spricht auch nicht gerade für ihre Glaubwürdigkeit. Ich wage mir jetzt nicht anzumaßen zu behaupten dass es definitiv niemals 10m lange Krokodile auf Madagaskar gegeben hat, aber ich sehe die Sache sehr sehr kritisch, und würde nicht allzu viel darauf geben. Sollte irgendjemand zusätzliche Informationen zu dem Thema haben, würde mich das sehr interessieren.