Janjucetus hunderi – der scharfzähnige Uronkel der Bartenwale

 Janjucetus hunderi Modell (bearbeitet)

Mitte August letzten Jahres wurde der Öffentlichkeit ein neuer fossiler Wal mit einem Alter von etwa 25 Millionen Jahren beschrieben, welcher in der Gesamtheit seiner Merkmale und seiner entwicklungsgeschichtlicher Stellung bisher absolut einzigartig ist, Janjucetus hunderi. Der Ende der 90iger Jahre entdeckte und von Erich Fitzgerald beschriebene Wal war mit einer Gesamtlänge von etwa 3,5m nicht einmal besonders groß, also vergleichbar den großwüchsigen Offshore-Populationen des Großen Tümmlers. Was war also so besonders an Janjucetus? Nun, primär die Tatsache dass er sehr gut ausgebildete, noch heterodonte Zähne in seinen kräftigen Kiefern besaß, aber einer Linie angehört, aus der auch die heutigen Bartenwale hervorgegangen sind. Ungewöhnlich waren auch die extrem großen Augen dieser Tiere, die proportional größten, die man von einem Meeressäuger kennt. Da Janjucetus allem Anschein nach über keine Echoortung verfügte, mußte er sich unter Wasser mit den Augen orientieren. Und das hatten sie auch nötig, denn anders als ihre modernen Verwandten, welche für das Fangen von Krill, Schwarmfischen oder Kleinlebewesen keine besonders scharfen Sinne besaßen, war Janjucetus ein echtes Raubtier. Bei den modernen Walen spielen die Augen keine größere Rolle, Arten wie der Pottwal welche ohnehin gewohnt sind sich per Echolot in der Tiefsee zu orientieren, sind sogar in der Lage gänzlich ohne ihr Augenlicht auszukommen, was durch die Funde von gänzlich blinden, aber dennoch wohlgenährten Exemplaren bewiesen ist. Der einzige bekannte Wal mit wirklich großen Augen, welche jenen von Janjucetus nahe kommen, ist der extrem bizarre Odobenocetops peruvianus. Diese entfernt mit den Narwalen verwandte Art besaß ursprünglich ein Echolot, welches dann aber aufgrund einer extrem bodenorientierten Lebensweise zugunster besserer Sehleistung zurückgebildet wurde.

 Der in der Aufsicht beinahe wie ein Dreieck aussehende Schädel war extrem kompakt und bot sehr starken Kiefermuskeln Platz und Ansätze. Auch die Kiefer selbst waren ziemlich kräftig, und die Zähne griffen wie bei Schwertwalen dicht ineinander, so dass sie Scherkanten entwickelten, mit denen sie ihre Beute regelrecht zerstückeln konnten. Moderne Zahnwale haben in der Regel ziemlich homodonte, mehr oder weniger kegelförmige Zähne, welche bei den meisten Arten primär zum Festhalten der Beute dienen. Im Falle von Janjucetus waren (je Kieferhälfte) die drei Schneidezähne, der Eckzahn sowie der erste Prämolar ähnlich wie bei modernen Zahnwalen auch eher kegelförmig und leicht nach hinten gebogen, außerdem besaßen sie lange Wurzel, und diente zum Festhalten, die dahinter liegenden drei Prämolaren und die zwei Molaren waren allerdings wie bei den Archeoceti, welche vor allem durch Arten wie Basilosaurus oder Dorudon bekannt sind, tief eingekerbt und ähnelten Haizähnen. Solche mit Sägekanten versehenen Zähne waren außerordentlich gut dazu geeignet, Beutetiere regelrecht in Stücke zu reißen.

Diese Anpassung deutet auch eher auf große Beutetiere hin, als nicht nur auf kleine Fische oder Kalmare, wie sie die meisten heutigen Zahnwale bevorzugen. Auch weisen die Zähne Abnutzungsspuren auf, welche nicht unbedingt nur auf weiche Nahrung hinweisen. In seiner ökologischen Nische dürften diese Tiere wahrscheinlich einem kleinen Schwertwal oder einem Seeleoparden vergleichbar gewesen sein, das heißt dass eine relativ große Bandbreite von Beutetieren gejagt wurde, sowohl kleinere Fische und Kopffüßer, aber wahrscheinlich auch größere Fische, und vielleicht auch Wasservögel und womöglich auch kleinere Robben oder Wale. Interessanterweise ähnelt die Morphologie des Schädels und die Anordnung der vorderen Zähne jener bestimmter Pliosaurier, welche sich ebenfalls auf relativ große Beutetiere spezialisiert hatten, aber auch mit dem Seeleoparden finden sich verschiedene Übereinstimmungen.

Janjucetus bietet einen interessanten Einblick in die Evolution der Bartenwale, allerdings kann er nicht als Vorfahre der heutigen Arten angesehen werden, da auch ältere Arten wie Eomysticeuts bekannt sind,  welche Barten statt Zähnen besaßen und auch schon schwarmlebende Beutetiere jagten. Folglich war Janjucetus eher ein langausdauernder spezialisierter Seitenzweig aus der frühen Entwicklungsphase jener Urwale, aus welchen die modernen Bartenwale hervorgegangen sind.

Die Entwicklung von eines fischfressenden Zahnwales zu einem filterten Bartenwal ist in vieler Hinsicht nicht leicht nachzuvollziehen, was unter anderem in einem nicht gerade übermäßig vollständigen Fossilrekord liegt. Allerdings weiß ich aus vertraulicher Quelle, dass einige hochinteressante neue Entdeckungen bezüglich der Evolution des Filter-Fressens gemacht wurden, und in absehbarer Zeit veröffentlicht werden. Einige dieser Zwischenformen besaßen sowohl kammartige Zähne, als auch primitive Barten, und wahrscheinlich gingen sie aus Vorfahren hervor, welche wie Krabbenfresserrobben anfangs ihre Zähne benutzten, um schwarmlebende Beutetiere wie kleine Fische oder Krill aus dem Wasser zu seihen. Die massive Größe der meisten lebenden Bartenwale täuscht darüber hinweg dass es einst eine ganze Reihe ziemlich kleiner Arten gegeben hat, welche noch nicht einmal an die beiden kleinsten heutigen Arten heranreichten, den Zwergglattwal und den Zwergminkwal. Überhaupt hat die Fossilgeschichte der Wale noch einiges zu bieten, und ich habe von neuen Funden gehört, an die ich nicht einmal im Traum gedacht habe, so ungewöhnlich sind sie. Leider finden solche Tiere in Büchern über ausgestorbene Tiere sie gut wie keine Erwähnung, was wirklich schade ist, denn allein mit den bisher bekannten fossilen Walen ließen sich bändeweise Bücher füllen. Darum versuche ich ja auch immer mal wieder gerade ein paar dieser kaum bekannten, aber defür umso interessanteren Wale vorzustellen.

Das Bild oben zeigt übrigens ein Modell des Janjucetus das ich vor kurzem fertig gestellt habe. Ich habe es digital etwas bearbeitet und auch noch mit Paint ein Auge drauf gemalt, damit es etwas natürlicher aussieht. Im Gegensatz zu der im Internet verbreiteten Darstellung habe ich den Kopf nicht glatt nach dem Schädel rekonstruiert, sondern die Nasenregion mit erhöhten Nasenlöchern modelliert, da bei Janjucetus sicherlich wie bei modernen Bartenwalen auch knorpelige und muskuläre Anteile die Nasenregion sicherlich voluminöser machten, als die Schädel auf den ersten Blick erkennen lassen.

Im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass der Kopf wahrscheinlich etwas zu groß geraten ist. Ich habe mich bei der Vorlage vor allem an Rekonstruktionen des mit Janjucetus entfernt verwandten Mammalodon orientiert, welche meistens einen recht großen Kopf haben, aber ich vermute mal, dass er in Wirklichkeit etwas kleiner war. Leider lag mir für Janjucetus nur der Schädel als Rekonstruktionsvorlage zur Hand, und keine Komplettrekonstruktion, welche den ganzen Körper gezeigt hätte. Außerdem wurde der Schädel während des Modellierprozesses deutlich größer, da mir vor der Vorlage des Artikels von Erich Fitzgerald nicht bewußt war, wie enorm breit der Schädel von Janjucetus tatsächlich gewesen ist. Als Folge davon wurde er dann auch etwas länger und naja…die Proportionen ähneln jetzt eher denen eines Orca. Aber da von Janjucetus sowieso nur der Schädel bekannt ist, kann man bisher auch nicht genau sagen, wie groß der Kopf im Verhältnis zum Körper tatsächlich gewesen ist. Erich Fitzgerald meinte auch dass der Hals etwas länger sein müßte, war ansonsten mit der Rekonstruktion aber sehr zufrieden.

Hier sieht man nochmal das Modell in unbearbeiter Ansicht, bei dem man auch gut die Gestalung der Nasenregion erkennt:

Janjucetus Modell

Noch eine Bemerkung zur Darstellung archaischer zähnetragender Bartenwalvorläufer: Tiere wie Mammalodon oder Aetiocetus werden oft mit Kehlfurchen dargestellt. Es ist allerdings ziemlich unwahrscheinlich, dass sie tatsächlich welche besaßen. Die modernen Bartenwale werden in zwei große Hauptgruppen unterteilt, die Furchenwale wie etwa den Blauwal, und die Glattwale, zu denen beispielsweise der Nordkapper zählt. Zwischen diesen beiden steht irgendwo noch der Grauwal, dem eine eigene Gattung zugesprochen wurde, da er sowohl Merkmale besitzt, welche den Furchen-und den Glattwalen entsprechen, als auch eine Reihe von Sondermerkmalen in Anatomie und Verhalten zeigt, welche nur bei ihm vorkommen. Nichtsdestotrotz dürfte er im Aussehen den frühen Bartenwalen noch am ähnlichsten kommen, wobei wahrscheinlich auch der kaum bekannte Zwergglattwal diesen Formen im Aussehen wohl noch sehr nahe steht, vor allem in Form und Größe des Körpers und der Flossen. Es ist sehr wahrscheinlich dass die frühen Bartenwale wie der Grauwal noch keine Kehlfurchen besaßen, und diese sich erst bei den Vorläufern der Furchenwale entwickelten. Die Darstellung von frühen, noch zähnetragenden Bartenwalvorläufern soll wohl eher die Verbindung dieser Tiere mit heutigen Bartenwalen nahebringen, denn mit ihren großen Köpfen, und den teilweise mit sehr großen Zähnen ausgestatteten Kiefern, wirken diese Wale noch weitaus räuberischer und gefährlicher als die meisten heutigen Zahnwale.

Literatur:

Fitzgerald, E.M.G. (2006). „A bizarre new toothed mysticete (Cetacea) from Australia and the early evolution of baleen whales.“

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8 Kommentare zu Janjucetus hunderi – der scharfzähnige Uronkel der Bartenwale

  1. alex sagt:

    Mensch, der sieht ja niedlich aus !

  2. Cronos sagt:

    Fragt sich nur wie niedlich diese Raubtiere zu Lebzeiten gewesen sind. Wobei es natürlich sehr interessant zu wissen wäre, ob sich auch prähistorische Wale Menschen gegenüber so friedlich verhalten hätten, wie die allermeisten modernen Arten. Aber das werden wir natürlich nie wissen.

  3. alex sagt:

    Das wäre bei Basilosaurus sehr interessant, wobei man aber gar nicht weiß was die freundlichen Jetztzeit-Wale wirklich ‚im Schilde führen‘, wenn sie sich Menschen nähern …. 🙂

  4. Cronos sagt:

    Ich finde gerade bei Schwertwalen ist es äußerst seltsam, dass sie Menschen normalerweise nicht angreifen, denn eigentlich würden sie wie Robben oder kleine Wale genau ins Beutespektrum passen. Das darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es immer mal wieder auch tödliche Unfälle mit Walen gibt, auch wenn das sehr selten ist.

  5. johannes sagt:

    Menschen haben im Gegensatz zu Robben oder kleinen Walen zu wenig Körperfett, um als Beute für einen Schwertwal interessant zu sein.
    Fang und Verdauung eines Menschen würden mehr Energie kosten, als sie einbringen.
    Anscheinend sind Schwertwale und andere Delphinarten in der Lage, mit Hilfe ihres Echolotes den Körperfettanteil ihrer Beute abzuscannen, im Gegensatz zu Haien oder dem Seeleoparden, die sich anders orientieren und im Zweifel in potentielle Beute erst einmal reinbeissen…

  6. Cronos sagt:

    Nun, das ist auch nur eine Vermutung, und ich bezweifle dass sie stimmt. Zum einen fressen Orcas auch Fische, teilweise sogar ausschließlich, und bei denen ist der Fettanteil auch relativ gering. Auch Meeresvögel, die in Bezug auf ihr Gewicht einen sehr geringen Fettanteil haben, werden gefressen. Auch wenn große Bartenwale getötet werden, fressen Orcas nicht die Fettschicht ab, sondern fast ausschließlich die Lippen, den Mundboden und die Zunge, und gerade dort ist zum allergrößten Teil Muskelgewebe. Dass Fang und Verdauung mehr Energie benötigen sollen als sie einbringen ist garantiert falsch. Gerade Menschen, welche ja im Wasser nicht gerade schnell und behende sind, wären eine extrem leichte Beute, ganz im Gegenteil zu der energieaufwändigen und oftmals erfolglosen Jagd auf Robben, oder der oft stundenlang andauernden Verfolgung von Bartenwalen. Und ohen jeden Zweifel hat auch ein Mensch einen recht großen Nährwert, und Raubkatzen und Bären fressen sie ja schließlich auch in der Regel. Die Verdauung eines Menschen benötigt unter Garantie nicht mehr Energie als sie verbraucht, wer immer das verbreitet liegt mit Sicherheit falsch. Außerdem sind Orcas neugierig, und sie spielen gerne, auch wenn es sich um eine knochige und wenig gehaltvolle Babyrobby handelt. Folglich muss es irgend einen anderen Grund haben, warum selbst wilde Orcas sich lieber von einem Taucher streicheln lassen, als ihm aus reiner Neugierde mal in den Arm zu beißen, oder mit ihm klatsch-den-Menschen-durch-die-Luft zu spielen.

  7. johannes sagt:

    Landraubtiere fressen von ihrer Beute im allgemeinen Muskelfleisch und Innereien, ein Orca schlingt Beute von Menschengrösse (Robben, Delhine) in einem Stück runter, insoweit lässt sich hier meines Erachtens kein direkter Vergleich ziehen bezüglich möglicher Belastungen des Verdauungssytems ziehen. Möglicherweise passt der Mensch auch einfach nicht ins Beutspektrum eines Schwertwals, was aber doch verwundert, denn von einem so intelligentem Tier würde man ein flexibleres Verhalten erwarten. Denkbar ist natürlich auch, dass diejenigen Menschen, deren Begegnung mit einem Orca weniger glücklich verlief, schlicht und einfach nicht überlebt haben um davon zu berichten.

  8. Cronos sagt:

    Ich kenne lediglich einen einzigen Bericht bei dem Orcas versucht haben sollen Menschen anzugreifen, und zwar indem sie versuchten die Eisschollen auf denen sie standen, umzuwerfen. Gut möglich ist aber dass sie sie schlichtweg in diesem Fall mit Robben verwechselt haben, da es sich ja auch außerhalb des Wasser befand. Rein prinzipiell hätten Orcas aber schon sehr viel Gelegenheiten gehabt Menschen anzugreifen, ohne dass sie es getan haben. Interessanterweise scheinen aber ihre kleinen Verwandten, die falschen Schwertwale, Menschen im Wasser gegenüber eine relativ aggressive Verhaltensweise zeigen.

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