Warum die Zähne von Flusspferden wirklich seltsam sind

Beim letzten Bild des Tages habe ich über Archaeotherium etwas vorschnell geschrieben dass sich unter den lebenden Tieren keine wirklich vergleichbaren Zähne mehr finden. Als ich letzte Woche in Berlin gewesen bin (vermutlich gibt´s darüber noch einiges an Blogmaterial), habe ich im Museum für Naturkunde einmal genauer auf die Zähne des dort ausgestellten Flusspferdskelettes geschaut. Üblicherweise fallen einem dort zuerst einmal die riesigen Eckzähne und die merwürdig stoßzahnartigen Schneidezähne auf, so dass man selten man wirklich näher auf die Molaren und Prämolaren schaut.

Hippopotamus skull frontal, Museum für Naturkunde

Erstere sind auch nicht sonderlich auffällig, breite mehrhöckerige Mahlzähne mit tiefen verästelten Fissuren zum Kauen von Pflanzennahrung, wie man sie nicht sehr viel anders auch bei vielen anderen Huftieren findet.

Hippopotamus skull Museum für Naturkunde Berlin

Die Prämolaren dagegen sind seltsam dreieckig und spitz, gar nicht so unähnlich den Prämolaren von Entelodonten. Hier noch mal ein etwas näherer Blick auf die Seitenzähne:

Hippopotamus Dentition Museum für Naturkunde Berlin

Glücklicherweise hatte ich noch zwei Photos von Zwergflusspferdschädeln in meinem Archiv, so dass ich auch diese noch einmal zum Vergleich heranziehen kann. Einmal der Schädel eines noch subadulten Zwergflusspferdes (Choeropsis liberiensis) aus der Zoologischen Schausammlung in Tübingen:

Choeropsis subadult

Die Zähne sind praktisch noch nicht abgenutzt und die Prämolaren erinnern sogar ein kleines bisschen an jene von frühen noch amphibisch lebenden Urwalen wie Pakicetus und zu einem gewissen Grade sogar an jene von bereits höherentwickelten aquatischen Archaeoceti. Bei diesen standen sie aber mit Sicherheit in Zusammenhang mit einer vor allem aus Fischen bestehenden Ernährung. Nun stellt sich aber dennoch die Frage, weshalb auch die größtenteils von Pflanzen lebenden, aber unter allen lebenden Landsäugern noch am nächsten mit den archaischen Walvorfahren verwandten Flusspferde nicht ganz unähnliche Prämolaren haben. Hier noch mal ein Photo eines Zwergflusspferdschädels (genau genommen eines Abgusses) im Zoologischen Museum in Kopenhagen:

Choeropis skull Copenhagen 2

Auch bei diesem Schädel eines adulten Exemplares sieht man die ziemlich spitzen dreieckigen bis konischen Prämolaren. Was bedeutet dies aber nun alles? Warum haben Flusspferde diese seltsamen Zähne? Diese Frage kann ich leider auch nicht beantworten. Aber ich finde es auf jeden Fall interessant dass auch die auf den ersten Blick möglicherweise eher auf eine bedingt carnivore bis omnivore Ernährung hindeutenden Prämolaren der Entelodonten so sehr jenen von primär herbivoren Flusspferden und Zwergflusspferden ähneln, und sogar in beiden Fällen die Kombination mit erheblich vergrößerten Eckzähnen und einer extrem massiven Schädelmorphologie vorliegt. Möglicherweise könnte dies einen Anhaltspunkt dafür liefern dass Entelodonten auch mehr „gewöhnliche“ Pflanzenkost konsumierten als ihre martialischen Zähne und Kiefer vermuten lassen, wenngleich die bekannten Zahnabdrücke auf Knochen klar beweisen dass sie definitiv auch Fleisch fraßen, und zwar höchstwahrscheinlich in einem erheblich höherem Maße als die opportunistisch omnivoren Flusspferde.

Betrachtet man sich noch einmal die Schädel von Flusspferden und rückblickend noch mal jenen von Archaeotherium im letzten Beitrag, dann muss man eigentlich fast sagen dass die Flusspferdschädel sogar noch höher spezialisiert, noch extremer und noch monströser sind als bei Entelodonten. Vielleicht sollte man das einmal im Hinterkopf behalten wenn man das nächste mal im Zoo ein paar lebende Vertreter der Gattungen Hippopotamus und Choeropsis sieht. Es gibt auch heute noch Monster, aber manche sind uns zu vertraut um sie als solche zu erkennen.

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3 Kommentare zu Warum die Zähne von Flusspferden wirklich seltsam sind

  1. Daniel Foidl sagt:

    Mir ist auch schon aufgefallen, dass Schädel und Gebiss von Flusspferden und Entelodontiden durchaus Ähnlichkeiten miteinander haben. Bzgl. „Es gibt auch heute noch Monster, aber manche sind uns zu vertraut um sie als solche zu erkennen.“ Oder zu rosa und knuffig ;-).

  2. Andreas Richter sagt:

    Guter Beitrag – Gratulation – Sie machen das wirklich schön und anregend; Bilder sind auch gut – Glückwunsch!

    Freundliche Grüsse, A.E.R.

  3. Markus Bühler sagt:

    Danke!

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