Bestiarium

Fantastisches aus Biologie, Paläontologie und Kryptozoologie

Archive for the ‘Wale’ Category

Die Rückkehr der Killerpottwale

Montag, Mai 5th, 2008

Ich habe ja schon ein paar mal über die sogenannten Killerpottwale geschrieben, ein archaischer Seitenzweig aus der Ahnenreihe der Pottwale, welche allem Anschein nach zu ihrer Zeit die ökologische Nische der Schwertwale besetzten, und im Gegensatz zu ihren lebenden Verwandten nicht nur von Kalmaren und Fischen, sondern vor allem von größeren Beutetieren lebten. Leider gibt es ja nur ziemlich wenige Informationen und kaum Bildmaterial über diese faszinierenden Wale, mal ganz abgesehen davon, dass sie ja kaum jemand überhaupt kennt, was auch mit daran liegt, dass mit wenigen Ausnahmen die bisherigen Funde äußerst fragmentarisch sind.  Wie der Zufall es wollte, wurde erst vor Anfang April in einem Felsen am Rappahannock River im Osten Virginias die fossilen Überreste eines Killerpottwales gefunden. Leider sind auch hier die erhaltenen Überbleibsel recht spärlich, und bestehen primär aus den Zähnen, sowie Fragmenten des Ober-und Unterkiefers. Die Benutzung der folgenden Photos wurde mit freundlicherweise von Dr. Alton Dooley vom Virginia Museum of Natural History erlaubt, welcher an der Bergung des Fossils beteiligt war. Einige weitere Photos findet man hier: http://web.mac.com/dooleyclan/Site_2/Blog/Blog.html

Die Fundsituation:

Die Killerpottwale unterschieden sich in einer ganzen Reihe von Merkmalen von den modernen großen Pottwalen, insbesondere dadurch, dass sie auch im Oberkiefer große funktionelle Zähne hatten (die Oberkieferzähne rezenter Pottwale sind nur sehr klein und brechen normalerweise nicht aus dem Kiefer). Ihre Zähne waren sehr groß, hatten wegen der starken Belastung der sie ausgesetzt waren ausgesprochen lange Wurzeln und besaßen im Gegensatz zu jenen von heutigen Pottwalen auch eine Schmelzschicht, waren also auch härter. Die Zähne der Killerpottwale zeigen häufig sehr starke Abnutzungserscheinungen, ganz ähnlich wie bei Schwertwalen, und die ineinandergreifenden Zähne von Ober-und Unterkiefer haben sich gegenseitig oft tiefe Furchen geschliffen. Häufig ist durch den starken Gebrauch der Zähne gut die Hälfte der ursprünglichen Schmelzschicht abgenutzt.

Hier ein einzelner Zahn mit sehr deutlich zu sehenden Abschliffspuren des Gegenzahnes:

Leider ist ja nur ein sehr geringer Teil des ursprünglichen Schädels erhalten, so dass man schwer sagen kann, wie dieser Killerpottwal ausgesehen haben könnte. So kann man etwa nicht mit Sicherheit sagen, obe es sich um eine Form wie Zygophyseter varolai mit einer langen und nur teilweise vom Spermacetiorgan bedeckter Schnauze handelte, oder um einen etwas robusteren Typus wie Brygmophyseter shigensis oder Hoplocetus ritzi, bei denen wohl die ganze Schnauze vom Walratorgan bedeckt war. Dr. Dooley vermutet aber, dass dieser Wal eher dem Zygophyseter-Typus entsprach.

Hier sieht man einen Teil des Jochbeines, welches auch den unteren Rand der Augenhöhle bildete :

Es bleibt zu hoffen dass in Zukunft noch mehr Fossilien dieser Wale gefunden werden, so dass man sich ein besseres Bild ihrer einstigen Lebensweise und ihres Aussehens machen kann.

Janjucetus hunderi - der scharfzähnige Uronkel der Bartenwale

Mittwoch, November 21st, 2007

 Janjucetus hunderi Modell (bearbeitet)

Mitte August letzten Jahres wurde der Öffentlichkeit ein neuer fossiler Wal mit einem Alter von etwa 25 Millionen Jahren beschrieben, welcher in der Gesamtheit seiner Merkmale und seiner entwicklungsgeschichtlicher Stellung bisher absolut einzigartig ist, Janjucetus hunderi. Der Ende der 90iger Jahre entdeckte und von Erich Fitzgerald beschriebene Wal war mit einer Gesamtlänge von etwa 3,5m nicht einmal besonders groß, also vergleichbar den großwüchsigen Offshore-Populationen des Großen Tümmlers. Was war also so besonders an Janjucetus? Nun, primär die Tatsache dass er sehr gut ausgebildete, noch heterodonte Zähne in seinen kräftigen Kiefern besaß, aber einer Linie angehört, aus der auch die heutigen Bartenwale hervorgegangen sind. Ungewöhnlich waren auch die extrem großen Augen dieser Tiere, die proportional größten, die man von einem Meeressäuger kennt. Da Janjucetus allem Anschein nach über keine Echoortung verfügte, mußte er sich unter Wasser mit den Augen orientieren. Und das hatten sie auch nötig, denn anders als ihre modernen Verwandten, welche für das Fangen von Krill, Schwarmfischen oder Kleinlebewesen keine besonders scharfen Sinne besaßen, war Janjucetus ein echtes Raubtier. Bei den modernen Walen spielen die Augen keine größere Rolle, Arten wie der Pottwal welche ohnehin gewohnt sind sich per Echolot in der Tiefsee zu orientieren, sind sogar in der Lage gänzlich ohne ihr Augenlicht auszukommen, was durch die Funde von gänzlich blinden, aber dennoch wohlgenährten Exemplaren bewiesen ist. Der einzige bekannte Wal mit wirklich großen Augen, welche jenen von Janjucetus nahe kommen, ist der extrem bizarre Odobenocetops peruvianus. Diese entfernt mit den Narwalen verwandte Art besaß ursprünglich ein Echolot, welches dann aber aufgrund einer extrem bodenorientierten Lebensweise zugunster besserer Sehleistung zurückgebildet wurde.

 Der in der Aufsicht beinahe wie ein Dreieck aussehende Schädel war extrem kompakt und bot sehr starken Kiefermuskeln Platz und Ansätze. Auch die Kiefer selbst waren ziemlich kräftig, und die Zähne griffen wie bei Schwertwalen dicht ineinander, so dass sie Scherkanten entwickelten, mit denen sie ihre Beute regelrecht zerstückeln konnten. Moderne Zahnwale haben in der Regel ziemlich homodonte, mehr oder weniger kegelförmige Zähne, welche bei den meisten Arten primär zum Festhalten der Beute dienen. Im Falle von Janjucetus waren (je Kieferhälfte) die drei Schneidezähne, der Eckzahn sowie der erste Prämolar ähnlich wie bei modernen Zahnwalen auch eher kegelförmig und leicht nach hinten gebogen, außerdem besaßen sie lange Wurzel, und diente zum Festhalten, die dahinter liegenden drei Prämolaren und die zwei Molaren waren allerdings wie bei den Archeoceti, welche vor allem durch Arten wie Basilosaurus oder Dorudon bekannt sind, tief eingekerbt und ähnelten Haizähnen. Solche mit Sägekanten versehenen Zähne waren außerordentlich gut dazu geeignet, Beutetiere regelrecht in Stücke zu reißen.

Diese Anpassung deutet auch eher auf große Beutetiere hin, als nicht nur auf kleine Fische oder Kalmare, wie sie die meisten heutigen Zahnwale bevorzugen. Auch weisen die Zähne Abnutzungsspuren auf, welche nicht unbedingt nur auf weiche Nahrung hinweisen. In seiner ökologischen Nische dürften diese Tiere wahrscheinlich einem kleinen Schwertwal oder einem Seeleoparden vergleichbar gewesen sein, das heißt dass eine relativ große Bandbreite von Beutetieren gejagt wurde, sowohl kleinere Fische und Kopffüßer, aber wahrscheinlich auch größere Fische, und vielleicht auch Wasservögel und womöglich auch kleinere Robben oder Wale. Interessanterweise ähnelt die Morphologie des Schädels und die Anordnung der vorderen Zähne jener bestimmter Pliosaurier, welche sich ebenfalls auf relativ große Beutetiere spezialisiert hatten, aber auch mit dem Seeleoparden finden sich verschiedene Übereinstimmungen.

Janjucetus bietet einen interessanten Einblick in die Evolution der Bartenwale, allerdings kann er nicht als Vorfahre der heutigen Arten angesehen werden, da auch ältere Arten wie Eomysticeuts bekannt sind,  welche Barten statt Zähnen besaßen und auch schon schwarmlebende Beutetiere jagten. Folglich war Janjucetus eher ein langausdauernder spezialisierter Seitenzweig aus der frühen Entwicklungsphase jener Urwale, aus welchen die modernen Bartenwale hervorgegangen sind.

Die Entwicklung von eines fischfressenden Zahnwales zu einem filterten Bartenwal ist in vieler Hinsicht nicht leicht nachzuvollziehen, was unter anderem in einem nicht gerade übermäßig vollständigen Fossilrekord liegt. Allerdings weiß ich aus vertraulicher Quelle, dass einige hochinteressante neue Entdeckungen bezüglich der Evolution des Filter-Fressens gemacht wurden, und in absehbarer Zeit veröffentlicht werden. Einige dieser Zwischenformen besaßen sowohl kammartige Zähne, als auch primitive Barten, und wahrscheinlich gingen sie aus Vorfahren hervor, welche wie Krabbenfresserrobben anfangs ihre Zähne benutzten, um schwarmlebende Beutetiere wie kleine Fische oder Krill aus dem Wasser zu seihen. Die massive Größe der meisten lebenden Bartenwale täuscht darüber hinweg dass es einst eine ganze Reihe ziemlich kleiner Arten gegeben hat, welche noch nicht einmal an die beiden kleinsten heutigen Arten heranreichten, den Zwergglattwal und den Zwergminkwal. Überhaupt hat die Fossilgeschichte der Wale noch einiges zu bieten, und ich habe von neuen Funden gehört, an die ich nicht einmal im Traum gedacht habe, so ungewöhnlich sind sie. Leider finden solche Tiere in Büchern über ausgestorbene Tiere sie gut wie keine Erwähnung, was wirklich schade ist, denn allein mit den bisher bekannten fossilen Walen ließen sich bändeweise Bücher füllen. Darum versuche ich ja auch immer mal wieder gerade ein paar dieser kaum bekannten, aber defür umso interessanteren Wale vorzustellen.

Das Bild oben zeigt übrigens ein Modell des Janjucetus das ich vor kurzem fertig gestellt habe. Ich habe es digital etwas bearbeitet und auch noch mit Paint ein Auge drauf gemalt, damit es etwas natürlicher aussieht. Im Gegensatz zu der im Internet verbreiteten Darstellung habe ich den Kopf nicht glatt nach dem Schädel rekonstruiert, sondern die Nasenregion mit erhöhten Nasenlöchern modelliert, da bei Janjucetus sicherlich wie bei modernen Bartenwalen auch knorpelige und muskuläre Anteile die Nasenregion sicherlich voluminöser machten, als die Schädel auf den ersten Blick erkennen lassen.

Im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass der Kopf wahrscheinlich etwas zu groß geraten ist. Ich habe mich bei der Vorlage vor allem an Rekonstruktionen des mit Janjucetus entfernt verwandten Mammalodon orientiert, welche meistens einen recht großen Kopf haben, aber ich vermute mal, dass er in Wirklichkeit etwas kleiner war. Leider lag mir für Janjucetus nur der Schädel als Rekonstruktionsvorlage zur Hand, und keine Komplettrekonstruktion, welche den ganzen Körper gezeigt hätte. Außerdem wurde der Schädel während des Modellierprozesses deutlich größer, da mir vor der Vorlage des Artikels von Erich Fitzgerald nicht bewußt war, wie enorm breit der Schädel von Janjucetus tatsächlich gewesen ist. Als Folge davon wurde er dann auch etwas länger und naja…die Proportionen ähneln jetzt eher denen eines Orca. Aber da von Janjucetus sowieso nur der Schädel bekannt ist, kann man bisher auch nicht genau sagen, wie groß der Kopf im Verhältnis zum Körper tatsächlich gewesen ist. Erich Fitzgerald meinte auch dass der Hals etwas länger sein müßte, war ansonsten mit der Rekonstruktion aber sehr zufrieden.

Hier sieht man nochmal das Modell in unbearbeiter Ansicht, bei dem man auch gut die Gestalung der Nasenregion erkennt:

Janjucetus Modell

Noch eine Bemerkung zur Darstellung archaischer zähnetragender Bartenwalvorläufer: Tiere wie Mammalodon oder Aetiocetus werden oft mit Kehlfurchen dargestellt. Es ist allerdings ziemlich unwahrscheinlich, dass sie tatsächlich welche besaßen. Die modernen Bartenwale werden in zwei große Hauptgruppen unterteilt, die Furchenwale wie etwa den Blauwal, und die Glattwale, zu denen beispielsweise der Nordkapper zählt. Zwischen diesen beiden steht irgendwo noch der Grauwal, dem eine eigene Gattung zugesprochen wurde, da er sowohl Merkmale besitzt, welche den Furchen-und den Glattwalen entsprechen, als auch eine Reihe von Sondermerkmalen in Anatomie und Verhalten zeigt, welche nur bei ihm vorkommen. Nichtsdestotrotz dürfte er im Aussehen den frühen Bartenwalen noch am ähnlichsten kommen, wobei wahrscheinlich auch der kaum bekannte Zwergglattwal diesen Formen im Aussehen wohl noch sehr nahe steht, vor allem in Form und Größe des Körpers und der Flossen. Es ist sehr wahrscheinlich dass die frühen Bartenwale wie der Grauwal noch keine Kehlfurchen besaßen, und diese sich erst bei den Vorläufern der Furchenwale entwickelten. Die Darstellung von frühen, noch zähnetragenden Bartenwalvorläufern soll wohl eher die Verbindung dieser Tiere mit heutigen Bartenwalen nahebringen, denn mit ihren großen Köpfen, und den teilweise mit sehr großen Zähnen ausgestatteten Kiefern, wirken diese Wale noch weitaus räuberischer und gefährlicher als die meisten heutigen Zahnwale.

Literatur:

Fitzgerald, E.M.G. (2006). “A bizarre new toothed mysticete (Cetacea) from Australia and the early evolution of baleen whales.”

Der Killerpottwal Zygophyseter varolai

Sonntag, November 11th, 2007

 Zygophyseter varolai

Vor geraumer Zeit habe ich ja schon einmal über die sogenannten Killer-Pottwale geschrieben ( http://bestiarium.kryptozoologie.net/artikel/prahistorische-killer-pottwale/), eine archaische Seitenlinie aus dem Stammbaum der modenen Pottwale. Leider lagen mit damals noch keine Artikel vor, sondern lediglich deren Abstracts. Vor einiger Zeit gelangte mir jedoch glücklicherweise ein solcher Artikel in die Hände, welcher den neuentdeckten Killer-Pottwal Zygophyseter varolai beschrieb. Grund genug also, noch einmal auf das Thema einzugehen. Auf die allgemeine Darstellung der Killer-Pottwale möchte ich gar nicht noch einmal näher eingehen, da dies schon im ersten Teil gemacht wurde, und gleich direkt auf Zygophyseter eingehen. Diese Art ist durch ein recht gut erhaltenes Skelett aus dem Miozän Süditaliens bekannt, und weißt eine ganze Reihe anatomischer Besonderheiten auf. Der Schädel wies eine Länge von 1,5m auf, und zu Lebzeiten dürfte die Gesamtlänge bei 6,5-7m gelegen haben, also etwa gleich groß wie ein Schwertwal. Im Oberkiefer saßen 26 große Zähne, im Unterkiefer insgesamt 28. Die eigentlich Zahnkronen sind verhältnismäßig kurz, und machen nur etwa 18% der gesamten Länge aus, die Wurzeln waren also sehr lang, und mußten starken Belastungen standhalten. Die vorderen Zähne sind nach vorne geneigt, insbesondere das vorderste Paar im Unterkiefer. Es könnte (und das ist jetzt meine persönliche Überlegung) auch bei innerartlichen Konfrontationen genutzt worden sein, um die Haut des Gegners aufzuritzen, wie es auch moderne Pottwale, sowie viele Schnabelwale und manche Delphine machen. Die im hinteren Kieferbereich gelegenen Zähne zeigen dagegen nach hinten, und sind im Gegensatz zu den relativ runden vorderen Zähne seitlich abgeflacht. Die voderen und hinteren Zähne unterscheiden sich auch in der Größe sowie anderen Merkmalen wie der Wurzel, aber das ist momentan nicht so wichtig. Viel interessanter sind die massiven Abnutzungsspuren der Zähne. Die ineinandergreifenden Zähne von Ober-und Unterkiefer haben teilweise tiefe Furchen in ihre Antagonisten im Gegenkiefer geschliffen, und auch die Kronenspitzen seltbst sind recht stark abgenutzt, ursprünglich müssen sie etwa 45% länger gewesen sein. Derartige Abnutzungserscheinungen findet man auch bei Schwertwalen, vor allem bei älteren Exemplaren. Diese Zähne waren nicht einfach nur dazu da die Beute zu packen und zu verschlucken, sondern um sie gegebenenfalls auch zu zerteilen und in Stücke zu reißen. Die ineinandergreifenden Zähnen wirken dabei wie die Scherkanten einer Heckenschere. Übrigens besaßen die Zähne von Zygophyseter auch eine Schmelzschicht, während jene des Pottwals lediglich Dentin besitzen (von der Zementschicht um die Wurzel mal abgesehen).Der Unterkiefer läßt sich sehr gut als Y-förmig beschreiben, und war wie bei modernen Pottwalen im vorderen Bereich sehr schmal, und in der Seitenansicht auch leicht nach oben gekrümmt. Insegesamt unterscheidet sich der Unterkiefer oberflächlich betracht nur wenig von dem des Pottwales. Aber er ist insgesamt massiver, und die Anzahl der im Verhältnis viel größeren Zähne ist ebenfalls geringer. Zudem ist der Ansatz für die Kiefermuskeln beim Pottwal verhältnismäßig deutlich größer. Im direkten Vergleich wirkt der Unterkiefer des Pottwales im Vergleich zu jenem von Zygophyseter dennoch beinahe fragil. Das ist allerdings auch kein Wunder, denn Pottwale sind hochspezialisierte Kalmarfresser, die ihre Beute wahrscheinlich vor allem durch einen mit der Zungenmuskulatur erzeugten Sog einsaugen, anstatt sie mit den Kiefern zu packen. Man kennt sogar Funde von Pottwalen mit gebrochenen, völlig deformierten und zum Fressen nicht mehr geeigneten, ja teilweise sogar fehlenden Unterkiefern, welche dennoch wohlgenährt waren, was beweißt, dass die Kiefer bei der Nahrungsaufnahme des Pottwales nur eine untergeordnete Rolle spielen. Außerdem können sie mangels Zähnen im Oberkiefer auch keine Scherwirkung erzeugen.Der Schädel selbst ist ziemlich breit und zeigt eine deutliche Assymetrie. Im Stirnbereich bildet der Knochen eine Art Basin, in welcher das Spermaceti-Organ lag. Dieses Basin war nach vorne hin begrenzt, und reichte nicht viel weiter als etwas vor die Augen. Das bedeutet dass sich das Spermaceti-Organ nicht wie bei den heutigen Pottwalen, sowie den Zwerg-und Kleinstpottwalen bis an die Spitze der Schnauze reichte und diese nach vorne überragte, sondern dass der im Querschnitt halbrunde Oberkiefer schnabelförmig hervorragte, wobei die Prämaxilla, der vorderste Teil des Kiefers, erstaunlich dorso-ventral abgeplattet war. Damit sah Zygophyseter völlig anders aus als die uns vertrauten Pottwale mit ihrem massigen kastenförmigen Kopf, sondern viel eher wie eine Killer-Version eines Schnabelwales, und daher anders als alles andere was wir an Walen kennen.

Ich habe mal eine einfache Zeichnung von Zygophyseter angefertigt, welche oben zu sehen ist. Leider hat der Versuch die Falten, welche beim Verwischen der Wasserfarbstifte entstanden sind, nur zu noch mehr Falten geführt… Ich habe Zygophyseter bewußt etwas anders gestaltet, als in dem Artikel, da der Zeichner jener Rekonstruktion einige Fehler begangen hat. Zum Einen sieht der Wal vor allem durch die Gestaltung des Kopfes insgesamt ziemlich seltsam aus, und die Flossen sind auf sehr unnatürliche Weise dargestellt. Ein Fehler bei dieser Darstellung des Kopfes im Artikel sind die fehlenden Lippen. Abgesehen von ganz wenigen Arten wie dem Gangesdelphin, dessen lange Zähne im vorderen Kieferteil ein wirkliches Schließen des Maules verhindern, und ständig dem Wasser ausgesetzt sind, können Zahnwale ihr Maul dicht schließen. Die Zähne des Ober-und Unterkiefers greifen eineinander, so dass sie beinahe auf gleicher Höhe sind, wenn die Kiefer geschlossen bleiben. Nun werden die Oberkieferzähne von den festen Lippen umrandet, weshalb man selbst bei großzähnigen Arten wie dem Schwertwal bei geöffneten Maul meist nur die Zähne des Unterkiefers sieht. Dieses Fehlen der Oberlippen gibt dem Kopf ein sehr seltsames Aussehen. Außerdem wurde das Vorhandensein gewisser anatomischer Begebenheiten im Halsbereich völlig unterschlagen, denn die Kehle ist dermaßen dünn dargestellt, dass dort das Zungenbein, die Speise-und Luftröhre sowie die dazugehörige Muskulatur keinen Platz gehabt hätte. Zudem habe ich das Spermacetiorgan nicht allzu weit nach vorne verlagert, da ich das Gefühl habe, dass es bei der Originalrekonstruktion zu groß dargestellt wurde. Inwieweit die Form der Melone dem tatsächlichen Aussehen entspricht, ist sehr schwer zu sagen. Sowohl die großen als auch die kleinen Pottwale besitzen ein teilweise schräg vorstehendes Spermacetiorgan, und auch manche Schnabelwale besitzen eine ähnliche Kopfform, wobei bei ihnen der Schnabel frei bleibt. Rein theoretisch könnte aber der Übergang von Schnauze zur Melone durch eine andere Verteilung des Weichgewebes auch deutlich weniger aprupt gewesen sein. Aber genau sagen können wird man das wohl nie. Vielleicht werde ich ja auch irgendwann mal ein Modell dieses bizarren Killer-Pottwales anfertigen.

Quellen:

GIOVANNI BIANUCCI* and WALTER LANDINI
Killer sperm whale: a new basal physeteroid (Mammalia, Cetacea) from the Late Miocene of Italy

Der Blainville-Schnabelwal (Mesoplodon densirostris)

Donnerstag, September 20th, 2007

Vor ein paar Monaten wollte ich mal abends praktisch “nebenher” ein neues Modell bauen. Es benötigte schon geraume Zeit, sich für das Motiv zu entscheiden. Ich wollte einen Meeressäuger machen, da diese weniger Arbeit machen, als normales Landsäuger. Es sollte nicht gerade ein 0815- Modell von einem Schwertwal oder einem Seelöwen sein, wie es schon ungezählte gibt, sondern nach Möglichkeit etwas ungewöhnliches, von dem es vielleicht sogar noch überhaupt kein Modell gibt. Ich entschied mich dann für Blainville-Schnabelwal, einem der ungewöhnlichsten Vertreter der in der Tiefsee jagenden Schnabelwale. Trotz ihrer zum Teil enormen Größe (der Baird-Schnabelwal kann so groß werden wie ein Grauwal, und ist der zweitgrößte Zahnwal überhaupt) und ihrer teilweise extrem bizarren Anatomie werden diese Tiere meist ziemlich stiefmütterlich behandelt. Das mag zum Einen daran liegen, dass sie eine sehr versteckte Lebensweise führen, und auf See kaum zu beobachten, geschweige denn zu filmen sind. Über die Lebensweise vieler Arten ist nach wie vor so gut wie nichts bekannt. Bei den Schnabelwalen ist das Gebiss bei fast allen Arten massiv reduziert, da diese vor allem Fische und Kalmare fressenden Wale ihr Beute dadurch fangen, dass sie mit Hilfe ihres Zungenbeines einen Unterdruck im Maul erzeugen, und sich ihre Beute so wie mit einem Staubsauger einverleiben können. Dafür tragen die Männchen teilweise sehr seltsame Hauer im Unterkiefer, die dazu dienen andere Männchen bei innerartilichen Konfrontationen zu verletzten. Die Haut dieser Tiere ist darum häufig von einzelnen, teilweise aber auch doppelt oder sogar vierfach parallel verlaufenden Narben bedeckt. Der vermutlich zweitkurioseste Schnabelwal ist Blainvilles Schnabelwal. Es handelt sich um eine für Schnabelwalverhältnisse eher mittelgroße bis kleine Art, die Längen von etwa 4,5 bis maximal 6m erreichen, bei einem Gewicht von 0,7-1.0 Tonnen. Die Männchen dieesr Arten besitzen einen äußerst ungewöhnlichen Unterkiefer. Die hintere Hälfte des Kieferkammes ist sehr stark erhöht, und überragt annäherungsweise halbkreisförmig dern Oberkiefer. Auf diesem seltsamen Kiefergrat, der fast ein bisschen so aussieht wie die Mäuler von Glattwalen (bei denen das hochgewölbte Maul aber aus Muskeln und nicht aus Knochen besteht), sitzt ein großer Zahn, der ein bisschen so aussieht, wie die spitz zulaufende Hälfte eines geschälten Sonnenblumenkerns. Da dieser auch bei geschlossenen Maul den Oberkiefer deutlich überragt, können sich die Männchen dieser Art auch besonders tiefe Wunden zufügen. Die Wirkung der Zähne kann sogar noch verstärkt werden, denn manchmal siedeln sich auf ihnen Seepocken an, deren scharfkantige Schalen die Wirkungsfläche der Zähne noch vergrößern.

Interessant sieht es auch aus, wenn diese Tiere ihr Maul öffnen. Da der hintere Teil des Kiefers so stark erhöht ist, bleibt die hintere Hälfte des Maules auch bei geöffneten Kiefern praktisch zu, und bildet so eine Art Röhre. Ob dies allerdings irgendeinen Vorteil bei der Jagd bedeutet, oder ob sich die diese seltsame Kieferform entwickelte, um den Männchen einen Vorteil bei Rivalenkämpfen zu bieten, ist nicht bekannt. Vielleicht trifft auch beides zu. Jedenfalls hatte ich mich dann irgendwann dazu entschieden einen männlichen Blainville-Schnabelwal zu modellieren. Wie alle anderen Modelle auch, besteht es aus Fimo, wobei ich eine Mischung aus weißen und schwarzen Fimo classic und etwas weißen Fimo soft benutzt habe, um ein möglichst gut zu bearbeitendes Material zu haben. Wenn man weiß und schwarz zusammenknetet, hat man den Vorteil dass man sieht, wann man es lange genug geknetet hat, denn man sieht ziemlich lange noch schwarze und weiße Streifen. Darum muss man ziemlich lange kneten um eine wirklich homogene graue Masse zu bekommen, bei der Fimo soft und classic verbunden sind. Früher gab es noch das großartig zu verarbeitende Fimo medium, das perfekte Eigenschaften hatte, und nich gemischt werden mußte. Leider gibt es das nicht mehr zu kaufen. Aus Stabilitätsgründen habe ich einen doppelt gedrehten Draht sozusagen als Wirbelsäule eingearbeitet, und darum etwas verknüllte Alufolie eingefügt, um Material zu sparen. Darüber habe ich dann den Körper modelliert. Und es kam natürlich wie es kommen mußte, aus dem nebenher wurden einige Stunden mehr, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr. Also habe ich ihn eingepackt und erst mal liegen gelassen. Nach ein paar halbherzigen Versuchen ihn fertig auszumodellieren, habe ich mich nach mehreren Monaten jetzt endlich dazu entschieden, ihn fertig zu machen. Augen, Zähne und Flossen habe ich vorgehärtet und anmodelliert. Das Anmodellieren der Schwanzflosse war ziemlich kompliziert, aber da Walflossen so dünn sind, haben sie nicht genügend Eigenstabilität, weshalb es einfacher ist, sie auf einer flachen oder leicht geschwungenen Fläche vorzuhärten. Vor allem die korrekte Ausmodellation des Kopfes hat sehr viel Zeit benötigt, immer wieder merkte ich dass etwas nicht stimmte, und selbst jetzt ist sie nicht ganz zufriedenstellend. Andererseits muss man eben manchmal mit Kompromissen leben. Das Modell habe ich dann etwa 40 Minuten bei etwa 110°C im Backofen gehärtet, und ich finde es kann sich durchaus sehen lassen:

mesoplodon-densirostris-3.JPG

Die Form der Zähne stimmt leider nicht ganz, und ich muss sie wahrscheinlich noch mit einer Rasierklinge noch etwas nachbearbeiten. Auf dem nächsten Bild sieht man recht gut die vielen aufmodellierten Narben. Bei den runden Dellen handelt es sich um die Bissspuren von Cookie-cutter-Haien, die sich diese Wale in der Tiefsee oft einfangen. Leider sind immer noch Fingerabdrücke auf dem Modell, aber die bekomme ich mit feiner Stahlwolle wahrscheinlich noch weg:

mesoplodon-densirostris-2.JPG

Noch eine Ansicht von oben:

mesoplodon-densirostris-4.JPG

Als Vorlage dienten mir übrigens die hervorragenden Illustrationen von Bratt Jarrett aus Hadoram Shirihais “Whales Dolphins and Seals. A Field Guide to the Marine Mammals of the World” dem wahrscheinlich besten und umfangreichsten Bestimmungsbuch für Meeressäuger, das es auf der Welt gibt. Irgendwann muss ich eine Rezession für dieses Buch schreiben, da es einfach unglaublich ist.

Hier sieht man einmal den direkten Vergleich (und die Fehler bei der Modellation) von Modell und Vorlage:

mesoplodon-densirostris.JPG

Einige Dinge konnte ich nicht hundertprozentig nachmodellieren, beispielsweise sind die Flissen und der Schwanzstiel von Walen so dünn, dass man sie bei dieser Modellgröße und aus diesem Material fast nicht wiedergeben kann.

Das Originalbild kann man übrigens auch hier auf Brett Jarretts Homepage sehen: http://www.brettjarrett.com/images/wds036.jpg

Bild des Tages: Schädel eines Ganges-Flussdelphins

Samstag, August 18th, 2007

Flussdelphine gehören in vieler Hinsicht zu den faszinierensten Walen überhaupt, leider auch vielfach auch zu den seltensten, und der tragische Fall des allem Anschein nach inzwischen ausgestorbenen Chinesischen Flussdelphines zeigt uns, dass das Aussterben von Großtieren keineswegs auf die vorigen Jahrhunderte beschränkt war.

Dieses Photo habe ich im Rosenstein-Museum in Stuttgart gemacht. Es zeigt den Schädel des Ganges-Flussdelphins (ja, ich halte mich nicht an die neue Rechtsschreibung, “Delfin” mit “f” sieht einfach schrecklich aus) Platanista gangetica:

Ganges-Flussdelphin Platanista gangetica

Man kann an ihm gut verschiedene spezielle Anpassungen erkennen. Zum einen sind etwa die Augenhöhlen nur extrem winzig, und kaum auszumachen, dafür ist die Stirnregion, welche mit der Echoortung unter Wasser in Zusammenhang steht, auf massive Weise ausgeprägt.  Auffallend ist auch die sehr lange Schnauze, mit den langen nadelförmigen Zähnen in der vorderen Hälfte. Tatsächlich können diese Delphine ihr Maul nie richtig schließen, denn die vorderen Zähne greifen zwar ineinander, bleiben aber wegen der nicht vorhandenen Lippen selbst bei geschlossenen Kiefern nach wie vor zu sehen.

Aulophyseter rionegrensis-Modell

Dienstag, August 14th, 2007

Da ich mich ja besonders für diverse kaum bekannte prähistorische Wale interessiere, habe ich schon vor geraumer Zeit einmal angefangen, einen primitiven Pottwal zu modellieren. Allerdings hatte ich die Vorlage nicht dabei, und mußte daher aus dem Gedächtnis heraus modellieren, und außer einem selbst hergestellten, ziemlich groben Modellierwerkzeug aus einem krummen Nagel, hatte ich auch keine weiteren Materialien. Letztes Wochenende habe ich dann dank meines Laptops eine geeignete Vorlage vor Ort gehabt, und konnte die entsprechenden Korrekturen vornehmen. Bei dem Wal handelt es sich um Aulophyseter rionegrensis. Ehrlich gesagt weiß ich so gut wie überhaupt nichts über diesen Wal, da Informationen über prähistorische Wale abseits von Basilosaurus und Dorudon nur extrem spärlich sind. Jedenfalls habe ich ein sehr hübsches, am Computer gemaltes Bild auf einer japanischen Seite gefunden, an dem ich mich sehr stark orientiert habe, wobei ich mir gewisse Modifikationen vorbehalten habe. Das als Vorlage dienende Bild kann man hier sehen: http://www.gem.hi-ho.ne.jp/aquaheart/aulophyseter.gif

Als Modell wählte ich dem kleinen Maßstab wegen Fimo, und da es sich um eine sehr kompakte Form handelte, die genügend Eigenstabilität hat und auch keine langen Hebelansätze für die Schwerkraft bietet, habe ich auf stützende Metallelemente im Innern verzichtet. Man sieht recht gut dass es sich auch nur um ein sehr kleines Modell handelt, nicht viel größer als der Korken, auf dem es befestigt ist:

Aulophyseter rionegrensis

Man kann selbst auf einem solchen Maßstab mit Fimo noch erstaunlich gute Modelle herstellen, auch wenn viele kleine Details mit der Digitalkamera leider nicht zu erkennen sind. Zugegebenerweise sieht dieses Modell vielleicht auch nach nicht allzu viel aus, was mit daran liegt, dass es nicht angemalt ist. Nichtsdestotrotz stecken mehrere Stunden Arbeit in diesem Modell. Man merkt beim Modellieren immer wieder, dass man oft wirklich sehr schnell etwas machen kann, was in etwa so aussieht, wie es aussehen soll, aber was wirklich Zeit-raubend ist, sind die ganzen Adaptionen und Anpassungen, um möglichst die Proportionen der Vorlage zu erreichen. Ich habe die Grundform der Vorlage beibehalten, aber noch einige Änderungen gemacht. Etwa habe ich die Rückenflosse noch größer gemacht, ähnlich wie bei Zwergpottwalen, aber schon leicht die Rückenbuckel moderner Pottwale angedeutet. Dafür habe ich auf die für heutige Pottwale typischen Längsrunzeln verzichtet, um nicht allzu starke Assoziationen mit der modernen Art hervorzurufen. Außerdem habe ich die Brustflossen, die auf dem Bild wirklich sehr ungewöhnlich aussahen, eher wie die von modernen Pottwalen modelliert, diese Sicherlform erschien mir einfach zu unwahrscheinlich. Am Kopf habe ich dann noch ein wie bei modernen Pottwalen leicht erhabenes, deutlich seitliches Blasloch modelliert. Was auf den Photos leider beinahe nicht zu sehen ist, sind die zahlreichen Narben, die ich aufmodelliert habe. Pottwalbullen zeigen häufig derartige Narben aus Konfrontationen mit anderen Bullen, und daher dachte ich, dass das hier sicher auch nicht schlecht aussähe. Außerdem machen solche kleine Details ein Modell gleich viel lebendiger.

Aulophyseter rionegrensis

Vielleicht werde ich irgendwann noch mal einen Abguss machen, und diesen dann anmalen, was dann auch gleich viel interessanter aussieht. Für die Zukunft ist auch noch ein größeres Modell des Killer-Pottwales Zygophyseter varolai geplant. Hier noch mal eine Ansich von vorne:

Aulophyseter rionegrensis

Die Evolution des Narwals

Freitag, Mai 25th, 2007

Ein meinr Ansicht nach besonders interessanter Fall spekulativer Paläontologie ist die Evolution des Narwals Monodon monoceros. Bei heutigen Narwalen bestitzen die Männchen einen massiv vergrößerten und an der Oberfläche spiralig gewundenen linken mittleren Schneidezahn, der außerhalb des Mauls aus die Haut bricht. Die frühesten Vorfahren dieser Wale haben wahrscheinlich so ähnlich ausgesehen wie die mit ihnen verwandten Belugas, aber wie die ganzen Vorfahren ausgesehen haben, die zu diesem oftmals Einhorn des Meeres genannten Wesens führten, ist durch keinerlei fossilen Funde belegt. Hier stellen sich mehrere Fragen, etwa wann die Schneidezähne anfingen waagrecht statt senkrecht zu stehen, wann sie nicht mehr aus dem Zahnfleisch, sondern außerhalb des Maules herauswuchsen, seit wann sie nur noch auf einer Seite einen großen Zahn ausbilden, oder wann sich die Spiralwindung entwickelt hat. 

Hier sieht man den Schädel eines Narwales in der Seitenansicht:

Narwal-Schädel1

Man kann gut erkennen, dass die Kiefer außer dem linken ersten oberen Schneidezahn (sowie dem im Kiefer verborgenen rechten ersten oberen Schneidezahn) vollständig zahnlos ist.

In der Aufsicht wird die durch den Zahn verursachte Assymetrie des Kieferknochens noch deutlicher:

Narwal-Schädel2

 Die Vorfahren der Narwale müssen zweifellos teilweise ziemlich eigentümlich ausgesehen haben, es gibt sogar gewisse Hinweise darauf, dass anfangs nicht nur die oberen Schneidezähne etwas verlängert waren, sondern auch die unteren…

Der Vergleich mit dem Schädel des Belugas, welcher dem der frühesten Narwalvorfahren sehr ähnlich sein dürfte,  zeigt gut welche enormen Modifikationen des Schädels und der Zähne diese Tiere in ihrer Evolutionsgeschichte durchgemacht haben:

Beluga-Schädel

Der evolutionäre Prozess der von einem Tier mit einem Schädel ähnlich dem Beluga zu den modernen Narwalen geführt hat, kann nicht von jetzt auf gleich, und auch nicht vollkommen geradlinig stattgefunden haben. Die dazwischen gelegenen Zwischenstufen müssen teilweise äußerst seltsam ausgesehen haben.

 Auch wenn man bisher keine Knochen dieser Protonarwale gefunden hat, so kann man sich doch einigermaßen ausmalen wie zumindest einige ihrer Ahnen ausgesehen haben müssen. Da bei heutigen Narwalen normalerweise nur die Männchen einen Stoßzahn haben, und auch viele andere Wale teilweise sehr seltsam ausgebildete Zähne besitzen, die ausschließlich zur Austragung innerartlicher Rivalitäten dienen, kann man davon ausgehen, dass die allerfrühesten Narwale ihre leicht verlängerten und schräg aus dem Maul ragenden Schneidezähne bei Rivalenkämpfen benutzt haben könnten, ähnlich wie das die Männchen vieler Schnabelwale machen, deren Körper oft stark von Narben bedeckt ist, welche von den Zähnen anderer Bullen stammen. Spätere Formen hatten wohl schon recht gut entwickelte doppelte Schneidezähne, die aber vielleicht immer noch aus dem Maul heraus ragten. Interessanterweise kennt man einige primitive langschnäuzige, sogenannte haizähnige Wale (die Squalodontiden), welche neben ihren gesägten Zähnen im hinteren Kieferbereich auch senkrecht nach vorne stehende Schneidezähne an der Schnauzenspitze besaßen. Möglicherweise entwickelte sich dieses Merkmal bei ihnen aus ähnlichen Gründen wie bei den Vorfahren der Narwale. Ohne entsprechende Fossilien läßt sich hier leider sehr schwer sagen, wann die Zähne der Protonarwale außerhalb des Maules heraus wuchsen. Bei allen große Zähne tragenden Walen wachsen die Zähne noch aus dem Zahnfleisch, und das vorzugsweise im Unterkiefer, der Narwal ist hier die einzige Ausnahme. Heutige Tiere bei denen die Zähne auch außerhalb des Maules herauswachsen wären etwa die skurilen asiatischen Hirscheber oder Babirussas, bei denen die Eckzähne der Eber senkrecht aus oder Schnauzenoberseite herauswachsen, und einen Bogen nach hinten bilden. Vor einiger Zeit modellierte ich auch ein Modell eines solchen Protonarwales, oder Furcadon (nach dem Wort für eine zweizinkige Gabel) wie ich ihn inoffiziell genannt habe, das ein frühes mögliches Entwicklungsstadium aus der Ahnenreihe der Narwale zeigt. Das Modell besteht aus Fimo und wurde mit Wasserfarben bemalt, und anschließend lackiert:

 protonarwal-seitlich.jpg

 Der Körper bildet eine Art Zwischenform zwischen Narwal und Beluga, wobei mir im Nachhinein leider aufgefallen ist, dass der Kopf proportional zu groß geworden ist.

Protonarwal Unterseite

 Man sieht gut dass die beiden kurzen Stoßzähne noch nicht außerhalb des Maules durch die Haut stoßen, sondern noch aus dem Zahnfleisch ragen. Auch eine Drehung ist noch nicht vorhanden. Was man auf dem bemalten und lackierten Modell leider nicht mehr so gut sieht, sind die zahlreichen parallel verlaufenden Narben, die ich noch aufmodelliert habe, ähnlich wie bei vielen Schnabelwalen, die sich auch mit ihren Zähnen gegenseitig solche Verletzungen zufügen.

Nicht minder interessant ist hier auch die Evolution und die spekulativen Zwischenformen der bizarren “Walroßwale” Odobenocetops peruvianus und Odobenocetops leptodon, welche entfernte Verwandte von Narwal und Beluga waren, vielleicht werde ich mich auch mal denen widmen. Bis dahin werden aber noch weitere Beiträge folgen.

Anmerkung: Die Bilder der Schädel von Narwal und Beluga stammen aus der Sammlung des Zoologischen Institutes in Tübingen.

Makaracetus bidens-ein Wal mit einem Rüssel?

Dienstag, Mai 22nd, 2007

Wer mit der Geschichte der Kryptozoologie vertraut ist, der wird bei dem Titel dieses Eintrages wahrscheinlich sofort gewisse Assoziationen haben, die ich hier allerdings gleich enttäuschen muss. Nein, es soll hier nicht um den Kadaver des seltsamen Meereswesens namens Trunko gehen (der mit allergrößten Wahrscheinlichkeit der verweste und vollkommen entstellte Körper eines Walhais oder vielleicht auch eines Wales gewesen ist), sondern um einen der bizarrsten Wale, die es jemals gegeben hat.

Makaracetus ist erst seit kurzem (2004) durch ein paar sehr fragmentarische Fossilien bekannt, unter denen sich glücklicherweise ein recht gut erhaltener Schädel von 53cm Länge befindet, der einst zu einem Wal von der Größe eines Belugas gehört haben dürfte. Seinen Namen hat er von einem asiatischen Fabelwesen namens Makara, das einen Fisch-oder Drachenförmigen Körper und Kopf besitzt, sowie einen kurzen Rüssel auf der Schnauze trägt. Der Schädel zeigt eine ganze Reihe von ungewöhnlichen Merkmalen, die so von keinem anderen Wal bekannt sind. Der Schädel an sich war recht breit und kompakt, die Schnauze dagegen relativ schmal, und verbreiterte sich leicht nach vorne hin. Von der Seite betrachtet stieg die Schnauze vor den Augen leicht an, um sich dann zu einer großen, schräg abfallenden Nasenhöhle zu öffnen. Die Form des Schädels zeigt, dass in der Schnauzenregion ursprünglich Ansätze für starke Muskeln saßen, und große Blutgefäße durch die Knochen führten, die nötig waren um das Gewebe vorne an der Schnauze hinreichend mit Blut zu versorgen.

 Es ist sehr wahrscheinlich dass Makaracetus einen kurzen Rüssel besaß, womöglich ähnlich dem eines Tapirs. Daraus ergeben sich auch gleich weitere Hinweise auf die Lebensweise. Für einen im freien Wasser lebenden Wal hätte eine derartige Entwicklung relativ wenig Sinn gemacht, wohl aber für ein Lebewesen, das seine Beute am Boden suchte, und vielleicht zwischen Wasserpflanzen, im Schlick oder im Sand nach Beute suchte. Die Kiefer von Makaracetus beschreiben einen leichten Bogen nach unten, eine Anpassung die man auch von Tieren wie manchen Waranen kennt, die hartschalige Nahrung zu sich nehmen. Die Zahnreihen im Schnauzenbereich stehen sehr eng zusammen, wohingegen die an seitlich abgeflachte Kegel erinnernden Zähne relativ weit auseinanderstehen. Dies war sicherlich nicht die Bezahnung eines Fisch-oder Kopffüßer-Fressers, sondern eher eines Tieres, das sperrige Beutetiere wie mit einer groben Grillzange vom Boden aufnahm. Der Zahnbogen im hinteren Kieferteil ist dagegen recht breit, und die dortigen Zähne stehen eng und haben eine in der Aufsicht dreieckige, teilweise zerklüftete Oberfläche. Im Zusammenspiel mit der starken Kiefermuskulatur dürften sie gut geeignet gewesen sein, Krustentiere, Muscheln oder Schnecken aufzubrechen.

Man kann sich gut vorstellen dass ein kurzer muskulöser Rüssel sehr vorteilhaft war, am Boden nach Krusten-und Schalentieren zu suchen, und diese gegebenenfalls auch vom Boden oder von Steinen zu lösen, um sie dann mit den vorderen Zähnen zu packen, und mit den hinteren Backenzähnen zu zermalman. Wie dieser skurile Wal zu Lebzeiten nun tatsächlich ausgesehen hat, ist schwer zu sagen. Ich habe schon ein paar versuchsweise Rekonstruktionszeichnungen gemacht, die allerdings sehr spekulativ sind, etwa in Bezug auf die Position der Nasenöffnungen am Rüssel.

Erschwerend kommt hinzu dass bei Walen durch ihren dicke Fettschicht die äußere Form nur wenig Gemeinsamkeiten mit dem Schädel besitzt, etwa bei dem rundköpfigen Beluga, dessen Schädel ähnlich aussieht wie der eines Mosasauriers. Dass Makaracetus schon eine Melone besaß, ist relativ unwahrscheinlich, da es sich zum einen um eine sehr frühe Form handelte, und zum anderen bei der vermuteten Lebensweise eine Echolotwahrnehmung nur eine untergeordnete Rolle gespielt hätte. 

Quellen:

Philip D. Gingerich et al. (2005): Makaracetus bidens, a new protocetid archaeocete (Mammalia, Cetacea) from the early middle Eocene of Balochistan (Pakistan). - Contributions from the Museum of Paleontology, University of Michigan 31: 197 - 210

Bilder vom Schädel gibt es hier:

http://deepblue.lib.umich.edu/bitstream/2027.42/41260/3/Vol%2031%20No%209%20Final.pdf

Prähistorische Killer-Pottwale

Dienstag, Mai 22nd, 2007

Der Pottwal Physeter catodon ist in vieler Hinsicht einzigartig. Nicht nur dass es sich um das größte Raubtier der Welt handelt (wenn man Bartenwale mal nicht mitzählt), sie gehören auch zu den am höchsten spezialisierten räuberischen Meeressäugern, die es überhaupt gibt. Trotz ihrer imposanten Größe sind die Pottwale alles in allem recht friedliche Tiere, die sich in aller Regel nur von vergleichsweise winzigen Beutetieren ernähren, denn selbst die größten Riesen-und Kolosskalmare wiegen nur einen kleinen Bruchteil dessen, was ein Pottwal auf die Wage bringt.

Das war aber nicht immer so. Während die heutigen Pottwale vor allem hochspezialisierte Kalmarjäger sind, gab es in der einstmal weitverzweigten Familie der Pottwale auch echte Makroprädatoren. Leider gibt es im Internet nur extrem wenige Informationen über diese äußerst interessanten Tiere, so dass ich hier auch nicht viel weiter geben kann. Allerdings finde ich allein die Tatsache, dass urtümliche Pottwale eine den Schwertwalen ähnliche Anatomie, und vermutlich auch eine ähnliche Lebensweise hervorgebracht haben, bevor sich die Schwertwale überhaupt entwickelten, ziemlich bemerkenswert. Einer dieser Killer-Pottwale (der Name wurde offiziell für die Benennung dieser Tiere vorgeschlagen) war Hoplocetus ritzi, dessen Fossilien in Groß Pampau, Schleswig-Holstein, gefunden wurden. Eine genauere Beschreibung des Skelettes habe ich leider nicht gefunden, es wird allerdings erwähnt, dass die Abkaumuster der Zähne von Hoplocetus denen des Schwertwales ähneln, was auch auf ein ähnliches Beuteschema und Fressverhalten hindeutet. Bei Pottwalen brechen die Zähne im Oberkiefer normalerweise nicht durch das Zahnfleisch, so dass die Zähne im Unterkiefer keine Abnutzungsspuren durch Antagonisten im Gegenkiefer aufweisen können, und auch die weiche Beute in Form von Cephalopoden und Fisch, dürfte die Zähne kaum abnützen. Zudem scheinen die Zähne beim Pottwal überhaupt keine Rolle mehr beim Beutefang zu besitzen, denn man hat schon gut genährte ausgewachsene Exemplare gefunden, deren Kiefer vollkommen deformiert oder teilweise sogar komplett fehlend waren, so dass ein Ergreifen von Beutetieren nicht möglich gewesen sein kann. Die wahrscheinlich wichtigste Rolle, welche die Zähne beim Pottwal spielen, ist der Gebrauch als Waffe bei Rivalenkämpfen, denn viele Bullen zeigen auf ihrer Haut Narben, die nur von den Zähnen eines anderen Pottwals kommen können.

Ein anderer Killer-Pottwal war Zygophyseter varolai aus dem späten Miozän, dessen beinahe vollständiges Skelett in Süditalien gefunden wurde. Er hatte sowohl im Ober-als auch im Unterkiefer sehr gut entwickelte große Zähne, und eine Reihe von Sonderentwicklungen des Schädels, die wahrscheinlich mit dem Walrat-Organ in Verbindung standen. Auch hier spricht vieles dafür, dass es sich um aktive Raubtiere gehandelt hat, die große Beutetiere jagten.

Aus Japan kennt man auch die extrem gut erhaltenen Fossilien eines weiteren Killer-Pottwales, Scaldicetus shigensis, inzwischen sinnvollerweise in Naganocetus umbekannt.  Der Schädel dieser Tiere zeigt sehr starke Parallelen zu jene von Schwertwalen, mit sehr kräftigen und relativ kurzen Kiefern, und einer vergleichsweise geringen Zahl von Zähnen. Dagegen sind die Kiefer der Pottwales sehr lang, schmal und beinahe pinzettenartig dünn, und auch keineswegs dazu geeignet, mit sehr großer und wehrhafter Beute umzugehen, geschweige denn Fleisch aus großen Kadavern von Säugetieren zu reißen. Es ist anzunehmen dass die Killerpottwale keineswegs auf Kopffüßer oder Fische spezialisierte Jäger waren, sondern ähnlich den Orcas über ein breites Beutespektrum verfügten, das neben Fischen und Kalmaren auch andere Wale, Robben, Seekühe und einige kaum bekannte marine Großsäuger, Schildkröten, Wasservögel und vielleicht auch marine Krokodilier beeinhaltet haben könnte. Über das Aussehen und die Größe dieser Wale liegen leider so gut wie keine Informationen im Net vor. Zygophyseter varolai hatte eine Länge von 5-6m, also so viel wie ein Orca, und wahrscheinlich dürften auch seine Verwandten ähnliche Größen erreicht haben. Leider konnte ich nur eine einzige Lebendrekonstruktion von Zygophseter finden, die allerdings relativ seltsam aussieht, da sie ihn mit einer freistehenden Schnauze und einer sehr hohen, vorne zugespitzen Melone zeigt, ähnlich einem alten Entenwalbullen. Inwiefern diese etwas bizarre Darstellung richtig ist, kann ich nicht sagen, da mir hier anatomische Daten und Vergleichsmöglichkeiten über den Schädel fehlen. Dem Schädel von Naganocetus kann ich eine solche freie Schnauze zumindest nicht entnehmen…                                                                                        

Sicherlich werden diese Killer-Pottwale auch nur vergleichsweise wenig Ähnlichkeiten mit den modernen Pottwalen gehabt haben, etwa die wellenförmigen Rückenbuckel, die sie anstatt einer richtigen Rückenflosse haben, oder die charakteristischen Längsrunzeln am Körper. Die weitaus weniger spezialisierten Zwerg-und Kleinstpottwale besitzen eine kleine sichelförmige Rückenflosse und haben auch keine Längsrunzeln, und wahrscheinlich war das auch bei den archaischen Killer-Pottwalen der Fall.

Ich hoffe ich konnte auch noch den einen oder anderen für diese faszinierenden Tiere etwas begeistern, denn in den normalen Büchern über Urtiere wird man sie vergeblich suchen.

Quellen:

  GIOVANNI BIANUCCI* and WALTER LANDINI
Killer sperm whale: a new basal physeteroid (Mammalia, Cetacea) from the Late Miocene of Italy

Oliver Hampe                                                                                                                       Middle/late Miocene hoplocetine sperm whale remains (Odontoceti: Physeteridae) of North Germany with an emended classification of the Hoplocetinae

Noch ein Bild vom Skelett von Naganocetus (Scaldicetus shigensis) auf Seite 10 des Newsletters vom Naturhistorischen Museums von Los Angeles:

http://collections.nhm.org/newsletters/pdfs/2006-01.pdf