Die Evolution des Narwals

Ein meinr Ansicht nach besonders interessanter Fall spekulativer Paläontologie ist die Evolution des Narwals Monodon monoceros. Bei heutigen Narwalen bestitzen die Männchen einen massiv vergrößerten und an der Oberfläche spiralig gewundenen linken mittleren Schneidezahn, der außerhalb des Mauls aus die Haut bricht. Die frühesten Vorfahren dieser Wale haben wahrscheinlich so ähnlich ausgesehen wie die mit ihnen verwandten Belugas, aber wie die ganzen Vorfahren ausgesehen haben, die zu diesem oftmals Einhorn des Meeres genannten Wesens führten, ist durch keinerlei fossilen Funde belegt. Hier stellen sich mehrere Fragen, etwa wann die Schneidezähne anfingen waagrecht statt senkrecht zu stehen, wann sie nicht mehr aus dem Zahnfleisch, sondern außerhalb des Maules herauswuchsen, seit wann sie nur noch auf einer Seite einen großen Zahn ausbilden, oder wann sich die Spiralwindung entwickelt hat. 

Hier sieht man den Schädel eines Narwales in der Seitenansicht:

Narwal-Schädel1

Man kann gut erkennen, dass die Kiefer außer dem linken ersten oberen Schneidezahn (sowie dem im Kiefer verborgenen rechten ersten oberen Schneidezahn) vollständig zahnlos ist.

In der Aufsicht wird die durch den Zahn verursachte Assymetrie des Kieferknochens noch deutlicher:

Narwal-Schädel2

 Die Vorfahren der Narwale müssen zweifellos teilweise ziemlich eigentümlich ausgesehen haben, es gibt sogar gewisse Hinweise darauf, dass anfangs nicht nur die oberen Schneidezähne etwas verlängert waren, sondern auch die unteren…

Der Vergleich mit dem Schädel des Belugas, welcher dem der frühesten Narwalvorfahren sehr ähnlich sein dürfte,  zeigt gut welche enormen Modifikationen des Schädels und der Zähne diese Tiere in ihrer Evolutionsgeschichte durchgemacht haben:

Beluga-Schädel

Der evolutionäre Prozess der von einem Tier mit einem Schädel ähnlich dem Beluga zu den modernen Narwalen geführt hat, kann nicht von jetzt auf gleich, und auch nicht vollkommen geradlinig stattgefunden haben. Die dazwischen gelegenen Zwischenstufen müssen teilweise äußerst seltsam ausgesehen haben.

 Auch wenn man bisher keine Knochen dieser Protonarwale gefunden hat, so kann man sich doch einigermaßen ausmalen wie zumindest einige ihrer Ahnen ausgesehen haben müssen. Da bei heutigen Narwalen normalerweise nur die Männchen einen Stoßzahn haben, und auch viele andere Wale teilweise sehr seltsam ausgebildete Zähne besitzen, die ausschließlich zur Austragung innerartlicher Rivalitäten dienen, kann man davon ausgehen, dass die allerfrühesten Narwale ihre leicht verlängerten und schräg aus dem Maul ragenden Schneidezähne bei Rivalenkämpfen benutzt haben könnten, ähnlich wie das die Männchen vieler Schnabelwale machen, deren Körper oft stark von Narben bedeckt ist, welche von den Zähnen anderer Bullen stammen. Spätere Formen hatten wohl schon recht gut entwickelte doppelte Schneidezähne, die aber vielleicht immer noch aus dem Maul heraus ragten. Interessanterweise kennt man einige primitive langschnäuzige, sogenannte haizähnige Wale (die Squalodontiden), welche neben ihren gesägten Zähnen im hinteren Kieferbereich auch senkrecht nach vorne stehende Schneidezähne an der Schnauzenspitze besaßen. Möglicherweise entwickelte sich dieses Merkmal bei ihnen aus ähnlichen Gründen wie bei den Vorfahren der Narwale. Ohne entsprechende Fossilien läßt sich hier leider sehr schwer sagen, wann die Zähne der Protonarwale außerhalb des Maules heraus wuchsen. Bei allen große Zähne tragenden Walen wachsen die Zähne noch aus dem Zahnfleisch, und das vorzugsweise im Unterkiefer, der Narwal ist hier die einzige Ausnahme. Heutige Tiere bei denen die Zähne auch außerhalb des Maules herauswachsen wären etwa die skurilen asiatischen Hirscheber oder Babirussas, bei denen die Eckzähne der Eber senkrecht aus oder Schnauzenoberseite herauswachsen, und einen Bogen nach hinten bilden. Vor einiger Zeit modellierte ich auch ein Modell eines solchen Protonarwales, oder Furcadon (nach dem Wort für eine zweizinkige Gabel) wie ich ihn inoffiziell genannt habe, das ein frühes mögliches Entwicklungsstadium aus der Ahnenreihe der Narwale zeigt. Das Modell besteht aus Fimo und wurde mit Wasserfarben bemalt, und anschließend lackiert:

 protonarwal-seitlich.jpg

 Der Körper bildet eine Art Zwischenform zwischen Narwal und Beluga, wobei mir im Nachhinein leider aufgefallen ist, dass der Kopf proportional zu groß geworden ist.

Protonarwal Unterseite

 Man sieht gut dass die beiden kurzen Stoßzähne noch nicht außerhalb des Maules durch die Haut stoßen, sondern noch aus dem Zahnfleisch ragen. Auch eine Drehung ist noch nicht vorhanden. Was man auf dem bemalten und lackierten Modell leider nicht mehr so gut sieht, sind die zahlreichen parallel verlaufenden Narben, die ich noch aufmodelliert habe, ähnlich wie bei vielen Schnabelwalen, die sich auch mit ihren Zähnen gegenseitig solche Verletzungen zufügen.

Nicht minder interessant ist hier auch die Evolution und die spekulativen Zwischenformen der bizarren „Walroßwale“ Odobenocetops peruvianus und Odobenocetops leptodon, welche entfernte Verwandte von Narwal und Beluga waren, vielleicht werde ich mich auch mal denen widmen. Bis dahin werden aber noch weitere Beiträge folgen.

Anmerkung: Die Bilder der Schädel von Narwal und Beluga stammen aus der Sammlung des Zoologischen Institutes in Tübingen.

Dieser Beitrag wurde unter allgemeine Zoologie, Paläontologie, Skulpturen, spekulative Paläontologie, Wale veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.