Mein neuer Zweitblog „Ais: Survivors of the Sixth Extinction“

Vor einiger Zeit habe ich zusammen mit meinem Blog-Kollegen und langjährigen Bekannten Cameron McCormick (der den äußerst empfehlenswerten Blog „The Lord Geekington“ betreibt) ein neues Projekt gestartet, „Ais: Survivors of the Sixth Extinction“. Es handelt sich dabei um ein Szenario über Spekulative Evolution, das sich mit der möglichen Entwicklung der Tierwelt in einer nicht allzu fernen Zukunft beschäftigt. Dabei haben wir eine ganze Reihe Faktoren einfließen lassen, insbesondere natürlich den Faktor Mensch. Das durch die Menschheit verursachte Artensterben, insbesondere unter Großtieren, gehört zu den verheerendsten Aussterbeereignissen der Erdgeschichte. Ganze Kontinente wie etwa Südamerika verloren beinahe alle einstmals heimischen Großsäuger, große Inseln wie Madagaskar oder Neuseeland sogar praktisch ihre komplette Megafauna. Hinzu kommen weitreichende Veränderungen der Landschaft, wie Rodung von Wäldern, Trockenlegung von Feuchtgebieten, Kanalisierungen von Gewässern, und natürlich selbst in der heutigen Zeit noch gedankenlose Jagd. Dies hat schon unzähligen Arten das Leben gekostet, und es ist leider sehr wahrscheinlich, dass eine ganze Reihe von weiteren Tierarten in den nächsten Jahrhunderten und Jahrzehnten aussterben werden. In der Welt von „Ais: Survivors of the Sixth Extinction“ werden also viele einstmals weit verbreitete Arten und Gattungen ausgestorben sein, darunter die meisten Großtiere, so dass die verbleibende ins Chaos gestürzte Natur sich wieder zum großen Teil völlig von vorne entwickeln muss.

Ein solches Szenario ist an sich eigentlich schon fast obligatorisch für spekulative Zukunftsevolution, wie man es ja auch etwa bei Dougal Dixons „Geschöpfe der Zukunft“ oder der Fernsehreihe „Die Zukunft ist wild“ sieht. Im Gegensatz zu diesen und anderen Projekten haben wir aber noch einem Faktor besondere Aufmerksamkeit gewidmet, der für die Entwicklung des Lebens auf der Erde eine vergleichbar wichtige Rolle spielen wird wie Klimaveränderungen, Kontinentaldrift oder die über jahrtausende anhaltende direkte Ausrottung von Tieren durch den Menschen, nämlich der Verschleppung von Arten. Oftmals haben noch nicht einmal die Menschen selbst das größte Unheil angerichtet, zumindest wenn man sich von den augenscheinlich wichtigeren Großtieren abwendet. Besonders auf Inseln haben bewußt und unbewußt eingeführte Arten teilweise katastrophale Auswirkungen auf ganze Ökosysteme gehabt. Teilweise haben sogar einzelne Spezies wie etwa Ratten, Katzen oder Stechmücken innerhalb kürzester Zeit zahlreiche endemische Arten ausgerottet. Andere, wie etwa die Agakröte in Australien, Nilbarsche im afrikanischen Victoria-See oder die in Neuseeland eingeführten „Possums“ (nicht zu verwechseln mit echten amerikanischen Oppossums) haben ebenfalls verheerende Auswirkungen auf zahllose andere Arten. Beinahe überall auf der Welt gibt es invasive Arten, seien es nun blinde Passagiere wie Wanderratten von Schiffen, verwilderte Haustiere wie Schweine, bewußt eingeführtes Jagdwild, ausgebrochene Nutztiere wie Waschbären, oder teilweise sogar nur von Einzelpersonen ausgesetzte ehemaligen Aquarien-und Terrarientiere. Bei weitem nicht alle von ihnen können sich auf Dauer durchsetzen, aber andere wird man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals wieder los. Nicht selten vermehren sich solche Tiere invasiv, und beeinträchtigen oder vernichten einheimische Arten. Der Mensch hat zu einer Verschleppung von Tierarten geführt, wie sie noch niemals zuvor in der Erdgeschichte stattgefunden hat. Selbst einstmals von terrestrischen Säugern völlig freie Gegenden wie Neuseeland sind inzwischen voll von europäischen Rothirschen, aus dem Aquarienhandel stammende südamerikanische Harnischwelse verbreiten sich invasiv in Asien, Florida und sogar der Türkei, Wollhandkrabben aus China bewohnen deutsche Flüsse. Zweiffelos werden diese Tiere einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Zukunft haben, und die Überlebenden der „sechsten Extinktion“ werden daher nicht nur solche Arten sein, die sich mit dem Menschen in ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten arrangiert haben, sondern auch insbesondere Neozoa.

Für unser Projekt haben Cameron und ich uns überlegt, einen möglichst überschaubaren geographischen Bereich als Ausgangspunkt zu benutzen, denn die ganze Welt ist definitiv zu viel, wenn man sich mehr als nur ein paar Arten je Region widmen möchte. Wir wollten möglichst viele invasive Arten miteinbeziehen, und nach Möglichkeit eine Insel oder ein Archipel als Schauplatz benutzen, nicht nur weil Inseln immer besonders interessante Orte für ungewöhnliche evolutionäre Entwicklungen sind, sondern auch weil die vorhandene Artenzahl weitaus überschaubarer bleibt, als wenn man sich gleich einem ganzen Kontinent widmet. Als Basis wählten wir uns daher Florida, einem der größten Hotspots invasiver Arten aus fast allen Teilen der Welt. Wir gingen von einer globalen Klimaerwärmung aus, die zu einer deutlichen Erhöhung des Meerespiegels führte, so dass Florida nicht mer mit dem amerikanischen Kontinent verbunden ist, sondern ein Archipel mit mehreren größeren und kleineren Inseln bildet. Hieraus leitet sich auch der Name des Projektes ab, denn „Ais“ wurde das Gebiet welches in unserem Projekt nunmehr die Hauptinsel des Archipels bildet, von den einstmals dort heimischen Indianern genannt. Auch die anderen größeren Inseln wurden nach iher ursprünglichen lokalen indianischen Bezeichnung benannt.

Auch bei der Benennung einiger Tierarten haben wir uns bemüht statt irgendwelcher Phantasienamen indianische Namen zu benutzen. Die große Hauptinsel Ais hat etwa die Größe von Flores, daneben gibt es noch die beiden nächstgrößeren Inseln Calusa und Jaega, sowie die Tequeta-Inseln und das Timucuan-Archipel, außerdem noch eine größere Anzahl kleiner unbenannter Inseln. Das Ais-Archipel ist nach wie vor von vielen Wasserwegen und Sümpfen durchzogen, es gibt Seen, Flüsse, Deltas, Mangroven, Salzmarschen und natürlich auch zahllose Bäche, Teiche und Tümpel, die teilweise auch jahreszeitlich bedingt nur temporär existieren. An vielen Stellen sind weitreichende Brackwassergebiete entstanden, teilweise gibt es auch bewaldete Sumpfgebiete und Auen, welche meist teilweise überflutet sind. Außer diesen stark vom Wasser geprägten Landschaftstypen existieren aber auch Wälder und weitreichende Grasländer.

Das Klima des Archipels ist subtropisch bis tropisch, gleichzeitig sorgen günstige nährstoffreiche Strömungen für eine enorme Produktivität unter Wasser, ähnlich wie bei den Galapagos-Inseln. Durch das nach wie vor größtenteils relativ flache Wasser ist die Temperatur des Meeres um das Archipel relativ konstant warm. Der Nährstoffreichtum in Kombination mit dem warmen Wasser und den ausgedehnten Küsten-und Mangrovengebieten führte dazu dass auch viele Landtiere und Vögel sich an verschiedene marine Nahrungsquellen anpassten. Auch viele ehemalige Süß-und Brackwasserbewohner haben sich an salzigeres Wasser angepasst.

Aufgrund der relativ geringen Größe der einzelnen Inseln des Archipels gibt es nur wenige größere Säugetiere, dafür eine sehr reichhaltige Fauna teilweise sehr großer Reptilien, welche eine wichtige Rolle in den Ökosystemen der Inseln spielen. Auch die Fischfauna ist außerordentlich reichhaltig und beinhaltet zahlreiche äußerst imposante und bizarre Arten.

Wir haben insgesamt schon mehrere Dutzend Arten des Ais-Archipels beschrieben, und noch viele weiter sind bereits in der Planung. Es war geplant möglichst monatlich eine fertig ausgearbeitete Art auf dem Blog zu veröffentlichen. Da sich das ganze Projekt in Bezug auf den Aufwand schon ziemlich ausgedehnt hat, hatten Cameron und ich eigentlich vor das ganze, dann mit allen Arten, irgendwann als Buch zu veröffentlichen. Momentan bin ich mir noch nicht sicher, ob ich vielleicht eine deutsche Version des Blogs schreiben werde, oder ob es nur eine auf englisch geben wird.

Wer jetzt vielleicht ein bisschen neugierig auf die Kreatures von Ais ist, kann sich schon mal die ersten Beschreibungen auf dem Blog ansehen:

http://www.speculative-evolution.blogspot.com/

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9 Kommentare zu Mein neuer Zweitblog „Ais: Survivors of the Sixth Extinction“

  1. Sven sagt:

    Eine tolle Idee und wenngleich ich auch keine Probleme mit dem Englischen habe, auf Deutsch wäre es besonders klasse 🙂

  2. Lord Yoult sagt:

    Sehr schöne und interessante Idee.
    Wenn ihr beiden das gutheißen würdet, könnte ich mich auch anbieten eventuell ein paar Bilder dieser Tiere in ihrer natürlichen Umgebung anzufertigen.
    Ich würde die dann natürlich auf meiner Seite auf deviantArt hochladen, aber natürlich würdet ihr beide genannt und verlinkt werden und ihr dürftet die Bilder auch verwenden wie ihr wollt.
    Falls Interesse besteht, bin ich gerne per Mail zu kontaktieren. 🙂

  3. Markus Bühler sagt:

    Du kannst gerne ein paar Bilder machen, zumal zumindest ich in nächster Zeit wahrscheinlich kaum dazu kommen werde, in der Hinsicht viel zu machen. Die bisher veröffentlichten Arten sind ja bisher nur ein sehr kleiner Teil, wir haben ja auch eine ganze Menge anderer, die noch nicht veröffentlicht sind.

  4. Constantin sagt:

    Da will ich es mir nicht nehmen lassen und euch beiden ein dickes Kompliment für dieses Projekt aussprechen! Ich habe mich nämlich auch schon gefragt, was wohl auf lange Sicht aus Neobiota wird. Sehr viele davon werden ja nicht wieder aus den Ökosystemen verschwinden, in die sie eingeführt wurden.

  5. Markus Bühler sagt:

    Freut mich dass es Dir gefällt. Leider sind wir in letzte Zeit nicht so viel weiter gekommen. Wir haben ja wirklich haufenweise mehr oder weniger ausgearbeitete Bewohner für das Ais-Archipel, aber von denen ist bisher noch kein neuer veröffentlicht.

  6. Sven sagt:

    Na, wann kommt ma ein neuer?

  7. Markus Bühler sagt:

    Hallo Sven! Wird wohl noch etwas dauern, ich bin die letzten Wochen massive im Stress, und das wird noch mindestens die nächsten zwei Wochen so weitergehen. Insofern wird es wohl nichts in nächster Zeit.

  8. Katrin P. sagt:

    Hallo Markus Bühler,

    ich weiß nicht wie ich das anders machen soll, aber ich wollte dich wirklich mal loben, dass ihr das Bestiarium fortführt und du weiterhin immer was interessantes dort einstellst. Ich schaue gern hier hinein und lese interessiert deine Artikel. Schade nur, dass du so selten dazu kommst 😉

    Mehr wollte ich eigentlich nicht.

    LG Kati

  9. Markus Bühler sagt:

    Vielen Dank für das Lob! Ich freue mich immer wenn ich sehe dass die Sachen die ich auf dem Blog so schreibe auch tatsächlich gelesen und für interessant befunden werden. Gerade die letzten Wochen bin ich leider ganz massiv eingespannt, und kann so gut wie keine Zeit mehr erübrigen, darum gab´s auch im Bestiarium schon länger nichts neues. Themen und Photos hätte ich bergeweise, aber die Zeit fehlt einfach.

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