Bestiarium

Fantastisches aus Biologie, Paläontologie und Kryptozoologie

Archive for the ‘Populäre Irrtümer’ Category

Bild des Tages: Modell eines gebärenden Ichthyosaurier

Mittwoch, Oktober 31st, 2007

Ich habe ja leider schon länger nichts mehr geschrieben, und momentan sind noch mehrere Artikel kurz vor der Veröffentlichung, daher kann ich nur ein Bild des Tages posten, ein sehr schönes Modell aus der Sonderausstellung des Löwentor-Museums in Stuttgart:

Gebärender Ichthyosaurus

Anhand einiger hervorragend erhaltener Fossilien sind der Geburtsvorgang und sogar die Embryonalentwicklung von Ichthyosauriern recht gut bekannt. Wie heutige Wale wurden sie nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Schwanz voran geboren. Ein populärer Irrtum ist übrigens, dass die Fossilien von Ichthyosauriermütter mit mehr oder weniger ausgepresstem Nachwuchs einen fossilierten Geburtvorgang zeigen. Vielmehr handelt es sich dabei um postmortale Abborte, welche auch von Walen bekannt sind. Dabei führen die Faulgase im Körper eines trächtigen Tieres zu einem Herauspressen des Nachwuchses.

Hier noch eine Kopfansicht dieses schönen Modells:

Mastodonsaurus giganteus - eines der größten Amphibien aller Zeiten

Donnerstag, Oktober 18th, 2007

 

Heute möchte ich etwas über den Mastodonsaurus schreiben. Dieser gewaltige Panzerlurch war eines der spektakulärsten Amphibien aller Zeiten, mit Ausmaßen, welche man sich für ein Tier dessen nächste lebende Verwandte etwa Frösche oder Molche wären, kaum noch vorstellen kann. Gemeinhin wird Mastodonsaurus als das größte Amphibium bezeichnet, das je gelebt hat. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass manche Arten noch deutlich größer wurden, etwa der langschnäuzige Prionosuchus plummeri dessen Fossilien man aus Brasilien kennt, und der eventuell sogar Längen von 9m erreichte.  Aber unabhängig davon, ob es noch größere Amphibien gab oder nicht, Mastodonsaurus war in jedem Fall ein Gigant.

Mastodonsaurus ist vor allem aus dem deutschen Raum durch eine Reihe extrem gut erhaltenenr Fossilien bekannt, die teilweise fast vollständig sind. Selbst Fossilien von Mastodonsaurus-Larven sind bekannt. Mastodonsaurus giganteus erreichte eine Länge von mindestens 6m, fragmentarische Funde lassen aber sogar auf Tiere von 7m Länge schließen. Damit war Mastodonsaurus giganteus mindestens so lang wie die größten heutigen Krokodile. Da diese Tiere insgesamt aber etwas kompakter waren als Krokodile, dürften sie noch deutlich schwerer geworden sein, und Gewichte von mehr als 2 Tonnen erscheinen für die größten Exemplare keineswegs unrealistisch.  Noch eine andere Eigenschaft verband Mastodonsaurus mit diesen heutigen größten fleischfressenden Räubern des Süßwassers: Er hatte Knochenplatten unter der Haut, ähnlich den Panzerechsen. Eine solche Knochenplatte kann man hier sehen (das Photo stammt aus dem Naturhistorischen Museum in Wien):

Das von Burian stammende Rekonstruktionsbild zeigt die alte Vorstellung, dass diese Tiere eine sehr kompakten Körper, und einen extrem kurzen Schwanz hatten, eine Ansicht, die sich über viele Jahrzehnte gehalten hat. Neurere Rekonstruktionen zeigen aber, dass Mastodonsaurus sehr wohl einen gut entwickelten Schwanz hatte, und weniger kröten-als viel eher krokodilsgestaltig war.

So wurde auch etwa dieses, an sich sehr schöne Modell im Stuttgarter Museum am Löwentor mit einem überaus kurzem Körper und Schwanz rekonstruiert:

Mir war diese Darstellung schon seit jeher etwas seltsam vorgekommen, denn ein solches Tier hätte sich kaum effektiv fortbewegen können. Die Beine sind ziemlich schwach, und hätten beim Schwimmen keine große Hilfe geleistet, und ein derartig kurzer Schwanz hätte gar keinen Nutzen bei der Fortbewegung gehabt. Folglich hätte ein derartig proportioniertes Wesen darauf warten müssen, dass ihm seine Beutetiere schon beinahe ins Maul geschwommen wären.  Vor allem hätte auch eine Möglichkeit gefehlt, zumindest eine kurze Entfernung schnell zurücklegen zu können, wie es etwa Krokodile machen, wenn sie sich mit ihrem kräftigen Schwanz mehrere Meter hervorschnellen. Das in der aktuellen Ausstellung gezeigt Skelett, welches in extrem aufwendiger Arbeit mit Hilfe von per Hand aus Kupfer getriebenen Knochen rekonstruiert wurde, zeigt die tatsächlichen Proportionen dieses Tieres, welches nun deutlich krokodilähnlicher wirkt. Das Skelett darunter gehört übrigens Batrachotomus:

Das ganz oben zu sehende Bild zeigt eine Lebendrekonstruktion, welche auf diesen neuen Ergebnissen basiert, was man bei dieser Ansicht aber nicht sehen kann. Zugegebenerweise finde ich die Farbgebung etwas unstimming, zwar findet sich fast die gleiche Farbkombination bei Marmormolchen, aber irgendwie finde ich dass sie bei einem Tier wie Mastodonsaurus fehl am Platz wirkt. Naja, das ist eben die künsterlische Freiheit, und des ist ja nicht meine Rekonstruktion.  Interessant wäre auch zu wissen, ob sich die Panzerplatten unter der Haut abhoben, oder ob sie praktisch versteckt unter der Haut waren.

Mastodonsaurier waren Raubtiere, welche anderen Wirbeltieren nachstellten, vermutlich in ähnlicher Manier wie heutige Krokodile. Allerdings unterscheidet sich ihre Bezahnung beinahe grundlegend. Während Krokodile eine relativ geringe Variationsbreite von Zahngrößen besitzen, waren bei Mastodonsaurus zwei völlig unterschiedliche Zahnformen vorhanden. Der Großteil der Kiefer wurden von sehr kleinen Zähnen gesäumt, welche Ähnlchkeiten zu jenen heutiger Amphibien oder auch vieler Fische habe. Zusätzlich hatten sie aber auch drei Paar riesige Fangzähne, jeweils zwei im Ober-und eines im Unterkiefer. Die Fangzähne im Unterkiefer waren so lang, dass sie selbst bei geschlossenen Maul durch Löcher in der Schnauze nach außen ragten. Zweifellos waren diese Zähne außerst effektiv um große Beutetiere festzuhalten. Bei den größten Exemplaren konnten diese Fangzähne gut 15cm lang werden. Von diesen Zähnen leitet sich auch der Name der Tiere ab, denn Mastodonsaurus bedeutet “Zitzenzahnechse”, wobei hier der Begriff Echse natürlich völlig fehl am Platz ist. Im Querschnitt weisen diese Zähne eine äußerst ungewöhnliche Fältelung auf, welche unter anderem von Quastenflossern bekannt ist.

Einen etwas besseren Einblick in die Bezahnung bekommt man auf diesem Photo eines Mastodonsaurus-Schädels:

Gut erkennbar sind auch die mächtigen Kiefer, welche bis zu 90° aufgerissen werden konnten, und stark genug waren, um selbst bei größeren Beuteieren deutliche Spuren an den Knochen zu hinterlassen. Man kennt Zahnabdrücke an Knochen von Plagiosauriern, welche etwa 70cm lang wurden, aber auch von landbewohndenden Thekodontiern, welche bis zu 5m lang wurden. Allerdings ist mir hier nicht bekannt, wie groß die Exemplare waren, an denen die Spuren gefunden wurden. Interessant ist auch, dass diese verheilt waren, was bedeutet, dass sie von Mastodonsaurus in Krokodilmanier angegriffen worden sein müssen, und nicht etwa nur an einem im Wasser treibenden Kadaver herumgefressen haben.  Man kennt sogar Bissabdrücke dieser Tiere an anderen Mastodonsauriern, was bedeutet, dass es sich wahrscheinlich um nicht gerade sonderlich umgängliche Wesen gehandelt hat.

Mastodonsaurus verbrachte mit Sicherheit den größten Teil seines Lebens im Wasser, worauf auch die  Rinnen am Schädel deuten, welche einst nur im Wasser wirksame Seitenlinienorgane beherbergten. Allerdings sind auch Spuren bekannt, welche diese riesigen Panzerlurche an Land hinterlassen haben müssen, und zeigen, dass sie sich dort nur sehr schwerfällig fortbewegten.

Wer sich für dieses und ähnliche Themen interessiert, dem seien noch zwei Bücher ans Herz gelegt:

Rainer Schoch: Saurier - Expedition in die Urzeit

Ernst Probst: Deutschland in der Urzeit -  Von der Entstehung des Lebens bis zum Ende der Eiszeit

Beide Bücher behandeln vor allem Funde aus dem süddeutschen Raum, von denen auch viele in der Dauerausstellung des Stuttgarter Museums am Löwentor bestaunt werden können, aber es werden auch eine ganze Reihe von anderen Funden abgedeckt. Das Buch von Ernst Probst ist schon etwas älter, und enthält ein paar wenige Fehler, etwa ein noch froschartige Darstellung des Mastodonsaurus. Das Buch von Rainer Schoch ist auf dem neuesten Stand der Wissenschaft, und geht auch sehr detailliert auf die Evolution und Biologie der Dinosaurier ein, mit vielen Details und Entdeckungen, die ich bisher nur aus Internet und Fernsehen kenne, aber bisher noch nicht aus der Populärliteratur. Es enthält auch haufenweise Farbphotos der Rekonstruktionen, welche für die Sonderausstellung “Saurier - Erfolgsmodelle der Evolution” hergestellt wurden. Wer sich für Urzeit interessiert, sollte sich dieses Buch unbedingt kaufen.

Der menschenfressende Riesenwels, ein Fallbeispiel eines Internet-Hoaxes

Montag, September 10th, 2007

Das Internet ist eine wunderbare Sache um an alle möglichen Arten von Informationen heranzukommen, leider ist es aber auch so, dass man im Internet jede Menge Müll lesen kann. Manche Leute machen sich sogar bewußt einen Spaß daraus (gut, die BILD macht das jeden Tag, und die Leute verdienen sogar damit), Geschichten zu erfinden, und diese im Internet als wahre Begebenheiten zu verbreiten. Besonders beliebt ist es, echte Photos zu verwenden, und eine Story dazu herum zu erfinden, damit das ganze glaubhafter wirkt. Solche Sachen werden dann auch nicht selten direkt mit E-mail-Verteilern in die ganze Welt geschickt.

Vor kurzem machte wieder einmal einer dieser Internet-Hoaxes die Runde, und da es sich um ein Thema handelt, das gut zum Inhalt des Bestiarium paßt, und das ich hier kurz vorstellen wollte. Es geht um folgendende Geschichte: Im Huadu´s Furong Wasser-reservoir sollen jedes Jahr ein paar Leute auf mysteriöse Weise ertrunken sein, und erst kürzlich sollen dort beim Schwimmen zwei Personen ertrunken sein.  Als der Grund dieser Unfälle wird ein 3m langer Riesenwels präsentiert, dessen Kopf alleine schon einen Meter breit sein soll, und der die Leute gefressen haben soll. Im Magen dieses Riesenwelses, sollen sogar die Überreste eines Menschen gefunden worden sein. Zusätzlich zu der Geschichte werden jede Menge Photos gezeigt, die mehrere Asiaten zeigen, die sich um einen abgesperrten Bereich drängeln, in dem mehrere Männer und ein riesiger Fisch liegen. Spätere Photos zeigen dann wie der Fisch aufgeschnitten und zerlegt wird.

Das war jetzt die Geschichte, und nun kommen die Fakten. Zunächst gibt es weder in Asien noch sonstwo einen Wels der in der Lage wäre einen erwachsenen Menschen zu fressen. Außerdem handelt es sich bei dem gezeigten Fisch gar nicht um einen Wels. Der Fisch zeigt zwar für einen mit diesen Tieren nicht vertrauten Betrachter mit dem breiten endständigen Maul eine gewisse Ähnlichkeiten mit Welsen wie dem asiatischen Mekong-Riesenwels Pangasianodon gigas, der tatsächlich in Ausnahmefällen Längen von beinahe 3m erreichen kann (aber ein harmloser Algen-und Kleintierfresser ist) , aber es handelt sich bei diesem Fisch ohne jeden Zweifel um einen jungen Walhai (Rhyncodon typus). In den Kommentaren zu der Story wird das mehrfach auch schon gesagt, aber manche Leute versuchen mit den abstrusesten Gegenargumenten zu konntern, etwa wie der Walhai ins Süßwasser gekommen sein soll, oder warum er getötet wurde, obwohl sie vom Aussterben bedroht sind. Nun ist es vielen Ländern, vor allem in Asien, herzlich egal ob eine Tierart vom Aussterben bedroht ist oder nicht, solange sie Profit bringt, wird sie gejagt. Und gerade in Asien kann man mit Fleisch und Flossen von Walhaien eine ganze Menge Profit machen. Die ganze Geschichte vom Riesenwels im Wasser-reservoir ist natürlich nur erfunden, hier wurden einfach Photos, die irgendwo in der Nähe eines Hafens gemacht wurden, in eine Monster-Story integriert. Leider sind viele Leute allzu Bereit solchen Mist zu glauben.

Das ganze kann man hier nachlesen:

http://shanghaiist.com/2007/08/11/amazingly_huge.php

Wie groß werden Krokodile wirklich?

Sonntag, September 9th, 2007

leistenkrokodil-in-der-wilhelma.JPG 

Dass zwischen den in der allgemeinen Literatur vorhandenen, und den tatsächlichen Maximalgrößen von Tieren teilweise massive Differenzen bestehen, habe ich ja schon im allerersten Post über den Arapaima dargelegt (http://bestiarium.kryptozoologie.net/?p=6). Nun soll es um Krokodile gehen, speziell um Leistenkrokodile. Selbst in der Fachliteratur kann man immer wieder über angeblich gewaltige Größen lesen, welche diese Tiere erreichen sollen. Vielfach wird sogar nicht einmal die Durchschnittsgröße, oder wenigstens die nachgewiesene Maximalgröße abgeruckt, sondern nur teilweise lediglich vom Hörensagen übernommene, und maßloß übertriebene Größen. Nicht selten kann man lesen dass Leistenkrokodile 7, 8, 9 oder auch 10m lang werden können. Aber wie sieht es mit der Wirklichkeit aus, gab es tatsächlich jemals so große dokumentierte Exemplare?

Bevor ich darauf eingehe, möchte ich mich erst noch etwas mit dem  Wachstum von Leistenkrokodilen befaßen. Diese Krokodile zeigen ein typsches Wachstumsverhalten für Krokodile, sie wachsen in den ersten Jahren sehr schnell, und können mit etwa 10 Jahren eine Länge von 3m erreichen. Mit 10-15Jahren, je nach dem wann die Geschlechtsreife erreicht wurde, nimmt das Wachstum deutlich ab, um mit zunehmenden Alten immer weiter abzunehmen, bis es praktisch gar keine sichtlichen Zuwachs mehr gibt. Dabei sei anzumerken dass die Männchen deutlich größer werden als die Weibchen, und auch ein etwas anderes Wachstumsverhalten zeigen. Bei Leistenkrokodile werden die Männchen deutlich größer als die Weibchen, da sie auch deutlich schneller wachsen, und auch später die Geschlechtsreife erreichen. Viele Leute sind der Meinung, dass Reptilien, und speziell Krokodile ihr Leben lang wachsen, und dadurch auch theoretisch jede Größe erreichen können, wenn sie nur alt genug werden. Die Realität sieht aber ganz anders aus. Entscheidend für die Größe die ein Krokodil erreichen kann, sind weniger die Lebensjahre, als viel mehr die Größe, die es vor der Geschlechtsreife erreicht. Ein Krokodil das durch gute Bedingungen wie viel Nahrung, günstige Temperaturen oder auch gute genetische Anlange schon vor Erreichen der Geschlechtsreife sehr groß ist, hat gegenüber seinen Artgenossen nach der Geschlechtsreife einen deutlichen Vorteil, denn diese brauchen dann mehrere Jahre, um diesen Vorsprung nachzuholen, und in dieser Zeit kann das ohnehin schon große Krokodil auch noch zusätzlich wachsen. Ein Krokodil das nicht schon in seiner Jugend sehr groß geworden ist, wird auch später nie wirklich riesig werden können. Selbiges gilt im Übrigen auch für praktisch alle anderen Reptilien und Fische, welche sehr alt werden können. Die Wachstumskurve nimmt mit dem Alter immer weiter ab, und selbst wenn ein Krokodil wirklich alt wird, kann es nur noch relativ geringfügig an Größe zunehmen. Da ich wenig Bildmaterial zu diesem Thema besitze, und weil lange Posts ohne Bilder langweilig sind und viele vom Lesen abschreckt, zeige ich hier einfach mal zwei Photos eines sehr großen Leistenkrokodilschädels, dass ich vor kurzem im Archiv des Zoologischen Institutes in Tübingen gemacht habe. Als Größenvergleich (und damit jeder sieht dass ich ein uraltes, spartanisches und beinahe unkapputbares Nokia-Handy habe) habe ich mal mein Handy daneben gelegt:

Leistenkrokodilschädel

Einen solchen Schädel einmal aus nächster Nähe zu sehen macht einem erst einmal bewußt wie gewaltig diese Tiere werden können. Ich habe keine Ahnung wie lang der Schädel gewesen ist, oder das gesamte Tier als es noch lebendig war. Das restliche Skelett lag unter dem eines aufgestellten Zwergwalskelettes, und ich vermute einmal dass die Gesamtlänge zu Lebzeiten etwa 4,5m Meter betragen hat. Da das Skelett aber nicht aufgebaut war, und auch der Schädel nicht dabei gewesen ist, möchte ich mich hier aber nicht allzu sehr festlegen. Das Verhältnis von der Schädel- zur Körperlänge liegt bei Krokodilen bei etwa 1:7,5, das heißt man könnte die ursprüngliche Gesamtlänge durchaus recht gut bestimmen, wenn man die genaue Länge des Schädels wüßte. Hier noch mal ein Bild aus einer anderen Ansicht (kleiner Tipp: um sich die Größe dieses Schädels bewußt zu machen speichert man am besten die Bilder, und vergrößere sie mit Hilfe eines gleichgroßen Handys auf Originalgröße):

Leistenkrokodilschädel von vorne

Das sieht man ziemlich gut an einem der weltgrößten Krokodile überhaupt, dem thailändischen Riesenkrokodil Yai. Es ist das größte in Gefangenschaft lebende Krokodil der Welt. Es handelt sich bei ihm nicht um ein echtes Leistenkrokodil, sondern um einen Hybriden aus Leistenkrokodil und Siam-Krokodil (Crocodylus siamensis). Solche Hybriden werden manchmal auf Krokodilfarmen gezüchtet, da sie schneller wachsen als normale Krokodile, und daher auch profitabler sind. Man sieht Yai auch an dass er kein reinrassiges Leistenkrokodil ist, denn die Farben und Muster seiner Haut sind etwas abweichend von denen echter Leistenkrokodile. Als Yai das letzte Mal gemessen wurde, war er 6m lang und wog 1114 kg, inzwischen dürfte er sogar noch etwas größer sein, allerdings hat sein Wachstum in den letzten Jahren stark abgenommen. Erstaunlich ist dass Yai erst 35 Jahre alt ist, er also schon in einem relativ frühen Alter wahrlich monströse Ausmaße erreicht hat. Hier sollte man aber bedenken, dass daran mehrere Faktoren beteiligt waren. Zunächst hatte Yai durch den Hybrid-bedingten Heterosiseffekt einen massiven Wachstumsvorteil gegenüber normalen Leistenkrokodilen, außerdem ist seine Größe selbst unter anderen Hybriden ungewöhnlich, so dass man davon ausgehen kann, dass dieses Exemplar besonders günstige genetische Voraussetzungen besitzt. Zudem wurde Yai auf einer Krokodilfarm ausgebrütet und aufgezogen, das heißt er konnte unter annäherungsweise idealen Lebensbedingungen aufwachsen. Die Temperaturen in Thailand lassen einen hohen Stoffwechsel bei diesen Tieren zu, und Nahrung war ebenfalls immer genügend vorhanden. Yai konnte sein Wachstumspotential also annäherungsweise voll ausschöpfen. Vor einiger Zeit habe ich in einer Reportage über die Krokodilfarm, auf der Yai lebt, gesehen, und war wirklich beeindruckt einmal Videoaufnahmen dieses Giganten zu sehen. Er lebt zusammen mit dutzenden anderen Krokodilen in einem riesigen Gehege, über das eine Brücke führt, von dem aus Touristen Photos machen, und die Krokodile füttern können. Die anderen Krokodile waren auch nicht gerade klein, aber im Gegensatz zu Yai wirkten sie allesamt wie Zwerge. Übrigens ist Yai auf einer Seite blind, eines seiner Augen ist weiß-rot verfärbt, warum das so ist, wurde aber nicht gesagt, vermutlich geht es auf eine Rangelei mit Artgenossen zurück. Ein makabres Detail über Yai ist auch, dass er wahrscheinlich auch schon Menschenfleisch gefressen hat. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber da jedes Jahr wieder einige Leute auf die bescheuerte Idee kommen, Suizid zu begehen, indem sie von der Brücke ins Krokodilbecken springen, wird Yai als “Big Boss” in der Anlage sicher auch schon den einen oder anderen Bissen Mensch abgekriegt haben.

Es gibt noch ein paar andere sehr große Leistenkrokodilhybriden in Gefangenschaft, ist der 1964 auf der Samut Prakan Krokodilfarm in Thailand geborene Utan, der seit 2002 in South Caroline im Alligator Adeventure Parc lebt. Er hat eine Länge von knapp 6m, und wie etwa eine Tonne, ist also etwas kleiner als Yai. Auch einige reinrassige Leistenkrokodile von sehr großen Ausmaßen sind aus Zoos bekannt, etwa der etwa 6m lange Oscar, welcher im australischen Queensland beheimatet ist. Er stammt aus Papua Neuguinea, von wo er vor mehreren Jahrzehnten zusammen mit einem anderen Krokodil gebracht wurde. Diese andere Krokodil erhielt den Namen Gomek, und wurde vor mehreren Jahrzehnten nach Florida verkauft, wo er äußerst populär als größtes Krokodil der Vereinigten Staaten. Als er 1997 gestorben ist, war er 5,5m lang, und wog etwa eine knappe Tonne. Zu seinem Todeszeitpunkt war er bereits 70-80 Jahre alt, und es scheint dass er tatsächlich an altersbedingten Kreislaufversagen gestorben ist. In den 20 Jahren in denen Gomek in Florida lebte, wuchs er weniger als 30cm, und das obwohl er sicherlich immer genug zu fressen bekam. Das zeigt sehr gut, dass ein langes Leben keineswegs der Hintergrund für ungewöhnliche Größen bei Krokodilen ist. Nicht unerwähnt bleiben soll das “weiße” Leistenkrokodil das früher in der Wilhelma lebte, und Generationen von Zoobesuchern mit seiner stoischen Trägheit langweilte. Ich habe es zu Lebzeiten viele Male gesehen, aber niemals wie es irgend eine Bewegung vollführt hätte.  Dieses Leistenkrokodil war ungewöhnlich hell, wenn auch nicht wirklich weiß, und stammte von einer Krokodilfarm aus Asien, von wo es 1967 nach Stuttgart gebracht wurde. Mit einer Länge von 4,5m und einem Gewicht von etwas unter einer halben Tonne war es zwar ein gutes Stück unter den bisher genannten Krokodilen, aber dennoch für seine Art von sehr beachtlicher Größe. Inzwischen kann man es übrigens von der Decke hängend im Stuttgartere Rosenstein-Museum bewundern:

Das “weiße” Leistenkrokodil aus der Wilhelma

Das waren jetzt alles Krokodile, welche entweder in Gefangenschaft geboren, oder zumindest über längere Zeit dort gelebt haben, aber wie sah es mit den Krokdilen aus der Wildnis aus? Während man in Zoos relativ verläßliche Größenangaben (und nicht zu vergessen Bildmaterial) bekommen kann, und davon ausgehen kann, dass die gemachten Angaben auch stimmen, sieht die Sache von in der Wildnis gesehenen oder geschossenen Krokodilen vollkommen anders aus, hier gehen Wirklichkeit und pure Fiktion Hand in Hand.

Viele große Tiere, insbesondere solche die im Wasser leben, und daher oft nut teilweise gesehen werden, haben die Eigenschaft sehr viel größer auszusehen, als sie tatsächlich sind. Vor allem bei Reptilien scheint dies ein weit verbreitetes Phänomen zu sein, Größen werden hier extrem oft maßlos überschätzt, nicht selten um 100% oder sogar mehr. Daher werde ich gar nicht erst auf verschiedene ominöse Sichtungen von Krokodilen eingehen, deren Größe weit über den belegten Rekorden gelegen haben soll. Betrachtet man die geschossenen Riesenkrokodile, so fällt auf dass auch diese oft auf wundersame Weise schrumpften, wenn man sie genauer untersuchte (ein mysteriöses Phänomen, das man seltsamerweise auch oft bei Schlangen, Haien und anderen Fischen findet…). Etwa das vermeintliche Riesenkrokodil, das 1840 in der Bucht von Bengalen geschossen wurde, und das so groß war, dass man nur seinen Kopf mitnehmen konnte. Dieser landete dann später im Naturhistorischen Museum von London. Eine genaue Untersuchung des Schädels zeigte dann aber, dass dieses Krokodil keineswegs wie ursprünglich angegeben 10,1m lang gewesen ist, sondern nur etwa 4,8m (nach einer anderen Quelle 5,98m). Leider findet man die zuerst angegebene Größe von 10,1m immer noch in einigen Büchern als Rekordgröße. Bei einem anderen Krokodil, das einst eine Länge von 8,8m gehabt haben soll, stellte sich beim Vermessen des Schädels später heraus, dass es lediglich 4,9m lang gewesen ist. Das ist immer noch ziemlich viel für ein Leistenkrokodil, aber es zeigt doch wie massiv die Leute zum Übertreiben neigen, und wie leicht reines Jägerlatein als Tatsachen den Einzug in die Fachliteratur finden kann. Derartige Abenteuergeschichten von Riesenkrokodilen, bei denen spätere Messugen der Schädel ergaben, dass diese Tiere viel kleiner waren als angegeben, gibt es viele. Etwa ein 1823 auf den Philippinen geschossenes Leistenkrokodil, von dem es hieß, es habe eine Länge von 8,2m, das aufgrund der Schädelgröße aber nur etwa 6m lang gewesen sein kann. 

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie groß die größten wirklich nachprüfbaren Leistenkrokodile gewesen sind. 1974 geriet im Mary River in Nordaustralien ein Krokodil in ein Fischernetz, und wurde mit einer Axt getötet. Der Kadaver wurde dann geköpft, aber später konnte der Körper von Rangern gefunden, und noch einmal vermessen werden. Dieses Krokodil, dessen von Axthieben gezeichneter Schädel auf der Darwin-Crocodile-Farm zu sehen ist, hatte eine Länge von 6,2m. 1983 wurde im Fly River auf Papua Neuguinea ein Leistenkrokodil getötet, dessen Haut von mehreren Zoologen untersucht werden konnte. Nach der Messung der Haut zu urteilen, muss dieses Exemplar auch etwa 6,2m lang gewesen sein, aber da Krokodilhäute etwas kürzer werden als die lebenden Tiere, war dieses Krokodil ursprünglich wahrscheinlich sogar 6,3m lang. Man kennt auch den Schädel eines Leistenkrokodil aus Orissa, Indien, der einem Krokodil gehörte, das einst eine Länge zwischen 6m und 6,9m gehabt haben muss. Vor wenigen Jahren wurde im Archiv des Paleontologischen Museums of Paris auch ein Leistenkrokodilschädel mit einer Länge von 98,2 cm und einem Gewicht von 25kg entdeckt. Da die Gesamtlänge das 7-7,5-fache der Schädellänge beträgt, muss dieses Tier mindestens eine Länge von 6,9m gehabt haben. In der vierten Ausgabe des Crocodile Specialist Group Newsletter von 2006 wird auch von einem gigantischen Leistenkrokodilschädel aus Indien berichtet, der von einem Exemplar stammte, das 1926 im Dhamara-Fluss geschossen wurde. Der Schädel befindet sich momentan im Kanika-Palast der Raja von Kanika. Die Länge des Schädels beträgt 99cm, und er ist der größte bekannte Krokodilschädel der Welt. Die Länge soll bei 7,5m gelegen haben, was in Anbetracht des Schädels durchaus glaubhaft ist. Das abgebildete Photo des Schädels zeigt auch die enorme Robustheit des selben, er ist ungewöhnlich breit, und noch viel massiver als der oben gezeigte große Schädel aus Tübingen. Bei Krokodilen wird wie bei vielen anderen Reptilien der Schädel mit zunehmender Größe immer kräftiger und kompakter. Das Gewicht dieses Monstrums muss nach groben Schätzungen bei etwa 2 Tonnen gelegen haben, vielleicht aber sogar noch etwas mehr. Ein Krokodil dieser Größe wäre theoretisch sogar in der Lage gewesen, ausgewachsene Wasserbüffel, Nashörner und halbwüchsige Elefanten zu überwältigen. Selbst Riesen wie Yai oder Utan würden neben einem solchen Giganten wie Hänflinge aussehen.

Was bleibt also abschließend zu sagen? Man kann Größenangaben von 10m guten Gewissens ignorieren, auch solche von 9m. Angaben über 8m für Leistenkrokodile würde ich sehr vorsichtig betrachten, da dies vielleicht schon über der biologischen Grenze liegt, die diese Art erreichen kann, und auch viele Geschichten von 6 oder 7m langen Krokodilen werden übertrieben sein. Die Beispiele von schamlos übertriebenen Größenangaben zeigen auch, dass vieles, selbst wenn es in der Literatur verbreitet wird, nichts wert ist. Wirklich glaubhaft sind nur solche Angaben, die wirklich nachprüfbar sind, etwa durch Vermessen der Haut, des Schädels, oder im Idealfall des ganzen Tieres durch autenthizierte Personen. Die Tatsache dass es unzweifelhafte Beweise in Form von Schädeln für die Existenz von mehr als 7m großen Leistenkrokodilen gibt, bedeutet natürlich auch, dass es sicherlich auch einige Berichte über riesige Krokodile gibt, die nicht übertrieben gewesen sind, aber mangels entsprechend erhaltener Relikte nicht mehr nachprüfbar sind. Leider kann man solche Fälle nicht wirklich berücksichtigen, da der Hang des Menschen zur Übertreibung leider viel zu groß ist, und so allzuleicht falsche Informationen als Tatsachen verbreitet werden. Die Tatsache dass es weltweit wirklich nur eine Handvoll bekannte Krokodile gibt oder gab, die nachweislich Größen von 6m und mehr erreichten, zeigt auch gut, wie extrem selten solche Tiere sind, und dass es sich um außerordentlich Ausnahmen handelt. Die Ausführugen über das Wachstumsverhalten zeigen auch, dass keineswegs einfach ein langes Leben der ausschlaggebende Faktor für solche Größen sind. Gerade in Populationen in denen eine große Anzahl von Krokodilen praktisch unter den gleichen Lebensbedingungen leben, kann man viel eher davon ausgehen, dass das Vorhandensein einiger extrem überdurchschnittlich großer Individuen auf genetischen Hintergründen basiert, und diese Tiere primär dank ihrer Anlagen (gekoppelt mit optimalen Umweltbedingungen) die enormen Größen erreichen konnten. Krokodile die sehr groß sind, haben natürlich auch bessere Chancen ein hohes Alter zu erreichen, nicht nur weil sie keine Feinde mehr zu fürchten haben, sondern auch weil sie sich gegenüber Artgenossen besser durchsetzen können, was nicht nur das Risiko bei einer innerartlichen Konfrontation schwer verletzt zu werden senkt, sondern auch Vorteile beim Besetzen von Revieren oder dem gemeinsamen Fressen an Kadavern bietet.

Bevor die Krokodilpopulationen im großen Ziel hauptsächlich mit Hilfe von Schusswaffen dezimiert wurden, waren extrem große Exemplare sicherlich noch häufiger, wenngleich Längen von 6m und mehr niemals dem Standard ensprochen haben, und immer schon sehr selten gewesen sind. Durch die unnatürliche Selektion menschlicher Jäger, die bevorzugt die größten und eindrucksvollsten Exemplare einer Tierart schießen, sind derartige Riesen natürlich besonders selten geworden. Das vielleicht größte Krokodil der Welt lebt im Orissa-Reservat in Indien, das eine Länge von beinahe 7m hat.

Weiterführende Links:

Artikel der Crocodylian Biology Database über die Größe von Krokodilen:

http://www.flmnh.ufl.edu/cnhc/cbd-faq-q2.htm

Newsletter der Crocdile Specialist Group mit Photo des 99cm langen Krokodilschädels (ganz unten):

http://www.flmnh.ufl.edu/natsci/herpetology/Newsletter/csgnews254.pdf

Irgendwann möchte ich noch über den Mythos über das riesige Nilkrokodil namens Gustave eingehen, und vielleicht auch einmal kurz auf die Größe von Ganges-Gavialen.

Die Mähne des Höhlenlöwen

Montag, August 27th, 2007

Löwen werden ja allgemein speziell mit Afrika assoziiert, auch wenn es mit einer kleinen Population im indischen Gir-Forest auch eine letzte Bastion des noch vor gar nicht langer Zeit viel weiter verbreiteten asiatischen Löwen gibt. Noch in der frühen Antike gab es Löwen sogar noch auf dem Balkan. Dass die letzten Löwen in Mitteleuropa jagten, ist aber schon etwas länger her, nämlich etwa 10.000 Jahre. Die damals lebenden Höhlenlöwen waren nahe verwandt mit den modernen Löwen, und stellten möglicherweise sogar nur eine an die nördlichen Gefilde angepaßte Variante des afrikanischen Löwen dar. Man kennt das Aussehen dieser Tiere recht gut von gut erhaltenen Skelettfunden, sowie steinzeitlichen Plastiken und Höhlenmalereinen. Der Höhlenlöwe war etwas größer als heutige Löwen, was vielleicht eine Anpassung an das kältere Klima war. Von steinzeitlichen Kunstwerken ist auch bekannt, dass diese Tiere eine Schwanzquaste besaßen, aber meistens auch keine Mähne. Wohlgemerkt meistens. Zwar kann man in der Regel lesen, dass Höhlenlöwen, und auch ihre Verwandten, die über die trockengefallene Beringstraße nach Nordamerika gelangt waren, überhaupt keine Mähne besaßen. Einige alte Darstellungen zeigen aber unzweifelhaft, dass zumindest einige Höhlenlöwen eine Mähne besaßen. Diese war zwar nicht so stark ausgeprägt, wie bei den meisten modernen Löwen, aber dennoch vorhanden. Einige Darstellungen zeigen lediglich eine sehr kurze Mähne, die an Nacken und Kehle vorhanden war, und nicht viel länger als der Rest des Fells gewesen ist, aber eindeutig eine andere Fellstruktur aufwies. Aber es gibt auch Darstellungen, die längere Mähnen zeigen, etwa aus der französischen Chauvet-Höhle, welche man hier sehen kann: http://www.uf.uni-erlangen.de/chauvet/Chauvet_09.jpg

Ein solcher bemähnter Höhlenlöwe wird wohl zu Lebzeiten so ähnlich ausgesehen, haben wie diese Photoshop-Rekonstruktion eines Amerikanischen Löwen von Daniel Reed:

Panthera leo atrox mit Mähne

Die Behauptung dass der Höhlenlöwe grundsätzlich mähnenlos war, ist folglich falsch. Wahrscheinlich traf dies zwar auf die meisten männliche Höhlenlöwen zu, aber wenigsten manchen scheint sich eine Mähne erhalten zu haben, die darüber hinaus ging, bloß rudimentär zu sein. Auch die modernen afrikanischen Löwen zeigen eine extreme Variabilität in Bezug auf die Mähne. Während sie bei manchen über den gesamten Vorderkörper wallt, und am Bauch entlang seitlich bis zu den Hinterbeinen reicht, haben andere praktisch gar keine Mähne, und selbstverständlich gibt es sämtliche Formen dazwischen. Hier sieht man etwa den Vergleich eines riesigen Berberlöwen mit einer enormen Mähne, und einen kleinen Somali-Löwen, bei dem sie kaum vorhanden ist:

Berberlöwe vs Somali-Löwe

Das Photo stammt übrigens aus dem Naturhistorischen Museum in Wien, wo sich eines der letzten existierenden Präparate eines Berberlöwen befindet. Leider war der Raum sehr dunkel, und eng, darum ist die Qualität des Photos leider nicht besonders gut.

Wahrscheinlich werden selbst die größten Mähnen bei Höhlenlöwen nicht viel größer gewesen sein, als jene dieses Somali-Löwen, und bei den meisten war es wohl noch weniger. Dennoch ist es nicht richtig zu behaupten, dass sie gar nicht existierten. Da die Mähne bei modernen Löwen eine wichtige Rolle im Sozialleben spielt, und auch einen ausgezeichneten Schutz bei innerartlichen Kämpfen zwischen den Männchen darstellt, könnte man dahingehend auch spekulieren, dass sich die Sozialstruktur von Höhlenlöwen und modernen Löwen unterschieden haben könnte.

Hier ist noch eine ausgezeichnete Rekonstruktion des amerikanischen Höhlenlöwen von Daniel Reed, welche ein relativ typisches Männchen mit nur angedeuteter Mähne zeigt:

Panthera leo atrox

Gab es auf Madagaskar tatsächlich 10m lange Nilkrokodile?

Montag, August 20th, 2007

Wenn es um die Größe von Krokodilen geht, dann kann man oft eine ganze Menge ziemlich abenteuerlicher und allzu oft auch ziemlicher unwahrer Dinge lesen. Dabei fällt auch immer wieder auf, dass hier die tatsächlich dokumentierten und angeblichen Rekordexemplaren in ihrer Größe meisten weit auseinander klaffen. Ich wollte hier jetzt gar nicht auf all diese angeblichen Riesenexemplare aus Afrika, Asien oder Australien eingehen (das werde ich später irgendwann mal), sondern mich einmal einer sehr speziellen Thematik widmen.

Wenn es um die maximale Größe des Nilkrokodils geht, kann man zuweilen lesen, dass man auf Madagaskar Knochen von Nilkrokodilen mit einer Länge von 10m gefunden haben soll. Nähere Angaben werden dazu aber nie gegeben. Als erstes las ich davon in Grizmek´s Tierleben, und bei Wikipedia bin ich auf darauf gestoßen. Zugegebenerweise hat mir das ziemliches Kopfzerbrechen bereitet, und auch langwieriges Nachforschen hat praktisch keine Ergebnisse geliefert. Heutzutage gibt es auf Madagaskar nur eine einzige Krokodilart, das Nilkrokodil Crocodylus niloticus. Diese Tiere zeigen keinerlei Affinität zu extremen Größen heranzuwachsen, und werden auch nicht so groß wie ihre Verwandten auf dem wildreichen afrikanischen Kontinent. Es ist extrem unwahrscheinlich dass diese Krokodile auf Madagaskar jemals wirklich aufsehenserregende Größen erreicht haben. Ein Krokodil wächst nicht einfach mal auf das Doppelte  seiner natürlichen Länge, völllig unabhängig davon wie lange es lebt, denn auch bei Krokodilen stagniert das Wachstum mit zunehmenden Alter immer mehr, und wirklich alte Exemplare wachsen praktisch gar nicht mehr. Von ausgestorbenen Riesenkrokodilen wie Sarcosuchus imperator, der eine Länge von etwa 12m erreichte, weiß man dass sie ein anderes Wachstumsverhalten hatten als moderne Krokodile. Sie wuchsen eigentlich gar nicht einmal unbedingt schneller als moderne Krokodile, aber dafür hielt ihr schnelles “jugendliches” Wachstum, das bei modernen Arten meist einige Zeit nach erreichen der Geschlechtsreife stark abnimmt, über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten an, und ließ erst viel später merklich nach. Ein ähnliches Wachstumsverhalten konnte auch für den Riesenwaran Megalania prisca ermittelt werden, wenngleich diese Art ihr Wachstum schon deutlich früher bremste.

Hätten die madagasischen Nilkrokodile das genetische Potential zu einer Länge von 10m heranzuwachsen, dann wären heute mit Sicherheit auch extrem große Exemplare bekannt, was aber nicht der Fall ist. Madagaskar bot auch nie eine wirklich gute Ausgangsposition für einen wirklich großen Räuber. Es gab zwar noch bis vor wenigen hundert Jahren eine reichhaltige Megafauna aus Elefantenvögeln, Riesenlemuren und drei Arten von kleinen Nilpferden, um nur mal einige der spektakulärsten Arten zu nennen, aber im Vergleich zu den afrikanischen Savannen, welche riesige Mengen an Großwild beherbergen, war die madagasische Tierwelt doch recht ärmlich. Das Nilkrokodil ist vielleicht unter allen modernen Arten am stärksten darauf angepaßt, ab einer gewissen Größe Säugetiere von teils beachtlichen Größen zu fressen. Die Voraussetzungen dafür sind günstig, denn ihre Beute, allen voran verschiedene Huftiere, müssen nicht nur zum Trinken in den Aktionsbereich der Krokodile kommen, sondern sind bei Wanderungen auch oft gezwungen, Flüsse zu durchqueren, wovon die Krokodile ebenfalls profitieren können. Genaugenommen stellt sich hier sogar die Frage, warum das afrikanische Nilkrokodil nicht noch größer ist.

Tatsächlich hat es in Afrika vor zwei Millionen Jahren einmal ein sehr großes Krokodil namens Rimasuchus lloydi gegeben. Diese Art erreichte eine Länge von etwa 8m und war extrem robust gebaut. Der Schädel war noch kräftiger und massiver als beim Nilkrokodil, und mit größter Wahrscheinlichkeit handelte es sich um ein auf Großsäuger spezialisiertes Raubtier. Eine zeitgleich lebendene Art, Euthecodon brumpti, wurde sogar noch größer, und erreichte eine Länge von etwa 10m. Allerdings war Euthecodon eine extrem langschnäuzige Krokodilart, die eine Parallelentwicklung zu den Gavialen war, und ein spezialisierter Fischfresser gewesen ist. Laut Wikipedia sollen auch am Viktoriasee Fossilien sehr großer Nilkrokodile gefunden worden sein, aber ich glaube viel eher, dass es sich um Knochen von Rimasuchus oder Euthecodon handelte, und nicht um die von normalen Nilkrokodilen.

Aber zurück zu Madagaskar. Dort lebte tatsächlich noch vor sehr kurzer Zeit noch eine andere Krokodilart namens Crocodylus robustus. Man hielt sie ursprünglich für nahe Verwandte des Nilkrokodils, oder ging sogar davon aus, dass sie mit den heutigen Nilkrokodilen auf Madagaskar identisch waren und sogar heute noch leben würden, spätere Untersuchungen haben aber gezeigt, dass sie viel mehr mit dem Zwergkrokodil Osteolaemus tetrapsis. Insofern ist die Bezeichnung Crocodylus robustus falsch, und sollte entsprechend geändert werden. Diese Art war noch vor sehr kurzer Zeit existent, und möglicherweise verschwanden sie erst mit der restlichen Megafauna Madagaskars nach der Besiedlung durch den Menschen. Warum diese Art aber ausstarb, und das Nilkrokodil überlebte, ist allerdings unbekannt. Diese Tiere waren in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Am auffallensten waren die kleinen “Hörner” am Hinterrand des Schädels. Auch moderne Krokodile wie das Nilkrokodil besitzen nach oben ragende Knochenwülste hinter den Augen, aber bei Crocodylus robustus waren diese stärker ausgeprägt, als bei jeder anderen Art. Wozu sie aber gut waren, ist nicht bekannt. Hier ist mal eine Rekonstruktion die ich vor einiger Zeit anhand eines Schädel von Crocodylus robustus gemacht habe:

Crocodylus robustus- wurde allerdings nur 4-5m lang

 Könnte als diese Art hinter den angeblichen 10m langen Nilkrokodilen stecken? Teilweise habe ich schon gelesen dass diese Art 10m erreicht haben soll. Aber allem Anschein nach wurden hier die vermeintlichen 10m langen Krokodile und Crocodylus robustus einfach in einen Topf geworfen, und die Seite auf der ich das gefunden habe, machte auch keinen allzu seriösen Eindruck. Von Crocodylus robustus sind eine Reihe von Knochen bekannt, auch fast vollständige Schädel, aber selbst die größten bekannten Individuen waren nur 4-5m lang. Das ist immer noch recht groß, vor allem wenn man bedenkt dass der nächste lebende Verwandte eine maximale Länge von 1,9m erreicht, aber meistens sogar noch deutlich kleiner bleibt. Als Gewichtsangabe findet man für C. robustus übrigens oft ein Gewicht von 170kg, doch diese Angabe ist zweifellos zu gering, denn ein solches Krokodil wäre nur Haut und Knochen. Bei 4-5m würde das tatsächliche Gewicht viel eher 300-500kg betragen haben, abhängig davon, wie groß diese Tiere tatsächlich geworden sind. Also kann auch Crocodylus robustus wohl kaum hinter den Angaben von 10m langen Krokodilen stecken.

Die große Frage ist hier nun natürlich, woher diese Angaben kommen. In “ The Eighth Continent: On the Trail of the Extraordinary in Madagascar” von Peter Tyson konnte ich einen kleinen Zusatzhinweis finden. Dort wird erwähnt dass es auf Madagaskar einst eine riesiges Krokodiartl gegeben haben könnte, wobei allerdings allgemein vermutet wird, dass es sich um die noch heute dort vorkommenden Nilkrokodile handelte. Crocodylus robustus wurde auch lange als identisch mit den modernen madagasischen Krokodilen angesehen, und ich habe den Verdacht, dass hier verschiedene Dinge miteinander vermischt wurden. Falls es auf Madagaskar tatsächlich 10m lange Krokodile gegeben haben sollte, dann waren diese sicherlich nicht mit den Nilkrokodilen identisch, die heute dort leben. Und selbst wenn es irgendwann mal auf Madagaskar 10m lange Nilkrokodile gegeben haben sollte (was ich nicht glaube), dann würde dass noch lange nicht bedeuten, dass auch heutige Nilkrokodile tatsächlich so groß werden können. Meine persönlich Vermutung ist, dass es nie 10m lange Krokodile auf Madagaskar gegeben hat, auch wenn ich der letzte wäre, der sich nicht wünschen würde dass es sie doch gab. Massive Größenüberschätzungen anhand von Fossilien sind leider in der Geschichte der Paläontologie nichts ungewöhnliches gewesen, vor allem wenn nur fragmentarische Fossilien bekannt waren. Dass man über diese angelichen 10m langen Krokodile auch so gut wie gar nichts findet, spricht auch nicht gerade für ihre Glaubwürdigkeit. Ich wage mir jetzt nicht anzumaßen zu behaupten dass es definitiv niemals 10m lange Krokodile auf Madagaskar gegeben hat, aber ich sehe die Sache sehr sehr kritisch, und würde nicht allzu viel darauf geben. Sollte irgendjemand zusätzliche Informationen zu dem Thema haben, würde mich das sehr interessieren.

Bild des Tages: “Anitquierte” Megarachne-Rekonstruktion

Dienstag, August 7th, 2007

Megarachne galt lange Zeit als die größte Spinne aller Zeiten, mit einer Beinspanne von einem halben Meter, und einem Körper so groß wie ein Meerschweinchen. Vor einiger Zeit stellte sich aber heraus, dass es sich bei diesem vor gut 300 Millionen Jahren lebenden Biest nicht um eine landbewohnende Spinne, sondern um einen Verwandten der Seeskorpione handelte, und wahrscheinlich auch im Wasser lebte. Unter den Seeskorpionen wäre sie noch nicht einmal besonders groß gewesen, denn einige dieser entfernt mit den heutigen Skorpionen verwandten Wasserbewohnern erreichten Längen von deutlich über 2m. Tatsächlich handelte es sich bei ihnen um die größten bekannten Athropoden aller Zeiten. Die Vorstellung einer reifengroßen Riesenspinne ist also (leider) überholt, aber nichts desto trotz wollte ich hier mal ein Photo einer wunderschön gearbeiteten Lebendrekonstruktion aus dem Naturhistorischen Museum Wien zeigen:

Megarachne

Hier sieht man noch den Abguss eines Originalfossils von Megarachne:

Megarachne-Fossil

Bild des Tages: Entelodon

Montag, Juli 9th, 2007

Bis vor kurzem waren inmitten der Stadt Reutlingen verschiedene lebensgroße Modelle ausgestorbener Tiere aus den letzten 65 Mio Jahren ausgestellt. Das ganze lief unter dem Namen “Die Erben der Dinos” war die Nachfolgeaktion einer ähnlichen Ausstellung lebensgroßer Urtiere aus der Zeit von vor 65 Millionen Jahren, die im Jahr zuvor stattfand. Klar dass ich da auch mal einen Blick darauf geworfen habe. Die Tiere waren im Großen und Ganzen recht ordentlich gemacht, wenngleich sie teilweise doch etwas groß ausgearbeitet waren. Leider läßt sich Fell mit solchen Glasfasermodellen nur relativ schlecht darstellen, und jene Modelle bei denen zusätzlich Kunstfell aufgeklebt war, sahen bis auf wenige Ausnahmen ein wenig aus, als kämen sie aus der Muppet-Show. Ein paar wenige Modelle waren wirklich häßlich, etwa die Neandertaler oder das Megatherium, aber ansonsten hat mir die Ausstellung, zumal sie ja mitten in der Stadt und größtenteils unter freiem Himmel stattfand, sehr beeindruckend, vor allem da man so die Möglichkeit hat, jene ausgestorbene Arten einmal in Lebensgröße vor sich zu sehen.

Eines der Modelle das mir persönlich am besten gefallen hat, war das Entelodon. Diese auch aus der BBC-Reihe “Die Erben der Dinosaurier” bekannten Tiere, waren wirklich wahre Monster. Nicht nur dass sie groteske Köpfe mit riesigen Zähnen und seltsamen Knochenauswüchsen hatten, sie waren auch ziemlich groß. Die hier gezeigte Art wurde nicht näher benannt, aber man sieht schon recht deutlich dass das Entelodon aus “Die Erben der Dinosaurier” in punkto Darstellung und Farbe eindeutig Pate gestanden hat.

Entelodon

Ich denke man kann auf dem Bild auch ganz gut die enorme Größe dieser etwa Rinder-großen Bestien sehen.  Vor allem die Größe und Breite des Kopfes wird erst wirklich bewußt, wenn man einmal ein originalgroße Rekonstruktion oder einen Schädel sieht.

Dann habe ich aber noch etwas gesehen, was mich zugegebenerweise geärgert hat:

Entelodon Tafel

Auf der Tafel zu diesem Modell stand, dass die verlängerten Dornfortsätze der Wirbel  ein deutliches Anzeichen für einen Fettbuckel sind. Das ist allerdings vollkommener Unsinn. In dem Spinosaurus-Artikel bin ich ja schon näher auf diese Sache eingegangen. Ein Fettbuckel, der ja ohnehin nur bei zwei rezenten Tiearten, dem Kamal und dem Dromedar vorkommt, benötigt keine Knochen als Stütze, genau genommen zeigt das Skelett dieser Tiere überhaupt keine Anzeichen darauf, dass überhaupt ein oder auch zwei Höcker existieren. Verlängerte Wirbelsäulenausläufer in der Schultergegend, welche denen der Entelodonten stark ähneln, findet man auch bei verschiedenen großen Rinder-Arten, bei Nashörnern, Elchen, den ausgestorbenen Riesenhirschen, Giraffen, und noch ein paar anderen Arten, also vor allem Tieren, welche einen schweren Kopf haben, und bei denen die Wirbelausläufer als Ansätze für Muskeln und Sehnen zur Stabilisierung des Kopfes und des Halses dienen. Ein Fettdepot findet sich dort nicht.

Bild des Tages: Liopleurodon ferox-Skelett

Sonntag, Juli 8th, 2007

Diese weltberühmte und außerordentlich gut erhaltene Skelett eines Lipleurodon ferox ist in der Schausammlung des Paläontologischen Museums in Tübingen ausgestellt. Dieses ursprünglich aus England stammende Skelett ist eines der weltweit besterhaltenen Skelette eines Pliosauriers, und auch in unzähligen Büchern abgebildet.

Liopleurodon ferox Skelett

Das Skelett ist insgesamt etwa 4,5m lang, stammte also von einem subadulten Exemplar. Die Größe des Liopleurodon wird oft mit bis zu 25m angegeben, in Wirklichkeit blieb diese Art aber deutlich kleiner. In dem zweiten Teil der BBC-Dokumentation Dinosaurier-im Reich der Giganten kam in der zweiten Folge ein gigantischer Liopleurodon vor, dessen Länge mit 25m angegeben wurde. Daraufhin wurde auf unzähligen Internet-Seiten, in Zeitschriften und auch in manchen Büchern geschrieben dass Liopleurodon ferox 25m wurde. Tatsächlich basiert diese Vorstellung aber auf einer falschen Basis. In den aus dem Jura stammenden Lehmablagerungen aus dem Bereich um Oxford, von wo auch das oben abgebildete Skelett stammt, wurden die fragmentarischen Reste einiger extrem großer Pliosaurier gefunden. Die größten Knochen ließen auf Pliosaurier von etwa 18m schließen, woraufhin die Macher von Dinosaurier-Im Reich der Giganten sich dachten, dass das größte jemals existierende Exemplar dieser Art mit Sicherheit noch größer war. Tatsächlich wird das in der Episode sogar tatsächlich erwähnt, nämlich dass es sich bei dem alten Liopleurodon-Männchen um das größte jemals existierende Exemplar seiner Art handeln soll. Einen physischen Beweis für derartig große Pliosaurier gab es bis dato aber überhaupt nicht, dazu kommt noch, dass jene Funde von Riesenpliosauriern allem Anschein nach überhaupt zu Liopleurodon ferox, sondern einer anderen, bisher unbeschriebenen Art angehören. Liopleurodons mit einer Länge von 25m haben also mit allergrößter Wahrscheinlichkeit niemals existiert, auch wenn diese Art mit Längen von wahrscheinlich bis zu 10m immerhin noch größer als ein großer Orca wurde.

Dass es wahrscheinlich dennoch Pliosaurier gab, welche deutlich über 20m werden konnte, wurde erst später entdeckt, aber dazu in einem späteren Post mehr.

Angebliche Aasfresser Teil 2: Tyrannosaurus rex

Montag, Juni 25th, 2007

 Jurassic-Park Tyrannosaurus

Vor einiger Zeit machte in den Medien die Schlagzeile die Runde, dass neue Erkenntnisse zeigen sollen, dass kein geringerer als der berühmt berüchtigte Tyrannosaurus rex nicht ein furchteinflößendes Raubtier, sondern ein fauler Aasfresser gewesen ist. Die Idee dass die großen Theropoden nicht selbst jagten, sondern auf der Suche nach Aas in der Gegend herumstreiften, oder kleineren Raubtieren die Beute abjagten, ist nicht gerade neu. Im Falle von T-rex wurde sie allerdings vor allem von dem bekannten amerikanischen Paläontologen Jack Horner postuliert. In Horners Augen waren Tyrannosaurier große langsame Fleischberge, die mit ihrem gut entwickelten Geruchssinn nach Aas suchten, oder auch kleineren Theropoden die Beute stahlen, und praktisch unfähig waren, selbst auf die Jagd zu gehen.

Wie kommt Horner nun darauf? Eines seiner Hauptargumente sind die winzigen Stummelärmchen des T-rex, die kaum eine Rolle bei der Jagd gespielt haben dürften, außerdem war er seiner Ansicht nach viel zu langsam, um andere Tiere jagen zu können. Ein weiteres Argument Horners ist das Gehirn von T-rex. Dieses zeigt dass bei Tyrannosauriern die Bereiche die für das Riechen zuständig waren, ausgesprochen groß waren, woraus er Parallelen zu Geiern zieht, und annimmt, der gute Geruchssinn wäre dazu benutzt worden um Kadaver aufzuspüren. Gleichzeitig soll er nicht besonders gut gesehen haben. Inwiefern dass stimmen soll, wird später erörtert. Ein weiterer Punkt den Horner seltsamerweise glauben läßt dass Tyrannosaurier Aasfresser waren, ist jener dass jüngste Funde darauf hindeuten dass sie nicht als Einzelgänger, sondern in Familienverbänden gelebt haben. Ein weiteres Argument sollen Reste von großen herbivoren Pflanzenfressern sein, bei denen von Tyrannosauriern stammende Fraßspuren an jenen Stellen zu finden sind, wo beim Abfresser eines Kadavers die letzten Reste hängenblieben. Außerdem meint er dass die Zähne eher darauf ausgerichtet waren Knochen zu brechen, als Fleisch abzufressen.

Ich möchte mich nun jedem der Punkte einzeln widmen, um am Ende ein Resumee zu ziehen, von dem ich jetzt schon sagen kann, dass es Horner ziemlich schlecht dastehen läßt. Das hat nichts mit Voreingenommenheit zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit der Tatsache, dass Horner in seine Theorie haufenweise Fehler eingebaut hat, die so offensichtlich sind, dass es schon beinahe weh tut. Danach möchte ich noch auf einige Punkte eingehen, die zusätzlich gegen eine Spezialisierung auf eine Aas-fressende Lebensweies im Allgemeinen, und bei T-rex im Besonderen sprechen. Aber nun zu den Punkten im einzelnen:

 Eines der Hautargumente waren ja die winzigen Arme der Tyrannosaurier. Zum einen sollen sie viel zu klein gewesen sein um bei der Jagd eine Rolle gespielt zu haben, und zum anderen wäre mit ihnen kein Abfangen eines Sturzes möglich. Ich kann ehrlich gesagt nicht ganz nachvollziehen wie Jack Horner darauf kommt, dass ein Tier wie Tyrannosaurus rex überhaupt zusätzlich auch noch große starke Arme gebraucht hat. Betrachtet man einmal die großen Theropoden im Allgemeinen, so fällt auf dass praktisch alle größeren Arten nur über relativ kleine und schwache Arme verfügten, in manchen Fällen sogar noch weitaus verkümmerter als bei T-rex. Einzige Ausnahmen waren hier die Spinosauriden, die relativ große, und kräftige Krallen mit einer stark vergrößerten Daumenkralle besaßen. Dafür hatten Spinosauriden auch relativ langezogene und und verhältnissmäßig schwache Kiefer, und vieles spricht dafür dass größere Fische in ihrem Speiseplan eine wichtige Rolle spielten, und ihre Lebensweise gänzlich anders war als jene der anderen großen Theropoden.

 Zwar hatten einige Arten wie etwa die Allosaurier dreifingrige Klauen die noch ein gutes Stück größer waren als jene von T-rex, aber selbst bei ihnen waren sie noch verhältnissmäßig klein, und es erscheint nicht allzu wahrscheinlich dass sie eine große Rolle bei der Jagd spielten. Überhaupt benutzen nur ausgesprochen wenige Raubtiere tatsächlich ihre Krallen um ihre Beute zu fangen. Unter den heutigen Raubsäugern sind es beinahe ausschließlich die Katzen, Wölfe oder Hyänen dagegen fangen und töten ihre Beute einzig mit ihren Kiefern. Auch Warane und Krokodile greifen und töten nur mit den Kiefern, und packen ihre Beute nicht mit den Krallen, was ja zumindest bei Waranen noch gut möglich wäre. Auch die ausgestorbenen Terrorvögeln, die Phorusrhaciden, kamen allen Anschein nach sehr gut ohne Arme aus, und töteten ihre Beute vor allem mit ihren teilweise monströsen Schnäbeln, und möglicherweise auch mit Tritten. Zwar weiß man zumindest von einer Art, Titanis walleri, dass sie sehr robust gebaute Flügel hatten, an denen zwei Klauen saßen, aber im Verhältniss zu Gesamtgröße, waren sie immer noch ziemlich klein, und obendrein auch sehr unbeweglich. Ein zweibeiniges Raubtier muss also keineswegs über zusätzliche starke Arme verfügen, um ein erfolgreicher Jäger zu sein. Gerade bei den Tyrannosauriern zeigt sich ein starker Trend zu Reduktion der Vordergliedmaßen, und einer gleichzeitgen Zunahme der Kräftigkeit des Kopfes. Selbst bei mit etwa 6m nur relativ kleine Formen wie Alioramus waren die Vordergliedmaßen winzig und zweifingrig. Sieht man eine geringe Größe der Vordergliedmaßen bei Theropoden als Beweis für eine Aas-fressende Lebensweise an, dann würde das nicht nur T-rex, sondern eine ganze Reihe anderer Arten betreffen, was genauer betrachtet reichlich unrealistisch ist. Es scheint bei den Tyrannosauriern vielmehr zu einer Verkleinerung der vorderen Gliemaßen gekommen zu weil sie zum einen sowieso keine große Rolle mehr spielten, und zum anderen Gewicht einsparten, was die Enwicklung eines schwereren Kopfes mit kräftigeren Kiefern ermöglichte. Tyrannusaurs und verwandte Arten werden ihre Beute wohl primär mit ihren gewaltigen Kiefern getötet haben, zusätzliche Angriffswaffen in Form von Armen hatten sie sicher gar nicht nötig. Zudem waren die Arme von T-rex gar nicht besonders schwach, sondern hatten im Gegenteil trotz ihrer geringern Größe enorme Muskelansätze, und dürften in der Lage gewesen sein auf jeder Seite mindestens 200kg zu tragen.

Inwieweit sich ein Tyrannosaurier oder ein anderer großer Theropode beim Hinfallen mit den Armen abzustützen vermochte, ist auch schwer zu sagen. Die Antwort dürfte wahrscheinlich unabhängig von der Armgröße die gleich sein, nämlich prakisch gar nicht. Auch heutige Großtiere wie Elefanten oder Giraffen haben im Prinzip keine Möglichkeit sich irgendwie abzufangen wenn sie bei höherer Geschwindigkeit einmal hinfallen, und auch große Laufvögel wie der Strauß, die ja schließlich enorme Geschwindigkeiten erreichen können, sind nicht in der Lage einen Sturz irgendwie abzubremsen. Aber solche Stürze sind relativ selten, und nur weil sie tödlich enden können, muss es ein Tier keineswegs davon abhalten nicht trotzdem schnell zu laufen. Obendrein besaßen Tyrannosaurier besonders gut entwickelte Rippen auf der Bauchseite, die wahrscheinlich die Eingeweide schützten, wenn sie sich niederlegten.

Zwar haben neuere Untersuchungen der Extremitäten von T-rex gezeigt, dass er keineswegs so schnell gewesen ist wie man früher dachte, aber dass bedeutet keineswegs dass er nicht in der Lage war zu jagen. Horner scheint hier vollkommen zu vergessen dass die Schnelligkeit eines Raubtieres keineswegs ausschlaggebend für die Fähigkeit Beute zu schlagen sein muss. Raubtiere die ihre Beute aus dem Hinterhalt anfallen, sind in der Lage Beute zu schlagen, die ihnen an Schnelligkeit weitaus überlegen ist. So sind Komodowarane in der Lage selbst Hirsche oder Pferde zu schlagen, und auch andere Raubtiere wie etwa Tiger sind in der Lage sich an Beutetiere anzupirschen und sie zu schlagen, obwohl sie eigentlich langsamer sind. Einen ganz offensichtlichen Punkt hat Horner auch gänzlich unterschlagen. Wenn Berechnungen zeigen dass ein Tier von der Größe eines Tyrannosaurus rex nicht besonder schnell gelaufen sein kann, wie stand es dann mit seinen ähnlich großen Beutetieren. Die zu seiner Hauptbeute zählenden Hadrosaurier dürften kaum schneller gewesen sein, und die ebenfalls von ihnen gejagten und noch größeren Triceratopse sowieso nicht. Außerdem zeigen Untersuchungen der Knochen dass gerade Tyrannosaurus für seine enorme Größe noch ausgesprochen gut an relativ hohe Geschwindigkeiten angepaßte Beine besaß, im Gegensatz zu Tieren wie etwa Hadrosauriern.

Horners Idee von einem nach Aas suchenden Riesenfleischfresser wurde vor allem durch die große Ausbildung des Riechkolbens im Gehirn des T-rex beeinflusst. Durch Silikonausgüße oder mit Computertomographen ist es möglich die Gestalt von Dinosauriergehirnen bei gut erhaltenen Schädeln recht gut zu rekonstruieren, und anhand von Vergleichen mit den Gehirnen lebender Tiere wie Krokodilen oder Vögeln auch zu analysieren. Aber sagt es tatsächlich etwas über die Lebensweise aus, dass Tyrannosaurier gut riechen konnten? Horner benutzte Geier als Vergleich, die mit ihrem Geruchssinn Kadaver ausspüren. Schon dieser Vergleich hinkt, denn lediglich die Neuweltgeier wie etwa Raben-, Truthahn- oder Königsgeier finden Kadaver tatsächlich mit dem Geruch, die Altweltgeier wie Mönchs-, Gänse-oder Bartgeier finden ihre Nahrung ausschließlich mit den Augen, ihr Geruchssinn ist nur sehr schlecht entwickelt. Betrachtet man einmal verschiedene Raubtiere, dann fällt auch auf dass ein gut entwickelter Geruchssinn in keinerlei Kontrast zu einer jagenden Lebensweise stehen muss. Wölfe etwa haben einen außerordentlich gut enwickelten Geruchssinn, aber sie sind dennoch ausgezeichnete Jäger. Löwen dagegen, bei denen der Geruchssinn auf Kosten des Sehsinnes verringert ist, fressen ziemlich häufig Aas das sie anderen Raubtieren wie etwa Hyänen abgejagt haben. Warane haben ebenfalls einen enorm guten Geruchssinn, aber sie benutzten ihn keineswegs nur zum Aufspüren von Aas, sondern genauso um auch Beutetiere aufzuspüren.

Laut Jack Horner soll T-rex auch schlecht gesehen haben. Was hier eindeutig dagegen spricht, ist dass gerade Tyrannosaurier die Fähigkeit besaßen binokular zu sehen, da sich die Sichtfelder beider Augen relativ großflächig überschritten, was bei vielen anderen Theropoden nicht der Fall war, wie etwa bei dem noch größeren Giganotosaurus, bei dem die Augen viel weiter seitlich lagen. Binokulares Sehen ermöglicht erst ein präzises Abschätzen von Entfernungen, und ist ein typisches Merkmal von Raubtieren wie etwa Greifvögeln oder Raubkatzen. Für einen hypothetischen Aasfresser hätte das wenig Sinn gemacht, vielmehr wären dann seitlich am Kopf liegenden Augen vorteilhafter gewesen, die einen möglichst weiten Umkreis auf einmal wahrnehmen können, etwa um an einem Kadaver beim Fressen möglichst früh herannahende Konkurrenten erkennen zu können. Bei diesem Photo, aufgenommen in der Sonderausstellung “Saurier - Erfolgsmodelle der Evolution” im Stuttgart Museum am Löwentor, kann man sehr gut erkennen, dass Tyrannosaurus ein binokulares Sehfeld hatte, und daher auch in der Lage war, räumlich zu sehen, und Entfernungen gut abschätzen zu können:

Warum Jack Horner Leben in Gruppen oder Rudeln bei Tyrannosauriern als Argument für einen Aasfresser heranzieht, ist mir gänzlich schleierhaft. In einem normalen Ökosystem dürfte es selbst für einen einzelnen Aasfresser von der Größe eines T-rex nahezu unmöglich sein, immer genug Nahrung zu finden, bei einer ganzen Familie, die aus mehreren Erwachsenen und halbwüchsigen Individuen besteht, ist das ganze praktisch ausgeschlossen. Viel mehr deutet das Leben im Rudel nicht nur auf eine soziale Lebensweise, sondern auch auf eine hochentwickelte Jagdweise hin. Raubtiere die im Rudel jagen, können noch viel größere Beutetiere überwältigen als Einzelgänger, außerdem ermöglicht es auch eine strategische Jagdweise, bei der Beutetiere eingekreist oder einzelnen Räubern zugejagt werden können. Das würde sogar das Manko geringerer Geschwindigkeit gegenüber kleinerer und schnellerer Beute zu einem gewissen Maße ausgleichen. Zudem deuten auch bei ganz anderen großen Raubsauriern fossile Reste darauf hin, dass sie in Gruppen lebten, etwa bei Giganotosaurus. Möglicherweise diente der Zusammenschluss zu Rudeln bei großen Theropoden sogar dazu ansonsten für Einzeltiere unüberwältigbares Großwild zu jagen, etwa Sauropoden. Bei Löwen kennt man das Phänomen dass manche großen Rudel regelmäßig ausgewachsene Elefanten töten, etwa aus dem Savuti. Zwar zieht sich das Töten in einem solchen Fall über einen langen Zeitraum, und oft sind die zu Boden gerungenen Elefanten noch eine ganze Weile am Leben wenn die ersten Löwen anfangen an ihnen herumzufressen, aber selbst bei einer großen Kopfzahl ist einem Löwenrudel bei einer solch gewaltigen Beute für einen langen Zeitraum die Nahrung gesichert. Im Falle der Tyrannosaurier scheinen kleinere Beutetiere wie etwa Hadrosaurier den Großteil der Beute ausgemacht zu haben, aber zumindest bei dem viel früher lebenden Giganotosaurus könnte es durchaus häufiger zu Makroprädationen gekommen zu sein, da sie ihren Lebensraum mit riesigen Sauropoden teilten.

Die fossilen Überreste von pflanzenfressenden Dinosauriern bei denen Zahnspuren von Tyrannosauriern an Stellen gefunden wurden, wo bei einem Kadaver das letzte Fleisch hängen bleibt, sind ebenfalls nicht viel wert für eine Argumentation gegen eine jagende Lebensweise. Zunächst einmal sind praktisch alle Raubtiere Opportunisten, die bei sich bietenden Gelegenheiten auch Aas fressen, und insofern wären einzelne Indizien für das Fressen von Kadavern kein Beweis für einen spezialisierten Aasfresser. Wenn ein Wolf oder ein Löwe Hunger hat, und einen abgefressenen Kadaver findet, dann gibt er sich auch mit den letzten Resten zufrieden. Außerdem wird hier völlig vergessen, dass es eigentlich keinen Grund gibt, warum ein großes Raubtier nicht so lange am Kadaver einer erlegten Beute bleiben soll, bis alles verwertbare davon abgefressen ist. Ein Tiger wird in der Regel auch so lange an einem Kadaver bleiben, bis er alles ihm zugängliche Fleisch davon gefressen hat, bevor er sich wieder auf die Jagd begeben muss. Auch ein Wolfsrudel wird üblicherweise so lange an einem Kadaver bleiben, bis nichts mehr verwertbares davon übrig ist. Da Tyrannosaurus das größtes Raubtier in seinem Habitat gewesen ist, konnte er auch nicht von anderen Raubtieren von seiner Beute verjagt werden, so dass er bis zum Schluss daran fressen konnte.

Jack Horner geht desweiteren davon aus, dass T-rex sein gewaltigen Kiefer dazu nutzte, um Knochen aufzubrechen, und so Kadaver möglichst gut zu verwerten. Zunächst einmal muss gesagt werden, dass ein kräftiges Gebiss, und auch die Möglichkeit Knochen zu zerbeißen, keineswegs bedeuten muss, dass ein Tier auch tatsächlich ein spezialisierter Aasfresser ist. Sowohl Wölfe als auch Hyänen sind in der Lage teilweise noch sehr große Knochen aufzubrechen oder sogar gänzlich aufzufressen, das bedeutet aber keineswegs, dass sie deshalb Aasfresser sind. Hyänen galten lange Zeit als feige Aasfresser, die darauf warten, dass “echte” Jäger wie Löwen ihnen die Reste ihrer Beute überlassen. Die Wahrheit ist, dass gerade die oft als typische Aasfresser verschrienen Tüpfelhyänen höchst effiziente Jäger sind, die auch so wehrhafte Beute wie ausgewachsene Zebras überwältigen. Studien haben sogar gezeigt, dass sie keineswegs nur kranke und schwache Beutetiere töten, sondern im Gegenteil die allermeisten ihrer Beutetiere in bester körperlicher Verfassung sind. Einen Kadaver bis auf den letzten Rest verwerten zu können, kann auch einem Jäger sehr hilfreich sein. Der Beutelwolf beispielsweise war auch in der Lage auch große Beutetiere restlos aufzufressen, und selbst sperrige Knochen wie Schafschädel zerbiss er mühelos. Auch er war kein Aasfresser.

Betrachtet man einmal die Tiere mit der höchsten Beißkraft überhaupt, nämlich Krokodile und Alligatoren, dann fällt auch auf dass diese ihre enormen Kieferkräfte auch ausschließlich zum Töten und zerteilen ihrer Beute nutzen, und nicht etwa um große Knochen damit zu knacken oder alte Kadaver zu zerreißen. Betrachtet man einmal andere Tiere, die ebenfalls in der Lage sind Kadaver sehr effizient zu verwerten, so fällt auf dass nicht einmal besonders kräftige Kiefer oder Knochen-zermalmende Zähne nötig sind. Komodowarane können selbst die Körper so großer Tiere wie Wasserbüffel innerhalb kürzester Zeit bis auf die allerletzten Reste verschlingen, und mit Ausnahme von keratinösen Bestandteilen wie Hufen oder Haaren auch fast vollständig verdauen. Ihre Zähne ähneln stark denen von Theropoden, und sie benutzen sie vor allem dazu, um Teile aus großen Beutetieren herauszureißen, die dann unzerkaut heruntergeschlungen werden, ganz ähnlich wie bei Krokodilen. Auch viele Geier sind in der Lage selbst noch große und sperrige Knochen zu verschlingen und zu verdauen, sie haben es nicht nötig sie vorher aufzubrechen, und selbst normale Greifvögel können teilweise noch selbst sehr große Fleischstücke mitsamt den Knochen herunterwürgen. Außerdem zeigen die Fossilien von Pflanzenfressern mit Zahnspuren von Tyrannosauriern zwar durchaus dass sie ihre Zähne in massive Knochen schlagen konnten, für ein wirkliches Aufbrechen von Knochen, wie es etwa Hyänen oder Wölfe machen, habe ich aber noch nirgend Hinweise gesehen. In ihrer Anatomie standen Tyrannosaurier irgendwo zwischen Krokodilen und Greifvögeln, und es erscheint relativ logisch anzunehmen, dass sie auch recht große Teile ihrer Beute mitsamt kleineren Knochen herunterschlingen konnte, und ihre Magensäure die eigentliche Arbeit machen ließen. Zumindest von Baryonyx weiß man dass er nicht nur Fleisch von den Knochen abfraß, sondern diese teilweise gleich mit verschluckte. Ein Raubtier muss im Zweifelsfall also nicht einmal knochenbrechende Kiefer haben um einen Kadaver restlos nutzen zu können, sofern es in der Lage ist große Stücke herauszureißen und herunterzuschlingen. Außerdem muss die Fähigkeit auch Knochen fressen zu können, in keinerlei Kontrast zu einer jagenden Lebensweise stehen.

Neben den schon genannten Gründen die gegen die von Horner vorgebrachten “Argumente” für eine rein aasfressende Lebensweise sprechen, gibt es noch einige andere. Zum einen gibt es Spuren von verheilten Bissverletzungen an den Skeletten von Hadrosaurier und einem Triceratops, welche von Tyrannosaurierns stammten. Die Tiere wurden also angegriffen und konnten entkommen, was klar zeigt dass sie gejagt wurden. Zudem zeigen die Funde von Hadrosauriern und Triceratopsen, die zu etwa gleichen Mengen in den Gebieten vorkamen wie Tyrannosaurier, dass die Skelette der vergleichsweise harmlosen Hadrosaurier sehr oft Bissspuren von Tyrannosauriern zeigen, jene der wehrhaften Triceratopse aber vergleichsweise selten, was auf eine selektive Jagd auf leichte Beutetiere hindeutet. Wäre T-rex tatsächlich ein spezialisierter Aasfresser gewesen, so hätte man auch an viel mehr Triceratops-Knochen seine Zahnspuren gefunden.

Aber noch etwas ganz anderes spricht dagegen dass Tyrannosaurus oder irgend ein anderes Großtier sich jemals zu einem reinen Aasfresser entwickelte. Leider scheinen viele Paläontologen davon auszugehen, dass in jedem Ökosystem für Populationen von Raubtieren jeglicher Größe genug Aas herum liegt. Das ist aber keineswegs so, andernfalls würde es auch sicher heute noch auf Aas spezialisierte Fleischfresser geben, was aber nicht so ist. Die einzigen Tiere die zu einem wirklich großen Teil von Aas leben können, sind Geier, da diese durch den Segelflug in der Lage sind, mit minimalen Energieaufwand riesige Gebiete abzusuchen, was einem terrestrischen Fleischfresser niemals möglich wäre, außerdem sind sind insgesamt doch relativ klein, und haben nur einen vergleichsweise geringen Kalorienbedarf. Tyrannosaurier waren obendrein enorm groß, und ihr Energiebedarf entsprechend hoch. Sie müßten ein riesiges Revier besitzen, um als reine Aasfresser genügend Nahrung zu finden. Aufgrund der langen Strecken zwischen einzelnen Kadavern würde in der Regel das allermeiste sowieso schon von anderen Räubern abgefressen sein, sofern überhaupt noch etwas übrig blieb. Kadaver wirklich großer Tiere sind in jedem Ökosystems sehr selten, und jene kleinerer Tiere können in der Regel auch von kleineren Raubtieren sehr schnell effizient verwertet werden. Und selbst die Kadaver kleiner Tiere fallen nicht sonderlich oft an, da sie in aller Regel eher im geschwächten Zustand Raubtieren zum Opfer fallen, als dass sie an einer Krankheit sterben oder gar an Altersschwäche zugrunde gehen. Eine Gruppe von Tyrannosauriern, die zusammen auf ein Gewicht von über 20 Tonnen kamen, können unmöglich alleine davon gelebt haben, dass sie herumliegendes Aas fraßen, oder anderen Räubern die Beute abjagten. Das ist ein weiteres Problem, denn Tyrannosaurus war zu seiner Zeit das mit Abstand größte Raubtier in seinem Lebensraum, es gab keine anderen großen Jäger, die regelmäßig für einen Nachschub an frischen Kadavern gesorgt hätten.

Betrachtet man einmal die extrem wildreichen Savannen Afrikas, so fällt auf dass die dorten Löwen vergleichsweise oft Aas fressen, das sie nicht selten kleineren Raubtieren wie Hyänen, Leoparden oder Geparden abgejagt haben. Sie sind die größten dortigen Raubtiere, und in Gruppen allen anderen Jägern an Stärke überlegen. Warum legen sie sich dann nicht auch einfach auf die faule Haut und fressen nur das was sie anderen Raubtieren abjagen können? Schlicht und einfach weil es nicht reicht. Selbst kaltblütige Fleischfresser wie Komodowarane, die nicht nur in der Lage sind Kadaver restlos aufzufressen, sondern sie mit ihrem feinen Geruchssinn über weite Strecken wittern können, sind nicht in der Lage allein von toten Tieren zu leben. Selbst Geier sind nicht nur passive Aasfresser, sondern gehen jahreszeitlich bedingt auch selbst auf die Jagd wenn sie nicht genug Kadaver finden, wobei sie teilweise sogar in der Lage sind recht große und schnelle Beutetiere zu überwältigen. Wäre T-rex tatsächlich wie von Horner postuliert, ein jagdunfähiger und auf Aas angewiesenes Tier gewesen, dann wäre er innerhalb kürzester Zeit ausgestorben. Ein Raubtier das nicht in der Lage ist auch selbst zu jagen, ist vor allem in Zeiten in denen Nahrung ohnehin schon knapp ist, vollkommen aufgeschmissen. Zwar geht kaum ein Raubtier an einem Kadaver vorbei (die einzigen Ausnahmen wären hier Geparden), oder unterläßt eine Gelegenheit einem schwächeren Raubtier die Beute abzujagen, da das schließlich viel einfacher ist als selbst die Gefahren und Anstrengungen einer Jagd einzugehen, aber auf Dauer funktioniert das einfach nicht. Praktisch alle größeren Raubtiere sind Opportunisten, egal ob es sich um Raubkatzen, Hyänen, Greifvögel oder Warane handelt, die sehr wohl in der Lage sind, selbst zu jagen, aber auch nicht die Gelegenheit auslassen, Fleisch von Tieren zu fressen, die sie nicht selbst getötet haben. Aasfresser sind sie deshalb noch lange nicht, und auch bei den ausgestorbenen Raubtieren wird das nicht viel anders gewesen sein. Betrachtet man einmal das Jagd-und Fressverhalten moderner Raubtiere, dann fällt auf dass der Anteil von Aas und selbst geschlagener Beute teilweise selbst innerhalb einer Art sehr stark variieren kann, da sich die Tiere den jeweiligen Begebenheiten anpassen. Die Tüpfelhyänen im Ngorongoro-Krater jagen 90% ihrer Nahrung selbst, in manchen anderen Gebieten sind es weniger als 50%. Das sind recht drastische Unterschiede innerhalb ein und derselben Art. Auch bei Löwen schwankt der Anteil von Aas und selbst gejagten Beutetiere teilweise sehr stark. Aber weder bei Hyänen noch bei Löwen bedeutet ein hoher Aas-Anteil in der Nahrung tatsächlich dass sie nicht jagen können. Gerade Raubkatzen gelten als Archetypen erfolgreicher Jäger, und kaum jemand käme auf die Idee sie als Aasfresser abzustempeln, nur weil sie auch das Fleisch von nicht selbst erlegten Tieren fressen. Das ist zwar praktisch, wenn die Möglichkeit dazu besteht, aber rein prinzipiell muss ein Raubtier in der Lage sein praktisch vollständig von selbst gejagten Tieren zu leben, selbst wenn in zu manchen Jahreszeiten Aas unter Umständen zu einem wichtigen Nahrungsbestandteil werden kann.

Tyrannosaurus werden wie praktisch jedes andere Raubtier auch bei Gelegenheit Aas gefressen haben, oder anderen Raubsauriern die Beute gestohlen haben, aber nichtsdestotrotz müssen sie auch äußerst effiziente Jäger gewesen sein, sonst hätten sie auch niemals derartig gewaltige Größen erreicht. Über den Anteil an selbsterjagter Beute und Aas am Gesamtfleischkonsum kann man auch keinerlei Pauschalaussagen machen. Die Beispiele von den Löwen und Hyänen zeigen das recht gut, und man kann wahrscheinlich beinahe auch mit Garantie sagen, dass der Anteil von Aas in der Nahrung bei Tyrannosauriern geographischen und jahreszeitlichen Schwankungen unterlegen war. Bei genauer Betrachtung zeigt sich aber dass es kein einziges stichhaltiges Indiz dafür gibt, dass Tyrannosaurier oder andere ausgestorbene Raubtiere professionelle Aasfresser gewesen sind.