Angebliche Aasfresser Teil 1: Dilophosaurus

Dilophosaurus aus Jurassic Park - fälschlicherweise ohne Kerbe im Oberkiefer 

Wenn man sich mit paleontologischer Literatur befaßt, dann fällt auf dass eine ganze Menge ausgestorbener Fleischfresser als Aasfresser abgestempelt werden. Die Argumentation für diese Vermutungen stehen aber oftmals auf äußerst wackeligen, und teilweise sogar diametral verschiedenen Überlegungen. Ich möchte mich hier mit einigen Fällen befassen, und darauf eingehen, auf welchen Überlegungen die Vorstellungen für angeblich Aas-fressendes Verhalten zurückgehen, und natürlich vor allem, was dagegen spricht.

Den Anfang wollte ich mit Dilophosaurus machen, nicht zuletzt deshalb, weil vor kurzem eine sehr interessante Meldung durch die Presse ging, aber dazu später mehr. Dilophosaurus kennen sicher alle die Jurassic Park gesehen haben noch als den kleinen hinterhältigen Raubsaurier, der den verräterischen und nicht minder korpulenten Computerspezialisten Dennis Nedry auf ziemlich unappetitiche Weise von der Leinwand verschwinden läßt. Der Dilophosaurus-Animatronic sah an sich ziemlich gut aus, mal abgesehen davon dass er viel zu klein war, aber die Macher von JP ließen sich es nicht nehmen, ihm noch eine frei erfundene Kragenechsen-artige Halszierde zuzugestehen, die ebensowenig auf Fakten basiert, wie das Spucken von Gift.

Dilophosaurus war für die Zeit in der er lebte ein ziemlich großer Raubsaurier, einer der größten die es damals gab, und erreichte eine Länge von 6m bei einem Gewicht von etwa einer knappen halben Tonne. Er gehörte noch einer ziemlich primitiven Gruppe von Raubsauriern an, was sich darin zeigte dass er an der Hand noch vier, und nicht wie praktisch alle späteren Theropoden drei Finger hatte. Dieser vierte Finger war schon relativ klein und in der Rückbildung bemeßen, genau wie zwei seiner fünf Zehen (ebenfalls ein primitives Merkmal, die moderneren Theropoden hatten alle nur noch vier Zehen). Insgesamt war Dilophosaurus relativ schlank gebaut für einen Raubsaurier seiner Größe, die meisten größeren Theropoden waren deutlich kompakter. Das wohl herausragenste Merkmal dieses Tieres waren die beiden vertikalen, einigermaßen halbkreisförmigen Knochenkämme auf dem Schädel. Ihre genaue Funktion is unbekannt, doch vermutlich spielten sie entweder eine Rolle in der innerartlichen Kommunikation, oder sie waren möglicherweise Rangabzeichen bei den Männchen, ähnlich wie bei vielen Vögeln. Ein weiteres ungewöhnliches Merkmal waren die Kiefer und Zähne. Die Kiefer waren relativ schmal und schwach, und wohl kaum in der Lage besonders kräftig zuzubeißen. Zudem besaß er im vorderen Teil der Schnauze eine seltsame Einkerbung, so dass es beinahe aussah als hätte er mal eins auf die Nase bekommen, woraufhin die Schnauzenspitze schräg nach unten wuchs. Auch die Zähne waren eher ungewöhnlich, da sie ziemlich lang, und dabei relativ dünn waren.

Die Argumentation für eine Aas-fressende Lebensweise beläuft sich nun vor allem auf die drei Eigenheiten, nämlich die Kämme auf dem Kopf, die schwachen, seltsam geformten Kiefer, und die langen dünnen Zähne. Nach der Auffassung mancher Wissenschaftler war Dilophosaurus nicht in der Lage Beutetiere mit seinen Kiefern und Zähnen zu töten, zudem wäre die Gefahr dass bei einer Jagd die dünnen Kämme zu verletzen, viel zu groß. Folglich soll Dilophosaurus also durch die Gegend gestreift, und nach Kadavern gesucht haben.

Aus irgend einem Grund gehen viele Paläontologen scheinbar davon aus, dass in der Wildniss überall Kadaver herumliegen, von denen sich eine beliebig große Anzahl beliebig großer Tiere ernähren kann. Dabei wird zun einen übersehen dass Kadaver zwar in der Natur vorkommen, dass dies aber ein relativ seltenes Ereigniss ist, nicht zuletzt deshalb weil schwache oder kranke Tiere in der Regel schon zu Lebzeiten Raubtieren zum Opfer fallen, und weil eine ganze Reihe opportunistischer kleiner Raubtiere in der Regel als erstes an einem Kadaver ist, und ihnen oft ein nicht geringfügiger Teil des Fleisches zufällt. Könnten große Fleischfresser tatsächlich ausschließlich von in der Gegend herumliegenden Kadavern ernähren, dann könnte man das heute noch sehen. Tatsächlich gibt es unter den Großtieren aber keinen einzigen reinen Aasfresser.

Mal angenommen Dilophosaurus wäre tatsächlich ein Aasfresser gewesen, wäre er dann in der Lage gewesen einen Kadaver überhaupt sinnvoll zu nutzen? Lange dünne Zähne und relativ schwache Kiefer sind alles andere als gut geeignet um von Kadavern zu fressen. Sinnvoll wären bei einer solchen Lebensweise viel eher kräftige Kiefer und kürzere, breitere Zähne, um so Stücke aus größeren Kadavern herauszureißen. Ein dem Dilophosaurus noch einigermaßen vergleichbares heutiges Tier, das in der Lage ist die Körper toter Tiere extrem gut in Stücke zu reißen ist der Komodowaran. Er hat robuste Kiefer, und nach hinten gebogenene, relativ kurze und kompakte Zähne. Unabhängig davon dass Komodowarane sehr gute Jäger sind, ist ihr Schädel und Gebiß darauf ausgerichtet Kadaver in kürzester Zeit zu zerlegen, unabhängig davon ob es Fleisch von einem gefundenen, oder selbst gejagten Tier handelt. Tiere die viel Fleisch von größeren Tieren fressen, haben in der Regel ziemlich ausgeprägte schneidende Anteile in ihrem Gebiss, lange dünne Zähne deuten in der Regel eher auf andere Nahrung hin.

Dilophosaurus war also wohl weder in der Lage für größere Tiere tödliche Bisse auszuteilen, noch war er besonders gut darin Kadaver zu verwerten. Dann kommt noch die Sache mit den Kämmen dazu. Inzwischen hat man noch einige andere mittelgroße Theropoden gefunden, die teilweise ebenso skurrile wie relativ zerbrechliche Kopfschmücke trugen. Dass solche Gebilde bei der Jagd auf große und wehrhafte Tiere sicher nicht gerade von Vorteil war, dürfte wohl sicher sein. Aber daraus gleich zu schließen, dass diese Tiere gar nicht jagten, halte ich für wenig sinnvoll. Wenn man die heutigen Raubtiere betrachtet, so fällt auf dass keineswegs alle auch tatsächlich größere Tiere jagen. Der südamerikanische Mähnenwolf etwa, ernährt sich trotz seiner Größe fast ausschließlich von relativ kleinen Nagetieren, genau wie der Abessinische Fuchs(bzw Wolf). Der Erdwolf begnügt sich trotz seines Hyänenerbes mit Insekten, und viele andere Fleischfresser haben sich ebenfalls nicht in der Rolle eines gefährlichen Großwildjägers festgefahren. Von den Fleischfressern unter den Säugetieren gibt es keine die besondere Ausbildungen haben, die mit den Kämmen von Dilophosaurus vergleichbar wären. Unter den Vögeln gibt es aber eine ganze Reihe teilweise recht großer Arten, die trotz einer jagenden Lebensweise ausgeprägte Auswüchse an Kopf oder Schnabel haben. Ein Beispiel wäre der Sudan-Hornrabe, ein ziemlich großer Vogel, der mit seinem riesigen Schnabel in den Savannen vor allem Reptilien, größere Insekten und auch mal kleinere Säuger fängt. Der seltsame Buckel auf dem Kopf scheint ihn dabei wenig zu stören, genausowenig die die teils enorm großen Schnabelfortsätze der Nashornvögel, welche ebenfalls oft kleinere Tiere fangen.

Bedenkt man dass Dilophosaurus ziemlich schlank und wenig gewesen ist, und obendrein einen abspreizbaren Finger besaß, so erscheint es weitaus logischer zu vermuten dass er sich statt von großen oder gar schon toten Tieren, eher von kleineren Beutetieren ernährte, die er vielleicht mit seinen Klauen greifen, und mit den relativ schwachen Kiefern töten könnte, wobei auch keine Gefahr bestände, dass sein Kopfschmuck Schaden nähme.

Betrachtet man nochmal die Kiefer von Dilophosaurus, so kann man sogar noch einen Schritt weiter gehen. Die seltsame Einkerbung und der nach unten weißende Knick im Oberkiefer kommen nämlich noch bei anderen Tieren vor, nämlich beispielsweise bei Krokodilen oder den Spinosauriden, von denen man aufgrund verschiedener Hinweise davon ausgeht, dass sie eine gewisse Spezialisierung auf Fische entwickelt hatten. Seltsamerweise hatte auch das mit einem großen Rückensegel ausgestattete Reptil Dimetrodon einen ähnlichen Knick im Kiefer, wobei hier fraglich ist, ob hier ein Bezug zu einer Fische-jagender Lebensweise bestand. Diese besondere Form der Schnauze scheint gewisse Vorteile beim Packen von Fischen zu haben, und an dieser Stelle bekommen auch die recht langen dünnen Zähne einen Sinn, denn selbst wenn diese nicht gut zum Zerteilen von Fleisch sind, so eignen sie sich doch ausgezeichnet um einen schleimigen zappelnden Fisch festzuhalten.

Derartige Beutetiere würden auch keine starken Kiefer zur Tötung benötigen, genausowenig wie sie eine Gefahr für verletzungsanfällige Kopfaufbauten darstellen würden. Auch die schlanke Gestalt und dier lange beweglich Hals würden gut zu einem Fischfresser passen, der wie ein riesiger Reiher an Gewässern oder in Sumpfegebieten nach Beute suchte.

Diese Vermutungen hatte ich schon vor relativ langer Zeit, und zugegebenerweise fühlte ich eine gewisse Bestätigung, als vor kurzem ein Verwandter des Dilophosaurus gefunden wurde, der nicht nur die gleiche Größe und das seltsame Gebiss hatte, sondern man konnte anhand von mehr als 3000 fossil erhaltenen Spuren nachweißen, dass diese Tiere häufig in Seen wateten, oftmals bis in Wasser dass ihnen bis zur Brust gereicht haben muss. In jenen Gewässern gab es eine ganze Reihe größerer Fische, die für einen solchen Jäger eine respektable, aber doch noch zu überwältigende Beute dargestellt haben dürften. Dass auch Dilophosaurus ein ähnliches Verhalten zeigte, ist insofern durchaus nicht unwahrscheinlich.

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3 Kommentare zu Angebliche Aasfresser Teil 1: Dilophosaurus

  1. johannes sagt:

    Hallo!

    Die angeblichen Aasfresser sind ja eine wahre Plage, offensichtlich ein Überbleibsel der moralisierenden Wissenschaft wilhelminischer Zeiten, wonach ausgestorbene Tiere „unterlegen“ gewesen sein sollen und deswegen keine erfolgreichen Jäger gewesen sein könnten, sondern nur „feige“ Aasfresser. Da verknüpfen sich natürlich gleich mehrere Denkfehler, weder waren die Tiere früherer Zeiten „schlechter“ als heute (sie waren nur an andere Begebenheiten angepasst und sind ausgestorben, weil diese sich änderten – ironischerweise erwischt es dann meist die bestangepassten als erstes), noch ist eine Lebensweise als Aasfresser anspruchslos.
    Gut dass sich einmal jemand diese Legende vornimmt!

    Zum geknickten Oberkiefer: Scheint ein primitives Merkmal bei Amnioten zu sein, deshalb taugten ja auch die (seinerzeit immerhin interessanten) Versuche aus den 80ern, wegen dieser und ähnlicher Ähnlichkeiten zwischen Pelycosauriern wie Dimetrodon und Archosauriern eine gemeinsame „Superklasse“ Warmblüter aus Säugetieren und Vögeln zu konstruieren, nichts. Verwandschaft lässt sich nur durch gemeinsame abgeleitete Merkmale begründen, nicht durch primitive.

  2. Benedikt sagt:

    Ich würde ebenfalls vermuten, daß die neueren Aasfresser-Hypothesen eher psychologisch bzw. ideologisch als naturwissenschaftlich motiviert sind, aber um ein Überbleibsel „wilhelminischer“ Wissenschaft handelt es sich hier sicher nicht.
    Selbst wenn im zweiten deutschen Kaiserreich große Raubsaurier als Aasfresser angesehen worden wären (mir ist allerdings keine solche Quelle bekannt), spätestens in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts galten sie – und gelten bis heute – als aktive Jäger, sowohl in der Paläontologie als auch im populären Bild der Gesamtgesellschaft (mit ihrem „moralisierenden“ Wertesystem).
    Die wohl unterbewußte Motivation von Wissenschaftlern wie Horner, die die „Aasfresser“-Hypothese in den letzten Jahren so vehement vertreten, schein doch eher zu sein, daß sie sich in ihrem Expertentum angegriffen fühlen, wenn die Populärkultur sich ein eigenes (und sicher manchmal übertriebenes) Bild der großen Raubsaurier zeichnet. Alles, was dieses überlebensgroße Bild relativieren kann, schein ihnen ein Schritt in Richtung wissenschaftlicher „Korrektheit“ zu sein, obwohl dies natürlich objektiv kein Kriterium sein kann.

  3. Markus Bühler sagt:

    Naja, für eine ganze Reihe von großen Raubsaurier wurden – und werden von einigen teilweise immer noch – aasfressende Ernährungsweisen postuliert. Sei es eben der Dilophosaurus, oder aber Spinosaurus, Baryonyx, Carnotaurus oder diverse andere. Selbst für den ja erst jüngst entdeckten Gigantoraptor wurde teilweise eine Spezialisierung auf Aas angegeben. In der Regel kam es daher, dass man sich gewisse anatomische Merkmale irgendwie erklären musste, etwa besonders starke oder besonders schwache Kiefer, komische Krallen oder Zähne, oder auch angeblich zur Jagd unfähig machende „Segel“ oder Kämme. Auch für eine ganze Reihe von Säugetieren wurden auf Aas basierende Ernährungsweisen. Von manchen sogar, und das ist noch gar nicht mal lange her, für Säbelzahnkatzen. Schau dir mal ein paar Bücher über Dinosaurier an (ich vermute mal stark du hast welche zu Hause), die Chance dass du gerade für Spinosaurus, Dilophosaurus und Carnotaurus irgendwo mal Aasfresser lesen kannst ist ziemlich groß.
    Ein Grund ist vermutlich auch dass die Vorstellung dass Hyänen vor allem von Aas leben auch heute noch bei vielen in den Köpfen herumspukt. Dabei sind gerade Tüpfelhyänen äußerst fähige Jäger, und nur weil sie auch Aas fressen und extrem gut verwerten können (und natürlich auch genauso gut selbst erbeutete Nahrung…), bedeutet das noch keineswegs dass sie nur von Aas leben. Lediglich Streifen-und Schabrackenhyänen fressen relativ viel Aas, allerdings jagen selbst diese kleinere Tiere und ergänzen teilweise ihre Nahrung sogar mit Früchten und Kleintieren.

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