Der Riesensturmvogel – blutgieriger „Geier“ der Antarktis

Als ich zum ersten Mal einen Riesensturmvogel in der Zoologischen Schausammlung der Universität Tübingen in voller Lebensgröße sah, war ich wirklich beeindruckt von dessen enormer Gestalt. Zwar kannte ich diese an Raubmöwen erinnernden Vögel bereits von Bildern und aus Dokumentationen, doch geben diese kaum eine Vorstellung davon, wie sie aus nächster Nähe wirken. Mit Körperlängen von 86-99 cm und Gewichten von etwa 5 (für Männchen) bis sogar 8 kg (für große Weibchen) übertreffen sie sogar große Seeadler, auch wenn sie mit nur etwa 2 Metern nicht deren Spannweiten erreichen.

Riesensturmvogel Macronectes giganteus in der Zoologischen Schausammlung Tübingen

Riesensturmvogel Macronectes giganteus

Es gibt zwei Arten von Riesensturmvögeln, den oben abgebildeten Südlichen Riesensturmvogel (Macronectes giganteus) sowie den Nördlichen Riesensturmvogel oder Hall-Riesensturmvogel (Macronectes halli). Beide Arten sehen sich sehr ähnlich, und überschneiden sich teilweise auch in ihrem Verbreitungsgebiet, jedoch kommt erstgenannte tendenziell weiter südlich vor als der Nördliche Riesensturmvogel, außerdem unterscheiden sie sich an der Farbe ihrer Schnabelspitzen.

Riesensturmvogel im Flug (von Wikipedia)

Riesensturmvögel spielen in ihrem vor allem marinen Verbreitungsgebiet eine ähnliche Rolle wie Geier auf dem Festland und in gemäßigteren Zonen. Ein recht großer Anteil ihrer Nahrung besteht aus Aas, sowohl angeschwemmten toten Fischen und anderen kleineren Meerestieren, als auch verendeten Robben, die in großen Kolonien immer wieder anfallen. Außerdem fressen sie auch zuweilen Krill und Kalmare, sowie auch Abfälle die von Schiffen ins Meer geworfen werden. Teilweise attackieren und töten sie aber auch junge Pinguine.

Als Anpassung an ihre Lebensweise besitzen Riesensturmvögel sehr große und ungewöhnlich kräftige Schnäbel, welche es ihnen auch erlauben frische Kadaver von Seeelefanten und anderen Robben aufzureißen. Allerdings ist er auch eine tödliche Waffe bei der Jagd auf Pinguine.

Riesensturmvogel Schnabel

Riesensturmvogel Schnabel

Auf diesem Photo sieht man sehr gut wie Riesensturmvögel mit ihren kräftigen Schnäbeln Robbenkadaver zerreißen können. Oft dringen sie mit ihren Köpfen tief in die Körperhöhlen der Kadaver ein um an die Eingeweide zu gelangen, so dass sie dann häufig bis zum Hals völlig mit Blut verschmiert sind.

Riesensturmvogel an Robbenkadaver (von Wikipedia)

Wie bereits erwähnt dient dieser Schnabel aber nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Waffe bei der Jagd. In dem weiter unten verlinkten Video sieht man sehr gut wie wirkungsvoll und tödlich er dabei eingesetzt wird. Es sei darauf hingewiesen dass dieses Video nichts für schwache Mägen oder schwache Nerven ist, dem noch lebenden und zwischendurch sogar wieder flüchtenden Pinguin werden bei lebendigen Leib die Gedärme aus der Kloake herausgerissen und gefressen, während ein anderer Riesensturmvögel Stücke aus dem Hals heraus pickt und verschlingt.

 

Derartige Aufnahmen kommen nicht ganz zu Unrecht normalerweise nicht im Fernsehen, aber man muss sich bewusst machen, dass dies ein Teil der Natur ist. Auch andere Raubtiere töten und fressen zuweilen auf ähnliche Weise, auch Arten wie Wölfe oder etwa Seelöwen, was man aber normalerweise nicht zu sehen bekommt. Unsere Vorstellungen von „gut“ und „böse“ sind aber subjektiv, und lassen sich von unseren Werten nicht auf die Tierwelt übertragen.

In der leicht schrägen Frontalansicht sieht man sehr gut die ungewöhnliche Nasenpartie, welche das namensgebende Merkmal der Procellariiformes oder Röhrennasen ist, zu welchen auch die Riesensturmvögel gehören. Statt zu den Seiten öffnen sich die beiden Nasenlöcher unterhalb der Hornleiste als zwei Röhren nach vorne hin. Über diese Röhren wird überschüssiges Salz ausgeschieden, welches als stark salzhaltiges Sekret von speziellen Drüsen oberhalb der Nasenpassage sezerniert wird.

Riesensturmvogel Röhrennase

Riesensturmvogel Röhrennase

Zudem haben verschiedene Röhrennasen, und unter diesen auch die Riesensturmvögel, die ungewöhnliche Fähigkeit eine stinkende, ölige Flüssigkeit auf Angreifer zu speien.. Dies geschieht allerdings trotz gelegentlich anderslautenden Behauptungen nicht über die Nasenöffnung, sondern über den geöffneten Schnabel. Speziell den Riesensturmvögeln hat diese Fähigkeit auch den Beinamen „Stinker“ eingebracht. Dieses „Magenöl“ enthält unter anderem Wachsester und Triglyceride, und erhärtet auch beim Abkühlen unterhalb der Körpertemperatur. Als Abwehr gegen Feinde ist dieses stinkende gelbliche Öl nicht nur auf Grund des Geruchs wirksam, sondern auch weil es bei anderen Vögeln die Federn verkleben und deren Flug-und Schwimmfähigkeit beeinträchtigen kann. Neben der defensiven Wirkung hat das bei der Verdauung der Nahrung gebildete Magenöl aber noch eine ganz andere Bedeutung. Es ist extrem energiehaltig, und hat einen kalorischen Brennwert, welcher fast so hoch wie Dieselöl ist. Die fütternden Altvögel, welche teilweise große Strecken bei der Suche nach Nahrung zurücklegen müssen, können auf diese Weise größere Mengen an Futter sozusagen energetisch komprimieren, da das Öl bei gleichem Gewicht viel nahrhafter ist Fisch oder Fleisch.

Riesensturmvogel (von Wikipedia)

Dies ist nun statt dem eigentlich beplanten „Bild des Tages“ tatsächlich wieder ein ganzer Artikel geworden, auch wenn er nur einen kleinen Teil der faszinierenden Natur der Riesensturmvögel zeigt. Wer einmal selbst die Gelegenheit hat, einen solchen Vogel in einem Museum, oder vielleicht sogar in der freien Natur zu sehen, der sollte sich die Zeit nehmen und ihn einmal näher in Augenschein nehmen.

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2 Kommentare zu Der Riesensturmvogel – blutgieriger „Geier“ der Antarktis

  1. Genesis sagt:

    Hmm, dass mit dem Pinguin, der bei lebendigem Leib auseinandergenommen wird, ist natürlich heftig, zeigt aber wieder, dass es in der Natur äußerst grausam zugehen kann (Auch wenn die Bambistreichler was anderes vermitteln wollen).

    Wobei mich interessieren würde, ob die Riesensturmvögel tatsächlich auch Schiffbrüchige attackieren, wie ich es einmal als Kind in einem alten Buch gelesen habe (War allerdings mehr in Richtung Abenteuergeschichte, nix wissenschaftliches).

  2. Markus Bühler sagt:

    Über die Attacken von Schiffbrüchigen durch Riesensturmvögeln habe ich auch schon gelesen. Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich meine es war unter anderem in Erich Dauterts „Auf Walfang und Robbenjagd im Südatlantiks“, ein äußerst empfehlenswertes Buch eines Zoologen der Anfang des 20. Jahrhunderts unter anderem mit Walfängern und Robbenjägern unterwegs war um Ausstellungsstücke für Museen zu sammeln. Ich kann natürlich auch nicht sagen ob diese Berichte wahr sind, aber ich möchte sie zumindest mal nicht ausschließen. In Anbetracht der Aggressivität die Riesensturmvögel, aber auch andere vergleichbare Arten wie etwa Skuas an den Tag legen, würde ich es zumindest einmal in den Bereich des Möglichen ziehen.

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