War Ardea bennuides der Totenvogel Benu?

Die mythologische Welt der alten Ägypter ist ganz besonders reich an zahlreichen Fabelwesen, unter denen die Sphinx oder tierköpfigen Gottheiten wie der Schakalgott Anubis zu den bekanntesten zählen. Die allermeisten von ihnen sind Chimären, zusammengesetzt aus Tieren und Menschen, oder auch wie im Falle des Seelenfressers Amemamit, welcher den Kopf eines Nilkrokodils, die Vorderseite eines Leoparden oder Geparden und das Hinterteil eines Nilpferdes besitzt, aus verschiedenen Tiere zusammengesetzt. All jene Mischwesen haben eines gemeinsam, nämlich dass die Abgrenzungen zwischen den einzelnen Wesen klar voneinander erkennbar sind, und es zu keiner willkührlichen Vermischung verschiedener Attribute kommt, wie es in vielen anderen Kulturen der Fall ist. Zudem sind sowohl die einzelnen Körperpartien wirklich existierender Lebewesen, als auch die zuweilen auch dargestellten Haus-und Wildtiere sowohl auf bildlichen als auch auf figürlichen Darstellungen oft von erstaunlicher Natürlichkeit, so dass man in aller Regel die verschiedenen Arten klar zuordnen kann. Zwar gibt es mannigfaltige, teilweise extrem bizarre Kombinationen, etwa Menschen mit Skorpionskörpern als Unterleib, oder Skarabäen mit Geierflügeln. Wirklich eigenständige Lebewesen, die nicht stückweise zusammengesetzt sind, findet man dagegen kaum. Eine der wenigen Ausnahmen ist das mysteriöse Seth-Tier. In aller Regel wird der Gott Seth als tierköpfiger Gott dargestellt, in einigen Fällen aber auch als ein schwer definierbarer Vierfüßer mit großen Tütenohren, einer langen, leicht nach unter gerichteter stumpfen Schnauze, einem windhundartigen Körper und einem senkrecht in die Höhe stehende dünnen Schwanz mit einer Quaste am Ende. Das Seth-tier wurde schon als Esel, Schakal, archaische Giraffe und sogar als Ameisenbär gedeutet, vielleicht handelt es sich aber auch hier um ein etwas freizügiger gestaltetes Mischwesen, dem unter anderem das Erdferkel, und das oft mit steil erhobenen Pinselschwanz laufende Warzenschwein als Vorbild dienten, beides Tiere, die einst auch in Ägypten vorkamen. Bisher hat man noch kein lebendes oder ausgestorbenes afrikanisches Tier entdeckt, das dem Wesen auf den alten Darstellungen ähnelt, und Seth bleibt nach wie vor rätselhaft. Bei einem anderen Mythentier aus dem Reich der Pharaonen sieht die Sache allerdings ganz anders aus. Lange Zeit wurde der Totenvogel Benu oder Bennu als reines Fantasiegeschöpf abgetan. Diesem als großer Reiher dargestellten Vogel wurde nachgesagt, dass er die Seelen der als würdig empfundenen Toten zum Gott Re brachte. Der Benu findet sich in vielen Darstellungen, sowohl auf Papyri, als auch auf Wandmalereien und Steingravuren.  Besonders viele Darstellungen findet man im Totenbuch des Schreibers Ani, ein Papyrus aus der Zeit um 1300 v. Chr. Hier sind einige Bilder des Benu aus diesem Totenbuch:

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Man achte auf die kleine Benu-Hyroglyphe vor dem linken Bein des Benu.

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Diese Darstellung ist besonders interessant, denn sie zeigt rechts möglicherweise einen Jungvogel, der noch keine Federfahnen am Kopf hatte.

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Hier sieht man auch einige seltsame Chimären mit dem Oberkörper eines Menschen und dem Unterkörper eines Benu.

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Dieses Bild stammt aus einer original getreu nachgebildeten Grabkammer des Kunsthandwerkers Sennedjem, der zur Zeit Sethos I. und Ramses II. lebte.

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Seinem Aussehen nach ist er als typischer Reiher zu erkennen, mit langen Stelzbeinen, einem langen, oft S-förmig gekrümmten Hals und einem langen Schnabel, am Hinterkopf zeigt er auch die beiden für viele Reiherarten typischen Federfahnen. Seine Größe variiert geringfügig, aber meist wurde er als ein recht großer Vogel dargestellt, der selbst mit in den Nacken gelegten Hals nur wenig kleiner als ein Mensch war. Zuweilen wurde ihm auch noch eine herrschaftliche Krone zugestanden, was allerdings wenig heißen muss, denn dies war manchmal sogar bei Fischen wie etwa dem bizarren Nilhecht der Fall. Die altägyptischen Tierdarstellungen lassen kaum einmal einen Zweifel an der Idendität der dargestellten Wesen, speziell bei Vögeln wie etwa wilden Gänsen oder Enten, sind Körperform, sowie Farbe und Musterung des Gefieders im Allgemeinen detailgetreu wiedergegeben. Unter den heutigen Reihern gibt es allerdings keinen, der dem Benu wirklich ähnlich sieht, und so wurde vermutet, dass es ihn niemals wirklich gegeben hat. Im Jahre 1979 aber entdeckte die Archäologin Dr. Ella Hoch von der Universität Kopenhagen unter den aus Kuwait und dem Oman stammenden Knochen, welche seit 1958 geborgen wurden, bis dato aber noch nicht weiter untersucht worden waren, die Überreste einer sehr großen unbekannten Reiherart. Den Knochen zufolge waren diese Vögel größer als die größten heutigen Reiher, die Goliath-Reiher (Ardea goliath), welche Höhen bis zu 1,40m erreichen. In Bezug auf die Größe würde dieser Vogel also durchaus den Darstellungen des Benu entsprechen. Man datierte die Knochen auf ein Alter von 3800 bis 4700 Jahren, was bedeutet dass zumindest die Künstler der ältesten Dynastien diesen Vögeln noch begegnet sein können. Vom Benu heißt es, dass er vom Osten her käme, was von der Lage Ägyptens aus auch mit den Fundorten auf der arabischen Halbinsel übereinstimmen würde. Da es sich bei dieser Reiherart mit großer Wahrscheinlichkeit um jenen Vogel handelte, der für den mythologisch verklärten Benu Modell stand, wurde er Ardea bennuides genannt. Nun stellt sich natürlich die Frage wann und warum dieser Vogel ausgestorben ist. Möglicherweise handelte es sich um einen Zugvogel, der nur zu bestimmten Zeiten das Nildelta aufsuchte, wo er von den frühen Dynastien auch von Künstlern gesehen und naturgetreu wiedergegeben wurde. Vielleicht starb er aufgrund von Nachstellungen oder auch durch die Vernichtung seiner Brutplätze auf der arabischen Halbinsel schon in der frühen Antike aus, so dass er in späteren Dynastien nur noch von Geschichten und Bilder bekannt war, was vielleicht auch den mythischen Status als Seelengeleiter erklären könnte. Die Darstellung des Benu ohne Federfahnen ist besonders interessant, denn sie deutet darauf hin, dass der damalige Maler noch einen lebenden Ardea bennuides als Vorlage für den Benu gesehen haben könnte.

Anmerkung:

Alle Photos stammen aus der Ausstellung „Tod am Nil“ vom Museum Schloss Hohentübingen.

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