Bestiarium

Fantastisches aus Biologie, Paläontologie und Kryptozoologie

Archive for the ‘ausgerottete Arten’ Category

Wie man eine Lebendrekonstruktion von Megaladapis macht: Über die Hintergründe des Covers von “Die Insel des Grauens”

Mittwoch, März 17th, 2010

Ich dachte vielleicht würde es den einen oder anderen interessieren, was sich eigentlich genau hinter dem Cover von “Die Insel des Grauens” verbirgt. Wie in den Kommentaren zum letzten Post bereits verraten, handelt es sich um eine Rekonstruktion des Riesenlemuren Megaladapis, welche ich extra für das Titelbild angefertigt habe. Vielleicht zunächst einmal ein bisschen über Megaladapis selbst, was genau war das für ein Tier? Wenn man es genau nimmt, handelte es sich gar nicht um eine einzelne Art, sondern um eine ganze Gattung mit bisher drei bekannten Arten, nämlich Megaladapis edwardsiMegaladapis grandidieri und  Megaladapis madagascariensis. Sie unterschieden sich vor allem in der Größe, wobei der auch auf dem Titelbild abgebildete Megalapis edwardsi die größte Art war, und etwa so groß wie ein sehr großer Schimpanse war. Die Megaladapidae waren nicht nur aufgrund ihrer im Vergleich zu den lebenden Lemurenarten enormen Größen bemerkenswert, sondern auch aufgrund einer Reihe anatomischer Besonderheiten, vor allem im Bereich des Schädels. Dieser war, zunächst einmal, wahrlich riesig. Die größten Megaladapis-Schädel die man kennt, sind größer als jene von Gorillas, und entsprechen in ihrer Größe und den Proportionen eher einem mittelgroßen Eselschädel, wobei dazu gesagt werden muss, dass bei Megaladapis der Kopf im Verhältnis zum übrigen Körper ausgesprochen groß war. In seiner Form, aber teilweise auch in bestimmten Merkmalen der Bezahnung, ähnelte der Schädel tatsächlich eher einem wiederkäuendem Huftier wie etwa einem Rind oder einer Ziege. Ich möchte jetzt gar nicht sehr viel weiter in die anatomischen und biologischen Hintergründe eingehen, sondern vor allem einmal zeigen, wie ich das Modell gemacht habe.

Es gibt nicht allzu viele Rekonstruktionen von Megaladapis, und ich muss gestehen, dass mir die meisten nicht sonderlich gut gefallen, vor allem die bei diesen Tieren wirklich ungewöhnliche Nasenregion, wird vielfach einfach “unterschlagen”. Darum wollte ich nicht einfach den Kopf als solchen modellieren, sondern erst einmal den Schädel, um von diesem ausgehend, den eigentlichen Kopf zu rekonstruieren. Dafür habe ich eine Minuaturversion des Schädels samt Unterkiefers hergestellt. Natürlich habe ich mich hierbei nicht in allen Einzelheiten an das Original gehalten, das wäre nur mit einem extremen Zeitaufwand möglich gewesen, abgesehen davon, war ja ohnehin klar, dass er übermodelliert werden würde. Wichtig war vor allem, dass die Proportionen und die Form des Schädels stimmten, vor allem an jenen Bereichen, an denen viel Weichgewebe aufmodelliert werden musste. Ich habe mich dabei möglichst genau an verschiedenen Originalschädeln orientiert, damit die Form möglichst naturgetreu wird. Zur Stabilisierung des Schädels habe ich ein feines Metallgeflecht genommen, das sich für solche Sachen prima eignet, da man es sehr leicht verformen kann, und des trotzdem sehr stabil bleibt, denn Fimo allein hätte da nicht genug Halt.

Der Schädel stimmt nicht 100%, beispielsweise sieht das Kiefergelenk und der Jochbeinbereich in Wirklichkeit anders aus, außerdem habe ich peinlcherweise im Eifer des Gefechtes nur zwei statt drei Prämolaren pro Kieferquadrant modelliert, weil ich mich unglücklicherweise bei der Bezahnung an einem Schädel orientiert habe, bei dem man das schlecht gesehen hat…Mit viel Aufwand habe ich die Prämolaren dann wieder teilweise abradiert, und aus zwei Prämolaren jeweils drei gemacht. Als nächstes habe ich dann verschiedene Möglichkeiten durchprobiert, wie weit das Maul beim fertigen Modell geöffnet sein sollte, und habe die gewünschte Endposition dann mit Fimo fixiert, und gehärtet, außerdem war zu diesem Zeitpunkt auch schon der Gaumen und die Zunge ausgearbeitet. Zudem habe ich aus etwas Metallgitter eine Unterkonstruktion für den Hals gemacht, vor allem um das Modell besser halten zu können. Danach habe ich mal provisorisch etwas Masse auf dem Schädel aufgebaut:

Besonders wichtig waren dabei die beiden großen Kaumuskeln, der an Schläfe und Scheitel ansetzende Musculus temporalis und der an der Außenseite des Unterkiefers ansitzende Musculus masseter. Diese Muskeln waren bei Megaladapis sehr gut ausgeprägt, und hatten einen entscheidenden Anteil an der Form des Kopfes. Bei uns sind diese Muskeln, vor allem der M. temporalis, relativ klein, und tragen nur einen vergleichweise kleinen Teil zur äußeren Form von Kopf und Gesicht bei. Man sieht auch, dass ich das Jochbein, welches beim Modellschädel noch zu klein war, noch etwas weiter ausgearbeitet habe. Den Hals habe ich mal ganz bewußt nur relativ grob vormodelliert, da dieser bei Lemuren ohnehin üblicherweise von voluminösem Fell bedeckt ist, das beinahe jegliche anatomischen Einzelheiten der darunter liegenden Muskulatur verdeckt. Wie man sieht sind auch die vorgehärteten Augen bereits eingesetzt, und die darum liegenden Muskulatur (wie der Musculus orbicularis oculi) angedeutet.

Danach habe ich den teilweise mit Muskulatur aufgebauten, und teilweise noch nackten Schädel weiter mit einer dünnen Schicht aufgebaut, wobei mir die mit zahlreichen schrittweisen Rekonstruktionen ausgestatteten Illustrationen von Mauricio Anton in verschiedenen Büchern von Alan Turner sehr hilfreich waren (einige habe ich bereits auch auf dem Blog rezensiert). Die Gesichtsmuskulatur ist zum Glück be Lemuren nicht übermäßig ausgebildet, weshalb es hier nur sehr bedingt nötig war, den genauen Verlauf nachzubilden. Wichtig waren hierbei primär die Lippen, welche auch teilweise die Zähne verdecken. Selbst die ziemlich eindrucksvollen oberen Schneidezähne wirken nun deutlich kürzer. Besonders schwierig war die Nasenregion, denn diese war bei Megaladapis anders als bei jedem anderen Lemuren, was eine Rekonstruktion mangels Vergleichsmöglichkeiten deutlich erschwert. Das Nasenbein ist extrem nach vorne verlagert, so dass auch der knorpelige Anteil der Nase teilweise nach unten gekippt gewesen sein muss. Möglicherweise hat Megaladapis mit seiner Nase auch Blätter ins Maul gezogen, ähnlich wie Spitzmaulnashörner. Ich habe mich primär mal entschieden, eine moderat konservative Rekonstruktion zu machen, und habe die Nase nicht als großen, mit der Oberlippe verschmolzenen Zipfel modelliert, sondern nur leicht überhängend. Der ganze Schädel war nun jeweils der Lage entsprechend mit einer Schicht Fimo überzogen, und rein provisorisch zum besseren Abschätzen ein Ohr angefügt. Damit hätte man nun ungefähr das Bild, eines völlig haarlosen Megaladapis.

Da aber gerade Lemuren oftmals ein relativ langes und voluminöses Fell besitzen, musste teilweise noch erheblich zusätzliche Masse aufgebaut werden. Die typische “flauschige” Struktur von Lemurenfell läßt sich fast nicht als Modell umsetzen. Ich habe mich darum um einen Kompromiss bemüht, und an den Stellen an denen das Fell lang und voluminös sein sollte, also vor allem am Hals, eine neue Technik versucht, um die besondere Fellstruktur wiederzugeben. Außerdem wollte ich noch eine leichte Hals-oder Backenkrause anmodellieren, wie man sie auch bei vielen der lebenden Lemuren findet, welche wieder eine andere Haarstruktur hat, während die Haut am restlichen Teil des Kopfes nur von einem sehr dünnen und feinen Fell bedeckt sein sollte.

Die Kotletten waren zu diesem Zeitpunkt wie die Ohren nur provisorisch angefügt. Ich mache so etwas häufig, um das Endergebnis besser abschätzen zu können, auch wenn klar ist, dass die Details erst zu einem viel späteren Zeitpunkt ausgearbeitet werden können. Ich war mit den Kotletten in dieser Form auch nicht so ganz zufrieden, darum habe ich sie einfach umgedreht, mit dem voluminöseren Anteil nach oben:

Der bisher noch ziemlich formlose Hals wurde jetzt auch weiter ausgearbeitet, und eine Schulterpartie leicht angedeutet. Zudem habe ich am Hals dicke Falten anmodelliert, welche als Grundform für das voluminöse Fell dienen sollten. Das Modell war selbst zu diesem Zeitpunkt schon extrem viel Arbeit, doch das Fell ist wirklich eine Katastrophe gewesen. Obwohl das Modell ja nun wirklich nicht besonders groß ist, der Zeitaufwand allein für die paar Quadradzentimeter das Fell zu modellieren war enorm. Ich habe die Zeit die ich für dieses Modell gebraucht habe nicht gezählt, aber es war zweifellos das bisher aufwändigste das ich gemacht habe. Um das Fell herauszuarbeiten, bin ich wirklich tagelang an praktisch nichts anderem gewesen, als winzige Härchen zu modellieren. Wenn man einmal ansieht wie viel, bzw wie wenig Platz eine Fläche von 10 x 10 Härchen einnimmt, kann man sich ja ungefähr denken dass es schon einige tausend geworden sind. Allerdings finde ich auch dass sich der Aufwand gelohnt hat. Hier sieht man einen weiteren Zwischenschritt, die linke Seite ist schon größtenteils fertigmodelliert, das Ohr ist aber nach wie vor nur provisorisch, außerdem sind die Augenlieder und die Nasenpartie noch weiter ausgearbeitet.

 

Wenn man tagelang nichts weiter gemacht hat, als Fell zu modellieren (und das ist wirklich ziemlich schnell langweilig), kann es einen schon fast wahnsinnig machen, wenn man dann sieht dass man auf der anderen Seite grade noch mal das gleiche machen darf…

Einzelne Details wie etwa der Übergang der Nasenpartie zum Gaumen waren auch mangels Vergleiche nur schwer zu modellieren. Megaladapis hatte wie viele Huftiere keine oberen Schneidezähne, sondern einen harten hornigen Gaumen. Diese spezielle Partie zu modellieren, war daher auch etwas spekulativ. Glücklicherweise hat mich mein guter Bekannter Carl Buell, der schon seit mehreren Jahrzehnten hauptberuflich augestorbene Tiere illustriert (ich bin sicher beinahe jeder der das hier liest hat schon Bilder von ihm gesehen), und ein enormes Wissen über Tieranatomie besitzt, bei einzelnen Punkten beraten können.

Ich habe dann den Kopf zu ca. 95% fertig gestellt und gehärtet, nur die Ohren haben noch gefehlt. Diese habe ich dann extra modelliert, was ebenfalls ein nicht ganz unerheblicher Aufwand gewesen ist. Herausgekommen ist dann das:

Ich war selbst etwas überrascht wie es dann im Endeffekt herausgekommen ist, denn es ist einfach etwas anderes ein Tier dreidimensional vom Schädel aus zu rekonstruieren, anstatt nur auf Papier. Hätte ich einfach nur den Kopf frei anhand zeichnerischer Rekonstruktionen modelliert, wäre er wahrscheinlich auch nicht so herausgekommen. Auf dieser Ansicht von oben kann man noch mal sehr gut sehen, inwiefern die Form des Kopfes der markanten Schädelform von Megaladapis entspricht:

Das fertige Modell habe ich dann noch koloriert und photographiert, damit es für das Cover des Buches weiterbearbeitet werden konnte. Es gibt gewisse Hinweise darauf, dass Megaladapis ein relativ wolliges helles Fell mit einigen dunklen Partien hatte, weshalb ich mich bei der Bemalung auch an dieser Vorlage orientiert habe. Durch das Photographieren, und dadurch dass das Cover ja eine nächtliche Szenerie zeigt, wirkt das Modell aber im Endeffekt deutlich dunkler. Da mir von vorneherein klar war, dass ich das Auge auf dem Modell niemals wirklich realistisch bemalen könnte, ist an dieser Stelle einfach digital das Auge eines echten Lemuren (Danke an Sven für das tolle Photo!) eingefügt worden.

Wer nun etwas mehr über Megaladapis erfahren möchte, etwa weitere Hintergründe über sein Aussehen und seine Biologie, oder welche Wesen der madagasischen Mythologie und Folklore höchstwahrscheinlich auf ihn zurückgehen, der kann das in “Die Insel des Grauens” nachlesen. An dieser Stelle noch mal ein großes Dankeschön an alle die sich das Buch bisher gekauft haben.

Mein neues Buch: Die Insel des Grauens

Sonntag, Januar 10th, 2010

Nach langer langer Arbeit habe ich es nun endlich geschafft mein erstes eigenes Buch zu veröffentlichen, “Die Insel des Grauens”. Es handelt sich dabei um zwei Kurzgeschichten mit größtenteils kryptozoologischen Hintergründen. Allerdings habe ich mich dabei sehr bemüht, so weit wie möglich auf echte historische Ereignisse und gesicherte Daten als Vorlage zurückzugreifen, und nicht allzu sehr ins Fantastische abzudriften. Genau genommen kommt in dem ganzen Buch auch kein einziges erfundenes Wesen vor, sondern lediglich lebende Arten (vielleicht abgesehen von einer einzigen, sehr kleinen Spezies die bisher noch nicht entdeckt wurde…), beziehungsweise solche, die es noch bis vor relativ kurzer Zeit gegeben hat. Dabei habe ich versucht möglichst realistische Verhaltensweisen zu beschreiben, auch wenn ich mir aus dramaturgischen Gründen natürlich eine gewisse “künstlerische Freiheit” vorbehalten habe. Wem meine erste Geschichte “Der Herr der Tiefe” gefallen hat, könnte auch an den beiden neuen Gefallen finden, wobei diese aber auch ein gutes Stück länger sind. Außerdem beschränkt sich das Buch nicht auf reine Erzählungen, sondern besteht in etwa zur Hälfte aus einem Fachteil, in welchem auf die Hintergründe der Geschichten eingegangen wird, sowohl auf die geschichtlichen, als auch auf die zoologischen und kryptozoologischen. Dabei gehe ich etwa beispielsweise auf die Biologie der behandelten Tiere ein, ihre Entdeckung, wie sie in Mythologie und Folklore Einfluss gehalten haben, und zumindest auch bei einigen, wie sie ausgestorben sind. Außerdem wird vor allem in den Hintergründen der zweiten Geschichte auf eine Reihe von populären Irrtümern eingegangen. Ich möchte mal nicht allzu sehr auf den Inhalt der Geschichten eingehen, um nicht zuviel über die Handlung im Voraus zu verraten. Was ich immerhin sagen kann, ist dass das Tier auf dem Cover auch in einer der beiden Geschichten vorkommt. Es war eine ziemliche Arbeit dieses Modell anzufertigen, und ich habe auch mehrere Wochen dafür gebraucht, um es auf einen im verkleinerten Maßstab modellierten Schädel so realistisch wie möglich zu modellieren. Dabei hat mich auch mein Freund Carl Buell, der im Rekonstruieren ausgestorbener Tiere jahrzehntelange Erfahrung hat, vom Beginn an beraten. Kann jemand erraten um was für ein Tier es sich handelt?

Um aber den Inhalt der Geschichten nicht völlig im Dunkeln zu lassen, verweise ich hier auch noch einmal auf das Backcover:

Wer neugierig geworden ist, kann das Buch bei praktisch allen Internet-Anbieter für Bücher bestellen. “Die Insel des Grauens” gibt es ab jetzt übrigens auch über amazon.com, so dass man das Buch auch für die Vereinigten Staaten und Großbritannien bestellen kann.

Wem das Buch gefallen sollte, dürfte wahrscheinlich auch daran interessiert sein, dass ein ähnliches Buch mit neuen Geschichten auch in absehbarer Zeit veröffentlicht werden wird.

Der Karolinasittich Conuropsis carolinensis

Samstag, März 1st, 2008

Viel Zeit habe ich ja nicht, aber da ich jetzt schon so lange praktisch nichts gebracht habe, dachte ich dass ich wenigstens mal ein paar interessante Photos posten kann. Ich wollte auch schon lange mal wieder etwas über ausgerottete Tiere schreiben, bin aber leider nicht dazu gekommen, daher habe ich mich entschlossen zumindest ein paar Photos aus meinem Fundus zu posten.  Darum hier mal ein paar Photos von präparierten Karolinasittichen, dem einzigen Papagei welcher Nordamerika bewohnte.

Ein besonders schönes Präparat aus dem Zoologischen Institut Tübingen:

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Aus dem Rosenstein-Museum Stuttgart:

carolina-paraquet.JPG

Wegen schlechter Lichverhältnisse leider nicht so schön aus dem Naturhistorischen Museum Wien:

carolina-sittich.JPG

Die verschwundenen Großleguane Ozeaniens

Dienstag, Januar 8th, 2008

Die Inselwelt Ozeaniens weißt heute praktisch keine großen Tiere mehr auf, allerdings gab es noch vor relativ kurzer Zeit eine ganze Reihe teilweise sehr spekatukulärer Arten von größeren Vögeln, Reptilien und Amphibien, die allerdings teilweise erst in den letzten 2000 Jahren den menschlichen Kolonisten zum Opfer fielen. Hier möchte ich mich nun den beiden ausgerotteten großen Leguanen Lapitiguana impensa und Brachylophus gibbonsi widem. Über beide findet man leider nur sehr wenige Informationen im Internet,  und auch die entsprechenden wissenschaftlichen Artikel geben anhand der nur sehr fragmentarischen Funde bloß wenig her. Dennoch habe ich mich bemüht, alles wissenswerte zusammenzutragen. Das ganze stammt eigentlich aus einem größeren persönlichen Projekt über ausgerottete Tiere, darum werden teilweise Tiere und Dinge  erwähnt, auf die bereits an anderer Stelle eingegangen wurde, und die nicht weiter erörtert werden.  Möglicherweise werden in Zukunft noch einige weitere Auszüge folgen.

Auf der Fidschi-Hauptinsel Viti Levu kennt man neben Fossilien der landbewohnenden Panzerechse Volia athollandersoni noch eine weitere bemerkenswerte Reptilienart, welche ebenfalls nach der Besiedlung der Insel durch den Menschen ausgerottet worden ist. Es handelte sich um einen sehr großen Leguan namens Lapitiguana impensa. Man kennt nur recht fragmentarische Fossilien dieser Reptilien, doch kann man davon ausgehen, dass es sich für Leguane um äußerst stattliche Tiere gehandelt haben muss. Die Kopf-Rumpflänge betrug etwa 50cm, die Gesamtlänge dürfte abhängig von der Schwanzlänge bei mindestens 1,5m, vielleicht sogar bei etwa 2m gelegen haben. Das ist etwa so lang wie ein durchschnittlicher Grüner Leguan, die größte rezente Art. Zwar wird für den Grünen Leguan oft eine Länge von 2m angegeben, aber tatsächlich sind die meisten Exemplare nur 1,4-1,6m lang, und nur sehr wenige erreichen tatsächlich eine Länge von mehr als 2m, wobei der Rekord bei 2,3m liegt. Da von Lapitiguana impensa nur sehr wenige Funde bekannt sind, und man praktisch nichts über ihr ursprüngliches Größenspektrum weiß, könnte es durchaus sein, dass einzelne Exemplare auch deutlich größer als 1,5m wurden, und diese Art auch ähnliche Maximalgrößen erreichte, wie der Grüne Leguan Iguana iguana. Lapitiguana impensa unterschied sich von den noch heute auf den Fidschi-und Tonga-Inseln beheimateten Kurzkammleguanen der Gattung Brachylophus durch mehrere anatomische Besonderheiten von Schädel und Wirbeln, vor allem aber durch die enorme Größe. Einige der bei Lapitiguana impensa gefundenen Merkmale sind sonst von keinem anderen Leguan bekannt, und es wird angenommen dass diese Art einer sehr ursprünglichen Linie innerhalb der Familie Iguanidae angehörte. Die genauen Verwandtschaftsbeziehungen sind nach wie vor nicht gesichert. Es wäre theoretisch möglich dass Fidschi zweimal unabhängig voneinander von Leguanen koloniesiert wurde, was allerdings eher unwahrscheinlich ist, vor allem aufgrund der Tatsache dass in ganz Ozeanien lediglich von den Fidschi-Inseln, und einigen kleinen Inseln vor Tonga Leguane bekannt sind. Diese gehören alle der Gattung Brachylophus an, zu der auch die beiden rezenten Arten gehören. Wahrscheinlicher ist, dass Lapituguana und Brachylophus einen frühen gemeinsamen Vorfahren besaßen, und sich ihre Vorfahren auf den Inseln frühzeitig auseinander entwickelten.Die Zähne von Lapitiguana sind recht typisch für einen pflanzenfressenden Leguan, und ihre Nahrung wird primär aus Blättern, Früchten und Blüten bestanden haben. Vor allem kleinere Exemplare werden allerdings sicherlich auch Insekten gefressen haben. Man geht davon aus dass Lapitiguana ein Bodenbewohner gewesen ist, und nicht wie die rezenten Fidschi-Leguane auf Bäumen lebte.Große Leguane sind an vielen Stellen ihres Verbreitungsgebietes geschätzte Leckerbissen, und sicherlich wird auch den frühen Siedlern auf Fidschi vor etwa 2800 Jahren der Geschmack von Lapitiguana zugesagt haben. Einige der Fossilien wurden sogar zusammen mit menschlichen Artefakten gefunden. Ursprünglich hatten diese Tiere außer Raubvögeln, die den Jungtieren gefährlich werden konnten, höchstens noch das Landkrokodil Volia athollandersoni zu fürchten.

Hier sieht man noch ein schönes Photo des rezenten Fidischleguan Brachylophus fasciatus von der Seite Mongobay.com:

Fidschileguan Brachylophus fasciatus

Auf der zu Tonga gehörenden Ha´apai-Inselgruppe fand man bei archäologischen Ausgrabungen auf fünf verschiedenen Inseln die Reste einer anderen großen Leguanart. Brachylophus gibbonsi war etwas kleiner als Lapitiguana impensa, und war nahe mit den modernen Fidschi-Leguan verwandt. Die Kopf-Rumpf-Länge betrug etwa 35cm, lag also größenmäßig zwischen dem Fidschi-Leguan, welcher eine Kopf-Rumpf-Länge von 16-19cm und eine Gesamtlänge von etwa 60- und 75 cm erreicht, und Lapitiguana impensa. Geht man davon aus dass Brachylophus gibbonsi ebenso langschwänzig gewesen ist wie die beiden modernen Brachylophus-Arten, könnte die Länge beinahe eineinhalb Meter betragen haben.Diese Tiere waren recht nahe mit den modernen Brachylophus-Arten verwandt, und ähneln ihnen auch in der Skelettstruktur sehr, insofern können diese zumindest bedingt herangezogen werden, um das Aussehen und Biologie dieser Tiere zu rekonstruieren. Die Gelenkenden der Gliedmaßenknochen waren bei Brachylophus gibbonsi verhältnissmäßig massiver, was aber möglichereweise einfach auf das höhere Gewicht zurück geht.Der mit 60-75cm deutlich kleinere rezente Fidschi-Leguan Brachylophus fasciatus ist ein ausgesprochener Baumbewohner, der außer zur Eiablage praktisch nie auf den Boden herab klettert, und beinahe ausschließlich in den niedrigen Wäldern nahe der Küste vorkommt. Inwieweit Brachylophus gibbonsi auf Bäumen lebte, ist schwer zu sagen. Zwar wurde schon vermutet dass es sich bei ihnen um bodenbewohnende Tiere handelte, aber immerhin verbringt selbst der große Grüne Leguan sehr viel Zeit im Geäst von Bäumen. Die Kurzkammleguane zeichnen sich durch eine außerordentlich prachtvolle grün-türkise Färbung aus, die von breiten weißen Querstreifen unterbrochen, welche bei dem erst 1979 entdeckten Brachylophus vitiensis teilweise schwarzgeränderten sind. Diese an sich auffällige Zeichnung läßt im Blattwerk ihre Konturen verwischen, und stellt in den Bäumen, wo sie auch ihre Nahrung in Form von Blättern, Früchten und Blüten finde, eine sehr gute Tarnung dar. Abhängig davon ob Brachylophus gibbonsi am Boden oder auf Bäume lebte, wird auch die Färbung entsprechend ausgefallen sein.Wie der Name schon sagt, besitzen Kurzkammleguane einen kurzen Kamm, der am Nacken entspringt und sich bis zum ersten Drittel des Schwanzes reicht, und wahrscheinlich wird auch Brachylophus gibbonsi einen solchen Kamm besessen haben.Die meisten Knochen von Brachylophus gibbonsi wurden in direkter Assoziation mit Spuren menschlicher Siedlungen gefunden, und es steht außer Frage dass diese Leguane gejagt und gegessen wurden. Die Art scheint zusammen mit verschiedenen Vögeln innerhalb kürzester Zeit nach der Erstbesiedelung ausgerottet worden zu sein, was wahrscheinlich auch mit der geringen Größe der von ihnen bewohnten Inseln in Zusammenhang stand.

Quellen:

Gregory K. PregillA and Trevor H. Worthy

A NEW IGUANID LIZARD (SQUAMATA, IGUANIDAE) FROM THE LATE QUATERNARY OF FIJI, SOUTHWEST PACIFIC

Gregory K. PregillA and David W. Steadman

South Pacific Iguanas: Human Impacts and a New Species

Das Riesenfingertier Daubentonia robusta

Sonntag, Oktober 7th, 2007

Unter allen Lemuren ist das Fingertier oder Aye aye (Daubentonia madagascariensis) wohl am umgewöhnlichsten. Wegen seines seltsamen Gebisses, das sich unter anderem durch riesige, ständig nachwachsende mittlere Schneidezähne, und einer starken Reduktion der übrigen Zähne auszeichnet, gab es den früheren Taxonomen viele Rätsel auf, wurde es sogar schon zu den Eichhörnchen, den Springmäusen und den Kletterbeutlern gestellt. Auf diesem Bild eines Aye-aye aus dem Rostenstein-Museum in Stuttgart  kann man ganz gut sehen, weshalb die Zuordnung dieser Tiere so schwierig war. In Hintergrund rechts sieht man übrigens auch den Schädel.

Fingertier aus dem Rosenstein-Museum Stuttgart

Zeitweise stellte man sie sogar in eine eigene Säugetierordnung, bis der berühmte englische Anatom Sir Richard Owen anhand des noch primatentypischen Milchgebisses ihre Zuordnung klar darlegen konnte. Ihre verlängerten und extrem dünnen, namensgebenden Mittelfinger benutzen sie auf einzigartige Weise, indem sie mit ihnen Äste und Stämme abklopfen, um mit ihrem hochentwickelten Gehör nach den Gängen darunter versteckter Insektenlarven zu forschen, die sie dann nach Aufbeißen der Rinde wie mit einer Sonde aus ihren Gängen ziehen. Auch Kokosnüsse werden auf diesen Weg auf ihre Reife untersucht, an einer Stelle aufgemeißelt, und das nahrhafte Kokosmark heraus gekratzt, aber auch Nüsse und verschiedene andere Pflanzenteile werden nicht verschmäht. Eine Schönheit ist das Fingertier nicht gerade, die riesigen Ohren, die seltsamen Zähne und Spinnenfinger sowie das schwärzliche struppige Fell, mit den einzelnen dazwischen liegenden weißen Haaren lassen dieses völlig harmlose kleine Wesen eher wie einen kleinen Kobold erscheinen. Darum, und wohl auch wegen der befremdlichen Nutzung ihrer seltsamen Finger und der nächtlichen Lebensweise, ranken sich viele Legenden um diese Wesen. Einerseits gilt die Tötung dieser Tiere teilweise als unglücksbringed, und sie stehen unter einem Tabu, andererseits werden zuweilen auch die Aye-ayes selbst als Unglücksbringer angesehen und verfolgt, wahrscheinlich auch weil sie in gewissen Umfang Schaden in Kokosnusspflanzungen und Plantagen anrichten können.

Kaum bekannt ist, dass es noch bis vor sehr kurzer Zeit eine weitere Fingertierart gegeben hat, die inzwischen ausgestorben ist. Diese Art war deutlich größer als die rezente Art, und erhielt den Namen Daubentonia robusta . Man kennt nur wenige Reste des kräftig gebauten Riesenfingertieres, aber die gefundenen Zähne und Knochen deuten darauf hin, dass es dem Aye-aye ziemlich ähnlich sah, und wohl auch eine ähnliche Lebensweise führte, aber dieses an Größe um mindestens das dreifache übertraf. Das Fingertier wiegt im Mittel etwas über 2,5 kg, auch wenn einzelne Exemplare mehr erreichen können, das durchschnittliche Gewicht von Daubentonia robusta wird aber eher bei mindestens 8 kg gelegen haben, war also etwa so schwer wie eine große Wildkatze. Diese Art scheint erst vor sehr kurzer Zeit ausgerottet worden zu sein, und wurde noch bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrunderts gejagt, allem Anschein nach wurde das letzte Exemplar kurz nach 1930 im Osten Madagaskars getötet. Es ist gut möglich dass das Riesenfingertier im Gegensatz zu den allermeisten anderen ausgestorbenen Säugern Madagaskars  auch weniger dem Hunger, als viel mehr auch dem Aberglauben der Menschen zum Opfer gefallen sein könnte.

Ein Zwergzebu-Stier mit Auerochsenmerkmalen

Mittwoch, Oktober 3rd, 2007

Vor einiger Zeit entdeckte ich bei mir in der Nähe beim Spazierengehen eine Weide mit Zwergzebus. Es handelte sich um einen Stier und zwei Kühe. Diese Tiere hatten eine Schulterhöhe von nur etwas über einem Meter, manche Rassen von Zwergzebus bleiben sogar noch deutlich kleiner. Dass es sich um Zebus handelte, war anhand der typischen Merkmale wie Rückenhöcker (der übrigens nur aus dem stark vergrößerten Musculus rhomboideus besteht, und nicht von den Dornfortsätzen der Wirbelsäule getragen wird) und stark ausgeprägte Wamme klar erkennbar. Auch der restliche Körperbau mit relativ geringen Fleischansatz unterscheidet sich stark von den auf möglichst viel Fleischertrag gezüchteten Rassen, die bei uns normalerweise auf den Teller kommen.

Zwergzebu-Stier mit Auerochsenzeichnung

 Was mir nun auffiel, war die äußerst interessante Farbe dieses Stieres, denn sie entspricht praktisch 100% der eines Auerochsen. Dazu muss man sagen, dass die Farbe von Auerochsen in ihrem einst riesigen Verbreitungsgebiet, welches Europa, Nordafrika, den Nahen Osten sowie große Teile Nordasiens und Russlands umfaßte eine Reihe unterschiedlicher Farbvarianten entwickelte, und auch die Kühe von einer anderen Farbe waren als die Stiere. Dieser wunderschöne kleine Stier hat mit seinem schwarzbraunen Fell fast genau die Grundfarbe von mitteleuropäischen Auerochsen, mit einem hellen Maul, und vor allem dem für Auerochsenstiere typischen, und bei den meisten modernen Rindern verlorengegangenen hellen Aalstrich auf dem Rücken. Es ist wirklich interessant, wie sich solche archaischen Merkmale der Vorfahren unserer Nutzrinder gerade in einer solchen Rasse erhalten haben, wobei ich dazu sagen muss, dass ich eine solche Färbung noch bei keinem anderen Zebu gesehen habe, in so ausgeprägter Form noch nicht einmal bei einem Heckrind.

Sollte zufällig jemand genaueres über diese Zebus wissen, etwa woher sie genau stammen, und ob eventuell noch andere Rassen bei ihnen eingekreuzt wurden, würde much das sehr interessieren.

War Ardea bennuides der Totenvogel Benu?

Montag, August 20th, 2007

Die mythologische Welt der alten Ägypter ist ganz besonders reich an zahlreichen Fabelwesen, unter denen die Sphinx oder tierköpfigen Gottheiten wie der Schakalgott Anubis zu den bekanntesten zählen. Die allermeisten von ihnen sind Chimären, zusammengesetzt aus Tieren und Menschen, oder auch wie im Falle des Seelenfressers Amemamit, welcher den Kopf eines Nilkrokodils, die Vorderseite eines Leoparden oder Geparden und das Hinterteil eines Nilpferdes besitzt, aus verschiedenen Tiere zusammengesetzt. All jene Mischwesen haben eines gemeinsam, nämlich dass die Abgrenzungen zwischen den einzelnen Wesen klar voneinander erkennbar sind, und es zu keiner willkührlichen Vermischung verschiedener Attribute kommt, wie es in vielen anderen Kulturen der Fall ist. Zudem sind sowohl die einzelnen Körperpartien wirklich existierender Lebewesen, als auch die zuweilen auch dargestellten Haus-und Wildtiere sowohl auf bildlichen als auch auf figürlichen Darstellungen oft von erstaunlicher Natürlichkeit, so dass man in aller Regel die verschiedenen Arten klar zuordnen kann. Zwar gibt es mannigfaltige, teilweise extrem bizarre Kombinationen, etwa Menschen mit Skorpionskörpern als Unterleib, oder Skarabäen mit Geierflügeln. Wirklich eigenständige Lebewesen, die nicht stückweise zusammengesetzt sind, findet man dagegen kaum. Eine der wenigen Ausnahmen ist das mysteriöse Seth-Tier. In aller Regel wird der Gott Seth als tierköpfiger Gott dargestellt, in einigen Fällen aber auch als ein schwer definierbarer Vierfüßer mit großen Tütenohren, einer langen, leicht nach unter gerichteter stumpfen Schnauze, einem windhundartigen Körper und einem senkrecht in die Höhe stehende dünnen Schwanz mit einer Quaste am Ende. Das Seth-tier wurde schon als Esel, Schakal, archaische Giraffe und sogar als Ameisenbär gedeutet, vielleicht handelt es sich aber auch hier um ein etwas freizügiger gestaltetes Mischwesen, dem unter anderem das Erdferkel, und das oft mit steil erhobenen Pinselschwanz laufende Warzenschwein als Vorbild dienten, beides Tiere, die einst auch in Ägypten vorkamen. Bisher hat man noch kein lebendes oder ausgestorbenes afrikanisches Tier entdeckt, das dem Wesen auf den alten Darstellungen ähnelt, und Seth bleibt nach wie vor rätselhaft. Bei einem anderen Mythentier aus dem Reich der Pharaonen sieht die Sache allerdings ganz anders aus. Lange Zeit wurde der Totenvogel Benu oder Bennu als reines Fantasiegeschöpf abgetan. Diesem als großer Reiher dargestellten Vogel wurde nachgesagt, dass er die Seelen der als würdig empfundenen Toten zum Gott Re brachte. Der Benu findet sich in vielen Darstellungen, sowohl auf Papyri, als auch auf Wandmalereien und Steingravuren.  Besonders viele Darstellungen findet man im Totenbuch des Schreibers Ani, ein Papyrus aus der Zeit um 1300 v. Chr. Hier sind einige Bilder des Benu aus diesem Totenbuch:

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Man achte auf die kleine Benu-Hyroglyphe vor dem linken Bein des Benu.

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Diese Darstellung ist besonders interessant, denn sie zeigt rechts möglicherweise einen Jungvogel, der noch keine Federfahnen am Kopf hatte.

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Hier sieht man auch einige seltsame Chimären mit dem Oberkörper eines Menschen und dem Unterkörper eines Benu.

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Dieses Bild stammt aus einer original getreu nachgebildeten Grabkammer des Kunsthandwerkers Sennedjem, der zur Zeit Sethos I. und Ramses II. lebte.

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Seinem Aussehen nach ist er als typischer Reiher zu erkennen, mit langen Stelzbeinen, einem langen, oft S-förmig gekrümmten Hals und einem langen Schnabel, am Hinterkopf zeigt er auch die beiden für viele Reiherarten typischen Federfahnen. Seine Größe variiert geringfügig, aber meist wurde er als ein recht großer Vogel dargestellt, der selbst mit in den Nacken gelegten Hals nur wenig kleiner als ein Mensch war. Zuweilen wurde ihm auch noch eine herrschaftliche Krone zugestanden, was allerdings wenig heißen muss, denn dies war manchmal sogar bei Fischen wie etwa dem bizarren Nilhecht der Fall. Die altägyptischen Tierdarstellungen lassen kaum einmal einen Zweifel an der Idendität der dargestellten Wesen, speziell bei Vögeln wie etwa wilden Gänsen oder Enten, sind Körperform, sowie Farbe und Musterung des Gefieders im Allgemeinen detailgetreu wiedergegeben. Unter den heutigen Reihern gibt es allerdings keinen, der dem Benu wirklich ähnlich sieht, und so wurde vermutet, dass es ihn niemals wirklich gegeben hat. Im Jahre 1979 aber entdeckte die Archäologin Dr. Ella Hoch von der Universität Kopenhagen unter den aus Kuwait und dem Oman stammenden Knochen, welche seit 1958 geborgen wurden, bis dato aber noch nicht weiter untersucht worden waren, die Überreste einer sehr großen unbekannten Reiherart. Den Knochen zufolge waren diese Vögel größer als die größten heutigen Reiher, die Goliath-Reiher (Ardea goliath), welche Höhen bis zu 1,40m erreichen. In Bezug auf die Größe würde dieser Vogel also durchaus den Darstellungen des Benu entsprechen. Man datierte die Knochen auf ein Alter von 3800 bis 4700 Jahren, was bedeutet dass zumindest die Künstler der ältesten Dynastien diesen Vögeln noch begegnet sein können. Vom Benu heißt es, dass er vom Osten her käme, was von der Lage Ägyptens aus auch mit den Fundorten auf der arabischen Halbinsel übereinstimmen würde. Da es sich bei dieser Reiherart mit großer Wahrscheinlichkeit um jenen Vogel handelte, der für den mythologisch verklärten Benu Modell stand, wurde er Ardea bennuides genannt. Nun stellt sich natürlich die Frage wann und warum dieser Vogel ausgestorben ist. Möglicherweise handelte es sich um einen Zugvogel, der nur zu bestimmten Zeiten das Nildelta aufsuchte, wo er von den frühen Dynastien auch von Künstlern gesehen und naturgetreu wiedergegeben wurde. Vielleicht starb er aufgrund von Nachstellungen oder auch durch die Vernichtung seiner Brutplätze auf der arabischen Halbinsel schon in der frühen Antike aus, so dass er in späteren Dynastien nur noch von Geschichten und Bilder bekannt war, was vielleicht auch den mythischen Status als Seelengeleiter erklären könnte. Die Darstellung des Benu ohne Federfahnen ist besonders interessant, denn sie deutet darauf hin, dass der damalige Maler noch einen lebenden Ardea bennuides als Vorlage für den Benu gesehen haben könnte.

Anmerkung:

Alle Photos stammen aus der Ausstellung “Tod am Nil” vom Museum Schloss Hohentübingen.

Gab es auf Madagaskar tatsächlich 10m lange Nilkrokodile?

Montag, August 20th, 2007

Wenn es um die Größe von Krokodilen geht, dann kann man oft eine ganze Menge ziemlich abenteuerlicher und allzu oft auch ziemlicher unwahrer Dinge lesen. Dabei fällt auch immer wieder auf, dass hier die tatsächlich dokumentierten und angeblichen Rekordexemplaren in ihrer Größe meisten weit auseinander klaffen. Ich wollte hier jetzt gar nicht auf all diese angeblichen Riesenexemplare aus Afrika, Asien oder Australien eingehen (das werde ich später irgendwann mal), sondern mich einmal einer sehr speziellen Thematik widmen.

Wenn es um die maximale Größe des Nilkrokodils geht, kann man zuweilen lesen, dass man auf Madagaskar Knochen von Nilkrokodilen mit einer Länge von 10m gefunden haben soll. Nähere Angaben werden dazu aber nie gegeben. Als erstes las ich davon in Grizmek´s Tierleben, und bei Wikipedia bin ich auf darauf gestoßen. Zugegebenerweise hat mir das ziemliches Kopfzerbrechen bereitet, und auch langwieriges Nachforschen hat praktisch keine Ergebnisse geliefert. Heutzutage gibt es auf Madagaskar nur eine einzige Krokodilart, das Nilkrokodil Crocodylus niloticus. Diese Tiere zeigen keinerlei Affinität zu extremen Größen heranzuwachsen, und werden auch nicht so groß wie ihre Verwandten auf dem wildreichen afrikanischen Kontinent. Es ist extrem unwahrscheinlich dass diese Krokodile auf Madagaskar jemals wirklich aufsehenserregende Größen erreicht haben. Ein Krokodil wächst nicht einfach mal auf das Doppelte  seiner natürlichen Länge, völllig unabhängig davon wie lange es lebt, denn auch bei Krokodilen stagniert das Wachstum mit zunehmenden Alter immer mehr, und wirklich alte Exemplare wachsen praktisch gar nicht mehr. Von ausgestorbenen Riesenkrokodilen wie Sarcosuchus imperator, der eine Länge von etwa 12m erreichte, weiß man dass sie ein anderes Wachstumsverhalten hatten als moderne Krokodile. Sie wuchsen eigentlich gar nicht einmal unbedingt schneller als moderne Krokodile, aber dafür hielt ihr schnelles “jugendliches” Wachstum, das bei modernen Arten meist einige Zeit nach erreichen der Geschlechtsreife stark abnimmt, über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten an, und ließ erst viel später merklich nach. Ein ähnliches Wachstumsverhalten konnte auch für den Riesenwaran Megalania prisca ermittelt werden, wenngleich diese Art ihr Wachstum schon deutlich früher bremste.

Hätten die madagasischen Nilkrokodile das genetische Potential zu einer Länge von 10m heranzuwachsen, dann wären heute mit Sicherheit auch extrem große Exemplare bekannt, was aber nicht der Fall ist. Madagaskar bot auch nie eine wirklich gute Ausgangsposition für einen wirklich großen Räuber. Es gab zwar noch bis vor wenigen hundert Jahren eine reichhaltige Megafauna aus Elefantenvögeln, Riesenlemuren und drei Arten von kleinen Nilpferden, um nur mal einige der spektakulärsten Arten zu nennen, aber im Vergleich zu den afrikanischen Savannen, welche riesige Mengen an Großwild beherbergen, war die madagasische Tierwelt doch recht ärmlich. Das Nilkrokodil ist vielleicht unter allen modernen Arten am stärksten darauf angepaßt, ab einer gewissen Größe Säugetiere von teils beachtlichen Größen zu fressen. Die Voraussetzungen dafür sind günstig, denn ihre Beute, allen voran verschiedene Huftiere, müssen nicht nur zum Trinken in den Aktionsbereich der Krokodile kommen, sondern sind bei Wanderungen auch oft gezwungen, Flüsse zu durchqueren, wovon die Krokodile ebenfalls profitieren können. Genaugenommen stellt sich hier sogar die Frage, warum das afrikanische Nilkrokodil nicht noch größer ist.

Tatsächlich hat es in Afrika vor zwei Millionen Jahren einmal ein sehr großes Krokodil namens Rimasuchus lloydi gegeben. Diese Art erreichte eine Länge von etwa 8m und war extrem robust gebaut. Der Schädel war noch kräftiger und massiver als beim Nilkrokodil, und mit größter Wahrscheinlichkeit handelte es sich um ein auf Großsäuger spezialisiertes Raubtier. Eine zeitgleich lebendene Art, Euthecodon brumpti, wurde sogar noch größer, und erreichte eine Länge von etwa 10m. Allerdings war Euthecodon eine extrem langschnäuzige Krokodilart, die eine Parallelentwicklung zu den Gavialen war, und ein spezialisierter Fischfresser gewesen ist. Laut Wikipedia sollen auch am Viktoriasee Fossilien sehr großer Nilkrokodile gefunden worden sein, aber ich glaube viel eher, dass es sich um Knochen von Rimasuchus oder Euthecodon handelte, und nicht um die von normalen Nilkrokodilen.

Aber zurück zu Madagaskar. Dort lebte tatsächlich noch vor sehr kurzer Zeit noch eine andere Krokodilart namens Crocodylus robustus. Man hielt sie ursprünglich für nahe Verwandte des Nilkrokodils, oder ging sogar davon aus, dass sie mit den heutigen Nilkrokodilen auf Madagaskar identisch waren und sogar heute noch leben würden, spätere Untersuchungen haben aber gezeigt, dass sie viel mehr mit dem Zwergkrokodil Osteolaemus tetrapsis. Insofern ist die Bezeichnung Crocodylus robustus falsch, und sollte entsprechend geändert werden. Diese Art war noch vor sehr kurzer Zeit existent, und möglicherweise verschwanden sie erst mit der restlichen Megafauna Madagaskars nach der Besiedlung durch den Menschen. Warum diese Art aber ausstarb, und das Nilkrokodil überlebte, ist allerdings unbekannt. Diese Tiere waren in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Am auffallensten waren die kleinen “Hörner” am Hinterrand des Schädels. Auch moderne Krokodile wie das Nilkrokodil besitzen nach oben ragende Knochenwülste hinter den Augen, aber bei Crocodylus robustus waren diese stärker ausgeprägt, als bei jeder anderen Art. Wozu sie aber gut waren, ist nicht bekannt. Hier ist mal eine Rekonstruktion die ich vor einiger Zeit anhand eines Schädel von Crocodylus robustus gemacht habe:

Crocodylus robustus- wurde allerdings nur 4-5m lang

 Könnte als diese Art hinter den angeblichen 10m langen Nilkrokodilen stecken? Teilweise habe ich schon gelesen dass diese Art 10m erreicht haben soll. Aber allem Anschein nach wurden hier die vermeintlichen 10m langen Krokodile und Crocodylus robustus einfach in einen Topf geworfen, und die Seite auf der ich das gefunden habe, machte auch keinen allzu seriösen Eindruck. Von Crocodylus robustus sind eine Reihe von Knochen bekannt, auch fast vollständige Schädel, aber selbst die größten bekannten Individuen waren nur 4-5m lang. Das ist immer noch recht groß, vor allem wenn man bedenkt dass der nächste lebende Verwandte eine maximale Länge von 1,9m erreicht, aber meistens sogar noch deutlich kleiner bleibt. Als Gewichtsangabe findet man für C. robustus übrigens oft ein Gewicht von 170kg, doch diese Angabe ist zweifellos zu gering, denn ein solches Krokodil wäre nur Haut und Knochen. Bei 4-5m würde das tatsächliche Gewicht viel eher 300-500kg betragen haben, abhängig davon, wie groß diese Tiere tatsächlich geworden sind. Also kann auch Crocodylus robustus wohl kaum hinter den Angaben von 10m langen Krokodilen stecken.

Die große Frage ist hier nun natürlich, woher diese Angaben kommen. In “ The Eighth Continent: On the Trail of the Extraordinary in Madagascar” von Peter Tyson konnte ich einen kleinen Zusatzhinweis finden. Dort wird erwähnt dass es auf Madagaskar einst eine riesiges Krokodiartl gegeben haben könnte, wobei allerdings allgemein vermutet wird, dass es sich um die noch heute dort vorkommenden Nilkrokodile handelte. Crocodylus robustus wurde auch lange als identisch mit den modernen madagasischen Krokodilen angesehen, und ich habe den Verdacht, dass hier verschiedene Dinge miteinander vermischt wurden. Falls es auf Madagaskar tatsächlich 10m lange Krokodile gegeben haben sollte, dann waren diese sicherlich nicht mit den Nilkrokodilen identisch, die heute dort leben. Und selbst wenn es irgendwann mal auf Madagaskar 10m lange Nilkrokodile gegeben haben sollte (was ich nicht glaube), dann würde dass noch lange nicht bedeuten, dass auch heutige Nilkrokodile tatsächlich so groß werden können. Meine persönlich Vermutung ist, dass es nie 10m lange Krokodile auf Madagaskar gegeben hat, auch wenn ich der letzte wäre, der sich nicht wünschen würde dass es sie doch gab. Massive Größenüberschätzungen anhand von Fossilien sind leider in der Geschichte der Paläontologie nichts ungewöhnliches gewesen, vor allem wenn nur fragmentarische Fossilien bekannt waren. Dass man über diese angelichen 10m langen Krokodile auch so gut wie gar nichts findet, spricht auch nicht gerade für ihre Glaubwürdigkeit. Ich wage mir jetzt nicht anzumaßen zu behaupten dass es definitiv niemals 10m lange Krokodile auf Madagaskar gegeben hat, aber ich sehe die Sache sehr sehr kritisch, und würde nicht allzu viel darauf geben. Sollte irgendjemand zusätzliche Informationen zu dem Thema haben, würde mich das sehr interessieren.