Fossile Wale Teil 5: Die Remingtonocetidae – ein ungewöhnlicher Seitenzweig

Wie ich ja schon früher geschrieben habe ist es wichtig zu verstehen dass Evolution nicht immer geradlinig verläuft, sondern vielfach Verzweigungen gebildet werden. Manche dieser Seitenzweige entwickeln sich eigenständig weiter von der eigentlichen Entwicklungslinie, und gehen in eine andere Richtung. Das war auch bei den Walen nicht anders, und neben den relativ übersichtlichen Entwicklungslinien welche von Landformen über amphibische lebende Arten zu marine Formen zumindest einigermaßen einer gewissen Tendenz folgten, gab es bereits sehr früh abzweigendende Linien die andere Wege einschlugen.

Ein solcher Fall waren die Remingtonocetidae, eine Familie otterähnlicher Urwale von der bisher fünf Gattungen bekannt sind, Andrewsiphius, Attockicetus, Dalanistes, Kutchicetus und Remingtonocetus. Sie haben sich wahrscheinlich schon vor der Entwicklung der Ambulocetidae vom Hauptstamm abgespalten und sich in Richtung einer anderen ökologischen Nische hin entwickelt. Auffällig sind bei den Remingtonocetidae vor allem zwei Dinge, erstens ihre extrem verlängerten Kiefer, und zweitens ihre sehr geringe Größe. Ihr Körper war tatsächlich nicht größer als der eines Fischotters, dagegen war der Kopf auf geradezu groteske Weise riesig. Hier eine Lebendrekonstruktion von Kutchicetus minumus von Carl Buell:

Kutchicetus minumus by Carl Buell

Die Hinterbeine der Remingtonocetidae waren recht kurz, weshalb bei ihnen bereits der sehr lange Schwanz unter Wasser für den Hauptantrieb gesorgt haben dürfte. Ihre langen Schnauzen haben keine Entsprechung unter allen lebenden Landsäugern, und werden in der gesamten Geschichte der Säugetiere lediglich noch von einigen weitaus späteren Zahnwalen wie Eurhinodelphis oder Zarhachis übertroffen. Da sie aber trotz allem aufgrund ihres otterähnlichen Körper dennoch Zeit an Land verbracht haben düften, kann man sie vielleicht noch etwas eher mit langschnäuzigen Crocodiliern wie Gavialen vergleichen. Die lange schmale Schnauze war fast mit Sicherheit eine besondere Anpassung an den Fang von Fischen, wie man es in ähnlicher Weise auch bei manchen Labyrinthodontiern, Phytosauriern, zahllosen fischfressenden Vögeln und natürlich auch Raubfischen findet.

Interessant ist an dieser Stelle auch, dass unter allen lebenden Walen die im Süßwasser lebenden Flussdelphine die am stärksten verlängerten Kiefer entwickelt haben, vor allem der Amazonas-Flussdelphin und der Franziscana. Hier noch ein weiteres Bild von Carl Buell, welches Kutchicetus minimus zeigt, wobei der Wasservogel im Hintergrund recht gut die sehr geringe Größe veranschaulicht:

Kutchicetus minumus by Carl Buell 2

Wahrscheinlich füllten sie zu ihrer Zeit und in ihrem Verbreitungsgebiet die ökologische Nische welche heute vor allem von Fischottern eingenommen wird. Der massive Unterschied der Schädelproportionen zeigt hier aber auch dass sich trotz ähnlicher Lebensweise nicht zwangsläufig immer ein in allen Merkmalen ähnliches Äußeres entwickeln muss, da es verschiedene Möglichkeiten gibt die gleiche Aufgabe zu meistern. Auch die Robben haben niemals wirklich lange Schnauzen entwickelt, sondern blieben in ihren Schädelproportionen trotz allem seit ihren frühesten otterähnlichen Vorfahren relativ (und das ist jetzt sehr relativ zu sehen) konservativ.

Auf diesem leider nicht besonders scharfen Photo von Kutchicetus minimus von Wikipedia kann man sehr schön die äußerst merkwürdigen Proportionen sehen:

Kutchicetus_minimus_skeleton,_Canadian_Museum_of_Nature

Der Schädel ist so groß, dass man sich auch den Körper entsprechend viel größer vorstellen würde, wenn man ihn nicht kennen würde. Man sieht im Schulterbereich die stark verlängerten Wirbelausläufer, welche nötig waren um mit denen an ihnen ansetzenden Muskeln und Bändern das enorme Gewicht des Kopfes zu tragen, sowie die starke Verlängerung des Scheitels in Richtung des Nackens Auch sieht man sehr schön wie kurz die Hinterbeine und wie lang der Schwanz gewesen ist.

Leider finden diese hochinteressanten und unikaten Mitglieder der frühesten Radiation innerhalb der Entwicklung der Wale nur sehr selten einmal Erwähnung, was auch ein weiterer Grund ist, warum ich diesen Teil der Serie den Remingtonocetidae gewidmet habe.

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5 Kommentare zu Fossile Wale Teil 5: Die Remingtonocetidae – ein ungewöhnlicher Seitenzweig

  1. Allosaurus sagt:

    Hallo, sehr tolle und informative neue Beiträge! Freut mich, den Blog so aufleben zu sehen.
    Zu prähistorischen Walen wäre tatsächlich mal ein umfangreiches Buch überfällig, zumal man ja in den letzten Jahren einiges an fossiler Cetacaea-Diversität zutage befördert hat.

    LG, Allosaurus

  2. Markus Bühler sagt:

    Ja, leider gibt es zu diesem doch sehr speziellem Thema bisher fast nichts an Literatur, und gerade in den letzten zehn, fünfzehn Jahren hat man dermaßen viel neues entdeckt, dass es wirklich einmal an der Zeit wäre dass ein entsprechendes Buch auf den Markt kommt.

  3. Joschua sagt:

    Hi da draußen,
    Ich muss Allosaurus zustimmen, Literatur zu diesem Thema ist längst überfällig.
    Danke Markus für all diese informativen, gut bebilberten Artikel rund um die ausgestorbene und noch existente Fauna unseres Planeten, seit gut 3 Jahren guck ich nun schon regelmäßig hier vorbei und freue mich auf jeden neuen Beitrag von denen die meisten mir völlig neue Kreaturen behandel´n (wenn Bio doch nur immer so gewesen wäre…)
    Das wollte ich einfach mal los werden und darauf hinweise das ich deine Seite, falls du nichts dagegen hast in meinem neusten Journal verlinkt habe: http://hyrotrioskjan.deviantart.com/journal/Happy-Holiday-or-yesterday-I-get-all-Yesterdays-344752171

  4. Sven sagt:

    Ich bleibe bei der Aussage: Dann mal ran! 🙂

  5. Markus Bühler sagt:

    Freut mich sehr wenn dir mein Blog so gut gefällt, auch wenn ich es leider absolut nicht schaffe auch nur einigermaßen regelmäßig zu schreiben. Natürlich kannst du Bestiarium auch verlinken, und die Bilder bei Deviantart gefallen mir wirklich ausgesprochen gut, vor allem jene aus deinem eigenem Projekt über spekulative Evolution. Was mir dabei besonders gefällt sind die fleischfressenden Pflanzen die du miteingebracht hast. Als kleine Anmerkung, 4 Jahre wären für eine Kannenpflanze eine ausgesprochen kurze Lebensspanne, die werden in der Regel deutlich älter, teilweise mehrere Jahrzehnte.
    Die als real existierende Lebewesen dargestellten Krytpiden wie der Buru gefallen mir auch sehr gut, wobei die Idee Mokele m´bembe als ein Riesenschuppentier darzustellen ausgesprochen gut aussieht.

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