Bestiarium

Fantastisches aus Biologie, Paläontologie und Kryptozoologie

Archive for the ‘Populäre Irrtümer’ Category

Die teuflischen Mäusespuren von Devon

Donnerstag, Juni 14th, 2007

In der Nacht von 8. auf den 9. Februar 1855 soll in einigen Gemeinden in England der Leibhaftige umgegangen sein. Nach dem starken Schneefall vom 8. Februar fand man am nächsten Morgen im Gebiet von Exeter und Süd-Devon beinahe überall seltsame Spuren im Schnee, die Hufabdrücken glichen. Sie verliefen in schnurgeraden Linien, mit einer Spanne von etwa 20 cm von Abdruck zu Abdruck. Die Spuren selbst waren 38-63 Millimeter groß, und ähneltem einen ovalen, hinten offenem Huf. Bei einigen Abdrücken schien der vermeintliche Huf auch vorne gespalten zu sein, und auch einige erhaltene Zeichnungen der Abdrücke zeigen eine recht große Variabilität derselben.

Ungewöhnlich war aber nicht nur die Form der Verlauf der Spuren, sondern auch dass man sie praktisch überall fand, auf Feldern, Mauern, Fensterbänken, Gärten und sogar von Mauern umgebenen Höfen. Manche Spuren sollen sogar einfach aufgehört haben, als habe sich der Verursacher in Luft aufgelöst, während andere scheinbar durch Abflussrohre und kleine Löcher in Hecken führten.  Die unzähligen Fährten in den verschiedenen Gemeinden müssen insgesamt mehrere Kilometer lang gewesen sein.

Für viele der damaligen Menschen war die Sache klar, hier konnte es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, und das Wesen dass diese Spuren hinterlassen hatte, mußte zweifellos der Hölle selbst entstiegen sein. Darum findet dieses Phänomen auch oftmals Erwähnung unter der Bezeichnung “Teufelsspuren von Devon”. Die an winzige Hufeisen erinnernden Spuren, die scheinbare Fähigkeit über Dächer zu fliegen, durch Wände zu gehen oder gar völlig zu verschwinden, waren vielen Leuten äußerst unheimlich.

Etwas bodenständigere, und um rationalere Erklärungen bemühte Personen versuchten eine weniger mysteriöse Erklärung zu finden. Es wurde behauptet, dass alles nur ein Schwindel sei, und die Spuren mit Hilfe eines heißen Metallgegenstandes in den Schnee gerückt worden, dass sie von Fischottern, Dachsen, Hunden, Katzen, Eseln oder sogar einer bisher unbekannten Albatrossart stammten, aber keine dieser Erklärungsversuche schien wirklich plausibel. In vielen Fällen wird auch heute noch bei der Behandlung der Teufelsspuren von Devon das Vorkommnis stark mystifiziert.

Allerdings gibt es für all jene Spuren eine ausgesprochen einfache, und alles erklärende Lösung. Wie Karl Shuker schon in “Der Weltatlas der rätselhaften Phänomene” schrieb, stammten die seltsamen Spuren mit größter Wahrscheinlichkeit von Waldmäusen, die durch besonders grimmige Kälte getrieben, nachts in den Dörfern nach Nahrung suchten. Waldmäuse bewegen sich im Schnee springend fort, dabei formen sie an kleine Hufabdrücke erinnernde Spuren im Schnee. Da sie nicht immer gleich landen, sehen diese auch nicht alle gleich aus, und sind manchmal vorne offen. Zudem erklärt dies nicht nur den geringen Abstand zwischen den Spuren, sondern auch die gerade Spur. Während bei einem Zweibeiner die Spuren seitlich immer etwas versetzt sind, liegen Spuren der springenden Waldmaus immer genau hintereinander. Da diese Tiere auf offenen Flächen sehr gefährdet sind, versuchen sie diese auch möglichst schnell zu überqueren, was zur Folge hat, dass die Spuren in sehr geraden Linien liegen können. Die Fälle in denen Spuren abrupt aufhörten, läßt sich sehr einfach damit erklären, dass die Mäuse von Eulen gefangen wurden. Auch die Durchquerung von Rohren und kleinen Ritzen, sowie das Überwinden von Mauern und Dächern ergeben so einen Sinn, denn Waldmäuse sind sehr geschickte Kletterer, und können sich auch durch enge Gänge und Öffnungen zwängen.

Hier ein Bild einer Waldmaus, das ich vor ein paar Wochen beim Spazierengehen aufgenommen habe:

Waldmaus

Da ich vorletzten Winter im Wald Spuren gefunden habe, die den Beschreibungen und Darstellungen der “Teufelsspuren” exakt glichen, und genauso aussahen, als stammten sie von kleinen Hufen, kann ich diese Theorie nur bekräftigen. Leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt keinen Photoapperat zur Hand, wie so oft wenn man etwas interessantes photographieren möchte.

Nun kann man sich auch fragen warum damals scheinbar nicht schon jemand auf diese Idee gekommen ist. Zum einen kann dies durchaus der Fall sein, ohne dass dies überliefert wurde, während die skurilen und wenig einleuchtenden Erklärungsversuche ihren Weg in die Aufzeichnungen fanden. Vielleicht war das sogar ganz bewußt, denn nicht anders als heute werden gewiefte Journalisten auch schon früher enthüllende Erklärungen ihren Lesern verschwiegen haben, um die ganze Angelegenheit mysteriöser zu machen. Niemand interessiert sich für Mäusespuren im Schnee, dem gesunden Menschenverstand trotzende Teufelsspuren dagegen schon.

Zudem macht man sicht heute oftmals gar nicht mehr klar, wie abergläubisch die Bevölkerung früher gewesen ist. Dies fällt vor allem auf wenn man zeitgenössische Literatur aus dem 19. Jahrhundert liest. Viele Menschen waren damals oft auf eine unglaublich naive Weise abergläubisch, und der Teufel oder böse Mächte wurden von vielen hinter jedem Missgeschick und jedem Rätsel vermutet. Tatsächlich sind in vielen Gegenden der Welt die Menschen selbst heute noch so abergläubisch, sei es nun in Südamerika, Afrika oder Teilen Asiens, und es verwundert nicht dass man im 19. Jahrhundert hinter seltsamen Spuren im Schnee infernalische Mächte am Wallen vermutete. Vielleicht erschien vielen eine natürliche Erklärung sogar einfach zu banal um wahr zu sein. Besonders im Internet stößt man immer wieder darauf, dass sich viele Menschen nicht mit einfachen, logischen und an sich gut nachzuvollziehenden Erklärungen abfinden wollen, und statt dessen lieber verworrenen Gedankenkonstrukten hinterher laufen, egal wie oft man sie widerlegt.

Hatte Spinosaurus wirklich ein Segel auf dem Rücken?

Montag, Juni 11th, 2007

Spätestens seit dem teilweise ziemlich schwachen “Jurassic Park 3″ dürfte Spinosaurus den meisten ein Begriff sein. In jüngster Zeit erhielt er zusätzliche Furore, da man aufgrund neuerer Funde inzwischen davon ausgeht, dass Längen von über 17m erreichen konnte, und damit größer war als alle anderen bekannten Landraubtiere. Das Erscheinungsbild des Spinosaurus hat sich in den letzten Jahren recht stark gewandelt. Wurde er in älteren Büchern noch in der Regel als typischer Carnosauier mit großem bulligen Kopf und normalen, wenngleich auch etwas großen Armen dargestellt, weiß man inzwischen dass er in vieler Hinsicht anders war. Neuere Bilder, die auf den tatsächlichen Schädelproportionen basieren, zeigen ihn mit mit einem langen und relativ schmalen Schädel, und einer langen Schnauze, mit einer deutlichen Einkerbung an der Spitze. Zudem hatte Spinosaurus auch einen kleinen Knochenbuckel auf der Stirn vor den Augen, was in älteren Darstellungen auch nicht berücksichtigt wurde (und woraus in JP3 zwei Buckel gemacht wurden).Auch die Hände werden nun in aller Regel so gezeigt, wie sie bei seinen Verwandten aussahen, nämlich mit einer übergroßen kräftigen Daumenklaue.

Was praktisch immer noch unverändert geblieben ist, ist das große Segel das auf dem Rücken trohnt. Diese Darstellung ist so weit verbreitet und so allgemein akzeptiert, dass es beinahe ketzerisch anmutet, wenn man davon ausgeht, dass Spinosaurus überhaupt kein Segel hatte.

Die Frage ist nun natürlich, warum Spinosaurus kein Segel gehabt haben soll. Um das zu beantworten, muss man erst einmal etwas mehr auf die Anatomie des Spinosaurus eingehen. Die Rückenwirbel des Spinosaurus besaßen wie jene praktisch aller anderer Wirbeltiere nach oben weißende Dornfortsätze. Allerdings waren diese teilweise ganz enorm verlängert, und dürften bei den größten Exemplaren teilweise über zwei Meter lang gewesen sein. Diese extrem verlängerten Dornfortsätze führten zu der Annahme, dass sie ein dünnes Segel bildeten. Hier muss man nun eigentlich auch fragen, warum Spinosaurus überhaupt ein Segel gehabt haben soll. Sind derartig verlängerte Wirbelausläufer tatsächlich ein Beweis dafür, dass ein Tier eine Art Rückensegel besaß? Der Grund warum bei Spinosaurus (und anderen) allgemein davon ausgegangen wird, dass er ein Segel hatte, geht vor allem auf hausgemachte Vorurteile zurück. Spinosaurus war ein Reptil, und daher hatten die Leute die ihn untersuchten wohl eher die mit allerlei schuppigen Hautlappen, Stachelschuppen und in einigen ganz wenigen Fällen auch mit Rückenkämmen ausgestatteten Echsen im Hinterkopf, als sie ihn rekonstruieren wollten. Daher mußten diese seltsamen Wirbel ganz einfach Haut aufgespannt, und einen archaisch bizarren Rückenschmuck gebildet haben, etwas anderes wäre bei einem Reptil ganz undenkbar…

Bevor ich genauer auf die eigentlichen Rückenwirbel eingehe, möchte ich noch etwas über die verschiedenen Schlussfolgerungen schreiben, die von dieser Segelvorstellung ausgingen. Eine weit verbreitete Vorstellung geht davon aus, dass der Spinosaurus dieses Segel benutzte, um seine Körperoberfläche zu vergrößern, damit er sich in der Sonne schneller aufwärmte. Diese Idee geht von einigen falschen Grundlagen aus. Zum einen ist es inzwischen ziemlich gesichert, dass Dinosaurier mehr oder weniger warmblütig gewesen sind, und daher von externen Wärmequellen relativ unabhängig waren. Zum anderen war Spinosaurus ein wirklich gewaltiges Tier, das wahrscheinlich ein Gewicht von über neun Tonnen erreichte. Für ein Wesen dieser Größe ist es schlicht unmöglich sich alleine durch Sonnenwärme aufzuwärmen, da die Körperoberfläche (selbst wenn sie durch ein Segel vergrößert wäre) im Vergleich zur Körpermasse viel zu gering wäre. Schon unter den heutigen Reptilien benötigen die größten unter ihnen teilweise stundenlange Sonnenbäder um auf eine entsprechende Körpertemperatur zu kommen. Genau genommen gibt es bei sehr großen Tieren in der Regel kaum Probleme mit Unterkühlung, die durch Stoffwechselprozesse im Körper gebildete Wärme kann durch die verhältnissmäßig geringe Körperoberfläche nur geringfügig verloren gehen. Daher ist nicht Unterkühlung, sondern Überhitzung ein Problem. Elefanten etwa haben darum riesige, gut durchblutete Ohren, über die sie überschüssige Wärme an die Umgebung abgeben können. Insofern hätte ein Segel wenn überhaupt als Wärmeableiter einen Sinn gehabt. Da Spinosaurus aber in einer Landschaft lebte, in der es viel Wasser gab, hätte er sich auch ganz einfach abkühlen können, indem er bei zu großer Hitze ab und zu mal ein Bad nahm. Außerdem hatten andere große Theropoden wie Giganotosaurus oder auch T-rex kein solches “Luxusorgan” und hatten daher allem Anschein nach andere Möglichkeiten, einer Überhitzung entgegen zu wirken. Ob sich daher wirklich ein so aufwendiges Organ entwickelte um eine thermoregulierende Rolle zu spielen, obwohl es sicherlich auch wenige aufwändige Alternativen gab, ist also eher fraglich.

Eine andere, ebenfalls weit verbreitete Vorstellung ist jene, dass ein solches Rückensegel eine Rolle in der innerartlichen Kommunikation gespielt hat, und vielleicht etwa bei den Männchen zur gegenseitigen Einschüchterung diente. Um das genauer sagen zu können, bräuchte man eigentlich genauere Informationen, etwa ob alle Spinosaurier solche langen Wirbelausläufer hatten, oder womöglich nur Männchen. Bisher ist aber noch keine ohne bekannt. Zudem erscheint es nicht allzu plausibel dass ein großer Fleischfresser ein derartig großes und in physiologischen Sinne teuer erkauftes Merkmal auszubilden.

Unabhängig der verschiedenen Spekulationen über den Sinn eines solchen Segels, wurde es auch des öfteren als Argument herangezogen, um zu zeigen dass Spinosaurus ein Aasfresser gewesen sein soll, da es viel zu verletztlich gewesen sein soll, als das er damit auf die Jagd gegangen sein kann. Zudem wurden die geraden Zähne als Indiz dafür gesehen, dass er das Fleisch verwesender Kadaver fraß. Die Vorstellung eines jagdunfähigen neun Tonnen schweren Kolosses, der durch die Gegend stampft und nach verfaulten Fleisch sucht, ist zugegebenerweise ziemlich absurd. Kein Ökosystem kann ständig derartige Massen an frei zugänglichen Kadavern liefern, um eine ganze Population solcher Monster zu ernähren. Inzwischen geht man aufgrund von Vergleichen mit verwandten Arten wie Baryonyx oder Suchomimus eher davon aus, dass Spinosauriden eine gewisse Spezialisierung auf den Fang großer Fische zeigten, die sie zusammen mit den kräftigen Daumenkrallen und den langen schmallen Schnauzen, und den geraden krokodilähnlichen Zähnen erbeuteten. Im Gegensatz zu verwandten Arten wie Suchomimus waren die Zähne allerdings weniger zahlreich und die Kiefer stärker, was wohl auf eine etwas ausgewogenere Nahrung hindeutet, die öfters auch Landtiere miteinschloss. Seltsamerweise wurde dies teilweise als Argument für eine Aasfresserlebensweise benutzt.

Aber zurück zu dem Rücken. Spinosaurus wird oft in einem Atemzug mit dem permischen Reptil Dimetrodon und manchmal auch Edaphosaurus genannt, und behauptet, dass es sich bei ihren Wirbelausläufern um parallele Entwicklungen handelte. Betrachtet man aber einmal die Dornfortsätze von diesen Tieren genauer, so fällt auf, dass sie gänzlich anders sind als die von Spinosaurus. Das einzige was gleich ist, ist dass es sich um Dornfortsätze der Rückenwirbel handelt, und dass diese ziemlich lang sind. Allerdings sind sie bei Dimetrodon und Edaphosaurus ziemlich dünn, und im Querschnitt beinahe kreisrund, bei Edaphosaurus weise sie sogar noch in Reihen angeordnete seitliche Ausläufer. Bei diesen Tieren ist es durchaus gut möglich dass zwischen diesen runden Ausläufern Haut gespannt war, die womöglich bei einer schnelleren Erhöhung der Körpertemperatur diente. Bei der doch relativ geringen Größe dieser höchstwahrscheinlich noch wechselwarmen Tiere hätte ein solches Segel einen deutlichen Vorteil erbracht, wenn es darum ging morgens vermehrt Wärme aufzutanken, und so den Tag länger aktiv nutzen zu können. Aber auch für diese allgemein geäußerte These gibt es an sich keine echten Beweise, vielleicht spielten die Segel bei diesen Tieren eine Rolle im Sozialverhalten, oder hatten sogar noch andere Funktionen. 

Bei diesem Dimetrodon-Skelett aus der Schausammlung des Paläontologischen Instituts in Tübingen sieht man sehr gut, dass die Dornfortsätze von Dimetrodon ausgesprochen dünn, und von beinahe rundem Querschnitt waren, ganz anders als jene von Spinosaurus.

Dimetrodon-Skelett

 Die Dornfortsätze bei Spinosaurus sahen dagegen ganz anders aus. Genau genommen waren sie beinahe identisch mit ganz normalen Dornfortsätzen, nur dass sie eben deutlich länger, und oben etwas verbreitert waren. Im Gegensatz zu Dimetrodons Dornfortsätzen waren sie nicht rund im Querschnitt, sondern seitlich abgeflacht, und viel länger als breit, und an der Vorder-und Hinterkante etwas verdickt. Normalerweise dienen solche Dornfortsätze als Ansatzstellen für Muskeln. Zum einen spannen sich zwischen ihnen Muskeln, welche die Wirbelsäule kräftigen, zum anderen dienen sie seitlichen Muskeln als Halt. Betrachtet man die Dornfortsätze von Spinosaurus einmal ganz unvoreingenommen und versucht die ganzen mehr oder weniger liebgewonnenen Bilder eines Rückensegels aus dem Kopf zu verbannen, so gibt es eigentlich keine Indikation dafür, dass sich über sie nur Haut spannte. Wenn die Dornfortsätze einfach nur sehr lang waren, ist es an sich naheliegend dass auch die an ihnen ansetzenden Muskeln ensprechend weit nach oben reichten. Das ist nun auch keineswegs reine Spekulation, denn ganz ähnliche Dornfortsätze sind von anderen Tieren gut gekannt.

Unter den Rindern gibt es einige große Arten welche einen sehr stark ausgebildeten Rückenbuckel besitzen, insbesondere Bisons und Wisente, aber auch die asiatischen Gaur haben einen solchen. Dabei handelt es sich um Rückenmuskeln, die an den stark verlängerten Dornfortsätzen der Wirbelkörper sitzen. Der Schulterhücker der Zebus dagegen hat keine knöcherne Stütze und besteht ausschließlich aus dem stark vergrößerten Musculus rhomboideus. Bei dem ausgestorbenen Riesenbison Bison antiquus erreichten diese Ausläufer der Wirbel sogar Proportionen, die durchaus mit denen von Spinosaurus vergleichbar sind. Allerdings käme wohl kein Mensch darauf, dass diese ausgestorbenen Rinde eine Art Rücksegel besaßen, sondern dass der schon bei ihren noch lebenden Verwandten vorhandene Schulter-oder Rückenbuckel einfach in ganz extremer Weise ausgeprägt war. In ihren Proportionen sind sich die Dornfortsätze von Spinosaurus und “buckeligen” Huftieren äußerst ähnlich, und es scheint sehr wahrscheinlich dass auch Spinosaurus keine nur von Haut bedeckten Knochen auf dem Rücken hatte, sondern dass auch bei ihm die Rückenmuskulatur bis an die Spitzen der Dornfortsätze reichten. Wieviel Muskelmasse dann tatsächlich über diesen Knochen gewesen wäre, ist allerdings schwer zu sagen. Betrachtet man etwa heutige Bisons oder Gaur, so fällt auf dass ihr Buckel eigentlich gar nicht einmal besonders breit ist, und nach oben hin immer schmaler wird. Man dürfte sich einen Spinosaurus mit einem muskelbedeckten “Segel” also nicht als eine Art prähistorische Glöckner von Notre-Damme vorstellen, sondern eher dahingehen, dass sein Rücken nach ober gehend im Querschnitt wie ein umgedrehtes schmales V ausgesehen hat.

 Bei diesem Skelett einer ausgestorbenen Wisentart, welches ich im Naturhistorischen Museum Wien aufgenommen habe, sieht man sehr gut die massive Verlängerung der Dornfortsätze. Diese Dornfortsätze sind nicht wie bei Dimetrodon dünn und mit runden Querschnitt, sondern deutlich länger als breit, und obendrein an der Spitze breiter als an der Basis, so dass die Muskeln des Rückens einen guten Ansatz finden.

Wisen-Skelett

Auf diesem, leider nicht allzu gut gewordenen Bild zweier Bisons aus dem Schönbrunner Zoo sieht man den Rückenbuckel am lebenden Tier. Durch das dicke Fell sieht er voluminöser aus als er eigentlich ist, aber bei dem Bison auf der linken Seite, sieht man ganz gut, dass es sich hierbei nicht um einen massiven “Quasimodo-Buckel” handelt, sondern dass er verhältnissmäßig schmal ist, und über den Schulter im Questschnitt wie ein stumpfes Dreieck ausläuft.

Bisons

Wenn aber Spinosaurus nun tatsächliche eine Art Büffelrücken hatte, wozu brauchte er ihn dann? Zugegebenerweise habe ich darauf auch noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden, aber das waren die Erklärungsversuche für ein Segel auch nicht. Falls Spinosaurus tatsächlich in Sumpfgebieten lebte, und in gebückter Haltung nach großen Fischen jagte, wäre ein solcher Rücken möglicherweise wie eine Art Stütze denkbar. Es wurde auch schon vermutet, dass sie eine Art Fetthöcker stützten, aber das ist wenig wahrscheinlich. Die einzigen lebenden Tiere mit Fetthöckern sind Dromedare und Kamele, wobei bei diesen die Höcker keinerlei Stütze durch die Wirbelsäule haben, während sich bei den buckeltragenden Rinderarten eigentlich keine größeren Fettansammlungen an diesen Stellen befinden. Um Fett zu tragen, benötigt es keiner besonderen Knochen um es zu stützen, bei Muskeln dagegen schon. Auch bei dem Riesenhirsch Megaloceros wurde schon spekuliert seine verlängerten Dornfortsätze an der Schulter hätten einen Fetthöcker getragen, viel wahrscheinlicher ist aber dass die an ihm sitzenden Muskel und Bänder ähnlich wie bei Elchen und anderen Tiere mit schweren Köpfen oder Hälsen als zusätzliche Stütze dienten.

Neben Spinosaurus gab es auch andere ausgestorbene Reptilien welche anatomisch ähnliche verlängerte Dornfortsätze hatten, etwa sein etwas kleinerer Verwandter Suchomimus, bei dem sie allerdings noch deutlich kürzer waren. Auch Ouranosaurus, ein Ornithopode, hatte sehr stark verlängerte Dornfortsätze, die allgemein als Segel gedeutet werden, aber wohl auch eher wie bei Büffeln als Muskelansätze gedient haben, zumal sie wie bei ihnen ihr Zentrum über den Vorderbeinen hatten. Ouranosaurus hatte zudem noch waagrecht verlaufende verknöcherte Sehnen auf den Dornfortsätzen, was allein schon zeigt, dass er kein dünnes Segel gehabt haben kann, sondern einen zumindest einigermaßen dicken Rückenkamm, vergleichbar einem Riesenbison. Daneben gab es auch den relativ kleinen Archosaurier Arizonasaurus, dessen Rückenkamm sein Zentrum ähnlich wie Spinosaurus weiter hinten hatte.

Nach ausgiebiger Betrachtung dieses Themas, insbesondere nach dem Vergleich mit den anatomischen Begebenheiten anderer Tiere, kann ich ehrlich gesagt nicht mehr glauben, dass Spinosaurus und Arten mit vergleichbaren Dornfortsätzen an den Wirbeln tatsächlich häutige Segel besaßen. In der Paläontologie ist leider ziemlich viel auf Mutmaßungen und Spekulationen basierend, weshalb viele ausgestorbene Tiere im Laufe der Zeit ihr Aussehen in Büchern auch stark verändert haben. Vielfach wurden auch Dinge rekonstruiert, ohne wirklich genau nachgeprüft zu haben, ob es überhaupt realistisch ist. Darum sehen wir immer noch in manchen Büchern aufrecht laufende Tyrannosaurier, die sich auf ihrem Schwanz aufzstützen, oder Sauropoden die ihren Hals in Schwanenmanier verkrümmen. Leider ist es manchmal ziemlich schwierig neue Vorstellungen anzunehmen, und alte abzugeben, weshalb sich neue Ideen oft nur sehr langsam einigermaßen etablieren können. Über Jahrzehnte ging man einfach mal davon aus dass die Ausläufer an den Wirbeln des Spinosaurus ein Segel gespannt haben müssen, und debatierte erhitzt über den Zweck eines solchen Segels. Bis sich aber tatsächlich jemand einmal fragte, ob ein solches Tier nun überhaupt zwingend ein Segel gehabt haben muss (oder kann), ist ziemlich viel Zeit vergangen.

Quellen:

Jack Bowman Bailey

Neural spine elongation in dinosaurs; sailbacks or buffalo-backs?

Western Illinois University, Department of Geology, Macomb, IL, United States

Angebliche Aasfresser Teil 1: Dilophosaurus

Mittwoch, Juni 6th, 2007

Dilophosaurus aus Jurassic Park - fälschlicherweise ohne Kerbe im Oberkiefer 

Wenn man sich mit paleontologischer Literatur befaßt, dann fällt auf dass eine ganze Menge ausgestorbener Fleischfresser als Aasfresser abgestempelt werden. Die Argumentation für diese Vermutungen stehen aber oftmals auf äußerst wackeligen, und teilweise sogar diametral verschiedenen Überlegungen. Ich möchte mich hier mit einigen Fällen befassen, und darauf eingehen, auf welchen Überlegungen die Vorstellungen für angeblich Aas-fressendes Verhalten zurückgehen, und natürlich vor allem, was dagegen spricht.

Den Anfang wollte ich mit Dilophosaurus machen, nicht zuletzt deshalb, weil vor kurzem eine sehr interessante Meldung durch die Presse ging, aber dazu später mehr. Dilophosaurus kennen sicher alle die Jurassic Park gesehen haben noch als den kleinen hinterhältigen Raubsaurier, der den verräterischen und nicht minder korpulenten Computerspezialisten Dennis Nedry auf ziemlich unappetitiche Weise von der Leinwand verschwinden läßt. Der Dilophosaurus-Animatronic sah an sich ziemlich gut aus, mal abgesehen davon dass er viel zu klein war, aber die Macher von JP ließen sich es nicht nehmen, ihm noch eine frei erfundene Kragenechsen-artige Halszierde zuzugestehen, die ebensowenig auf Fakten basiert, wie das Spucken von Gift.

Dilophosaurus war für die Zeit in der er lebte ein ziemlich großer Raubsaurier, einer der größten die es damals gab, und erreichte eine Länge von 6m bei einem Gewicht von etwa einer knappen halben Tonne. Er gehörte noch einer ziemlich primitiven Gruppe von Raubsauriern an, was sich darin zeigte dass er an der Hand noch vier, und nicht wie praktisch alle späteren Theropoden drei Finger hatte. Dieser vierte Finger war schon relativ klein und in der Rückbildung bemeßen, genau wie zwei seiner fünf Zehen (ebenfalls ein primitives Merkmal, die moderneren Theropoden hatten alle nur noch vier Zehen). Insgesamt war Dilophosaurus relativ schlank gebaut für einen Raubsaurier seiner Größe, die meisten größeren Theropoden waren deutlich kompakter. Das wohl herausragenste Merkmal dieses Tieres waren die beiden vertikalen, einigermaßen halbkreisförmigen Knochenkämme auf dem Schädel. Ihre genaue Funktion is unbekannt, doch vermutlich spielten sie entweder eine Rolle in der innerartlichen Kommunikation, oder sie waren möglicherweise Rangabzeichen bei den Männchen, ähnlich wie bei vielen Vögeln. Ein weiteres ungewöhnliches Merkmal waren die Kiefer und Zähne. Die Kiefer waren relativ schmal und schwach, und wohl kaum in der Lage besonders kräftig zuzubeißen. Zudem besaß er im vorderen Teil der Schnauze eine seltsame Einkerbung, so dass es beinahe aussah als hätte er mal eins auf die Nase bekommen, woraufhin die Schnauzenspitze schräg nach unten wuchs. Auch die Zähne waren eher ungewöhnlich, da sie ziemlich lang, und dabei relativ dünn waren.

Die Argumentation für eine Aas-fressende Lebensweise beläuft sich nun vor allem auf die drei Eigenheiten, nämlich die Kämme auf dem Kopf, die schwachen, seltsam geformten Kiefer, und die langen dünnen Zähne. Nach der Auffassung mancher Wissenschaftler war Dilophosaurus nicht in der Lage Beutetiere mit seinen Kiefern und Zähnen zu töten, zudem wäre die Gefahr dass bei einer Jagd die dünnen Kämme zu verletzen, viel zu groß. Folglich soll Dilophosaurus also durch die Gegend gestreift, und nach Kadavern gesucht haben.

Aus irgend einem Grund gehen viele Paläontologen scheinbar davon aus, dass in der Wildniss überall Kadaver herumliegen, von denen sich eine beliebig große Anzahl beliebig großer Tiere ernähren kann. Dabei wird zun einen übersehen dass Kadaver zwar in der Natur vorkommen, dass dies aber ein relativ seltenes Ereigniss ist, nicht zuletzt deshalb weil schwache oder kranke Tiere in der Regel schon zu Lebzeiten Raubtieren zum Opfer fallen, und weil eine ganze Reihe opportunistischer kleiner Raubtiere in der Regel als erstes an einem Kadaver ist, und ihnen oft ein nicht geringfügiger Teil des Fleisches zufällt. Könnten große Fleischfresser tatsächlich ausschließlich von in der Gegend herumliegenden Kadavern ernähren, dann könnte man das heute noch sehen. Tatsächlich gibt es unter den Großtieren aber keinen einzigen reinen Aasfresser.

Mal angenommen Dilophosaurus wäre tatsächlich ein Aasfresser gewesen, wäre er dann in der Lage gewesen einen Kadaver überhaupt sinnvoll zu nutzen? Lange dünne Zähne und relativ schwache Kiefer sind alles andere als gut geeignet um von Kadavern zu fressen. Sinnvoll wären bei einer solchen Lebensweise viel eher kräftige Kiefer und kürzere, breitere Zähne, um so Stücke aus größeren Kadavern herauszureißen. Ein dem Dilophosaurus noch einigermaßen vergleichbares heutiges Tier, das in der Lage ist die Körper toter Tiere extrem gut in Stücke zu reißen ist der Komodowaran. Er hat robuste Kiefer, und nach hinten gebogenene, relativ kurze und kompakte Zähne. Unabhängig davon dass Komodowarane sehr gute Jäger sind, ist ihr Schädel und Gebiß darauf ausgerichtet Kadaver in kürzester Zeit zu zerlegen, unabhängig davon ob es Fleisch von einem gefundenen, oder selbst gejagten Tier handelt. Tiere die viel Fleisch von größeren Tieren fressen, haben in der Regel ziemlich ausgeprägte schneidende Anteile in ihrem Gebiss, lange dünne Zähne deuten in der Regel eher auf andere Nahrung hin.

Dilophosaurus war also wohl weder in der Lage für größere Tiere tödliche Bisse auszuteilen, noch war er besonders gut darin Kadaver zu verwerten. Dann kommt noch die Sache mit den Kämmen dazu. Inzwischen hat man noch einige andere mittelgroße Theropoden gefunden, die teilweise ebenso skurrile wie relativ zerbrechliche Kopfschmücke trugen. Dass solche Gebilde bei der Jagd auf große und wehrhafte Tiere sicher nicht gerade von Vorteil war, dürfte wohl sicher sein. Aber daraus gleich zu schließen, dass diese Tiere gar nicht jagten, halte ich für wenig sinnvoll. Wenn man die heutigen Raubtiere betrachtet, so fällt auf dass keineswegs alle auch tatsächlich größere Tiere jagen. Der südamerikanische Mähnenwolf etwa, ernährt sich trotz seiner Größe fast ausschließlich von relativ kleinen Nagetieren, genau wie der Abessinische Fuchs(bzw Wolf). Der Erdwolf begnügt sich trotz seines Hyänenerbes mit Insekten, und viele andere Fleischfresser haben sich ebenfalls nicht in der Rolle eines gefährlichen Großwildjägers festgefahren. Von den Fleischfressern unter den Säugetieren gibt es keine die besondere Ausbildungen haben, die mit den Kämmen von Dilophosaurus vergleichbar wären. Unter den Vögeln gibt es aber eine ganze Reihe teilweise recht großer Arten, die trotz einer jagenden Lebensweise ausgeprägte Auswüchse an Kopf oder Schnabel haben. Ein Beispiel wäre der Sudan-Hornrabe, ein ziemlich großer Vogel, der mit seinem riesigen Schnabel in den Savannen vor allem Reptilien, größere Insekten und auch mal kleinere Säuger fängt. Der seltsame Buckel auf dem Kopf scheint ihn dabei wenig zu stören, genausowenig die die teils enorm großen Schnabelfortsätze der Nashornvögel, welche ebenfalls oft kleinere Tiere fangen.

Bedenkt man dass Dilophosaurus ziemlich schlank und wenig gewesen ist, und obendrein einen abspreizbaren Finger besaß, so erscheint es weitaus logischer zu vermuten dass er sich statt von großen oder gar schon toten Tieren, eher von kleineren Beutetieren ernährte, die er vielleicht mit seinen Klauen greifen, und mit den relativ schwachen Kiefern töten könnte, wobei auch keine Gefahr bestände, dass sein Kopfschmuck Schaden nähme.

Betrachtet man nochmal die Kiefer von Dilophosaurus, so kann man sogar noch einen Schritt weiter gehen. Die seltsame Einkerbung und der nach unten weißende Knick im Oberkiefer kommen nämlich noch bei anderen Tieren vor, nämlich beispielsweise bei Krokodilen oder den Spinosauriden, von denen man aufgrund verschiedener Hinweise davon ausgeht, dass sie eine gewisse Spezialisierung auf Fische entwickelt hatten. Seltsamerweise hatte auch das mit einem großen Rückensegel ausgestattete Reptil Dimetrodon einen ähnlichen Knick im Kiefer, wobei hier fraglich ist, ob hier ein Bezug zu einer Fische-jagender Lebensweise bestand. Diese besondere Form der Schnauze scheint gewisse Vorteile beim Packen von Fischen zu haben, und an dieser Stelle bekommen auch die recht langen dünnen Zähne einen Sinn, denn selbst wenn diese nicht gut zum Zerteilen von Fleisch sind, so eignen sie sich doch ausgezeichnet um einen schleimigen zappelnden Fisch festzuhalten.

Derartige Beutetiere würden auch keine starken Kiefer zur Tötung benötigen, genausowenig wie sie eine Gefahr für verletzungsanfällige Kopfaufbauten darstellen würden. Auch die schlanke Gestalt und dier lange beweglich Hals würden gut zu einem Fischfresser passen, der wie ein riesiger Reiher an Gewässern oder in Sumpfegebieten nach Beute suchte.

Diese Vermutungen hatte ich schon vor relativ langer Zeit, und zugegebenerweise fühlte ich eine gewisse Bestätigung, als vor kurzem ein Verwandter des Dilophosaurus gefunden wurde, der nicht nur die gleiche Größe und das seltsame Gebiss hatte, sondern man konnte anhand von mehr als 3000 fossil erhaltenen Spuren nachweißen, dass diese Tiere häufig in Seen wateten, oftmals bis in Wasser dass ihnen bis zur Brust gereicht haben muss. In jenen Gewässern gab es eine ganze Reihe größerer Fische, die für einen solchen Jäger eine respektable, aber doch noch zu überwältigende Beute dargestellt haben dürften. Dass auch Dilophosaurus ein ähnliches Verhalten zeigte, ist insofern durchaus nicht unwahrscheinlich.

Verkehrte Welt bei Flusspferd-jagenden Löwen

Sonntag, Mai 27th, 2007

In Tierdokumentationen und den meisten Büchern wird über Löwen in der Regel ein ziemlich stereotypisches Verhalten propagiert, nämlich dass er in Rudeln lebt, die vor allem aus Weibchen und ihren Jungen bestehen, und von ein oder zwei männlichen “Paschas” dominiert wird, welche nicht selbst jagen, sondern von den Tieren fressen, die die Weibchen erlegt haben.  In aller Regel stimmt das auch mehr oder weniger, aber Löwen sind weitaus anpassungsfähiger in Bezug auf ihre Lebensweise, sowohl in Hinsicht auf ihre Jagdstrategien und bevorzugten Beutetiere, als auch auf ihr Sozialverhalten, als allgemein bekannt ist. In der Regel besteht die Nahrung der meisten Löwenrudel aus mittelgroßen und relativ einfach zu tötenden Huftieren wie Gnus oder Zebras. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Rudeln, die sich auf deutlich wehrhaftere und größere Beutetiere spezialisiert haben. In manchen Gegenden werden etwa bevorzugt Kaffernbüffel gejagt, in anderen Giraffen-Bullen. Im Tsavuti haben sich sogar Löwenrudel darauf spezialisiert ausgewachsene (!) Elefanten zu töten. Oft geht eine solche Adaption an solche Beutetiere mit einer Veränderung der Sozialstruktur einher.

Besonders interessant sind hier bestimmte Löwenrudel im Virunga-Nationalpark in Zaire. In diesem Gebiet gibt es weder Zebras noch Gnus, und die kleineren solitär lebenden Gazellenarten sind keine lohnende Beutetiere für die Löwen. Dafür kommen dort große Mengen an Kaffernbüffeln und Flusspferden vor. Um dort also überleben zu können, mußten sich die Löwen den dortigen Gegebenheiten anpassen. Einige Rudel spezialisierten sich auf die Kaffernbüffel, während andere bevorzugt Flusspferde jagen. Der bekannte Naturbuchautor Vitus Dröscher schilder in seinem Buch “Die Welt in der die Tiere leben” eindrucksvoll eine selbst beobachtete Flusspferd-Jagd im Virunga. Schon das Rudel an sich war sehr ungewöhnlich, sowohl in seiner Zusammensetzung, als auch in seinem Verhalten. Es bestand aus fünf ziemlich großen Männchen, und einem einzelnen Weibchen, dass sich allerdings bei der Jagd nicht beteiligte. Dass diese Löwen sich überhaupt an ausgewachsene Flusspferde herantrauen, ist schon beachtlich, denn diese Tiere gehören zu den größten Landtieren überhaupt, und erreichen oft Gewichte von mehr als zwei Tonnen. Zudem sind sie alles andere als ungefährlich, und jedes Jahr fallen wütenden Flusspferden eine große Anzahl von Menschen zum Opfer, und auch gegen andere Tiere zeigen sie zuweilen sehr aggressives Verhalten. Auch gegen Räuber wie etwa Krokodile wissen sie sich in der Regel mit ihren riesigen Hauern sehr gut zur Wehr zu setzen. Nur an Land sind sie für die Löwen überhaupt angreifbar. Normalerweise verhalten sich Löwen bei der Jagd extrem ruhig um ihre Beute nicht zu verjagen, diese Löwen brüllten dagegen in Angesicht iher Beute laut herum, möglicherweise um das Flusspferd einzuschüchtern. Der Angriff erfolgte zuerst durch zwei Löwen von hinten, die sich in die Hinterbeine ihres Opfers verbissen, was sie dreimal wiederholten, bis das Flußpferd seine Hinterbeine nicht mehr aufrecht halten konnte, und sein Hinterteil herabsackte. Daraufhin sprangen es die drei anderen Löwen-männchen mit der geballten Masse von über einer halben Tonne von der Seite her an und warfen es um, woraufhin es mit einem Kehlbiss getötet wurde.

Flusspferde im Schönbrunner Zoo

Eine solche Jagd ist natürlich weitaus gefährlicher als kleinere Zebras oder Gnus zu jagen, auf der anderen Hand sichert hier eine einzige erfolgreiche Jagd auf mehrere Tage hinaus eine ausreichende Fleischversorgung. Da männliche Löwen deutlich größer und stärker sind als Löwinnen, konnte sich hier eine auf relativ brachialer Gewalt basierende Jagdstrategie auf verhältnissmäßig riesige und gefährliche Beutetiere entwickeln, die für ein normales aus weiblichen Löwen bestehendes Rudel wahrscheinlich kaum bezwingbar wäre. Die Flusspferd-Killer müssen weder besonders schnell noch besonders leise sein, wichtig ist vor allem dass sie genug Kraft besitzen, um ihre langsame Beute auf den Boden bringen zu können, wo sie dann getötet werden kann. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass solches Verhalten die Selektion besonders großer und starker, aber sozial kompetenter Löwen fördert. Andererseits führt dies zu einer massiven Umverteilung des Geschlechterverhältnisses, da auf diese Männchen-starken Rudel nur ein oder zwei Weibchen kommen, deren Zweck lediglich im Austragen und Aufziehen der Jungen liegt.

Das ist nur eine von mehreren ungewöhnlichen Lebensweisen bei Löwen, und zeigt auch gut wie Tiere in der Lage sind, ihr Verhalten den gegebenen Umständen entsprechend anzupassen, und dass oftmals propagiertes stereotypes Verhalten in der Natur ganz anders aussehen kann.

Irgendwann wollte ich auch mal über die Elefanten-jagenden Tsavuti-Löwen und über einige skurrile Entwicklungen bei der Jagd auf Kaffernbüffel schreiben.

Quelle: Vitus. B. Dröscher “Die Welt in der die Tiere leben - Meine Expeditionen auf sechs Kontinenten” Rasch und Röhring-Verlag 1991 

Kann ein Aal zu einem Monster wachsen?

Donnerstag, Mai 24th, 2007

In der kryptozoologischen Literatur findet man eine ganze Reihe von teils sehr verschiedenen Untieren, welche die Seen Großbritanniens, insbesondere von Irland bevölkern sollen. Einige sollen wie Drachen ausgesehen haben, andere wie Schlangen oder sogar säugerähnlich gewesen sein. Einige von ihnen wurden auch als riesige Aale beschrieben. Vor einiger Zeit kam auch die Hypothese in Umlauf, dass solche Kreaturen, insbesondere das Monster von Loch Ness, auf Aale zurück gehen sollen, die nicht zum Laichen in die Sargasso-See abwanderten, sondern in den Seen blieben, dort uralt wurden, und immer weiter wuchsen. Hört sich ja an sich ganz plausibel an, und würde auch eine ganze Reihe von Fragen beantworten, etwa warum nicht ganze Populationen von Monstern existieren müssen, oder wie sie in teils winzigen Gewässern überleben könnten.

Doch der Teufel steckt hier im Detail, denn der Urheber dieser Vermutung, wußte allem Anschein herzlich wenig über das Wachstumsverhalten von Aalen. Wie viele andere ist er dem Irrglauben aufgessesen, dass Fische ihr ganzes Leben lang immer weiter wachsen, und so theoretisch jede beliebige Länge erreichen, und so zu Monstern heranwachsen können. Nun ist es tatsächlich so dass die allermeisten Fische ab einer gewissen Größe so gut wie gar nicht mehr wachsen, meist nach Erlangen der Geschlechtsreife. Auch wenn danach das Wachstum noch anhält, ist es bei den meisten Arten so gering, dass es kaum noch ins Gewicht fällt. Andernfalls gäbe es unter vielen Fischen, insbesondere solchen die im Aquarium gehalten, und so gut über einen langen Zeitraum beobachtet werden können, enorme Größendifferenzen unter den geschlechtsreifen Tieren. Nun gibt es tatsächlich Fische, bei denen auch nach dem Erlangen der Geschlechtsreife das Wachstum noch vergleichsweise stark ist, und bei denen in der Regel die größten Exemplare tatsächlich schon ziemlich alt sind. Dank einer Studie aus den Jahren 1987 und 1988, bei der insgesamt 8612 weibliche Aale aus dem Burrishole-System in West-Irland vermessen, und ihre Wachstumsraten anhand von Gehörsteinuntersuchungen ausgewertet wurden, liegen für die Wachstumsraten von Flussaalen sehr gute Daten vor. Interessant war dass von dieser riesigen Menge Aale nur ein winzigen Bruchteil eine Länge von mehr als 62 cm hatte, nämlich nur 0,6% ´87 und 0,7% ´88. Jene übergroßen Aale zeigten auch ein anderes Wachstumsverhalten als ihre kleineren Artgenossen. Sie wuchsen nicht nur geringfügig schneller, sondern auch länger schnell. Anhand der an den Gehörsteinen feststellbaren Wachstumsraten konnten auch Diagramme angefertigt werden, die die Zuwachsraten im Verlauf der Jahre zeigen. Unter den Aalen mit einer Länge von mehr als 62 cm konnten Alter von 32-57 Jahren ermittelt werden, und bei jenen unter 62 cm Alter von 8-42 Jahren. Das schnellste Wachstum fand im ersten Lebensjahr statt, bei den kleinen Aalen hielt ein relativ schnelles Wachstum etwa 17 Jahre an, bei den großen dagegen etwa 34 Jahre. Die durchschnittliche Längenzunahme bei den normalen Aalen betrug 1,42 cm, das der großen 1,6cm pro Jahr, der Unterschied war also relativ gering. Die großen Aale übertrafen ihre Artgenossen also nicht einfach dadurch deutlich an Größe, dass sie über einen sehr langen Zeitraum wuchsen, sondern vor allem weil sie langanhaltend relativ schnell wuchsen. Die Wachstumskurven verlaufen anfangs bei beiden Variäteten in etwa gleich, bei den normalen Aalen wird die Kurve allerdings deutlich flacher, bei den großen Aalen dagegen nur relativ geringfügig, wenngleich ebenfalls stetig. Anhand der Abnahme der Steilheit der Wachstumskurve läßt sich berechnen bei welcher Länge das Wachstum so weit abgenommen hätte, dass es zu überhaupt keinem Längenzuwachs mehr kommt. Bei den normalen Aalen wäre das eine Länge von 99,9cm, bei den großen eine hypothetische Länge von 204,5cm,  bei einem Alter das irgendwo zwischen 150 und 200 Jahren liegen würde (genaue Angabe fehlt hier).

Üblicherweise werden sie aus verschiedenen Gründen gar nicht erst so groß, entweder weil sie teilweise noch in sehr hohem Alter abwandern, oder, falls dies in einem Gewässer ohne Meereszugang passiert, weil sie schlicht und einfach auch nicht unsterblich sind, und irgendwann einmal den Löffel abgeben, bevor sie so eine Länge erreichen könnten. Tatsächlich stammen die größten Aale meist aus Gewässern, in denen sie eingesetzt wurden, aber mangels fehlender Abwanderungsmöglichkeiten nicht ins Meer konnten. Die größten bestätigten Längen für Europäische Flussaale liegen bei etwa 1,5m. Man liest zwar gelegentlich auch von 2m, aber allem Anschein gibt es dafür keine Beweise, weshalb es sich hier auch um Anglerlatein handeln kann. Warum diese Unterschiede im Wachstumsverhalten überhaupt aufkommen, ist nicht ganz klar, vielleicht hängt es mit einer unterschiedlichen Ernährungsweise zusammen, die bei den großen Aalen vor allem aus Fisch besteht, möglicherweise hat es auch genetische Hintergründe.

Dass es sich hier um Aale aus einem irischen Gewässer (das obendrein einen sehr guten Fischbestand aufweist und nicht wie viele andere überfischt wurde), ist besonders praktisch, wenn man Vergleiche mit angeblichen Riesenaalen in irischen Seen machen möchte.

Das Wachstum dieser Tiere hat natürlich noch ein paar andere wichtige Komponenten, etwa die Verfügbarkeit und Menge der Nahrung, sowie die Wassertemperatur. Ein Aal der bei einer optimalen Temperatur (diese liegt beim Aal bei 26°C) und optimaler Nahrungsversorgung aufwächst, überdurchschnittlich gute genetische Anlagen besitzt und nicht ins Meer abwandern kann, wäre sicher in der Lage ein noch stärkeres Wachstum als die “großen” Aale zu zeigen, und auch eine etwas größere Länge zu erreichen. Aber auch die würde in Anbetracht der limitierten Lebensjahre wohl kaum die 2m erreichen.

In Anbetracht dieser Fakten kann die Hypothese, dass Aale, welche nicht abwandern und in Gewässern bleiben, zu Monstern heranwachsen können, guten Gewissens zu den Akten gelegt werden. Selbst wenn ein Aal Jahrzehnte lang und obendrein noch ungewöhnlich schnell wachsen würde, wäre er selbst nach 100 Jahren weit davon entfernt, auch nur annährend echte Monster-Maße erreichen. Bedenkt man dass beispielsweise im Loch Ness mit einer maximalen Wassertemperatur von 6-7°C auch noch alles andere als optimale Bedingungen für das Abwachsen von Aalen herrschen, verliert die “Nessie-ist-ein-uralter-Riesenaal”-Hypothese gänzlich an Glaubwürdigkeit. Dass dies auch für eine Reihe von anderen Fischen zutrifft, soll später auch irgendwann noch bearbeitet werden.

Quellen:

VARIABILITY IN GROWTH RATE IN. EUROPEAN EEL ANGUILLA ANGUILLA. (L.) IN A WESTERN IRISH CATCHMENT. W. Russell Poole and Julian D. Reynolds.
                                                                                                                                             

H. Kuhlmann: Der Einfluß von Temperatur, Futter, Größe und Herkunft auf die sexuelle Differenzierung von Glasaalen(Anguilla anguilla)

Arapaima gigas - wie groß wird er wirklich?

Freitag, Mai 18th, 2007

Im Laufe vieler Jahre des Studiums von Fachliteratur und Dokumentationen über Tiere fiel mir immer wieder auf, dass für viele Tiere, insbesondere Fische, oftmals Größen angegeben werden, die weit über den tatsächlich verbürgten Rekorden liegen. Bei genauerer Recherche hat sich tatsächlich in vielen Fällen herausgestellt, dass die allgemein verbreiteten Angaben über vermeintliche Maximalgrößen in vielen Fällen nichts als vom Hörensagen übernommenes Anglerlatein sind, das vorbehaltlos seinen Weg in die Literatur gefunden hat, und dort über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte ungeprüft weiter verbreitet wurde, ohne dass sich jemals jemand Gedanken darüber gemacht hat, ob die Angaben denn überhaupt stimmen können. In diesem ersten Post möchte ich mich dem Arapaima gigas widmen, und in späteren Posts auch noch verschiedenen anderen Arten. Für alle die nicht wissen was ein Arapaima überhaupt ist, empfehle ich eine kurze Google-suche, das macht mehr Sinn als wenn ich mich hier über das Aussehen, die (sehr interessante) Biologie und das Verbreitungsgebiet dieser Art auslasse, wo es doch andernorts schon viel ausführlicher nachzulesen ist. Zumindest eine kurze Beschreibung sei hier allerdings schon angebracht. Der Arapaima ist ein südamerikanischer Fisch aus der Familie der Knochenzüngler. Er hat einen langestreckten, im hinteren Teil seitlich abgeplatteten Körper, und ein sehr weit aufsperrbares breites Maul.

Farblich zählt er zweifellos zu den schönsten Riesenfischen des Süßwassers, und kombiniert verschiedene  Grün-, Braun-, Grau-und Schwarztöne mit einem oftmals tiefroten Muster darauf. Hier sieht man recht gut die Farben eines etwa 30 kg schweren Arapaima aus dem Dream-Lake in Chiang Mai (Thailand) das mir Nathan Wardle freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat:

30kg+ Arapaima aus dem Dream-Lake Chiang Mai

Hier sieht man ein Präparat eines deutlich größeren, aber leider ziemlich ausgebleichten Arapaima aus dem Naturhistorischen Museum in Wien:

Arapaima gigas

Wenn man in Bücher über den Arapaima liest, oder auch in Fernsehdokumentationen die Sprache auf ihn kommt, heißt es beinahe immer, dass er der größte Süßwasserfisch der Welt ist, und Längen von 4,5m bei einem Gewicht von 200kg erreichen kann.

Tatsächliche Bilder von solchen Giganten bekommt man allerdings nie zu Gesicht. Vorweggenommen sei auch, dass diese Tiere keineswegs die größten Süßwasserfische sind, um welche Arten es sich dabei aber handelt, und warum die Antwort auf die Frage nach dem größten Süßwasserfisch nicht ganz einfach zu beanworten ist, soll in einem späteren Post folgen.

Wenn man im Internet nach Bildern vom Arapaima sucht, wird man einige erstaunliche Photos von mehr als mannsgroßen Riesenfischen finden, von denen einige deutlich über der Zweimetermarke liegen, aber nie wird man einen finden, der auch nur annäherungsweise in die Nähe der proklamierten 4,5m kommt. Nun stellt sich vielleicht die Frage, woher diese Angabe überhaupt stammt. Die Anwort ist ebenso entlarvend wie beschämend, wenn man bedenkt dass seit über einem Jahrhundert Behauptungen als Tatsachen dargestellt werden, die nie irgend jemand bewiesen hat. Die Angaben stammen  von dem Naturforscher Schomburgk (nicht zu verwechseln mit dem bekannten Forschungsreisenden Hans Schomburgk, der 1880-1967 lebte), der 1836 über seinen Besuch in Guyana schrieb, dass der Arapaima eine Länge von 4,5m und ein Gewicht von 200 kg erreichen soll. Aber hat Schomburgk jemals einen solchen Fisch mit eigenen Augen gesehen oder gar vermessen? Die Anwort lautet nein, Schomburgk hatte diese Angaben auch nur vom Hörensagen, welches von den Eingeborenen stammte. Das hinderte aber Generationen von Autoren und Zoologen nicht daran, dies als Tatsachen zu übernehmen, und kaum jemand hat jemals daran gezweifelt, dass dies nicht so sei, obwohl kein einziger solcher Riesefisch jemals bekannt wurde. Einer der sich Gedanken darüber gemacht hat, war Karl-Heinz Lüling, der sich mit diesem Fisch auch in dessen natürlichen Lebensraum befaßt hat, und wichtige Beiträge über die Biologie dieser Art leistete.
Er fand heraus, dass der größte bekannte Arapaima tatsächlich “nur” eine Länge von 2,32m hatte, und 133kg wog. Nun ist der Arapaima ein sehr stark befischter Fisch, bei dem übermäßige Fangzahlen auch zu einer negativen Selektion führen, und viele Fische gefangen werden, bevor sie ihre Maximalgröße erreichen können. Dennoch sollte sich unter den vielen Millionen Arapaimas die über die Jahre gefangen wurden (bei einer einzigen Untersuchung wurden einmal die Mägen von nicht weniger als 5000 Exemplaren untersucht), auch ab und an einer befunden haben, der in abgelegeneren Gebieten lebte, und zu seiner vollen Größe auswachsen konnte, bevor ihn irgendein Fischer mit einer Leine oder einer Harpune aus dem Wasser gezogen hat. Dazu muss man sich auch vergegenwärtigen, dass der Arapaima ein sehr schnell wachsender, und auch nicht übermäßig alt werdender Fisch ist. Er bewohnt ein riesiges Gebiet, und es ist keineswegs so, dass er überall vollkommen überfischt ist. Zudem führt die fortschreitende Abholzung und Urbarmachung des südamerikanischen Regenwaldes dazu, dass Menschen immer tiefer in den Dschungel eindringen, auch in Gebiete in denen noch zuvor jemand gewesen ist. Zumindest an solchen Stellen müßte man auf Exemplare stoßen, welche lange ungestört wachsen konnten, und auch zumindest teilweise nahe der biologischen Maximalgröße wären. Tatsächlich dürfte das auch so sein, nur sind auch die dort gefangenen Arapaimas nie auch nur annäherungsweise an den oft verbreiteten 4,5m. Würden diese Tiere tatsächlich so groß werden können, dann hätte man längst irgendwo Exemplare gefangen, welche wenigstens einigermaßen in diesem Größenbereich lägen. Dass unter den Millionen, teilweise auch in vormals unberührten Gebieten Südamerikas gefangenen Arapaimas aber selbst der allergrößte wirklich dokumentierte nur etwa die Hälfte der angegebenen Länge hatte, und damit schon deutlich über dem Durchschnitt lag, sollte eigentlich schon gewisse Zweifel aufkommen lassen, ob diese Angaben tatsächlich stimmen. Seltsam ist dass diese Angaben so lange immer wieder kopiert wurden, ohne die tatsächlich dokumentierten Rekordexemplare und Durchschnittsgrößen zu beachten.
Was auch auffallen sollte, ist das seltsame Verhältniss aus Länge und Gewicht, das Schomburgk angibt. Wer sich ein bißchen mit Fischen auskennt, der sollte bei einem Fisch mit dem Körperbau des Arapaima stutzig werden, wenn ein 4,5m langes Exemplar nur 200kg wiegen soll. Um das etwas zu verdeutlichen, möchte ich an dieser Stelle eine von mir entwickelte Vergleichseinheit einführen, die sogenannte Einmetermasse, auf die ich in Zukunft öfter mal zurückgreifen möchte. Die Einmetermasse bezeichnet die Masse, die ein Objekt, oder in diesem Fall ein Fisch, bei einer hoch-oder heruntergerechneten Länge von einem Meter haben würde. Das ermöglicht objektive Vergleiche der Proportionen von verschiedenen Objekten unterschiedlicher Größe, und aufgrund der gewählten Länge von einem Meter auch eine gut vorstellbare Größe.
In diesem Fall soll die Einmetermasse dazu dienen, die Proportionen eines Arapaima mit bekannter Länge und Gewicht mit dem vorgeblichen 4,5m-Riesen zu vergleichen.
Bei dem 2,32 langen Arapaima kommt man auf eine Einmetermasse von 10,65kg, also durchaus vergleichbar einem Hecht dieser Länge, der einen ähnlichen Körperbau wie der Arapaima hat. Aber wie sieht es nun bei 4,5m und 200kg aus? Hier kommt man auf eine Einmetermasse von gerade einmal 2,19kg. Ein Fisch mit solchen Proportionen würde aussehen wie ein Aal, im Falle eines Arapaima würde er nur aus Haut und Gräten bestehen. Mir fiel auch auf, dass bei übertriebenen Größenangaben oft viel zu geringe Gewichte für die angeblichen Riesentiere angegeben werden, und sie zu analysieren, ist in der Regel eine recht sichere Möglichkeit um ihren Wahrheitsgehalt zu erkennen.  Ein hypothetischer Arapaima mit den realistischen Proportionen würde um die 970kg wiegen…
Ich schrieb vorhin von Arapaimas die noch größer wurden als das südamerikanische 2,32m Exemplar. Da der Arapaima extrem gute Wachstumseigenschaften besitzt, und ein gutes Fleisch (hier streiten sich allerdings die Angaben) besitzen soll, wurde er in Asien in Angelteiche und teilweise sogar schon in Aquakulturen eingeführt. Unter den dortigen Bedingungen wuchsen die Fische zu teilweise enormer Größe, ein weitverbreitetes Phänomen von Fischen, die in fremden Ländern ausgesetzt werden. Das kann zum einen an verbesserten klimatischen Bedingungen liegen, oftmals liegt es aber auch an einem überreichen Nahrungsangebot, fehlender Konkurrenz und dem Fehlen artspezifischer Krankheitserreger und Parasiten, die in den angestammten Lebensräumen einen negativen Einfluss auf das Wachstum haben. Vor einigen Jahren wurde in einem thailändischen Angelteich ein übergroßes Monstrum von einem Arapaima gefangen, der 2,63m lang war, und 185kg gewogen hat, wobei man hier natürlich bedenken muss, dass es sich hier um einen echten Ausnahmefisch handelt.  Das zeigt dass diese Fische zumindest das biologische Potential besitzen, um Gewichte um die 200kg zu erreichen, und wahrscheinlich gab es zu Zeiten vor der massiven Überfischung auch in Südamerika einige über einen langen Zeitraum ungestört abgewachsene Arapaimas, die von guten genetischen Anlagen und einem reichen Nahrungsagebot profitieren konnten, und Gewichte von etwa 200kg erreichten, aber selbst diese Fische dürften nicht viel mehr als 2,70m lang gewesen sein, und die Angaben welche Schomburgk über das Maximalgewicht erhielt, dürften durchaus richtig gewesen sein könnten, wohingegen es die Indianer bei der Länge mit der Wahrheit nicht allzu genau nahmen, womöglich lag hier sogar ein Übersetzungsfehler bei den Maßeinheiten vor. Dass Schomburgk vor mehr als 169 Jahren im Dschungel besseres zu tun hatte, als die Längen-Gewichts-Verhältnisse exotischer Fische zu berechnen, kann man ihm kaum anlasten, und schließlich gab es zu jener Zeit ja auch noch kaum Vergleichsmöglichkeiten, und es sprach nichts dagegen, dass es in Südamerika tatsächlich einen bis 4,5m lang werdenden Riesensüßwasserfisch geben könnte. Einen Vorwurf machen muss man allerdings all jenen, die diese Angaben ohne jeden Zweifel weiter verbreitet haben, und es teilweise auch immer noch tun. Dazu kommt auch noch, dass es sich hier keineswegs um einen Einzelfall handelt, wenngleich auch der Arapaima eines der prominentesten Beispiele maßlos übertriebener Größenangaben ist.
Hier noch ein kleiner Vorgeschmack über Tiere, bei denen ich mich irgendwann auch noch dieser Thematik widmen möchte: Waller, Störe und Hausen, Weiße Haie, Walhaie, angebliche Riesenaale, Krokodile, Riesenkalmare.
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