Bizarre Hirsche – erster Teil: Extreme bei der Ausbildung von Elchgeweihen

Hirsche gehören in mancher Hinsicht zu den bizarrsten Säugetieren überhaupt. Nun könnte man sich natürlich fragen warum. Man ja sehr dazu neigt, das was man scheinbar gut kennt, als unspektakulär und langweilig abzutun. Rehe werden die meisten sicher schon gesehen haben, vielleicht sogar Damwild oder Rotwild, und man findet sie in praktisch jedem Naturführer in zigtausendfach als Trophäen an diversen Wänden. Was ist also so besonders an Hirschen? Primär das Geweih, denn hierbei handelt es sich um eines der spektakulärsten Phänomene in der Welt der Säugetiere. Anatomisch gesehen sind Geweihe Knochen. Das wäre an sich ja nicht weiter herausragend, eine gane Menge Huftiere, vor allem ausgestorbene, haben teils sehr bizarre knöcherne Schädelauswüchse entwickelt. Auch Giraffen haben rein knöcherne Hörner, welche ihnen aus dem Schädel wachsen. Doch bei Hirschen bleibt das Geweih nicht erhalten, sondern wächst jedes Jahr aufs Neue, und das in Anbetracht der teilweise enormen Ausmaße welches es bei manchen Arten annehmen kann, in unglaublich kurzer Zeit. Mann muss sich mal bewußt machen dass die Energie und die körpereigenen Ressourcen welche ein solches Geweih verschlingen kann, wirklich enorm sein können. Man denke nur daran wie lange es bei uns braucht bis auch nur ein einfacher Bruch verheilt ist. Die dazu notwendige neugebildete Knochensubstanz ist selbst bei einem Oberschenkelknochen vergleichsweise minimal. Bei einem großen Geweih ist die gebildete Knochensubstanz durchaus vergleichbar der Neubildung der Knochenmasse von mehreren Gliedmaßen, und das in nur wenigen Monaten. Das ist an sich schon bemerkenswert genug, doch mindestens genauso interessant ist was nach der Knochenbildung passiert. Der Bast wird abgeschält, und das vorher noch kräftig durchblutete (wenn man ein im Wachstum begriffenes Geweih ansägt blutet es auch ordentlich) Geweihgewebe stirbt ab. Der Hirsch hat dann also ein Paar tote Knochen am Kopf hängen. Das ist, wenn man es mal genau nimmt, wirklich sehe sehr seltsam, vor allem wenn man dann auch noch die Sache weiter betrachtet, denn das Geweih wird ja jedes Jahr aufs neue abgeworfen. In gewisser Weise ist das eine Form von Autoamputation, und da spielt es im Prinzip auch keine Rolle, ob man sich ein Reh oder sogar noch einen keineren geweihtragenden Hirsch ansieht, oder ein riesiges Wapiti oder einen Alaska-Elch. Da es eine ganze Menge Interessantes rund ums Thema Hirsche gibt, nicht zuletzt über ihre Geweihe, möcht ich hier eine kleine Reihe über verschiedene Hirsche machen.

Den Anfang macht einer der größten jemals lebenden Geweihträger, der Elch (Alces alces). Dabei möchte ich in diesem ersten Blogpost nur mal auf die enorme Variabilität der Geweihformen des Elches eingehen, auch wenn es sonst noch wirklich massenweise Interessantes über diese Tiere zu schreiben gäbe. Elche bilden ja üblicherweise mehr oder weniger große Schaufeln aus, aber gelegentlich kommen auch Elchbullen vor, bei denen sich keine flächigen Schaufeln bilden, sondern nur dünne, mehr oder weniger verzweigte Stangen. Solche Elche nennt man dann Stangenelche. Meistens sieht das Geweih eines solchen Stangenelches in etwas so aus wie ein mehrfach gegabelter Ast, im allerextremsten Fall unterbleibt die Stangenbildung aber komplett, so dass sich hornartige Gebilde formen. Ein solches seltenes Stangengeweih habe ich bei einem ausgestopften Elch im dänischen Jagd-und Forstmuseum in Hørsholm gesehen.

Stangenelch (3)

Das Geweih sieht beinahe aus wie Kuhhörner.

Stangenelch (2)

Hier noch mal ein Photo:

Stangenelch

Man kann natürlich nicht ausschließen dass dieser Elch, hätte er denn weiter gelebt, noch ein stärkeres und vielleicht auch doch noch leicht verzweigtes Geweih geschoben hätte. In Anbetracht der wirklich ziemlich beträchtlichen Größe (er war schon so groß wie ein sehr großes Pferd) hätte er aber wohl niemals viel mehr erreicht.

Hier sieht man mal einen Elch mit einem typischeren Geweih für einen europäischen Elch, aufgenommen im zoologischen Museum Hamburg:

Elch Hamburg

Man sieht zwar zugegebenerweise in dieser Position die Form und Größe des Geweihs nicht ganz so gut, aber der Unterschied zum vorigen Elch ist doch schon klar erkenntlich. Es gibt aber noch ein anderes Extrem, denn es gibt nicht nur Elche die nur ganz schwache, oder eben auch gar keine Schaufelgeweihe ausbilden, sondern auch welche die wahrhaft gigantische Geweihe entwickeln. Ein wirklich extremes Beispiel habe ich im Zoologischen Museum in Kopenhagen gesehen. Es handelte sich um den Schädel eines circa 13.000 Jahre alten Elches, welcher 1935  in Kildeskoven in der Nähe von Gentofte gefunden wurde.  Es handelt sich dabei um den größten bekannten Elch der je in Dänemark gefunden wurde. Sein Geweih hat eine Spannweite von schier unglaublichen 1,65 m. Leider war kein Größenvergleich möglich, aber man sieht hoffentlich schon einigermaßen wie kolossal dieses Geweih ist:

Elchschädel fossil Spannweite 1,65 m

Auch heute noch erreichen in seltenen Fällen einzelne Elchbullen ähnlich große, oder teilweise sogar noch größere Geweihe. Allerdings kommen solche Riesen meistens aus Kanada. Ich habe aber noch irgendwo eine Postkarte aus Norwegen welche ein Geweih zeigt welches durchaus mit dem oben gezeigten aus Dänemark mithalten kann.

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