Bestiarium

Fantastisches aus Biologie, Paläontologie und Kryptozoologie

Archive for the ‘Säugetiere’ Category

Bild des Tages: Smilodon und Bison antiquus

Dienstag, Januar 15th, 2008

Heute reicht es leider nur für ein Bild des Tages und keinen weiteren Beitrag. Bei dem Bild handelt es sich um eine Szene die sich vor einigen zehntausend Jahren wahrscheinlich tagtäglich in Nordamerika abgespielt haben könnte, der Angriff der großen Säbelzahnkatze Smilodon auf Bison antiquus:

Smilodon vs Bison antiquus

Das Bild stammt übrigens von Carl Buell, einem der weltweit besten Paläo-Künstler der Welt, dessen Werke auch schon in unzähligen Büchern und Zeitschriften veröffentlicht wurden, und der mir freundlicherweise erlaubt hat, einige seiner Bilder für das Bestiarium zu verwenden. Weitere Bilder von ihm kann man auch auf seiner Flickr-Seite bewundern: http://flickr.com/photos/olduvaigeorge/

Bison antiquus wurde übrigens schon einmal erwähnt, nämlich in dem Post über die Wirbelausläufer des Spinosaurus. Bei Bison antiquus waren diese wie bei Spinosaurus ganz enorm verlängert, mehr als bei jedem anderen Boviden, moderne Bisons miteingeschlossen.

Bild des Tages: Babirusas

Montag, Dezember 3rd, 2007

babirusa.jpg

Die Babirusas oder Hirscheber zählen wahrscheinlich zu den skurrilsten Huftieren überhaupt. Nicht nur die Tatsache dass sie zu den wenigen Landtieren gehören, die praktisch haarlos sind (wie das wohl die Vertreter der Wasseraffenhypothese erklären wollen?), sondern die Männchen bilden auch eines der ungewöhnlichsten sekundären Geschlechtsmerkmale aus, welches man bei Landsäugern kennt. Die oberen Hauer wachsen nicht aus dem Maul heraus wie etwa bei Wildschweinen, sondern durchstoßen die Schnauze oder der Oberseite außerhalb des Maules, wobei sie sich zu einem Bogen drehen. Allerdings sind diese Zähne kaum als Waffen geeignet und auch recht bruchempfindlich, weshalb sie primär zu Schauzwecken dienen. Diese Tiere sind zwar insgesamt noch recht schweineähnlich, aber tatsächlich nur relativ entfernt mit den echten Schweinen verwandt, weshalb es umso erstaunlicher ist, dass vor kurzem im Kopenhagener Zoo ein Hirscheber mit einer Hausschwein-Sau gesunde Junge in die Welt gesetzt hat.

Das Photo oben stammt übrigens von Sven Peter

Janjucetus hunderi - der scharfzähnige Uronkel der Bartenwale

Mittwoch, November 21st, 2007

 Janjucetus hunderi Modell (bearbeitet)

Mitte August letzten Jahres wurde der Öffentlichkeit ein neuer fossiler Wal mit einem Alter von etwa 25 Millionen Jahren beschrieben, welcher in der Gesamtheit seiner Merkmale und seiner entwicklungsgeschichtlicher Stellung bisher absolut einzigartig ist, Janjucetus hunderi. Der Ende der 90iger Jahre entdeckte und von Erich Fitzgerald beschriebene Wal war mit einer Gesamtlänge von etwa 3,5m nicht einmal besonders groß, also vergleichbar den großwüchsigen Offshore-Populationen des Großen Tümmlers. Was war also so besonders an Janjucetus? Nun, primär die Tatsache dass er sehr gut ausgebildete, noch heterodonte Zähne in seinen kräftigen Kiefern besaß, aber einer Linie angehört, aus der auch die heutigen Bartenwale hervorgegangen sind. Ungewöhnlich waren auch die extrem großen Augen dieser Tiere, die proportional größten, die man von einem Meeressäuger kennt. Da Janjucetus allem Anschein nach über keine Echoortung verfügte, mußte er sich unter Wasser mit den Augen orientieren. Und das hatten sie auch nötig, denn anders als ihre modernen Verwandten, welche für das Fangen von Krill, Schwarmfischen oder Kleinlebewesen keine besonders scharfen Sinne besaßen, war Janjucetus ein echtes Raubtier. Bei den modernen Walen spielen die Augen keine größere Rolle, Arten wie der Pottwal welche ohnehin gewohnt sind sich per Echolot in der Tiefsee zu orientieren, sind sogar in der Lage gänzlich ohne ihr Augenlicht auszukommen, was durch die Funde von gänzlich blinden, aber dennoch wohlgenährten Exemplaren bewiesen ist. Der einzige bekannte Wal mit wirklich großen Augen, welche jenen von Janjucetus nahe kommen, ist der extrem bizarre Odobenocetops peruvianus. Diese entfernt mit den Narwalen verwandte Art besaß ursprünglich ein Echolot, welches dann aber aufgrund einer extrem bodenorientierten Lebensweise zugunster besserer Sehleistung zurückgebildet wurde.

 Der in der Aufsicht beinahe wie ein Dreieck aussehende Schädel war extrem kompakt und bot sehr starken Kiefermuskeln Platz und Ansätze. Auch die Kiefer selbst waren ziemlich kräftig, und die Zähne griffen wie bei Schwertwalen dicht ineinander, so dass sie Scherkanten entwickelten, mit denen sie ihre Beute regelrecht zerstückeln konnten. Moderne Zahnwale haben in der Regel ziemlich homodonte, mehr oder weniger kegelförmige Zähne, welche bei den meisten Arten primär zum Festhalten der Beute dienen. Im Falle von Janjucetus waren (je Kieferhälfte) die drei Schneidezähne, der Eckzahn sowie der erste Prämolar ähnlich wie bei modernen Zahnwalen auch eher kegelförmig und leicht nach hinten gebogen, außerdem besaßen sie lange Wurzel, und diente zum Festhalten, die dahinter liegenden drei Prämolaren und die zwei Molaren waren allerdings wie bei den Archeoceti, welche vor allem durch Arten wie Basilosaurus oder Dorudon bekannt sind, tief eingekerbt und ähnelten Haizähnen. Solche mit Sägekanten versehenen Zähne waren außerordentlich gut dazu geeignet, Beutetiere regelrecht in Stücke zu reißen.

Diese Anpassung deutet auch eher auf große Beutetiere hin, als nicht nur auf kleine Fische oder Kalmare, wie sie die meisten heutigen Zahnwale bevorzugen. Auch weisen die Zähne Abnutzungsspuren auf, welche nicht unbedingt nur auf weiche Nahrung hinweisen. In seiner ökologischen Nische dürften diese Tiere wahrscheinlich einem kleinen Schwertwal oder einem Seeleoparden vergleichbar gewesen sein, das heißt dass eine relativ große Bandbreite von Beutetieren gejagt wurde, sowohl kleinere Fische und Kopffüßer, aber wahrscheinlich auch größere Fische, und vielleicht auch Wasservögel und womöglich auch kleinere Robben oder Wale. Interessanterweise ähnelt die Morphologie des Schädels und die Anordnung der vorderen Zähne jener bestimmter Pliosaurier, welche sich ebenfalls auf relativ große Beutetiere spezialisiert hatten, aber auch mit dem Seeleoparden finden sich verschiedene Übereinstimmungen.

Janjucetus bietet einen interessanten Einblick in die Evolution der Bartenwale, allerdings kann er nicht als Vorfahre der heutigen Arten angesehen werden, da auch ältere Arten wie Eomysticeuts bekannt sind,  welche Barten statt Zähnen besaßen und auch schon schwarmlebende Beutetiere jagten. Folglich war Janjucetus eher ein langausdauernder spezialisierter Seitenzweig aus der frühen Entwicklungsphase jener Urwale, aus welchen die modernen Bartenwale hervorgegangen sind.

Die Entwicklung von eines fischfressenden Zahnwales zu einem filterten Bartenwal ist in vieler Hinsicht nicht leicht nachzuvollziehen, was unter anderem in einem nicht gerade übermäßig vollständigen Fossilrekord liegt. Allerdings weiß ich aus vertraulicher Quelle, dass einige hochinteressante neue Entdeckungen bezüglich der Evolution des Filter-Fressens gemacht wurden, und in absehbarer Zeit veröffentlicht werden. Einige dieser Zwischenformen besaßen sowohl kammartige Zähne, als auch primitive Barten, und wahrscheinlich gingen sie aus Vorfahren hervor, welche wie Krabbenfresserrobben anfangs ihre Zähne benutzten, um schwarmlebende Beutetiere wie kleine Fische oder Krill aus dem Wasser zu seihen. Die massive Größe der meisten lebenden Bartenwale täuscht darüber hinweg dass es einst eine ganze Reihe ziemlich kleiner Arten gegeben hat, welche noch nicht einmal an die beiden kleinsten heutigen Arten heranreichten, den Zwergglattwal und den Zwergminkwal. Überhaupt hat die Fossilgeschichte der Wale noch einiges zu bieten, und ich habe von neuen Funden gehört, an die ich nicht einmal im Traum gedacht habe, so ungewöhnlich sind sie. Leider finden solche Tiere in Büchern über ausgestorbene Tiere sie gut wie keine Erwähnung, was wirklich schade ist, denn allein mit den bisher bekannten fossilen Walen ließen sich bändeweise Bücher füllen. Darum versuche ich ja auch immer mal wieder gerade ein paar dieser kaum bekannten, aber defür umso interessanteren Wale vorzustellen.

Das Bild oben zeigt übrigens ein Modell des Janjucetus das ich vor kurzem fertig gestellt habe. Ich habe es digital etwas bearbeitet und auch noch mit Paint ein Auge drauf gemalt, damit es etwas natürlicher aussieht. Im Gegensatz zu der im Internet verbreiteten Darstellung habe ich den Kopf nicht glatt nach dem Schädel rekonstruiert, sondern die Nasenregion mit erhöhten Nasenlöchern modelliert, da bei Janjucetus sicherlich wie bei modernen Bartenwalen auch knorpelige und muskuläre Anteile die Nasenregion sicherlich voluminöser machten, als die Schädel auf den ersten Blick erkennen lassen.

Im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass der Kopf wahrscheinlich etwas zu groß geraten ist. Ich habe mich bei der Vorlage vor allem an Rekonstruktionen des mit Janjucetus entfernt verwandten Mammalodon orientiert, welche meistens einen recht großen Kopf haben, aber ich vermute mal, dass er in Wirklichkeit etwas kleiner war. Leider lag mir für Janjucetus nur der Schädel als Rekonstruktionsvorlage zur Hand, und keine Komplettrekonstruktion, welche den ganzen Körper gezeigt hätte. Außerdem wurde der Schädel während des Modellierprozesses deutlich größer, da mir vor der Vorlage des Artikels von Erich Fitzgerald nicht bewußt war, wie enorm breit der Schädel von Janjucetus tatsächlich gewesen ist. Als Folge davon wurde er dann auch etwas länger und naja…die Proportionen ähneln jetzt eher denen eines Orca. Aber da von Janjucetus sowieso nur der Schädel bekannt ist, kann man bisher auch nicht genau sagen, wie groß der Kopf im Verhältnis zum Körper tatsächlich gewesen ist. Erich Fitzgerald meinte auch dass der Hals etwas länger sein müßte, war ansonsten mit der Rekonstruktion aber sehr zufrieden.

Hier sieht man nochmal das Modell in unbearbeiter Ansicht, bei dem man auch gut die Gestalung der Nasenregion erkennt:

Janjucetus Modell

Noch eine Bemerkung zur Darstellung archaischer zähnetragender Bartenwalvorläufer: Tiere wie Mammalodon oder Aetiocetus werden oft mit Kehlfurchen dargestellt. Es ist allerdings ziemlich unwahrscheinlich, dass sie tatsächlich welche besaßen. Die modernen Bartenwale werden in zwei große Hauptgruppen unterteilt, die Furchenwale wie etwa den Blauwal, und die Glattwale, zu denen beispielsweise der Nordkapper zählt. Zwischen diesen beiden steht irgendwo noch der Grauwal, dem eine eigene Gattung zugesprochen wurde, da er sowohl Merkmale besitzt, welche den Furchen-und den Glattwalen entsprechen, als auch eine Reihe von Sondermerkmalen in Anatomie und Verhalten zeigt, welche nur bei ihm vorkommen. Nichtsdestotrotz dürfte er im Aussehen den frühen Bartenwalen noch am ähnlichsten kommen, wobei wahrscheinlich auch der kaum bekannte Zwergglattwal diesen Formen im Aussehen wohl noch sehr nahe steht, vor allem in Form und Größe des Körpers und der Flossen. Es ist sehr wahrscheinlich dass die frühen Bartenwale wie der Grauwal noch keine Kehlfurchen besaßen, und diese sich erst bei den Vorläufern der Furchenwale entwickelten. Die Darstellung von frühen, noch zähnetragenden Bartenwalvorläufern soll wohl eher die Verbindung dieser Tiere mit heutigen Bartenwalen nahebringen, denn mit ihren großen Köpfen, und den teilweise mit sehr großen Zähnen ausgestatteten Kiefern, wirken diese Wale noch weitaus räuberischer und gefährlicher als die meisten heutigen Zahnwale.

Literatur:

Fitzgerald, E.M.G. (2006). “A bizarre new toothed mysticete (Cetacea) from Australia and the early evolution of baleen whales.”

Der Killerpottwal Zygophyseter varolai

Sonntag, November 11th, 2007

 Zygophyseter varolai

Vor geraumer Zeit habe ich ja schon einmal über die sogenannten Killer-Pottwale geschrieben ( http://bestiarium.kryptozoologie.net/artikel/prahistorische-killer-pottwale/), eine archaische Seitenlinie aus dem Stammbaum der modenen Pottwale. Leider lagen mit damals noch keine Artikel vor, sondern lediglich deren Abstracts. Vor einiger Zeit gelangte mir jedoch glücklicherweise ein solcher Artikel in die Hände, welcher den neuentdeckten Killer-Pottwal Zygophyseter varolai beschrieb. Grund genug also, noch einmal auf das Thema einzugehen. Auf die allgemeine Darstellung der Killer-Pottwale möchte ich gar nicht noch einmal näher eingehen, da dies schon im ersten Teil gemacht wurde, und gleich direkt auf Zygophyseter eingehen. Diese Art ist durch ein recht gut erhaltenes Skelett aus dem Miozän Süditaliens bekannt, und weißt eine ganze Reihe anatomischer Besonderheiten auf. Der Schädel wies eine Länge von 1,5m auf, und zu Lebzeiten dürfte die Gesamtlänge bei 6,5-7m gelegen haben, also etwa gleich groß wie ein Schwertwal. Im Oberkiefer saßen 26 große Zähne, im Unterkiefer insgesamt 28. Die eigentlich Zahnkronen sind verhältnismäßig kurz, und machen nur etwa 18% der gesamten Länge aus, die Wurzeln waren also sehr lang, und mußten starken Belastungen standhalten. Die vorderen Zähne sind nach vorne geneigt, insbesondere das vorderste Paar im Unterkiefer. Es könnte (und das ist jetzt meine persönliche Überlegung) auch bei innerartlichen Konfrontationen genutzt worden sein, um die Haut des Gegners aufzuritzen, wie es auch moderne Pottwale, sowie viele Schnabelwale und manche Delphine machen. Die im hinteren Kieferbereich gelegenen Zähne zeigen dagegen nach hinten, und sind im Gegensatz zu den relativ runden vorderen Zähne seitlich abgeflacht. Die voderen und hinteren Zähne unterscheiden sich auch in der Größe sowie anderen Merkmalen wie der Wurzel, aber das ist momentan nicht so wichtig. Viel interessanter sind die massiven Abnutzungsspuren der Zähne. Die ineinandergreifenden Zähne von Ober-und Unterkiefer haben teilweise tiefe Furchen in ihre Antagonisten im Gegenkiefer geschliffen, und auch die Kronenspitzen seltbst sind recht stark abgenutzt, ursprünglich müssen sie etwa 45% länger gewesen sein. Derartige Abnutzungserscheinungen findet man auch bei Schwertwalen, vor allem bei älteren Exemplaren. Diese Zähne waren nicht einfach nur dazu da die Beute zu packen und zu verschlucken, sondern um sie gegebenenfalls auch zu zerteilen und in Stücke zu reißen. Die ineinandergreifenden Zähnen wirken dabei wie die Scherkanten einer Heckenschere. Übrigens besaßen die Zähne von Zygophyseter auch eine Schmelzschicht, während jene des Pottwals lediglich Dentin besitzen (von der Zementschicht um die Wurzel mal abgesehen).Der Unterkiefer läßt sich sehr gut als Y-förmig beschreiben, und war wie bei modernen Pottwalen im vorderen Bereich sehr schmal, und in der Seitenansicht auch leicht nach oben gekrümmt. Insegesamt unterscheidet sich der Unterkiefer oberflächlich betracht nur wenig von dem des Pottwales. Aber er ist insgesamt massiver, und die Anzahl der im Verhältnis viel größeren Zähne ist ebenfalls geringer. Zudem ist der Ansatz für die Kiefermuskeln beim Pottwal verhältnismäßig deutlich größer. Im direkten Vergleich wirkt der Unterkiefer des Pottwales im Vergleich zu jenem von Zygophyseter dennoch beinahe fragil. Das ist allerdings auch kein Wunder, denn Pottwale sind hochspezialisierte Kalmarfresser, die ihre Beute wahrscheinlich vor allem durch einen mit der Zungenmuskulatur erzeugten Sog einsaugen, anstatt sie mit den Kiefern zu packen. Man kennt sogar Funde von Pottwalen mit gebrochenen, völlig deformierten und zum Fressen nicht mehr geeigneten, ja teilweise sogar fehlenden Unterkiefern, welche dennoch wohlgenährt waren, was beweißt, dass die Kiefer bei der Nahrungsaufnahme des Pottwales nur eine untergeordnete Rolle spielen. Außerdem können sie mangels Zähnen im Oberkiefer auch keine Scherwirkung erzeugen.Der Schädel selbst ist ziemlich breit und zeigt eine deutliche Assymetrie. Im Stirnbereich bildet der Knochen eine Art Basin, in welcher das Spermaceti-Organ lag. Dieses Basin war nach vorne hin begrenzt, und reichte nicht viel weiter als etwas vor die Augen. Das bedeutet dass sich das Spermaceti-Organ nicht wie bei den heutigen Pottwalen, sowie den Zwerg-und Kleinstpottwalen bis an die Spitze der Schnauze reichte und diese nach vorne überragte, sondern dass der im Querschnitt halbrunde Oberkiefer schnabelförmig hervorragte, wobei die Prämaxilla, der vorderste Teil des Kiefers, erstaunlich dorso-ventral abgeplattet war. Damit sah Zygophyseter völlig anders aus als die uns vertrauten Pottwale mit ihrem massigen kastenförmigen Kopf, sondern viel eher wie eine Killer-Version eines Schnabelwales, und daher anders als alles andere was wir an Walen kennen.

Ich habe mal eine einfache Zeichnung von Zygophyseter angefertigt, welche oben zu sehen ist. Leider hat der Versuch die Falten, welche beim Verwischen der Wasserfarbstifte entstanden sind, nur zu noch mehr Falten geführt… Ich habe Zygophyseter bewußt etwas anders gestaltet, als in dem Artikel, da der Zeichner jener Rekonstruktion einige Fehler begangen hat. Zum Einen sieht der Wal vor allem durch die Gestaltung des Kopfes insgesamt ziemlich seltsam aus, und die Flossen sind auf sehr unnatürliche Weise dargestellt. Ein Fehler bei dieser Darstellung des Kopfes im Artikel sind die fehlenden Lippen. Abgesehen von ganz wenigen Arten wie dem Gangesdelphin, dessen lange Zähne im vorderen Kieferteil ein wirkliches Schließen des Maules verhindern, und ständig dem Wasser ausgesetzt sind, können Zahnwale ihr Maul dicht schließen. Die Zähne des Ober-und Unterkiefers greifen eineinander, so dass sie beinahe auf gleicher Höhe sind, wenn die Kiefer geschlossen bleiben. Nun werden die Oberkieferzähne von den festen Lippen umrandet, weshalb man selbst bei großzähnigen Arten wie dem Schwertwal bei geöffneten Maul meist nur die Zähne des Unterkiefers sieht. Dieses Fehlen der Oberlippen gibt dem Kopf ein sehr seltsames Aussehen. Außerdem wurde das Vorhandensein gewisser anatomischer Begebenheiten im Halsbereich völlig unterschlagen, denn die Kehle ist dermaßen dünn dargestellt, dass dort das Zungenbein, die Speise-und Luftröhre sowie die dazugehörige Muskulatur keinen Platz gehabt hätte. Zudem habe ich das Spermacetiorgan nicht allzu weit nach vorne verlagert, da ich das Gefühl habe, dass es bei der Originalrekonstruktion zu groß dargestellt wurde. Inwieweit die Form der Melone dem tatsächlichen Aussehen entspricht, ist sehr schwer zu sagen. Sowohl die großen als auch die kleinen Pottwale besitzen ein teilweise schräg vorstehendes Spermacetiorgan, und auch manche Schnabelwale besitzen eine ähnliche Kopfform, wobei bei ihnen der Schnabel frei bleibt. Rein theoretisch könnte aber der Übergang von Schnauze zur Melone durch eine andere Verteilung des Weichgewebes auch deutlich weniger aprupt gewesen sein. Aber genau sagen können wird man das wohl nie. Vielleicht werde ich ja auch irgendwann mal ein Modell dieses bizarren Killer-Pottwales anfertigen.

Quellen:

GIOVANNI BIANUCCI* and WALTER LANDINI
Killer sperm whale: a new basal physeteroid (Mammalia, Cetacea) from the Late Miocene of Italy

Liger - die größten Raubkatzen der Welt

Montag, Oktober 22nd, 2007

Ich vermute mal dass die meisten die ab und zu meinen Blog anschauen (an dieser Stelle mal ein großes Dankeschön an alle Leser), bereits wissen was ein Liger ist. Für alle die es nicht wissen, hier eine kurze Erläuterung. Ein Liger ist das Kreuzungsprodukt eines männlichen Löwen und eines weiblichen Tigers. Nun könnte man fragen warum es wichtig ist, welches Geschlecht die Eltern haben, Hybride müßte doch eigentlich Hybride sein. Im Fall des Ligers ist es aber anders, ähnlich wie bei Mauleseln und Maultieren, und daher werden sie auch explizit von den Tigons abgegrenzt, welche eine Löwin zur Mutter, und einen Tiger zum Vater haben. Rein prinzipiell sehen sich Liger und Tigon relativ ähnlich, beide haben eine Grundfarbe, welche eher jener des Löwen gleicht, und besitzen eine leichte Streifung, welche teilweise auch in Flecken übergehen kann. Wie beim Tiger ist eine deutlich hellere Bauchseite vorhanden. Männliche Liger können eine leichte bis bestenfalls mittlere Mähne aufweisen, die allerdings höher an der Stirn ansetzt, als bei Löwen. Außerdem kommt von der Tigerseite noch ein gewisser Backenbart hinzu. Eine Schwanzquaste dagegen fehlt üblicherweise, auch wenn die Schwanzspite sehr dunkel ist wie beim Löwen. Auch im Verhalten weisen Liger gewisse Überschneidungen mit ihren Eltern ab, beispielsweise haben sie üblicherweise eine tigertypische Vorliebe für Wasser, dafür scheinen zumindest die Weibchen sozialer veranlagt zu sein als Tiger. Um sich ein besseres Bild dieser Tiere machen zu können, poste ich hier ein paar wunderschöne Photos, deren Verwendung mit freundlicherweise von Sven Peter erlaubt wurde. Bei diesem hier kann man sehr gut die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sehen, welche weitaus stärker ausgeprägt sind als beim Tiger, aber weniger als beim Löwen:

Wie bei vielen anderen Hybriden ist der Phänotyp des Ligers nicht einfach eine bloße Mischung der Merkmale seiner Eltern, sondern zeigt gewisse Eigenheiten, welche ihn sowohl von der väterlichen Seite, als auch von der mütterlichen Seite unterscheiden. Im Falle des Ligers wären dies beispielsweise die eher an Leoparden oder Jaguare erinnernen Flecken, welche vor allem im Gesicht zu finden sind. Sie sind nicht immer gleich stark ausgeprägt, und manchmal fallen sie kaum auf, bei diesem Exemplar aber sind sie sehr schön zu erkennen:

Ob dies eine reine Auswirkung eines intermediären Erbganges ist, oder ob hier archaische Anlagen durchkommen, welche  aus der Zeit des gemeinsamen Vorfahren stammen, der noch komplett gefleckt war, kann ich allerdings nicht sagen.

Wie in der Überschrift schon angedeutet, ist der Liger ziemlich groß. Die Frage ist nun natürlich wie groß. Die Länge liegt in der Regel bei etwa 3-3,6m , auf den Hinterbeinen aufgerichtet können sie über dreieinhalb Meter hoch reichen. Das Gewicht ist natürlich abhängig vom Geschlecht, denn männliche Raubkatzen werden deutlich schwerer als weibliche.  In der Regel scheint es bei etwa dem doppelten Gewicht eines Löwen zu liegen, also bei etwa 400-600kg für große Männchen. Das ist mehr als jede andere bekannte Raubkatze, egal ob lebend oder ausgestorben. Selbst die größten säbelzähnigen Arten oder der amerikanische Löwe Panthera leo atrox, die größte bekannte Raubkatze aller Zeiten, reichen nicht an diese Masse heran. Im direkten Vergleich übertrifft ein großer Liger selbst die meisten anderen prähistorischen Raubsäuger anderer Gattungen, weshalb ich ihn auch mal in die bisher sehr stiefmütterlich behandelte Kategorie “Fleischfressende Monster” aufgenommen habe.

Im direkten Vergleich der Schädel  von Ligern mit Löwen und Tigern fällt auch auf, dass ihre Schädel nicht nur deutlich länger, sondern vor allem auch extrem breit sind, und gewaltigen Schläfenmuskeln Ansatz bieten. Leider habe ich kein Photo eines solchen Schädels, aber bei Youtube gibt es ein tolles Video, in dem die Schädel verglichen werden. Vergleicht man Liger mit ihren Elternarten, dann fällt auch auf, dass sie irgendwie kurzbeiniger aussehen. Nun fehlen mir leider die metrischen Daten eines Ligers, um so korrekte Aussagen darüber zu machen, aber ich glaube das liegt eher daran, dass Liger zu einem relativ starken Fettansatz neigen, und der dickere Bauch die Beine kürzer erscheinen läßt. Hier ist leider kein Vergleich vorhanden, der zeigt wie groß diese Tiere wirklich sind, aber wer ein bißchen googlet, findet schnell Bilder welche gut zeigen wie gigantisch groß diese Raubkatzen werden. Durch die nicht gerade übermäßig langen Beine wirken sie weniger riesig als viel mehr massiv, aber man muss sich vor Augen halten, dass ein großer Liger so viel wiegt wie ein Reitpferd.

Aber warum werden Liger so riesig? Hier kommen wahrscheinlich eine Reihe von Faktoren zusammen. Zum einen dürfte der Heterosiseffekt, der auch bei vielen anderen Hybridisierungen von Tieren oder auch Pflanzen zu überdurchschnittlichen Wachstum führt, eine gewisse Rolle spielen, dazu kommt, dass zumindest die männlichen Liger steril sind, und auch weniger männliche Geschlechtshormone produzieren als ein normaler Löwe oder Tiger. Folge davon ist das diese Tiere wie Bullen, Hammel, Walache oder auch menschliche Eunuchen größer wachsen und auch durch den prozentual höheren Anteil weiblicher Geschlechtshormone leichter Fett ansetzen. Allerdings sollte dies auch nicht überbewertete werden, denn schließlich sind männliche Liger nur steril, und nicht kastriert, und darum dürfte durchaus eine ordentliche Portion Testosteron vorhanden sein, selbst wenn sie geringer ist, als bei nomalen männlichen Löwen oder Tigern. Der Hauptgrund für den Riesenwuchs dürfte einen ganz anderen Grund haben, und eher in der Biologie der einzelnen Elternspezies liegen.

Die allgemeine Vorstellung dass ein Löwenrudel aus einem dominanten Männchen und einem Harem von Weibchen besteht, entspricht keineswegs immer den Tatsachen (Ein extremer Fall wären die hier schon einmal vorgestellten Flusspferd-jagenden Löwenrudel, bei denen das übliche Geschlechterverhältnis umgekehrt ist). Vielmehr stehen einem Rudel oft mehrere Männchen vor, die sich auch mit den Weibchen paaren. Folglich kommt es zu einer großen Konkurenz unter den Männchen um den Nachwuchs, da ein Weibchen während es fruchtbar ist, ja auch von mehreren Männchen begattet werden kann. Folglich kann ein einzelner Wurf auch von mehreren Männchen gezeugt worden sein. Um ihre Gene möglichst erfolgreich weiterzugeben, hat es die Natur in diesem Fall eingerichtet, dass die Anlagen des Vaters großes Körperwachstum des Nachwuchses in der Gebärmutter begünstigen, um einen Vorteil gegenüber von anderen Männchen gezeugten Jungen zu haben, während der Körper der Löwin dem entgegenwirkt, und die Embryonen mehr oder weniger kurz hält, damit mehr von ihnen überleben können. Bei der richtigen Kreuzungskombination bestimmter Nagetiere kann der Nachwuchs dabei so groß werden, dass es zu Frühgeburten kommt, die trotz des jüngeren Alters deutlich größer sind, als der normale Nachwuchs. Bei Tigern dagegen sieht die Sache anders aus. Sie leben einzeln, und ein Männchen und ein Weibchen bleiben üblicherweise ein paar Tage zusammen, in der dann ausgiebig Versuche unternommmen werden, gestreiften Nachwuchs in die Welt zu setzen. Folglich stammt der Nachwuchs einer Tigerin üblicherweise nur von einem einzelnen Männchen. Das führt einerseits dazu, dass männliche Tiger ihrem Nachwuchs keine wachstumfördernde Anlagen mitgeben müssen,  und auch die Weibchen kein übermäßiges Embryonenwachstum kompensieren müssen. Als Folge davon wächst in einer Tigerin, welche nicht darauf eingestellt ist, das Wachstum ihres Nachwuchs künstlich zu bremsen, eine Schar gewaltiger Sprösslinge heran, wenn ihr Vater ein Löwe gewesen ist, dessen Gene erhöhtes Embryonenwachstum fördern. Daraus stellt sich eine weitere Frage, was passiert wenn ein Tiger mit einer Löwin Nachwuchs zeugt? Hier passiert praktisch das Gegenteil, die Jungen, die von einem Tiger gezeugt wurden, haben keine Anlagen um schnell zu wachsen, werden in ihrer Größenzunahme im Körper der Löwin aber trotzdem behindert. Als Resultat davon sind solche Tigons genannten Hybriden deutlich kleiner als Liger, und bleiben in ihrer Größe sogar hinter ihren Eltern zurück. Auch besteht eine relativ hohe Mortalitätsrate unter den Tigon-Embryonen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es auch anderen Theorien gibt, aber dies ist die verbreitetste, und auch logisch am einfachsten nachvollziehbare, darum lasse ich sie einmal unkommentiert stehen.

Hier noch mal ein sehr schönes Photos eines Liger-Männchens:

Der eine oder andere mag sich jetzt vielleicht noch fragen wie ein Liger oder auch ein Tigon überhaupt zu Stande kommt. Da Löwen und Tiger heutzutage nur noch in einem winzigen Gebiet in Indien einander nahe kommen können, und die verschiedene Sozialstruktur Paarungen (fast) unmöglich macht, ist es logisch dass solche Hybriden eigentlich nur in Gefangenschaft vorkommen. Oft handelt es sich um ungeplante “Unfälle”, wenn in Zoos oder Zirkussen beide Arten zusammen gehalten werden, aber schon um 1900 wurden derartige Hybridisierungen planmäßig herbeigeführt. Es gibt auch eine Reihe von anderen Großkatzenhybriden aus Löwen und Leoparden, Löwen und Jaguaren, Löwen und Jaguaren und Leoparden, und manches mehr. Leider waren gerade die Kreuzungen von Tiger und Leopard bisher noch nicht erfolgreich, denn gerade ein solches Kreuzungsprodukt wäre äußerst interessant. Wenn es um solche Züchtungen geht, ist es schwierig wirklich objektiv zu bleiben. Auf der einen Seite ist die große Begeisterung ob dieser Tiere, sowie dem Potential und Möglichkeiten, welche durch verschiedene Hybridisierungen möglich wären, aber auf der anderen Seite steht die Frage, ob solche Kreuzungen überhaupt Sinn machen. Ist es sinnvoll ein Tier zu halten, dass niemals dazu beitragen kann seine Art zu erhalten (denn männliche Liger sind ja steril, und weibliche bringen ihrerseits auch nur neue Hybriden zur Welt) , während es gerade um die Zukunft des Tigers ziemlich schlecht aussieht. Die Zucht und Haltung von Ligern, oder auch weißen Löwen oder Tigern, welche durch die Inzucht teilweise schon massive Einschränkungen der Gesundheit zu erleiden haben, mag zwar auf der einen Seite interessant sein, und auch mehr Besucher in die Zoos bringen, andererseits wäre es wirklich sinnvoller, reinblütige Löwen oder Tiger (besonders hier möglichst nach Unterarten getrennt) zu halten, um so auf lange Sicht Platz und Futter besser zu investieren.

Wer nun ein bißchen Interesse an Großkatzenhybriden bekommen hat, der sollte sich folgenden Links auf jeden Fall mal ansehen:

http://www.messybeast.com/genetics/hybrid-cats.htm

http://www.lairweb.org.nz/tiger/hybrids.html

Bild des Tages: Großer Tanrek (Tenrec ecaudatus)

Dienstag, Oktober 16th, 2007

So, da ich leider etwas knapp mit Bilder bin, die nichts mit Paläontologie zu tun haben, oder einen längeren Begleittext nötig hätten, habe ich etwas mein Archiv gegriffen, und ein älteres Bild herausgesucht, dass ich einst im Stuttgarter Rosensteinmuseum gemacht habe. Es zeigt einen Großen Tanrek aus Madagaskar:

Großer Tanrek (Tenrec ecaudatus)

Ein paar interessante Schädel

Donnerstag, Oktober 11th, 2007

Schädel fand ich schon immer ziemlich interessant, vor allem wenn es sich um jene von eher ungewöhnlichen Tieren handelt. Außerdem ist es immer wieder erstaunlich welche Dinge man an ihnen entdecken kann, die man am lebenden Objekt kaum oder gar nicht sieht. Höchst erstaunlich kann es auch sein, wie sehr sich die Morphologie eines Schädels eigentlich von jener des lebenden Tieres unterscheiden kann, da ja viele äußeren Organe keine knöchernen Bestandteile haben. Darum wollte ich hier ein paar Bilder von Schädeln zeigen, welche man in der Regel eher mal selten zu sehen bekommt. Alle Bilder habe ich übrigens vor kurzem im Archiv des zoologischen Instituts in Tübingen aufnehmen können.

Zunächst einmal der Schädel eines jungen Nashornes, wobei ich dazu sagen muss, dass ich nicht weiß, um welche Art es sich eigentlich handelt.

Die Hörner von Rhinocerosen bestehen ausschließlich aus Keratin, und haben auch nicht wie etwa die Hörner von Rindern oder Antilopen einen könchernen Kern. Darum würde man selbst bei ausgewachsenen Exemplaren mit großen Hörnern nichts auf der Schnauze vorfinden. Sehr gut zu erkennen sind an diesem Schädel im Verhältniss riesigen Molaren. Da Zähne bestenfalls in der Länge noch etwas wachsen können, nicht aber in der Breite, müssen sie entsprechend groß angelegt sein, um das Wachstum des Schädels zu komensieren. Ebenfalls sehr schön kann man die modifizierte Nasenregion erkennen.

Ebenfalls kaum jemals zu sehen bekommen wird man diesen Schädel, der zu dem Skelett eines jungen Zwergflusspferdes gehört.

Die Zähne sind noch sehr scharfkantig und unabgenutzt, und vor allem die Schneide-und Eckzähne noch extrem klein, weshalb ich vermute, dass es sich hier noch um die Milchzähne handelt.

Zum Schluss noch der Schädel eines erwachsenen Tieres, diesmal eines Tapirs, von dem ich leider auch nicht sagen kann, um welche Art es sich handelt.

Interessanterweise ähnelt der Schädel von Tapiren sehr jenen von arachaischen Rüsseltieren wie Moeritherium, mit dem Hauptunterschied, dass bei jenen die Nasenöffnung noch an der Schnauzenspitze gelegen hat. Bei Tapiren ist die Nasenhöhle sehr stark nach posterior verlagert, was beim lebenden Tier aber praktisch unsichtbar bleibt.

Bild des Tages: Albinos

Mittwoch, Oktober 10th, 2007

Diese schönen, wenngleich auch nicht schön photographierten Präparate von zwei albinotischen Maulwürfen und einem albinotischen Sperling stammen aus dem Rosenstein-Museum in Stuttgart:

Albinos

Biber im Wurzacher Ried

Montag, Oktober 8th, 2007

Vor kurzem hatte ich die Möglichkeit das Wurzacher Ried in der Nähe von Ravensburg zu besuchen. Das Wurzacher Ried ist eines der größten noch intakten Hochmoorgebiete Mitteleuropas. Dort bekommt man auf kleinsten Raum ganz unterschiedliche und völlig faszinierende Landschaftsformen zu sehen, von urigen Wäldern, Heidelandschaften, Seen mit riesigen Riedfeldern und mit Torfmoos bewachsenen Mooren. Am Rande eines der kleinen Seen konnte ich einige frisch gefällte junge Bäume entdecken, die eigentlich nur von einem Biber angefresse sein können. Da Bilder oft mehr sagen können als tausend Worte, zeige ich hier einfach mal ein paar Bilder:

Die Form stammt keinesfalls von einer Axt, und auch die konisch zugespitzen Enden sehen ganz anders aus, als von Menschen gefällte Bäume. Wenn an genau hinsieht, kann man auch noch die kleinen Zahnspuren erkennen. Unter den Bäumen lagen kleine Holzhobel, die beim Abnagen entstanden sind.

Holzhobel

Ehrlich gesagt hegte ich eine Weile noch Zweifel ob das wirklich Biber gewesen sein können, und ich nicht vielleicht von irgend einem anderen Phänomen in die Irre geleitet wurde, aber nach einer Recherche im Internet konnte ich tatsächlich herausfinden, dass es im Wurzacher Ried Biber gibt. Ich denke mal die Chance diese Tiere zu sehen, ist relativ gering, aber ein Besuch dieses heutzutage außergewöhnlichen Landschaftstyps, ist auf jeden Fall zu empfehlen. Man sollte sich auch nicht von schlechten Wetter abschrecken lassen, aber auf jeden Fall genug Zeit mitbringen. Leider ist die Beschilderung und die spärlich vorhandenen Wegkarten dort teilweise wirklich katastrophal, und ich verdanke es eigentlich nur dem Zufall, dass ich rechtzeitig wieder einen Weg herausgefunden habe. Nichtsdestotrotz war das wirklich ein außergewöhnliches Erlebnis ein Stückchen intakes Moor zu sehen.

Hier sieht man noch Photos, die ich direkt bei den gefällten Bäumen vom Ried-bestandenen Seeufer gemacht habe:

Das Riesenfingertier Daubentonia robusta

Sonntag, Oktober 7th, 2007

Unter allen Lemuren ist das Fingertier oder Aye aye (Daubentonia madagascariensis) wohl am umgewöhnlichsten. Wegen seines seltsamen Gebisses, das sich unter anderem durch riesige, ständig nachwachsende mittlere Schneidezähne, und einer starken Reduktion der übrigen Zähne auszeichnet, gab es den früheren Taxonomen viele Rätsel auf, wurde es sogar schon zu den Eichhörnchen, den Springmäusen und den Kletterbeutlern gestellt. Auf diesem Bild eines Aye-aye aus dem Rostenstein-Museum in Stuttgart  kann man ganz gut sehen, weshalb die Zuordnung dieser Tiere so schwierig war. In Hintergrund rechts sieht man übrigens auch den Schädel.

Fingertier aus dem Rosenstein-Museum Stuttgart

Zeitweise stellte man sie sogar in eine eigene Säugetierordnung, bis der berühmte englische Anatom Sir Richard Owen anhand des noch primatentypischen Milchgebisses ihre Zuordnung klar darlegen konnte. Ihre verlängerten und extrem dünnen, namensgebenden Mittelfinger benutzen sie auf einzigartige Weise, indem sie mit ihnen Äste und Stämme abklopfen, um mit ihrem hochentwickelten Gehör nach den Gängen darunter versteckter Insektenlarven zu forschen, die sie dann nach Aufbeißen der Rinde wie mit einer Sonde aus ihren Gängen ziehen. Auch Kokosnüsse werden auf diesen Weg auf ihre Reife untersucht, an einer Stelle aufgemeißelt, und das nahrhafte Kokosmark heraus gekratzt, aber auch Nüsse und verschiedene andere Pflanzenteile werden nicht verschmäht. Eine Schönheit ist das Fingertier nicht gerade, die riesigen Ohren, die seltsamen Zähne und Spinnenfinger sowie das schwärzliche struppige Fell, mit den einzelnen dazwischen liegenden weißen Haaren lassen dieses völlig harmlose kleine Wesen eher wie einen kleinen Kobold erscheinen. Darum, und wohl auch wegen der befremdlichen Nutzung ihrer seltsamen Finger und der nächtlichen Lebensweise, ranken sich viele Legenden um diese Wesen. Einerseits gilt die Tötung dieser Tiere teilweise als unglücksbringed, und sie stehen unter einem Tabu, andererseits werden zuweilen auch die Aye-ayes selbst als Unglücksbringer angesehen und verfolgt, wahrscheinlich auch weil sie in gewissen Umfang Schaden in Kokosnusspflanzungen und Plantagen anrichten können.

Kaum bekannt ist, dass es noch bis vor sehr kurzer Zeit eine weitere Fingertierart gegeben hat, die inzwischen ausgestorben ist. Diese Art war deutlich größer als die rezente Art, und erhielt den Namen Daubentonia robusta . Man kennt nur wenige Reste des kräftig gebauten Riesenfingertieres, aber die gefundenen Zähne und Knochen deuten darauf hin, dass es dem Aye-aye ziemlich ähnlich sah, und wohl auch eine ähnliche Lebensweise führte, aber dieses an Größe um mindestens das dreifache übertraf. Das Fingertier wiegt im Mittel etwas über 2,5 kg, auch wenn einzelne Exemplare mehr erreichen können, das durchschnittliche Gewicht von Daubentonia robusta wird aber eher bei mindestens 8 kg gelegen haben, war also etwa so schwer wie eine große Wildkatze. Diese Art scheint erst vor sehr kurzer Zeit ausgerottet worden zu sein, und wurde noch bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrunderts gejagt, allem Anschein nach wurde das letzte Exemplar kurz nach 1930 im Osten Madagaskars getötet. Es ist gut möglich dass das Riesenfingertier im Gegensatz zu den allermeisten anderen ausgestorbenen Säugern Madagaskars  auch weniger dem Hunger, als viel mehr auch dem Aberglauben der Menschen zum Opfer gefallen sein könnte.