Buchrezension: The World of Kong – A Natural History of Skull Island

Wenn es so etwas wie den ultimativen Klassiker des Monsterfilms gibt, dann ist das sicherlich King Kong. Leider hatte ich noch nie Gelegenheit mir den Originalfilm anzusehen, aber ich denke, das wird auch irgendwann einmal. Die Monster im Original aus den frühen 30iger Jahren waren natürlich noch etwas plumpe Stopmotion-Animationen, welche dennoch für die damalige Zeit absolut bahnbrechend waren. Dank der inzwischen extrem ausgereiften CGI-Technik ist man ja aber inzwischen auch in der Lage mit Hilfe von Computern extrem realistische Effekte zu erreichen, und die Monster in der Neuverfilmung von Peter Jackson waren wirklich klasse. Mal ganz unabhängig von der zugegebenerweise teilweise etwas langatmigen Handlung des Filmes, sind es die ganzen Kreaturen und Monster schon für sich gesehen wert, dass man sich den Film ansieht. Dabei sind in der ungeschnittenen Version sogar noch viel mehr zu sehen, als in der normalen Kino-Version. Neben verschiedenen Begleitbüchern über die Hintergründe des Films gibt es auch ein ganz besonderes Werk, welches zu diesem Film herausgegeben wurde: The World of Kong - A Natural History of Skull Island

Nun ist dies ja kein Film-oder Fantasy-Blog, aber dennoch wollte ich nicht darauf verzichten, über dieses Buch zu schreiben, da es eine ganze Menge mit Paläontologie, Zoologie und auch Evolutionsbiologie zu tun hat. Zugegebenerweise hatte ich auch schon immer viel für die Hintergrundbücher von Star Wars oder Mittelerde übrig, in denen allerlei fantastische Kreaturen beschrieben wurden, und selbst fantastische (aber nach Möglichkeit biologisch und evolutionär realistische) Kreaturen zu erfinden, ist für mich schon immer ganz besonders interessant gewesen. The World of Kong ist in dieser Hinsicht ein echtes kleines Meisterwerk. Darin werden all die Wesen, selbst jene welche in Film nur für wenige Augenblicke zu sehen sind, mehr oder weniger ausführlich behandelt, und dazu kommen noch unzählige andere, welche gar nicht in der Handlung vorkommen. Es handelt sich hierbei um kein Filmbuch im eigentlichen Sinne, und es findet sich auch kein einziges Photo aus dem Film oder von Modellen, welche für ihn erstellt wurden darin, sondern ausschließlich Bilder und Zeichnungen, welche entweder für Storyboards, Kreaturen-Design und eben speziell für dieses Buch gemacht wurden. Sie sind auch von durchgehend guter bis sehr guter Qualität, und haben mir auch sehr gut gefallen, wenngleich auch teilweise ein gewisser Comic-Style mitschwingt. Das Buch ist in mehrere Kapitel unterteilt, welche sich primär an den geographischen Begebenheiten von Skull Island orientieren, so dass jeweils unterschiedliche Lebewesen aus den selben Ökosystemen miteinander abgehandelt werden, etwa der Strand, die Sumpfgebiete oder etwa die Gebirgsregionen. Außerdem wird auch etwas auf die Hintergründe der martialischen Kliffbewohner und der einstmals auf der Insel lebenden Hochkultur eingegangen, sowie die geologischen Hintergründe der Insel ausgeführt. Diese sind von besonderer Bedeutung um die Lebewesen der Insel zu verstehen, und sie ergeben trotz der künsterlischen Freiheiten doch durchaus zum größten Teil Sinn.

Das vor West-Sumatra gelegene Skull Island war ursprünglich weitaus größer, fast schon ein eigener Kontinent und einst mit der Riesenlandmasse Gondwana verbunden, weshalb sich dort auch all die Dinosaurier und anderen größtenteils mesozoischen Kreaturen finden. Es gab verschiedene Isolationen vom Festland, welche gelegentlich von neu entstandenen Landbrücken unterbrochen wurden, so dass sich über die Millionen eine äußerst einzigartige Fauna bilden konnte, wozu auch noch eine ganze Reihe, teils erst in allerjüngster Zeit erfolgte Kolonisierungen von modernen Tieren erfolgte, welche die Insel auf dem Luftweg oder übers Meer erreichten.

Wenn man sich den Film ansieht, dann fragt man sich unwillkührlich, warum eine Insel von solchen Ausmaßen voll sein kann von riesigen zähnefletschenden Monstern, die scheinbar nichts besseres zu tun haben, als von morgens bis abends zu versuchen sich gegenseitig umzubringen und aufzufressen. Der Hintergrund für diese Zustände findet sich in den geologischen Prozessen, welche durch Plattentektonik und Vulkanaktivitäten die Insel im Laufe der Zeit immer kleiner werden ließen, so dass für die auf ihr lebenden Wesen immer weniger Platz zur Verfügung stand, und sie immer aggressiver und stärker werden mußten, um sich bei den noch vorhandenen Ressourcen behaupten zu können. Das Resultat war ein evolutionäres Wettrüsten höchsten Grades. In der Realität würde dies natürlich nicht so drastisch aussehen, aber rein prinzipiell handelt es sich um natürliche Prozesse beschleunigter Evolution, welche in abgeschwächter Form auch in der Natur beobachtet werden können.

Damit ist nun geklärt wie all die seltsamen Monster auf der Insel ihr martialisches Aussehen bekamen, und auch woher sie kamen. Man darf nun nicht glauben, dass in dem Buch lediglich irgendwelche riesigen Ungeheuer vorkommen, denn tatsächlich wurden hier wirklich ganze Ökosysteme entworfen. Neben den großen und kleinen Räubern und Pflanzenfressern findet man auch eine ganze Reihe von kleinen und kleinsten Lebewesen wie Vögel, kleine Reptilien und sogar Insekten. Selbst eine Reihe von Parasiten werden extra behandelt. Diese Tiere sind zum größten Teil wirklich erstaunlich glaubhaft und realistisch präsentiert, auch wenn natürlich einige von ihnen, etwa die übergroßen Insekten, freilich nicht in der Realität existieren könnten. Was mich besonders erfreut hat, war die Tatsache dass hier nicht einfach verschiedenste Relikte aus verschiedenen geologischen Zeitaltern miteinander auf eine Insel verfrachtet wurden, sondern hier teilweise sehr extreme evolutionäre Weiterentwicklungen bedacht wurden. Besonders auffallend sind hier die verschiedensten Parallelentwicklungen von Flugfähigkeit bei verschiedensten Wirbeltieren. Neben den verschiedenen Vögeln (von denen auf der Insel viele flugunfähig sind) gibt es etwa die kleinen Vultursaurier, fledermausartige Theropoden, welche Flughäute anstelle von befiederten Flügeln entwickelten, oder die aus Cynodonten hervorgegangen Pugbats. Außerdem gibt es auch den im Film in einer längeren Kampfszene zu sehenden Terapusmordax, eine riesige nackte fledermausartige Kreature, welche von Nagetieren abstammt (auch wenn das aufgrund der gezeigten Zahnformel an sich unmöglich ist...). Der wohl bizarrste fliegende Bewohner von Skull Island ist aber wohl Xamopteryx, eine Art Frosch mit Fledermausflügeln, welcher die Sümpfe bewohnt. Hier jetzt auf jedes weitere Wesen einzugehen, welches zumindest den Gleitflug beherrscht, würde allerdings den Rahmen dieser Rezession sprengen.

In den Sümpfen findet sich auch der über 15m groß werdene Riesenfisch Piranhadon, welcher in bester Krokodilmanier auch Beutetiere am Ufer angreift, oder sich aber gelegentlich auf Sandbänke wirft, damit Vögel ihn von seinen zahlreichen und äußerst unappetitlichen Schmarotzern befreien. Einige Wesen wie eben der genannte Piranhadon werden recht ausführlich auf mehreren Seiten behandelt, mit seinem Aussehen, den Nahrungsgewohnheiten, der Fortpflanzung und vielen anderen Details. Bei den allermeisten anderen weniger spektakulären Wesen findet sich verständlicherweise weniger Text, dafür fast immer auch der (natürlich erfundene) lateinische Name sowie Größenangaben. Was wirklich gut gemacht wurde, ist die ökologische Interaktion der einzelnen Arten, nicht nur bezogen auf Räuber-Beute-Verhältnisse, sondern auch in vielen anderen Hinsichten, etwa welche opportunistischen und spezialisierten Aasfresser sich an der Beute großer Karnivoren einfinden, oder sogar welche Insekten (der Dungkäfer Nigracassida) den Dung von Sauropoden verwerten, und welche Eidechsen sich wiederum auf diese Käfer als Nahrung spezialisiert haben.

Man könnte hier noch ewig weiterschreiben, selbst wenn man sich nur auf die größten und spektakulärsten Bewohner von Skull Island wie etwa der furchteinflösende Vastatosaurus rex beschränken würde. Ich kann dieses Buch besten Gewissens an jeden empfehlen, der sich für spekulative Evolution, Paläontologie oder Monster allgemein interessiert. Natürlich kann man über einzelne Aspekte in der Biologie und Herkunft des einen oder anderen Wesens streiten, doch im großen und ganzen sind sie doch sehr gut überlegt und nachvollziehbar, ganz im Gegensatz zu vielen Wesen aus der "The Future is Wild"-Serie, und die Lektüre des Buches ist wirklich äußerst spannend, um nicht zu sagen inspirierend, vor allem wenn man ähnliche Projekte in der Planung hat.

Dieser Beitrag wurde unter Buchrezensionen, Evolution, spekulative Paläontologie, spekulative Zoologie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Kommentare zu Buchrezension: The World of Kong – A Natural History of Skull Island

  1. Sven sagt:

    Pah, ich fand „The futer is wild“ toll 😉

    Scheint ja ein gutes Buch zu sein, mal sehen wie viel herr Amazon dafür haben möchte.

  2. Cronos sagt:

    Naja, schlecht fand ich es auch wirklich nicht, aber viele von den Tieren fand ich einfach unglaubwürdig, vor allem aber ökologisch kaum vorstellbar, etwa der riesige Kalmar der sich von den winzigen Flischen ernährt. Außerdem war das Design nicht wirklich gut. Da finde ich Dixons Buch „Geschöpfe der Zukunft“ wirklich weitaus besser, aber die waren vielleicht zum großen Teil nicht reißerisch genug. Werde auch sicher mal über dieses Buch schreiben.

  3. Cronos sagt:

    Hallo Kouprey! Ja, ist das gleiche Buch. Ist auch etwas seltsam dass es da zwei verschiedene Versionen davon gibt.

  4. Sven sagt:

    Toll, Wochen gewartet und dann sagt Amazon: Leider nicht lieferbar…

  5. Cronos sagt:

    Tut mir echt leid Sven, welche Version hast du denn bestellt? Es gibt ja die eine mit dem Papierumschlag und die in Leinen gebundene Version, wobei ich erstere besitze. Ich habe das Buch auch erst vor wenigen Wochen mal wieder zum großen Teil durchgelesen, und ich muss sagen, dass ich es immer wieder faszinierend finde.

  6. Sven sagt:

    Die gebundene Ausgabe. Naja, ich gebe auch so fix nicht auf. 😉

  7. Frank sagt:

    In Ergänzung zur Diskussion über spekulative Zoologie möchte ich den Roman BIOSPHERE von Warren Fahey empfehlen, der die Flora und Fauna einer isolierten Insel beschreibt, die Jahrmillionen unentdeckt blieb. Die fiktive Rahmengeschichte ist nett, aber die Schilderung der Flora und Fauna, auch mit Zeichnungen, wirklich mehr als interessant!

  8. Markus Bühler sagt:

    Hört sich wirklich interessant an.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.