Gab es auf Madagaskar tatsächlich 10m lange Nilkrokodile?

Wenn es um die Größe von Krokodilen geht, dann kann man oft eine ganze Menge ziemlich abenteuerlicher und allzu oft auch ziemlicher unwahrer Dinge lesen. Dabei fällt auch immer wieder auf, dass hier die tatsächlich dokumentierten und angeblichen Rekordexemplaren in ihrer Größe meisten weit auseinander klaffen. Ich wollte hier jetzt gar nicht auf all diese angeblichen Riesenexemplare aus Afrika, Asien oder Australien eingehen (das werde ich später irgendwann mal), sondern mich einmal einer sehr speziellen Thematik widmen.

Wenn es um die maximale Größe des Nilkrokodils geht, kann man zuweilen lesen, dass man auf Madagaskar Knochen von Nilkrokodilen mit einer Länge von 10m gefunden haben soll. Nähere Angaben werden dazu aber nie gegeben. Als erstes las ich davon in Grizmek´s Tierleben, und bei Wikipedia bin ich auf darauf gestoßen. Zugegebenerweise hat mir das ziemliches Kopfzerbrechen bereitet, und auch langwieriges Nachforschen hat praktisch keine Ergebnisse geliefert. Heutzutage gibt es auf Madagaskar nur eine einzige Krokodilart, das Nilkrokodil Crocodylus niloticus. Diese Tiere zeigen keinerlei Affinität zu extremen Größen heranzuwachsen, und werden auch nicht so groß wie ihre Verwandten auf dem wildreichen afrikanischen Kontinent. Es ist extrem unwahrscheinlich dass diese Krokodile auf Madagaskar jemals wirklich aufsehenserregende Größen erreicht haben. Ein Krokodil wächst nicht einfach mal auf das Doppelte  seiner natürlichen Länge, völllig unabhängig davon wie lange es lebt, denn auch bei Krokodilen stagniert das Wachstum mit zunehmenden Alter immer mehr, und wirklich alte Exemplare wachsen praktisch gar nicht mehr. Von ausgestorbenen Riesenkrokodilen wie Sarcosuchus imperator, der eine Länge von etwa 12 m erreichte, weiß man dass sie ein anderes Wachstumsverhalten hatten als moderne Krokodile. Sie wuchsen eigentlich gar nicht einmal unbedingt schneller als moderne Krokodile, aber dafür hielt ihr schnelles „jugendliches“ Wachstum, das bei modernen Arten meist einige Zeit nach erreichen der Geschlechtsreife stark abnimmt, über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten an, und ließ erst viel später merklich nach. Ein ähnliches Wachstumsverhalten konnte auch für den Riesenwaran Megalania prisca ermittelt werden, wenngleich diese Art ihr Wachstum schon deutlich früher bremste.

Hätten die madagasischen Nilkrokodile das genetische Potential zu einer Länge von 10m heranzuwachsen, dann wären heute mit Sicherheit auch extrem große Exemplare bekannt, was aber nicht der Fall ist. Madagaskar bot auch nie eine wirklich gute Ausgangsposition für einen wirklich großen Räuber. Es gab zwar noch bis vor wenigen hundert Jahren eine reichhaltige Megafauna aus Elefantenvögeln, Riesenlemuren und drei Arten von kleinen Nilpferden, um nur mal einige der spektakulärsten Arten zu nennen, aber im Vergleich zu den afrikanischen Savannen, welche riesige Mengen an Großwild beherbergen, war die madagasische Tierwelt doch recht ärmlich. Das Nilkrokodil ist vielleicht unter allen modernen Arten am stärksten darauf angepaßt, ab einer gewissen Größe Säugetiere von teils beachtlichen Größen zu fressen. Die Voraussetzungen dafür sind günstig, denn ihre Beute, allen voran verschiedene Huftiere, müssen nicht nur zum Trinken in den Aktionsbereich der Krokodile kommen, sondern sind bei Wanderungen auch oft gezwungen, Flüsse zu durchqueren, wovon die Krokodile ebenfalls profitieren können. Genaugenommen stellt sich hier sogar die Frage, warum das afrikanische Nilkrokodil nicht noch größer ist.

Tatsächlich hat es in Afrika vor zwei Millionen Jahren einmal ein sehr großes Krokodil namens Rimasuchus lloydi gegeben. Diese Art erreichte eine Länge von etwa 8m und war extrem robust gebaut. Der Schädel war noch kräftiger und massiver als beim Nilkrokodil, und mit größter Wahrscheinlichkeit handelte es sich um ein auf Großsäuger spezialisiertes Raubtier. Eine zeitgleich lebendene Art, Euthecodon brumpti, wurde sogar noch größer, und erreichte eine Länge von etwa 10m. Allerdings war Euthecodon eine extrem langschnäuzige Krokodilart, die eine Parallelentwicklung zu den Gavialen war, und ein spezialisierter Fischfresser gewesen ist. Laut Wikipedia sollen auch am Viktoriasee Fossilien sehr großer Nilkrokodile gefunden worden sein, aber ich glaube viel eher, dass es sich um Knochen von Rimasuchus oder Euthecodon handelte, und nicht um die von normalen Nilkrokodilen.

Aber zurück zu Madagaskar. Dort lebte tatsächlich noch vor sehr kurzer Zeit noch eine andere Krokodilart namens Voay robustus. Man hielt sie ursprünglich für nahe Verwandte des Nilkrokodils, oder ging sogar davon aus, dass sie mit den heutigen Nilkrokodilen auf Madagaskar identisch waren, beziehungsweise sogar heute noch leben würden. Spätere Untersuchungen haben aber gezeigt, dass sie viel mehr mit dem Zwergkrokodil Osteolaemus tetrapsis verwandt waren. Insofern ist die ursprüngliche Bezeichnung Crocodylus robustus falsch, und ist daher inzwischen geändert worden. Diese Art war noch vor sehr kurzer Zeit existent, und möglicherweise verschwanden sie erst mit der restlichen Megafauna Madagaskars nach der Besiedlung durch den Menschen. Warum diese Art aber ausstarb, und das Nilkrokodil überlebte, ist allerdings unbekannt. Diese Tiere waren in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Am auffallensten waren die kleinen „Hörner“ am Hinterrand des Schädels. Auch moderne Krokodile wie das Nilkrokodil besitzen nach oben ragende Knochenwülste hinter den Augen, aber bei Crocodylus robustus waren diese stärker ausgeprägt, als bei jeder anderen Art. Wozu sie aber gut waren, ist nicht bekannt. Hier ist mal eine Rekonstruktion die ich vor einiger Zeit anhand eines Schädel vonVoay robustus gemacht habe:

Crocodylus robustus- wurde allerdings nur 4-5m lang

Könnte als diese Art hinter den angeblichen 10m langen Nilkrokodilen stecken? Teilweise habe ich schon gelesen dass diese Art 10m erreicht haben soll. Aber allem Anschein nach wurden hier die vermeintlichen 10 m langen Krokodile undVoay robustus einfach in einen Topf geworfen, und die Seite auf der ich das gefunden habe, machte auch keinen allzu seriösen Eindruck. Von Voay robustus sind eine Reihe von Knochen bekannt, auch fast vollständige Schädel, aber selbst die größten bekannten Individuen waren wenig mehr als 3 m lang. Das ist immer noch recht groß, vor allem wenn man bedenkt dass der nächste lebende Verwandte eine maximale Länge von 1,9 m erreicht, aber meistens sogar noch deutlich kleiner bleibt. Also kann auch Voay robustus wohl kaum hinter den Angaben von 10 m langen Krokodilen stecken.

Die große Frage ist hier nun natürlich, woher diese Angaben kommen. In “ The Eighth Continent: On the Trail of the Extraordinary in Madagascar“ von Peter Tyson konnte ich einen kleinen Zusatzhinweis finden. Dort wird erwähnt dass es auf Madagaskar einst eine riesiges Krokodiart gegeben haben könnte, wobei allerdings allgemein vermutet wird, dass es sich um die noch heute dort vorkommenden Nilkrokodile handelte. Voay robustus wurde auch lange als identisch mit den modernen madagasischen Krokodilen angesehen, und ich habe den Verdacht, dass hier verschiedene Dinge miteinander vermischt wurden. Falls es auf Madagaskar tatsächlich 10 m lange Krokodile gegeben haben sollte, dann waren diese sicherlich nicht mit den Nilkrokodilen identisch, die heute dort leben. Und selbst wenn es irgendwann mal auf Madagaskar 10 m lange Nilkrokodile gegeben haben sollte (was ich nicht glaube), dann würde dass noch lange nicht bedeuten, dass auch heutige Nilkrokodile tatsächlich so groß werden können. Meine persönlich Vermutung ist, dass es nie 10 m lange Krokodile auf Madagaskar gegeben hat, auch wenn ich der letzte wäre, der sich nicht wünschen würde dass es sie doch gab. Massive Größenüberschätzungen anhand von Fossilien sind leider in der Geschichte der Paläontologie nichts ungewöhnliches gewesen, vor allem wenn nur fragmentarische Fossilien bekannt waren. Dass man über diese angelichen 10m langen Krokodile auch so gut wie gar nichts findet, spricht auch nicht gerade für ihre Glaubwürdigkeit. Ich wage mir jetzt nicht anzumaßen zu behaupten dass es definitiv niemals 10 m lange Krokodile auf Madagaskar gegeben hat, aber ich sehe die Sache sehr sehr kritisch, und würde nicht allzu viel darauf geben. Sollte irgendjemand zusätzliche Informationen zu dem Thema haben, würde mich das sehr interessieren.

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4 Kommentare zu Gab es auf Madagaskar tatsächlich 10m lange Nilkrokodile?

  1. Darren Naish sagt:

    Hi Marcus

    Did you know that Crocodylus robustus now has a new generic name: Voay. It was published earlier this year by Chris Brochu.

  2. Cronos sagt:

    Thank you very much for this information Darren, I really didn´t know it.

  3. stephan k-l. sagt:

    madagaskar wird diskutiert, wie prähistorisch die landschaften ausgesehen haben könnten. 90 % waldbedeckung werden vermutet, werden aber von burney und burney et al angezweifelt (Sedimentborhungen in limnologischen systemen (palynologisch). große tierwanderungen wie in kontinentalafrika können aber schlecht möglich gewesen sein, da das zentrale hochland zu bewaldet war und zu hügelig ist und der westen von kalkstein-brüchen (siehe tsingy, becken von morondave, plateau von mahafaly) nicht wegbar für große tiere bzw. wanderungen ist (wie EV oder großlemuren, zumal rezente lemuren größtenteils territorial sind, was zwar nicht für großlemuren gelten muss, aber vigilante arten zu zum beispiel megaladapis wie gorillas (alternativ faultiere in SA) sind ebenfalls territorial). seltesamer weise sollen die krokodile nur auf der westseite unterwegs sein, das kann aber an der exzessiven ausbeutung durch frankreich auf der ostseite liegen (Kanalbau usw.). allgemein sind krokodilpopulationen durch den abschuß der größten exemplare metrisch dezimiert (orinokokrokodil, schwarzer kaiman, amerikanisches spitzkrokodil, sundagavial). da stellt sich die frage, ob lokale populationen ausgelöscht wurden, die spezifisch auf großfauna spezialisiert war (artbildung in progress) und entsprechend groß wurden. helfen kann dir allgemein The natural history of madagascar (eds. Goodman und Benstaed 2003). allerdings sit der reptilienteil knapp gehalten. die hippos wären dagegen so einem monsterkrokodil ziemlich hilflos ausgeliefert, d.h. sympatrisches vorkommen ist unwahrscheinlich, also auch keine räuber-beute-beziehung. insgesamt finde ich deine angaben gut. voay ist übrigens der madagassische name für krokodil.

  4. Markus Bühler sagt:

    Freut mich nach so langer Zeit einen Kommentar zu diesem Eintrag zu finden. Ich vermute mal stark dass sich rein theoretisch auf Madagaskar auch recht große Krokodile gelebt haben könnten, wenngleich auch die Großtierfauna nicht so reich war wie etwa auf dem afrikanischen Kontinent. Doch faktisch gibt es ja dafür so weit mir bekannt ist, keinerlei direkte Hinweise, da die auf Madagaskar einst heimische Art Voay robustus ja ziemlich klein gewesen ist, und nicht einmal annäherungsweise die Ausmaße großer Nilkrokodile erreichte. Und dass die vielleicht sogar erst in historischer Zeit auf Madagaskar heimisch gewordenen Nilkrokodile ausgerechnet dort extreme Größen erreicht haben sollen, erscheint äußerst fragwürdig um es einmal vorsichtig auszudrücken, zumal sie sich genetisch nicht von den Festlandkrokodilen unterscheiden.

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