Fleischgelüste bei Huftieren

Eigentlich scheinen die Rollen ja recht klar verteilt in der Natur, es gibt die Raubtiere die Fleisch fressen, und die Pflanzenfresser die Pflanzen fressen. Zugegebenerweise gibt es auch einige Ausnahmen wie den Pandabären der trotz seines Bärenerbes fast rein vegitarisch lebt, und auch einige seiner Verwandten fressen zum größten Teil Pflanzen, und sogar verschiedene Marder und Hunde-artigen fressen ab und an pflanzliche Kost. Bei den Raubtieren gibt es zugegebenerweise eine recht weitläufige Palette an unterschiedlichen Fressgewohnheiten, aber die meisten von ihnen sind in ihrer Wahl der Nahrung doch recht konservativ veranlagt und halten sich an tierische Proteine. Aber wie sieht es mit den Huftieren aus? Diese bilden gemeinhin die bevorzugten Beutetiere größerer Raubtiere, und gelten meist als die Pflanzenfresser schlechthin. Von Wildchweinen ist zwar allgemein bekannt dass sie auch beim Wühlen gefundene Engerlinge, Regenwürmer und auch mal aufgebrabene Jungmäuse oder sogar Aas fressen, dass sie aber auch teilweise aktiv auf Jagd gehen und sogar manchmal Fische fangen, ist weniger bekannt. Manche Wildschweine lernen sogar recht geschickt erwachsene Mäuse zu fangen, desweiteren fressen sie auch Eier und am Boden sitzende oder aus dem Netz gefallene Jungvögel, sowie verschiedene Amphibien und Reptilien. Zuweilen kommt es sogar vor dass sie selbst Hasen und angeschossene oder sonstig geschwächte Rehe und Hirsche töten und fressen. Vor einigen Jahren konnte ich in einer Dokumentation einmal eine sehr beeindruckende Szene sehen, in der zwei Wildschweine einen Hasen jagten. Auch einige Verwandte des Wildschweines, etwa die Busch-und Flussschweine nehmen sehr gerne Fleisch in ihren Speiseplan auf, während dies bei Arten wie dem Warzenschwein oder dem Riesenwaldschwein kaum einmal vorkommt.

Den grimmig aussehenden und mit großen raubtierhaften Zähnen ausgestatteten Wildschweinen kann man derartige Vorlieben noch recht gut zutrauen, dass aber auch Nilpferde zuweilen Fleisch fressen, ist weit weniger bekannt. Wahrscheinlich handelt es sich hier eher um Ausnahmen, speziell in Zeiten in denen die Bullen aufgrund großer Rivalitäten nicht genug Zeit finden an Land zu grasen, und darum zusätzliche Kalorien aufnehmen, indem sie bei Gelegenheit auch Aas fressen. Ob sie nur schon tote Tiere fressen, oder unter Umständen auch von ihnen selbst getötete, ist mir nicht bekannt. Vor kurzem habe ich auch ein sehr beeindruckendes Video gesehen, bei dem ein Flußpferd einem großen Nilkrokodil die Beute klaute, und selbst fraß. Da Nilpferde jedoch zuweilen auch gegen andere Arten ein sehr aggressives Verhalten zeigen, und sogar manchmal andere Tier töten, könnte man vermuten dass zumindest manchmal auch von selbst “erjagten” Tieren gefressen wird. Auch Dromedare sollen manchmal Aas fressen, was auch kaum verwundert, da diese Tiere viel eher als andere in Situationen kommen, in denen es überhaupt keine pflanzliche Nahrung mehr gibt. Schon bizarren mutet es da an, dass Giraffen manchmal Knochen kauen, möglicherweise um zusätzliche Mineralien aufzunehmen, ein Verhalten das bei einer ganzen Reihe von Pflanzenfressern auftaucht, sogar bei Elefanten.

Auch Hirsche geben sich nicht immer allein mit Gras, Rinde und Knospen zufrieden. Neben Fällen von nichtdestruktiven Autokannibalismus, bei dem Kühe von der eigenen Gebärmutter oder Hirsche den eigenen abgestreiften Bast oder abgeworfene Geweihstangen fressen, gibt es auch Fälle, in denen andere Tiere getötet und gefressen werden. Bei Gelegenheit fressen Hirsche Eier bodenbrütender Vögel oder sogar junge Vögel. In manchen Gebieten in denen die Hirsche die von ihnen benötigten Mineralien nicht durch normale Kost decken können, fressen sie zuweilen kleinen Vögeln die Beine ab, um so an zusätzliches Kalk und Phosphor zu kommen. In einigen Gebieten fallen Rentieren sogar bis zu zehn Prozent der Lemmingpopulationen zum Opfer.

Hier sieht man ein paar Rentiere im Schönbrunner Zoo, Lemminge kriegen sie hier aber sicher nicht:

Rentiere

Weitaus vielseitiger ist da das afrikanische Hirschferkel. Diese winzigen, entfernt mit den Hirschen verwandten Wiederkäuern leben in den Dschungeln Afrikas und haben sich auf besondere Weise an ihren Lebensraum angepaßt. Sie fressen nicht nur Aas und Insekten, sondern auch sogar Fische. Bei Gefahr flüchten sich diese Winzlinge oft in Urwaldflüße und Bäche, wo sie sehr gut und lange tauchen können, wobei sie sich auf dem Gewässergrund laufend, geschickt fortbewegen können. Unter Wasser haben sie sich auch eine zusätzliche Nahrungsquelle erschlossen, indem sie ins Wasser gefallene Früchte ausammeln, und auch bei Gelegenheit Fische fangen.

Die kleinen afrikanischen Ducker scheinen von Natur aus in eine Opferrolle geboren zu werden, da sie zahlreichen Raubtieren bis hin zu Riesenschlangen und großen Raubvögeln zum Opfer fallen können. Doch ausgerechnet unter diesen harmlos aussehenden Tierchen, die aussehen als hätten sie es darauf angelegt kommerziell für Streichelzoos gezüchtet zu werden, findet man die größte Jagdlust unter den Huftieren. Dass man im Magen des Blauduckers schon große Mengen an Ameisen gefunden hat, ist an sich schon kurios, wenngleich auch nicht schockierend. Eigentlich sehen diese kleinen Huftiere ja wirklich aus, als könnten sie keiner Fliege etwas zu Leide tun (vielen Dank an Sven Peter für das Photo):

Blauducker

Andere Ducker dagegen machen dagegen auf noch weit größere Tiere Jagd. Reptilien, Vögel und auch kleine Säugetiere werden planmäßig angefallen und gefressen, weshalb sie in Zoos auch nicht mit Vögeln vergesellschaftet werden.

Im Zoo von Zürich konnte das Jagd und Fressverhalten sehr gut dokumentiert werden, nachdem auffiel, dass im Schwarzrückendurcker-Gehege immer wieder Tauben fehlten. Bei einem Test mit einer toten Taube wurde diese vom Ducker sofort gefressen, bei lebenden Vögel konnte beobachtet werden, dass sie diese witterten, beschlichen und angriffen. Kleine Küken wurden mit einem Biss in Bauch oder Brust getötet, bei größeren Vögeln wurden die Vorderhufe benutzt, um sie zu töten oder zu betäuben. Daraufhin wurden Kopf, Flügel und Beine abgebissen, wobei nur der Kopf gefressen wurde. Aus dem verstümmelten Körper wurden dann die Eingeweide herausgesaugt oder gekaut, und stückweise ganz oder teilweise gefressen.

Dass sich ein solches Verhalten entwickelt hat, hat womöglich mit den geringen Nahrungsressourcen im Dschungel zu tun. Kleine Wiederkäuer sind aufgrund ihrer kurzer Därme auf sehr hochwertige pflanzliche Nahrung wie etwa Früchte angewiesen, die im Urwald nur in geringen Umfang gleichzeitig vorkommen, und oft weit auseinander liegen. Bei Hirschen geht es sicherlich weniger um zusätzliche Kalorien, sondern vor allem dadurch, den enormen Mineralienbedarf für das Wachstum ihrer Geweihe zu decken, bei den gehörnten Duckern dagegen scheint es sich ausschließlich zu einer üblichen Ergänzung des Speisezettels zu handeln. Interessant ist auch die Tatsache dass die Ducker wie alle Wiederkäuer keine oberen Schneidezähne besitzen, und auch ihre sonstige Bezahnung in keinster Weise auf solche carnophilen Neigungen hindeutet. Beutetiere wie etwa Vögel müssen sie daher ausschließlich mit ihren Backenzähnen zerteilen. Es wäre sehr interessant zu wissen, ob sich aus diesen Tieren bei entsprechenden Umweltbedingungen über die Jahrmillionen echte Raubtiere entwickeln könnte. Vielleicht wird das mal Thema eines Eintrages über spekulative Zoologie sein.

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