Bestiarium

Fantastisches aus Biologie, Paläontologie und Kryptozoologie

Archive for the ‘Reptilien’ Category

Riesenblindschleichen

Freitag, August 3rd, 2007

In unseren Breitengraden sind Reptilien ja ziemliche Mangelware, und man kann sich in der Regel schon glücklich schätzen, wenn man am Ende des Jahres die gesehenen Arten nicht mehr an einer Hand abzählen kann. Vor allem sind unsere heimischen Reptilien alle relativ klein, und selbst die Schlangen sind nicht besonders eindrucksvoll. Eigentlich wollte ich irgendwann noch mal einen Post über einige heimische Reptilien und Amphibien machen, die ich dieses Jahr schon gesehen, und photographieren konnte, aber bevor ich das mache, wollte ich noch über etwas spezielleres schreiben. Die mitteleuropäischen Arten mögen zwar in der Regel nicht besonders groß sein, und können niemals Exemplare hervorbringen, welche mit den tropischen Arten wie Waranen oder Riesenschlangen konkurieren könnten, aber trotzdem schaffen es einige manchmal, für ihre Verhältnisse wirklich erstaunlichen Größen heranzuwachsen.

Hier soll es um überdurchschnittlich große Blindschleichen gehen. Man sieht ja immer mal wieder welche, leider oftmals überfahren oder gar von irgendwelchen Idioten zertreten auf den Straßen und Wegen, besonders groß sind sie aber selten. Die meisten die man sieht, sind in der Regel zwischen 20 und 30cm lang. In der Literatur oder auch auf Wikipedia liest man zwar dass Längen von 35-45cm normal seien, doch das ist weit entfernt von der Wirklichkeit. Das wird einem erst richtig bewußt, wenn man tatsächlich einmal eine Blindschleiche dieser Größe vor sich hat, und sieht wie groß der Unterschied zum eigentlichen Durchschnitt ist.

Durch einen glücklichen Zufall kam ich vor einiger Zeit in den Besitz einer wirklich gewaltigen Blindschleiche. Beim Spazierengehen hatte ich an einem Weinberg eine tote Blindschleiche am Wegrand entdeckt, allem Anschein nach durch Gewalteinwirkung gestorben, denn aus dem Maul hingen ausgequetschte und getrocknete Gedärme hervor. Nicht einmal zwei Meter weiter entdeckte ich dann eine weitere, die ich erst für noch lebendig hielt, da sie vollkommen unverletzt war, und scheinbar auf natürliche Weise zusammengerollte. Bei genauerem Hinsehen merkte ich aber, dass die Augen schon leicht eingetrocknet waren, und der Körper auch schon ganz steif war. Die Blindschleiche war eindeutig tot, wie ich später feststellte hatte sie getrocknetes Blut an den Nasenlöchern, aber keinerlei Verletzungen, so dass anzunehmen ist, dass sie vielleicht durch Pestizide aus den Weinbergen, oder auch durch vergiftete Nacktschnecken umgekommen ist.

Erste Riesenblindschleiche

Auf den ersten Blick fiel mir nur auf, dass es sich um ein recht großes Exemplar handelte, aber als ich es dann versuchsweise mit einem Stock herumdrehte, merkte ich erst dass diese Blindschleiche wirklich riesig war. Da sie noch ziemlich frisch war, entschloss ich mich dann sie mitzunehmen. Zu Hause habe ich sie dann einmal grob vermessen. Da sie durch die Leichenstarre ziemlich steif war, wollte ich sie aus Angst sie zu beschädigen, nicht gerade ausstrecken, darum nahm ich einen Faden, und legte in der Rückenlinie an. Ich hatte ein ziemlich langes Stück abgeschnitten, und dachte, dass es auf jeden Fall reicht. Ehrlich gesagt habe ich dann auch etwas schlampig gemessen, und nicht die exakte Krümmung in der Mitte nachgelegt, sondern den Faden nach Möglichkeit über lange Strecken immer relativ gerade gelegt, da ich trotz Gummihandschuhen nicht gerade darauf erpicht war, übermäßig viel Kontakt mit diesem toten Tier zu haben. Ich war dann schon ziemlich erstaunt, als ich merkte, dass er Faden nur gerade so reicht, und eher etwas zu kurz war. Noch größer war mein Erstaunen, als ich diesen Faden dann gemessen habe, denn er maß volle 45cm, und dass, obwohl ich noch nicht einmal die volle Krümmung berücksichtig habe, und den Faden auch nicht immer 100% genau liegen lasen konnte. Das heißt diese Blindschleiche war beinahe einen halben Meter lang, und obendrein auch noch ungewöhnlich kompakt. Das mag bedingt daran gelegen haben, dass Faulgase den Körper etwas aufgeblaßen haben, aber dieses Exemplar muss schon zu Lebzeiten außerordentlich dick gewesen sein. Mit Hilfe einer Spritze (gibt es in jeder Apotheke) habe ich dann in Maul, After und ein oder zwei anderen Stellen des Körpers dann Spiritus injiziert. Bei kleinen Reptilien muss man das nicht zwingend machen, aber be größeren ist es besser, da sonst die Gefahr besteht, dass sie von innen zu faulen anfangen, bevor sie komplett von außen mit Alkohol vollsaugen. Dann habe ich sie in ein Glas gelegt, und mit Spiritus aufgefüllt. Handelsüblicher Spiritus, den es für wenig Geld in Baumärkten gibt, ist ein ideales Mittel um Reptilien selbst über Jahre hinweg zu konservieren. Unvergälter Alkohol ist viel zu teuer und auch nicht besser, und Formalin ist giftig. Es kann zwar zu gewissen Entfärbungen kommen, aber gerade bei ohnehin nicht gerade farbenfrohen Arten wie Blindschleichen, ist das relativ egal. Ich habe schon warscheinlich 100 Jahre alte Alkoholpräparate von Reptilien gesehen, die so gut wie keine Entfärbung zeigten.

Riesenblindschleiche 1 von vorne

Hier noch ein Bild von hinten:

Riesenblindschleiche 1 von hinten

Durch die Krümmung des Glases kommt es zwar zu einer gewissen optischen Verbreiterung an manchen Stellen, aber ich denke man sieht ganz gut, dass es sich um eine wirklich ziemlich massive Blindschleiche handelt. Ich habe diese Bilder dann auf dem Laptop nochmal auf Originalgröße (ist ja kein Problem mit dem Geodreieck daneben) gebracht, und auf dem flach liegenden Bildschirm noch mal die Länge abgemessen. Diesmal kam ich sogar auf 48cm. Da ich an Stellen, an denen Vergrößereungen auftraten, diese möglichst ausgeglichen haben, und die Länge davon ja praktisch unbeeinflußt bleibt, dürfte diese Länge durchaus realistisch sein, zumal sie gut zu meiner anfangs zu gering abgemessenen Länge passen würde. Die 48cm sind beinahe so lang wie mein Arm (und ich habe recht lange Arme) und sind ziemlich viel für so ein Tier, wahrscheinlich dürfte diese Blindschleiche zu Lebzeiten sogar eine der größten freilebenden Echsen Deutschlands gewesen sein. Wie groß das ist, fällt auch auf wenn man bedenkt dass der Weltrekord (der echte, und nicht das was bei Wikipedia steht) bei 48,9cm liegt. Diese Blindschleiche lebte auf Portmouth (Fairfax 1965). Daneben gibt es noch den Fund eines 39cm langen Exemplares aus Steep Holm, das 1984 gefunden wurde. Es hatte einen regenerierten Schwanz, und hätte mit seinem Originalschwanz wahrscheinlich eine Länge von 53cm gehabt. Bei solchen Exemplaren handelt es sich eigentlich immer um alte Männchen, was man auch teilweise daran sehen kann, dass einzelne Schuppen auf dem Rücken von einem hellen Blau sind (was auch bei meiner Riesenblindschleiche der Fall war, auch wenn ich schon extreme Fälle von Blaufärbung bei Blindschleichen gesehen habe). Blindschleichen dieser Größe dürften auch schon ein enormes Alter auf dem Buckel haben, möglicherweise über ein halbes Jahrhundert. Diese Tiere gehören zu den wenigen Reptilien-Arten, bei denen Alter von mehreren Jahrzehnten in Gefangenschaft tatsächlich dokumentiert werden konnten. Es wäre durchaus interessant zu wissen, wie alt dieses Exemplar geworden ist, oder wie alt und vor allem wie groß es geworden wäre, wenn es nicht (allem Anschein nach auf unnatürliche Weise) verstorben wäre.

Im Leben scheint es ja tatsächlich so etwas wie Zufälle zu geben, denn nur kurze Zeit später fiel mir eine (diesmal nicht selbst gefundene) Blindschleich in die Hände, die ebenfalls eine sehr respektable Größe aufwies. Da sie sich noch problemlos der Länge nach ausbreiten ließ, konnte ich auch exakt die Länge bestimmen, es waren genau 41,7cm.

Riesenblindschleiche 2

Diese Blindschleich war ausgesprochen dünn, und zusammengerollt sah sie nicht einmal besonders groß aus, aber ausgelegt, wurde ihre ungewöhnliche Länge erst richtig auffälllig. An was sie gestorben ist, kann ich nicht genau sagen, aber sie zeigte zahlreiche kleine Verletzungen, die aussahen, als kämen sie von Krallen. Katzen sind leider ein sehr großes Problem für Blindschleichen, und in manchen Gebieten fallen ihnen große Teile der Blindschleichenpopulationen zum Opfer.

Hier sieht man sie mal im Detail, wobei auch einige der Krallenspuren zu sehen sind:

Riesenblindschleiche 2 Kopfansicht

Keine der Verletzungen sah wirklich tödlich aus, und es waren auch keine größeren Blutspuren erkennbar, so dass ich vermute, dass die Blindschleiche die Attacke eine Weile überlebte, aber durch die Verletzungen so geschwächt war, dass sie letztendlich daran zugrunde ging. Das würde auch den ungewöhnlich dünnen Körper erklären. Übrigens hing noch ein Reststück alte Haut am Schwanzende, was bedeutet, dass sie sich erst vor recht kurzer Zeit gehäutet haben muss. Mit dieser Blindschleiche bin ich dann ebenso verfahren, wie mit der ersten, und habe sie in Spiritus konserviert.

Bild des Tages: Mein Tatzelwurm-Photo

Freitag, Juli 20th, 2007

Vor einiger Zeit gab es auf Kryptozoologie-Online einmal einen Wettbewerb, ein möglichst realistisches Fake-Bild eines Kryptiden  zu machen. Ziel davon war vor allem zu sehen, wie schwer oder einfach das ist, und an was man einen Fake erkennen kann. Ich hatte mich dann dazu entschlossen zwei Tatzelwurm-Modelle zu machen, da ich von Photoshop und digitaler Bildbearbeitung praktisch keine Ahnung habe. Außerdem bot sich der Tatzelwurm an, da man ein kleines Modell machen konnte, ohne dass dies sofort zu völlig falschen Größenverhältnissen kam, und dieser Kryptide vergleichsweise einfach zu modellieren ist. Ich habe mich dann stundenlang durch Bücher über Reptilien und das Internet gearbeitet, um geeignete Vorlagen-Bilder von Skinken zu bekommen, da ich vor allem am Kopf eine anatomisch möglichst korrekte Schuppen-Anordnung erreichen wollte. Dann habe ich aus Fimo den Kopf modelliert, und weil der so viel Arbeit gemacht hat, und auch gut genug aussah um noch andere Projekte damit machen zu können, machte ich einen Latexabguss um Zweitköpfe aus Gips gießen zu können. Einen dieser Gipsköpfe habe ich dann an einen Fimokörper anmodelliert, mit einem Netz ein leichtes Schuppenmuster auf diesen gemacht, und dann die Arme mit den vorgehärteten Krallen und Finger angefügt. Bilder vom Entstehungsprozess kann man auch hier sehen:

http://www.kryptozoologie-online.de/component/option,com_zoom/Itemid,159/catid,5/PageNo,2/offset,0/

http://www.kryptozoologie-online.de/component/option,com_zoom/Itemid,159/catid,5/

Das ganze habe ich dann im Backofen gehärtet und (nicht gerade übermäßig professionell…) mit Wasserfarben angemalt. Darüber kam noch eine Lackschicht und kurz darauf ging es zum Photoshooting:

Tatzelwurm

Ich habe bei dieser Version dann noch das Bild entfärbt, damit es aussieht wie ein altes Schwarzweiß-Photo. Zugegebenerweise sieht das mit einem möglichst realistisch gestaltete Photo ziemlich echt aus, und hätte man noch etwas mehr mit der Auflösung und dem Kontrast herumgespielt, könnte man womöglich wirklich nicht sagen, ob nicht vielleicht doch vor Jahrzehnten einmal ein Wanderer in den Alpen einen Tatzelwurm photographiert hat. Mit einer Bilderserie dieses und noch eines anderen Modells habe ich es dann sogar zweimal mit gleicher Wertung auf den ersten Platz des Wettbewerbes geschaft.

Bild des Tages: Handwühle (Bipes biporus)

Donnerstag, Juli 5th, 2007

Eines der skurrilsten Reptilien ist zweifellos die fünffingrige Handwühle. Diese seltsamen kleinen Reptilien besitzen einen langgestreckten, beinahe gleichförmig dicken Leib, einen kompakten gepanzerten Kopf mit winzigen Augen, sowie zwei kleine Vorderbeine, die mit ihren langen Krallen an die eines Maulwurfes erinnern. Das kommt auch nicht von Ungefähr, denn Handwühlen leben vor allem unterirdisch, weshalb sie auch keine äußeren Ohröffnungen besitzen. Auch ihre Haut ist an diese Lebensweise angepaßt, denn sie ist relativ weich und verschieblich und von mosaikartigen kleinen Schuppen bedeckt. Außerdem sind sie vollkommen pigmentlos, und haben eine rosa-fleischige Farbe, ähnlich einer neugeborenen Maus, was auf dem Bild, welches ein entfärbtes Alkoholpräparat aus dem Naturhistorischen Museum Wien zeigt, nicht mehr zu sehen ist. Sie gehört zu den Zweifuß-Doppelschleichen (Bipedidae), denen auch die verwandten Arten Bipes canaliculatus und Bipes tridactylus angehören. Ihre nahen Verwandten unter den Doppelschleichen besitzen im Gegensatz zu ihnen keine Gliedmaßen.

Handwühle (Bipes biporus)

Vor einiger Zeit machte im Internet auch das Bild einer Handwühle die Runde, und sorgte für allerlei Spekulationen. Von vielen wurde das ganze sofort als Fälschung abgetan, andere wiederum meinten, es handele sich um einen Tatzelwurm. Mit dem Tatzelwurm haben diese kleinen, nur etwa 20cm lang werdenden Doppelschleichen, die obendrein nur relativ lokal begrenzt im südlichsten Teil Nordamerikas vorkommen, allerdings nichts zu tun.

Meine Megalania-Trophäe

Dienstag, Juli 3rd, 2007

Megalania-Kopf

Da ich micht nicht nur für alle mögliche lebende, ausgestorbene und auch fantastische Tiere interessiere, sondern auch ganz gerne mal zeichne oder vor allem auch modelliere, sind mit der Zeit auch ein paar Zeichnungen und Skulpturen zusammen gekommen, die vielleicht den einen oder anderen interessieren könnten. Eine dieser Skulpturen ist dieser Megalaniakopf, den ich im Stil einer Jagdtrophäe mal vor ein paar Jahren gemacht habe. Die Gesamtlänge beträgt etwa 45cm, die des Kopfes etwas über 30, so dass er etwa halb so groß ist wie der eines echten großen Megalanias. Der Kopf wurde auf ein Grundgerüst aus Hasenstalldraht mit Pappmaché modelliert, in das ich dann in einer viele Stunden dauernden Arbeit mit einem kleinen Metallröhrchen tausende von Schuppen eingedrück habe. Die Augen bestehen aus geschliefenen und mehrfach lackierten Korken. Das ganze habe ich dann mit Wasserfarben angemalt, und zum Schutz, sowie für eine gewisse Glanzwirkung der Schuppen mehrfach mit Sprühlack versiegelt. Bei der Farbe und dem Muster habe ich mich vor allem an den australischen Waranen aus dem Gould-komplex orientiert, vor allem an dem größten rezenten Waran Australiens, dem Riesenwaran Varanus giganteus, da ich nicht wie allgemein verbreitet, einfach eine größere Ausgabe eines Komodowaranes haben wollte. Im Nachhinein sind mir einige Fehler aufgefallen, der Kopf ist insgesamt zu schmal, und auch die Proportionen, die Größe der Augen und die gesamte Form stimmt nicht so recht, was ich allerdings erst später wirklich nachprüfen konnte, da mir kein Bild von einem tatsächlichen Megalania-Schädel als Vorlage zur Verfügung stand.

Hier sieht man das Innenleben des Kopfes. Mit entsprechend stark zerkleinertem Pappmaché habe ich zwei Holzstücke einmodelliert, was später extrem fest aushärtete. Zusätzlich habe ich auch noch ein Stück dünnes Sperrholz auf die Größe des Innenradius zugeschnitten und ebenfalls mit Pappmaché eingeklebt, so dass ich den Kopf später stabil mit Schrauben an dem Brett befestigen konnte.

Megalania-Kopf Innenansicht

Hier noch ein Bild vom Kopf im unbemalten Zustand:

Megalania-Kopf unangemalt

Rektale Unterwasseratmung bei Schildkröten

Samstag, Mai 26th, 2007

Einer der größten Schritte in der Evolution des Lebens war die Kolonisierung des Festlandes vom Wasser aus. Im Laufe der Erdgeschichte haben aber eine ganze Reihe von Lebensformen wieder amphibische oder sogar vollaquatische Lebensweisen entwickelt. Die Gründe dafür dürften verschieden sein, etwa die Vermeidung von Konkurenten oder Feinden, in vielen Fällen aber sicher einfach die Möglichkeit reiche Nahrungsrescource nützen zu können. Wenn man einmal den Blick auf die Wirbeltiere beschränkt, und dabei die Amphibien außen vor läßt, dann verwundert es womöglich etwas warum von allen wieder ins Wasser zurückgekehrten Arten keine Kiemen entwickelt hat, und alle noch zum Atmen an die Oberfläche müssen, egal ob es sich dabei um Krokodile, Wale oder Robben handelt. Warum haben sich bei diesen Tieren also keine Kiemen entwickelt? Ein Grund dürften wohl fehlende anatomische Voraussetzungen sein, die die Entwicklung von Kiemen begünstigen würden, und dass die allermeisten dieser Arten ja auch allem Anschein nach recht gut ohne derartige Anpassungen auskommen können, indem sie in mehr oder weniger großen Abständen einfach Luft holen. Das ist kein Problem, schließlich geht das ja (abgesehen von Unterwasserhöhlen) auch überall, wohingegen an Land kommende Wassertiere keineswegs immer zwischendurch ins Wasser springen können, es sei denn sie halten sich in einem lokal sehr begrenzten Lebensraum auf, wie etwa die Schlammspringer. Ein Wasserlebewesen dass dauerhaft an Land leben will, muß also in der Lage sein, den Sauerstoffbedarf vollständig durch atmosphärische Luft zu decken. Das geht entweder durch Lungen, oder bei sehr kleinen Tieren wie etwa den Lungenlosen Salamandern unter Umständen auch vollständig durch Hautatmung.

Ein Hauptgrund warum echte Kiemen nie von ins Wasser zurückgekehrten Wirbeltieren entwickelt wurden, dürfte auch in dem geringen Sauerstoffanteil des Wassers liegen. Wasser hat nur etwa ein zwanzigstel des Sauerstoffanteils von Luft, und unter Umständen sogar noch weitaus weniger. Insbesondere sehr aktive warmblütige Arten mit einem hohen Sauerstoffbedarf, etwa Wale oder Robben, wären möglicherweise gar nicht in der Lage allein durch Kiemenatmung immer genügend Sauerstoff aufzunehmen, zumal wenn schon ein einziger tiefer Atemzug an der Oberfläche wieder eine große Menge Sauerstoff liefern kann. Der hohe Sauerstoffanteil der Luft hat wahrscheinlich auch dazu geführt, dass viele Fische unabhängig voneinander aus teilweise unterschiedlichen Strukturen Organe entwickelt haben, mit denen sie Sauerstoff aus der Luft aufnehmen können, was insbesondere in von Natur aus sauerstoffarmen Gewässern überlebenswichtig sein kann. Solche Anpassungen findet man unter Welsen, Knochenzünglern, Labyrinth-Fischen und vielen anderen.

Unter den im Wasser lebenden höheren Tetrapoden (also Vierfüßern) konnten nur einige Angehörige der Reptilien mit ihrem in der Regel niedrigen Stoffwechsel und geringen Sauerstoffverbrauch zusätzlichen Sauerstoff aus dem Wasser aufnehmen. Ich habe schon mal gehört dass Seeschlangen in der Lage sind zusätzlich Sauerstoff über Hautatmung aufzunehmen, um länger tauchen zu können, genaueres weiß ich da aber nicht. Schon weitaus besser ist da die Hautatmung der Weichschildkröten bekannt. Diese teils äußerst seltsamen und manchmal sogar völlig unreptilisch aussehenden Tiere haben einen stark zurückgebildeten Panzer, der komplett von weicher Haut überwachsen ist. Mit ihrer stark durchbluteten und zottenartig vergrößerten Oberfläche ihrer Rachenschleimhaut können sie zusätzlichen Sauerstoff unter Wasser aufnehmen, und so sehr lange unter Wasser bleiben, ohne Luft holen zu müssen. Zusätzlich können sie noch über die Haut eine relativ große Menge Sauerstoff aufnehmen. Dass sich bei diesen Tieren so etwas entwickeln konnte, hängt sicherlich mit ihrem langsamen Metabolismus, und der Lebensweise am Gewässergrund zusammen, bei der ständiges Luftholen an der Oberfläche sehr störend ist.

Die aber wohl bemerkenswerteste Unterwasseratmung die sich bei manchen Schildkröten entwickelt hat, ist die Sauerstoffaufnahme durch die Kloake. Durch den Anus zu atmen hört sich für uns Menschen auf den ersten Blick natürlich alles andere als delikat an, für diese Schildkröten dürfte es nicht viel anders sein als ganz normales Atmen. Bei Reptilien werden sowohl Kot und Urin, als auch die Geschlechtsprodukte alle aus der gleichen Körperöffnung, der Kloake abgegeben. Manche Schildkröten beitzen paarige Aussackungen in ihrer Kloake, aber nur bei wenigen kann über diese auch tatsächlich Sauerstoff aufgenommen werden. Der bei weitem extremste Fall von Kloakenatmung ist die kleine Fitzroy-Schildkröte Rheodytes leukops aus Australien, welche erst 1973 entdeckt wurde. Diese Schildkröten leben im Wasser niedriger Stromschnellen, das extrem sauerstoffreich ist. Ihre Kloake hat einen Durchmesser von etwa 30mm und bleibt ständig offen, sogar wenn man die Tiere aus dem Wasser nimmt. Man kann dann sogar regelrecht in die riesigen Kloakensäcke hineinschauen. Diese erreichen eine Länge von über 10cm, was verhältnissmäßig enorm ist, wenn man bedenkt dass die Panzerlänge nur 26 cm beträgt. Ihre Oberfläche ist von stark durchbluteten Gefäßen bedeckt, so dass ein Austausch von Sauerstoff stattfinden kann. Zudem sind sie in der Lage diese Kloakensäcke zu kontrahieren und wieder Wasser anzusaugen, was sie in Frequenzen von 15-60 mal pro Minute machen. Ich hatte einmal die Gelegenheit in einer Dokumentation zu sehen wie eine solche Schildkröte unter Wasser atmet, indem sie ihre Kloakensäcke rythmisch kontrahieren läßt, ganz ähnlich wie eine Lunge. Ich muß gestehen, es sah ziemlich obszön aus. Nichtsdestotrotz sind diese komplexen Unterwasserlungen, mit denen die Tiere bis zu 68% ihres Sauerstoffbedarfs decken, und so sehr lange unter Wasser bleiben können, eine wirklich bestaunenswerte Entdeckung.