Von Seeschlangen, Schlangenwalen und Pferdeaalen

Es gibt wohl kein typischeres Klischeebild einer Seeschlange, als das eines Schlangen-oder Drachen-artigen langestreckten Wesens, das sich mit vertikalen Windungen des langen Körpers im Wasser bewegt, wobei zahlreiche Buckel oder sogar gänzlich aus dem Wasser ragende Körperwindungen zu sehen sind. Solche Wesen sollen sowohl in verschiedenen Meeren, als auch in Binnengewässern gesichtet worden sein. Eines der bekanntesten ist das Ogopogo,  welches im Okanagan-See im kanadischen British-Columbia. Vermeintliche Photos und Augenzeugenberichte deuten auf ein Wesen von vielleicht knapp 10m Länge hin, das sich mit horizontalen Windungen im Wasser fortbewegt, wobei neben drei bis fünf relativ eng stehenden Rückenbuckeln der Kopf und manchmal auch die Schwanzspitze aus dem Wasser ragen. Auch einige Nessie-Sichtungen und verschiedene an pferdeköpfige Riesenaale erinnernde Monster aus kleinen Binnnenseen entsprechen diesem Typus.

Das eigentlich seltsame an der Sache ist, dass kein einziges bekanntes Lebewesen, weder lebend noch ausgestorben sich auf solche Weise fortbewegen könnte. Praktisch alle Fische (von Ausnahmen wie verschiedenen Rochen, Kugel-Koffer und Plattfischen mal abgesehen) bewegen sich mit horizontalen Bewegegungen ihres Körpers, aber niemals mit vertikalen, da der Körper von Fischen dieser Bewegung auch nur ziemlich wenig Spielraum läßt. Eine solche Fortbewegung hat auch vor allem am Gewässerboden Vorteile, und ist auch noch in sehr flachen Wasser oder stark strukturierten Lebensräumen möglich. Auch die Amphibien und die Reptilien (auch hier gibt´s natürlich wieder Ausnahmen, etwa Schildkröten) hielten diese Art der Fortbewegung mit setlich ausgreifenden Körperbewegungen bei, und erst einige hochentwickelten Arten aus denen Säuger und Dinosaurier hervorgingen, verloren diese Fortbewegungsweise.

Da sich für Tiere mit senkrecht unter dem Körper liegenden Gliedmaßen ein seitliches Auslenken der Gliedmaßen nicht anbietet, mußte die Wirbelsäule stattdessen an vertikaler Bewegungsfreiheit gewinnen. Als die ersten Säuger dann wieder anfingen sich ihre Nahrung im Wasser zu suchen und sich schließlich zu vollkommen marinen Formen entwickelten, behielten sie diese Errungenschaft bei, und bewegten sich vor allem durch vertikale Bewegungen. Darum ist die Schwanzflosse von Walen und Seekühen auch nicht senkrecht wie bei Fischen, sondern waagrecht.

An dieser Stelle kommen nun die sogenannten Schlangenwale ins Spiel. Unter den primitiven Walen entwickelte sich eine Linie zu riesigen langgestreckten Meeresraubtieren, den Basilosauriern, von denen bislang drei Arten, Basilosaurus isis, Basilosaurus cetoides und Basilosaurus drazindai. Als die ersten Knochen dieser Tiere entdeckt wurden, hielt man sie für die Überreste mariner Reptilien, daher das „-saurus“ im Name. Diese Wale wiesen eine Reihe von Besonderheiten auf, etwa der etwa 1,5m lange Schädel, der im Vergleich zur Gesamtlänge von bis über 20m geradezu winzig wirkte. Das vermeintlich schlangenartige Erscheinungsbild sowie die Fähigkeit sich mit vertikalen Bewegungen fortzubewegen, hat dazu geführt dass diese Tiere als Erklärung für viele Ungeheuersichtungen herangezogen wurden, u.a. im Okanagan-See.

Die Idee scheint auf dem ersten Blick verlockend, krankt aber an mehreren Stellen. Zum einen stellt sich die Frage ob Basilosaurus überhaupt in der Lage gewesen wäre, die typischen Buckel, welche bei Seeschlangen und Monstern in Seen vorkommen sollen, überhaupt erzeugt haben könnte. Einerseits war Basilosaurus wahrscheinlich weitaus weniger schlangenähnlich und weitaus voluminöser, als man früher dachte. Auch war der Schwanz weitaus kürzer als man in älteren Büchern manchmal lesen kann, und machte nur etwas mehr als ein Drittel der Gesamtlänge aus. Genaugenommen war die schlangenartige Gestalt vor allem auf den ziemlich kleinen Kopf zurückzuführen. Auch Glattdelphine und Furchenwale wie Blau-oder Finnwal haben extrem langgestreckte Körper, was aber weit weniger auffällt, da ihre Köpfe im Verhältnis viel größer sind. Die besondere Wirbelsäulenanatomie von Basilosaurus deutet zwar tatsächlich darauf hin, dass er sich auf sehr ungewöhnliche Weise bewegte, und nicht nur der Schwanz, sondern möglicherweise der ganze Körper bei der Bewegung beteiligt war. Aber selbst bei einer sehr großen Bewegungsfreiheit erscheint es praktisch ausgeschlossen, dass sie die extrem nahe beieinander liegenden und sehr zahlreichen Wellen der Buckelseeschlangen erzeugen konnten, zumal die einzelnen Wirbel ungewöhnlich lang waren. Selbst beim besten Willen dürften nicht mehr als zwei Buckel auf einmal möglich gewesen sein.  Inzwischen wurde aufgrund seiner besonderen Wirbel spekuliert, ob er nicht womöglich sogar durch horizontale Bewegungen schwimmen konnte…

Alles in allem halte ich die Argumentation für einen Basilosaurus-ähnlichen Urwal für relativ dürftig. Dass enorme Futterbedürfniss sowie die Tatsache dass solche Tiere häufig an der Oberfläche zu sehen sein müßten, schließt eigentlich aus, dass sich eine Population solcher Tiere über Jahrtausende in einem See halten und verstecken könnte, mal ganz abgesehen davon dass man aus den letzten 37 Millionen Jahren keinen einzigen Basilosaurus-ähnlichen Wal mehr kennt.

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3 Kommentare zu Von Seeschlangen, Schlangenwalen und Pferdeaalen

  1. Sebi sagt:

    Im letzten Urlaub, sah ich einen Wurm im Wasser ( vllt. Wattwurm ) der sich mit vertikalen Windungen fortbewegte.

  2. Cronos sagt:

    Ich habe auch schon Blutegel gesehen, die sich mit vertikalen Bewegegungen im Wasser fortbewegten. Allerdings liegen sie auf der Seite wenn sie auf diese Weise schwimmen, da sie ja dorso-ventral abgeplattet sind, das heißt sie bewegen sich eigentlich auch durch horizintale Windungen. Bei dem von dir beobachteten Wurm wird das wahrscheinlich genauso gewesen sein.

  3. Sebi sagt:

    Ich sag mal so, er hat sich auf dem Land in der gleichen Lage fortbewegt.

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