Bizarre Hirsche Teil 2: Exzessive Geweihbildung bei Rentieren

Gestern ging es ja um Elche, und wahrscheinlich werde ich in einem anderen Kontext auch noch mal über Elche schreiben, aber heute soll es um Rentiere (Rangifer tarandus)gehen. Auch hier wieder mit besonderem Augenmerk auf die Geweihbildung, auch wenn es auch eine Menge andere interessante Sachen gibt, die es lohnt über Rentiere zu wissen. Etwa dass Rentiere die einzigen wirklich zu Nutztieren domestizierten Hirsche sind. Bei Elchen hat es früher mal Versuche gegeben, sie als Nutztiere zu gebrauchen, etwa zur Lieferung von Milch oder als Zugtiere, was auch gar nicht mal sooo schlecht geklappt hat. Auf solchen Elchfarmen mag es durchaus durch fehlende natürliche Auslese zu einer gewissen Abweichung vom Wildtyp gekommen sein, aber das war, wenn überhaupt, nur sehr geringfügig. Beim Damwild dagegen, das schon seit vielen Jahrhunderten in Gehegen und Jagdparks gehalten wird, haben sich durchaus sichtlich vom Wildtyp abweichende Linien gebildet, etwa sehr helle bis weiße Tiere (zu diesen später mal mehr), bis hin zu sehr dunklen Formen. Aber wirkliche domestizierte Haustiere sind sie damit noch nicht. Bei Rentieren dagegen bestehen ziemlich starke Unterschiede zwischen der Wildform und der domestizierten Form, welche weit über bloße Variationen der Fellfarbe hinausgehen. Interessant ist auch die Tatsache, dass Rentiere keine reinen Pflanzenfresser sind. Teilweise machen Lemminge einen nicht ganz unbedeutenden Anteil ihrer Ernährung aus, welcher durchaus den Bestand dieser Nagetiere zu etwa einem Zehntel verringern kann. Auch Gelege von bodendrütenden Vögeln und an entsprechenden Stellen angeschwemmt Fische werden teilweise gefressen. Was ebenfalls im Allgemeinen nicht sehr bekannt ist, ist die enorme Größenvariation von Rentieren innerhalb der zahlreichen Unterarten. Die typischen Rentiere die man meistens im Fernsehen sieht, sind ungefähr von der Größe eines Damhirsches. Es gibt aber auch Riesenformen die mit etwa 300 kg durchaus die Größe eines mittleren Pferdes erreichen können. Umgekehrt gibt es auch Zwergformen, nämlich das Spitzbergen-Rentier, und das stark bedrohte Peary-Karibou von der Ellesmere-Insel, welches sich auch durch seine besonders helle Färbung auszeichnet. Beide Formen leben auf sehr weit nördlich gelegenen Inseln mit extremen Witterungsbedingungen und sehr langen Wintern. Sie sind insgesamt kleiner als normale Rentiere, haben aber auch einen gedrungeneren Kopf und Körper, sowie kürzere Beine. Von weiterer Bedeutung ist die Tatsache, dass Rentiere die einzigen Hirsche sind, bei denen nicht nur die männlichen, sondern auch die weiblichen Tiere ein Geweih tragen, wobei wir wieder beim eigentlichen Thema wären.

Auffallend ist, welche enormen Ausmaße das Geweih bei einzelnen Exemplaren erreichen kann. Hierbei handelt es sich eigentlich immer um Wildrener, denn die domestizierten Rentiere haben üblicherweise kleinere Geweihe, die teilweise regelrecht verkümmert sind. Ein sehr schönes Beispiel für ein wirklich extrem großes Geweih ist im Zoologischen Museum Kopenhagen ausgestellt. Es handelt sich dabei um das vollständige Skelett eines etwa 14200 Jahre alten eiszeitlichen Rentieres, das man bei Trockenlegungsarbeiten bei Villestofte nordöstlich von Odense fand:

Rentierskelett 14400 Jahre alt Odense (3)

Im Vergleich zum restlichen Körper ist das Geweih wirklich riesig, das reine Volumen dürfte das aller Extremitätenknochen zusammen sogar noch übersteigen. Wirklich kaum zu glauben dass dieses Gebilde innerhalb weniger Monate zu dieser Größe herangewachsen ist.

Rentierskelett 14400 Jahre alt Odense (2)

Dabei war dieses Rentier noch nicht mal sonderlich groß, nur etwa von der Größe eines Damhirsches. Wäre das Geweih weniger senkrecht sondern mehr in der Horizontalen orientiert, könnte es von der proportionalen Spannweite zum Körper sicherlich auch mit dem Geweih des Riesenhirsch Megaloceros mithalten. Tatsächlich war das Geweih des Megaloceros mit 7,1 g Geweih pro Kilogramm Körpermasse proportional noch nicht einmal schwerer als der moderner großgeweihiger Damhirsche oder sehr großer Rothirsche. In Bezug auf die Gewichtsverhältnisse zwischen Geweih und Körpermasse übertreffen Rentiere Megaloceros sogar bei weitem. Das sollte man sich vielleicht auch einmal bewußt machen, denn auch in der heutigen Zeit leben einige, selbst im evolutionsgeschichtlichen Vergleich gesehen, äußerst spektakuläre Arten. Rentiere entwickelten die im Verhältnis zur Körpergröße schwersten Geweihe die man überhaupt von irgendwelchen Hirschen kennt. Auch der üblicherweise nur einseitig ausgeprägte senkrechte „Kamm“ über der Stirn ist außergewöhnlich stark ausgebildet:

Rentierskelett 14200 Jahre alt Odense

Auch hier muss natürlich gesagt werden, dass solche extremen Exemplare auch heute teilweise noch vorkommen, wenngleich auch sicher nicht mehr so häufig wie in der Eiszeit, als Rentiere nicht nur noch viel weiter verbreitet waren, sondern es auch keine Jahrhunderte währende selektive Jagd auf die Bullen mit den größten Geweihen gab.

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2 Kommentare zu Bizarre Hirsche Teil 2: Exzessive Geweihbildung bei Rentieren

  1. Freigeist sagt:

    Hallo, schön hier mal wieder etwas neues und erwartungsgemäß faszinierendes über morphologie, etc. zu lesen(im gegensatz zu wikipedia und allgemeinen zoologie büchern).
    Hab 2 fragen: 1. Weisst du welcher unterart das „Skelett eines etwa 14200 Jahre alten eiszeitlichen Rentieres“ zugeordent wurde? Oder welcher untrart die, in mitteleuropa einst heimischen, rener angehörig sind? Und 2. Ist es mommentan ziehmlich aussichtslos eine gehaltvolle, aktuelle und vorzugsweise deutschsprachige rentier monographie zu erwerben(hab nur ein Neuaufgelegtes Heft von 1957). Was sind deine Quellen, und auf welche Fachliteratur hast du zurückgegriffen, wenn man fragen darf? Vielen dank…

    freundlicher Gruß

    Freigeist

  2. Cronos sagt:

    Hallo Freigeist. Eine meiner Quellen ist das Begleitbuch zur Sonderausstellung im Zoologischen Museum Kopenhagen „The Danish fauna throughout 20.000 years from Mammoth steppe to cultural steppe“. Komischerweise habe das in Kopenhagen nirgends im Shop gesehen, dafür gab es das kleine Buch (zum Glück auch in englisch und nicht nur dänisch) im Jagd-und Forstmuseum Hörsholm. Ein sehr sehr gutes Buch über lebende und ausgestorbene Hirsche ist „Deer of the World – their evolution, behavior and ecology“ von Valerius Geist. Ich muss gestehen dass ich dieses Buch nicht selbst besitze, aber dank der Google Buchsuche kann man einen Teil davon im Netz anschauen. Das Rentier selbst ist dabei leider nicht mit drin, aber es wird beispielsweise im Megaloceros-Kapitel teilweise mit besprochen. Dann gibt es ja auch noch den guten alten Grizmek, genau genommen „Grizmek´s Tierleben“, wo man auch viele interessante Sachen finden, und nicht zuletzt auch das Internet, wo ich beispielsweise zum ersten Mal auf die kleinen weißen Inselrener gestoßen bin. Ich habe auch noch irgendwo ein „Universum“-Band, in dem ein kleines Kapitel über die Evolution der Rentiere drin steht, aber allzu viel war da auch nicht drin, und ich würde das Buch unter den mehreren Dutzend Ausgaben auch nicht auf Anhieb finden. Leider kann ich Dir auch nicht sagen, welcher Unterart das Rentier aus Kopenhagen angehörte, im Begleitheft stand nur Rangifer tarandus. Da es sich aber größenmäßig nicht von den normalen skandinavischen Rentieren unterschied, also nicht eine Eiszeit-Riesenform gewesen ist, glaube ich nicht dass es sich um eine von den lebenden „typischen“ skandinavischen Rentieren sonderlich abgehoben hat, wenn überhaupt.

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