Riesen, Zwerge und Nussknackergebisse – die diverse Welt fossiler Knochenhechte

Fossile Fische bekommen im Allgemeinen viel zu wenig Aufmerksamkeit, ungeachtet der zahllosen hochinteressanten und teilweise sogar wirklich spektakulären Arten die man kennt. Daher möchte ich heute ein bisschen über fossile Knochenhechte schreiben.

Den Anfang mache mit mit einem wirklich ausgesprochen schönem Fossil des Knochenhechts Atractosteus straussi aus der Grube Messel, welches in der paläontologischen Sammlung Tübingen ausgestellt ist. Es sei an dieser Stelle angemerkt dass A. straussi inzwischen teilweise als Atractosteus messelensis geführt wird, was bisher anscheinend aber noch keine weite Verbreitung gefunden hat. Der Einfachheit halber bleibe ich hier beim alten Namen.

Atractosteus straussi aus Messel in der Paläontologischen Sammlung Tübingen.

In der welberühmten Grube Messel bei Darmstadt fand man außerordentlich gut erhaltene Fossilien von Atractosteus straussi (bzw strausi oder straußi), einer relativ kleinen Art, welche anscheinend in der Regel nur zwischen 20 und 30 cm groß war. Einzelne Exemplare erreichten auch Längen von etwa 40 cm, wie etwa der komplett erhaltene Holotypus anhand dessen A. messelensis beschrieben wurde. Damit ist A. straussi recht klein im Vergleich zu den heutigen Arten gewesen, erst recht im Vergleich zum riesigen Alligatorhecht (Atractosteus spatula), welcher in Ausnahmefällen Längen bis etwa drei Metern erreichen kann.

Joschua Knüppe hat mit freundlicher Weise extra für diesen Betrag eine wirklich tolle Lebendrekonstruktion von Atractosteus straussi gezeichnet. An dieser Stelle noch mal herzlichen Dank an Joschua!

Atractosteus straussi Rekonstruktion von Joschua Knüppe

Heutzutage gibt es Knochenhechte nur noch im Teilen Nord-und Mittelamerikas, sowie den Gewässern einiger Inseln wie Cuba. Früher war ihr Verbreitungsgebiet allerdings erheblich größer, und umfasste nicht nur Teile Asiens und Afrikas, sondern auch Europas, wo sie einstmals mit vielen anderen Tieren vorkamen, deren nächste Verwandte heute eher in Nordamerika beheimatet sind.

In seinem Habitus dürfte A. straussi wohl eher dem Tropischen Knochenhecht (Atractosteus tropicus) entsprochen haben, welcher nicht mehr als 3 kg schwer wird. Diese kleinste lebenden Art der Gattung Atractosteus kommt vom Süden Mexikos bis Südamerikas vor, also in eher subtropischen Breiten, vergleichbar den klimatischen Zuständen welche vor 47 Millionen Jahren in Messel geherrscht haben.

Tropischer Knochenhecht (Atractosteus tropicus), Photo von Wikipedia

Auf diesem Photo eines weiteren Exemplars welches in Tübingen ausgestellt ist, sieht man neben den perfekt erhaltenen schmelzbedeckten Ganoidschuppen noch einmal die Schwanzflosse. Anders als bei fast allen anderen modernen Knochenfischen ist die Schwanzflosser heterozerk, also in ihrer Grundstruktur asymmetrisch. Die Wirbelsäule verläuft nicht zur Mitte der Schwanzflosse, sondern als fleischiger Lappen zu deren oberen Spitze. Die Schwanzflosse wird also ausschließlich von Flossenstrahlen gebildet, welche sich ursprünglich auf der Unterseite des Schwanzes befanden.

Atractosteus straussi, heterozerke Schwanzflosse

Zum besseren Vergleich hier noch mal das Photo eines Gefleckten Knochenhechts (Lepisosteus oculatus)  aus dem Tierpark Berlin:

Gefleckter Knochenhecht Tierpark Berlin

Die Schwanzflosse im Detail:

Gefleckter Knochenhecht Tierpark Berlin, Schwanzflosse

Atractosteus straussi war abgesehen von seiner geringen Körpergröße im großen und ganzen ein relativ typischer Knochenhecht, und wird sich vorrangig von Fischen ernährt haben. Insofern unterschied er sich nicht allzusehr von den heutigen Arten.

Die zweite Knochenhecht-Art welche in Messel gefunden wurde, hatte jedoch eine gänzlich andere Lebensweise, welche sich bei keiner der lebenden Arten findet. Masillosteus kelleri hatte eine für einen Knochenhecht ungewöhnlich kurze und kompakte Schnauze, und besaß große abgeflachte Zähne, welche allem Anschein nach dazu dienten die Panzer von hartschaligen Beutetieren wie Schnecken aufzubrechen. Damit hätte er eine gänzlich andere ökologische Nische eingenommen als A. straussi. Freundlicherweise hat Joschua exklusiv für diesen Artikel eine Lebendrekonstruktion von Masillosteus kelleri angefertig, auf welcher die beiden sympatrisch lebenden Arten noch mal zusammen zu sehen sind:

Masillosteus kelleri und A. straussi

Masillosteus kelleri und Atractosteus straussi von Joschua Knüppe

Masillosteus war ebenfalls eine eher kleine Art, anscheindend allerdings im Schnitt etwas größer als A. straussi. Wirkliche Riesen wie die modernen Alligatorhechte scheint es in Messel keine gegeben zu haben.

Ein anderer fossiler Knochenhecht konnte allerdings in Bezug auf die Größe durchaus mit dem neuweltlichen Alligatorhecht konkurrieren, der riesenhafte Atractosteus africanus, dessen Überreste in kreidezeitlichen Ablagerungen Afrikas und Europas gefunden wurden. Mit Längen bis etwa 3 m war er in einer ähnlichen Größenordnung wie einige der größten modernen Süßwasserfische. Auch von A. africanus hat Joschua eine tolle Lebendrekonstruktion gezeichnet:

Atractosteus africanus von Joschua Knüppe

Ein Knochenhecht dieser Größer spielt natürlich eine ganz andere Rolle in einem Ökosystem als der kleine A. straussi, und entspricht in seiner ökologischen Wertigkeit als Prädator eher einem mittelgroßen Krokodil. Dennoch könnte selbst ein solcher Gigant gelegentlich selbst zur Beute von noch größeren Räubern geworden sein, etwa großen Krokodilen oder Spinosauriden.

Noch ein paar Fossilien von A. africanus (von Wikipedia):

Atractosteus africanus Fossilien (Wikipedia)

Atractosteus africanus Fossilien (Wikipedia)

Zudem hat Joschua noch mal einen Größenvergleich zwischen A. africanus und A. straussi gemacht, welcher recht gut die Variationsbreite innerhalb der Knochenhechte verdeutlicht:

A. strausi und A. africanus von Joschua Knüppe

A. strausi und A. africanus von Joschua Knüppe

Gerade über Knochenhechte gäbe es wirklich sehr, sehr viel interessantes zu schreiben, etwa über die zahlreichen Besonderheiten ihrer Anatomie, aber dieser Artikel ist jetzt schon weitaus länger geworden, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte.

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Fische, Megafische, Museen, Paläontologie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Kommentare zu Riesen, Zwerge und Nussknackergebisse – die diverse Welt fossiler Knochenhechte

  1. Dustin sagt:

    Hallo,ich habe ihren blog vor circa einen Monat gefunden,und finde ihn toll.
    Vorallem die fossilen Fische finde ich sehr interessant.
    Ich muss sagen seit dem Aquarium-Bild von HR.Knüppke stell ich mir immer wieder Aquarien mit diesen Tieren vor.
    Konnte ich ihre Meinung über zukünftige Evolution hören(damit meine ich nicht unbedingt TFIW)?

  2. Thomas Kaba sagt:

    In Messel habe ich im Sommer 2007 einen Monat lang gebuddelt. Atractosteus gehörte fast zu unseren täglichen Funden. Vollständige Exemplare waren aber eher selten, meistens fehlte immer der Schwanz oder der Kopf. Wie immer ein großes Lob für Deine Artikel. Glückauf aus Bottrop.

  3. Markus Bühler sagt:

    In welchem Bezug denn auf zukünftige Evolution?

  4. Markus Bühler sagt:

    Danke für das Lob!

  5. Dustin sagt:

    Zum Beispiel der Sinn der spekulativen Evolution.
    Ich inzwischen auch das http://bestiarium.kryptozoologie.net/artikel/mein-neuer-zweitblog-ais-survivors-of-the-sixth-extinction/ gefunden.
    Auch in ihrem Artikel über fleischfressende Huftiere habe ich interessante Ideen gefunden.Wäre es möglich das carnivore Ducker(Beispielsweise auf einer raubtierfreien Insel im Kongo)im Ausgleich für ihre fehlenden Schneidezähne Keratin-Zähne entwickeln?Generell gibt es so viele Möglichkreiten,wie das Neocene Projekt zeigt.
    MFG Dustin

  6. Markus Bühler sagt:

    Letztendlich sind Projekte über spekulative Evolution primär Spaßprojekte. Allerdings können sie auch, wenn man sich näher mit ihnen beschäftigt, sehr lehrreich sein und zum Verständnis evolutionärer Prozesse sowie der Biologie der behandelten Arten erheblich beitragen.
    Ich denke im Fall eines hochentwickelten fleischfressenden Ungulaten würden sich vor allem die Backenzähne ändern und besser ausgeprägte Schneidekanten entwickeln. Außerdem könnten sich (wenn schon wie bei Duckern keine oberen Eckzähne mehr vorhanden sind), die ersten Prämolaren zu Pseudo-Eckzähnen ausbilden, was ja auch bei Kamelen und Dromedaren der Fall ist. Keratinzähne halte ich da für weniger wahrscheinlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.