Bestiarium

Fantastisches aus Biologie, Paläontologie und Kryptozoologie

Archive for August, 2007

Bild des Tages: Höhlenbärskelette

Mittwoch, August 29th, 2007

Das Skelett eines Höhlenbären hatte ich ja schon einmal als Bild des Tages, aber diesmal wollte ich etwas ungewöhnlicheres zeigen. Knochen von Höhlenbären sind an sich nicht wirklich etwas besonderes, auch (oftmals aus Knochen mehrerer Individuen) zusammengefügte Skelette sind nicht wirklich aufsehenserregend. Skelette von jungen, oder gar neugeborenen Höhlenbären bekommt man dagegen so gut wie nie zu sehen, weshalb ich dieses Photo aus dem Naturhistorischen Museum in Wien einfach mal zeigen wollte:

Skelette von erwachsenem, jungen und neugeborenen Höhlenbär

Bild des Tages: Paralomis hystrix

Dienstag, August 28th, 2007

Um ehrlich zu sein weiß ich praktisch gar nichts über diese Krabbe, aber ihre Größe und ihr bizarres Aussehen machten ein Photo auf jeden Fall wert:

Paralomis hystrix

Die Mähne des Höhlenlöwen

Montag, August 27th, 2007

Löwen werden ja allgemein speziell mit Afrika assoziiert, auch wenn es mit einer kleinen Population im indischen Gir-Forest auch eine letzte Bastion des noch vor gar nicht langer Zeit viel weiter verbreiteten asiatischen Löwen gibt. Noch in der frühen Antike gab es Löwen sogar noch auf dem Balkan. Dass die letzten Löwen in Mitteleuropa jagten, ist aber schon etwas länger her, nämlich etwa 10.000 Jahre. Die damals lebenden Höhlenlöwen waren nahe verwandt mit den modernen Löwen, und stellten möglicherweise sogar nur eine an die nördlichen Gefilde angepaßte Variante des afrikanischen Löwen dar. Man kennt das Aussehen dieser Tiere recht gut von gut erhaltenen Skelettfunden, sowie steinzeitlichen Plastiken und Höhlenmalereinen. Der Höhlenlöwe war etwas größer als heutige Löwen, was vielleicht eine Anpassung an das kältere Klima war. Von steinzeitlichen Kunstwerken ist auch bekannt, dass diese Tiere eine Schwanzquaste besaßen, aber meistens auch keine Mähne. Wohlgemerkt meistens. Zwar kann man in der Regel lesen, dass Höhlenlöwen, und auch ihre Verwandten, die über die trockengefallene Beringstraße nach Nordamerika gelangt waren, überhaupt keine Mähne besaßen. Einige alte Darstellungen zeigen aber unzweifelhaft, dass zumindest einige Höhlenlöwen eine Mähne besaßen. Diese war zwar nicht so stark ausgeprägt, wie bei den meisten modernen Löwen, aber dennoch vorhanden. Einige Darstellungen zeigen lediglich eine sehr kurze Mähne, die an Nacken und Kehle vorhanden war, und nicht viel länger als der Rest des Fells gewesen ist, aber eindeutig eine andere Fellstruktur aufwies. Aber es gibt auch Darstellungen, die längere Mähnen zeigen, etwa aus der französischen Chauvet-Höhle, welche man hier sehen kann: http://www.uf.uni-erlangen.de/chauvet/Chauvet_09.jpg

Ein solcher bemähnter Höhlenlöwe wird wohl zu Lebzeiten so ähnlich ausgesehen, haben wie diese Photoshop-Rekonstruktion eines Amerikanischen Löwen von Daniel Reed:

Panthera leo atrox mit Mähne

Die Behauptung dass der Höhlenlöwe grundsätzlich mähnenlos war, ist folglich falsch. Wahrscheinlich traf dies zwar auf die meisten männliche Höhlenlöwen zu, aber wenigsten manchen scheint sich eine Mähne erhalten zu haben, die darüber hinaus ging, bloß rudimentär zu sein. Auch die modernen afrikanischen Löwen zeigen eine extreme Variabilität in Bezug auf die Mähne. Während sie bei manchen über den gesamten Vorderkörper wallt, und am Bauch entlang seitlich bis zu den Hinterbeinen reicht, haben andere praktisch gar keine Mähne, und selbstverständlich gibt es sämtliche Formen dazwischen. Hier sieht man etwa den Vergleich eines riesigen Berberlöwen mit einer enormen Mähne, und einen kleinen Somali-Löwen, bei dem sie kaum vorhanden ist:

Berberlöwe vs Somali-Löwe

Das Photo stammt übrigens aus dem Naturhistorischen Museum in Wien, wo sich eines der letzten existierenden Präparate eines Berberlöwen befindet. Leider war der Raum sehr dunkel, und eng, darum ist die Qualität des Photos leider nicht besonders gut.

Wahrscheinlich werden selbst die größten Mähnen bei Höhlenlöwen nicht viel größer gewesen sein, als jene dieses Somali-Löwen, und bei den meisten war es wohl noch weniger. Dennoch ist es nicht richtig zu behaupten, dass sie gar nicht existierten. Da die Mähne bei modernen Löwen eine wichtige Rolle im Sozialleben spielt, und auch einen ausgezeichneten Schutz bei innerartlichen Kämpfen zwischen den Männchen darstellt, könnte man dahingehend auch spekulieren, dass sich die Sozialstruktur von Höhlenlöwen und modernen Löwen unterschieden haben könnte.

Hier ist noch eine ausgezeichnete Rekonstruktion des amerikanischen Höhlenlöwen von Daniel Reed, welche ein relativ typisches Männchen mit nur angedeuteter Mähne zeigt:

Panthera leo atrox

Bild des Tages: Rackelhahn

Sonntag, August 26th, 2007

Dieses Präparat zeigt das Produkt einer sehr seltenen Kreuzung, nämlich zwischen einem Auerhahn (Tetrao urogallus), und einem Birkhuhn (Lyrurus tetrix) . Das Ergebnis dieser Kreuzung ist ein sogenannter Rackelhahn. Er steht in seiner Größe und dem Aussehen in etwa zwischen Auerhahn und Birkhuhn. Interessant ist, dass die männlichen Hybriden sich an den Balzplätzen der normalen Birkhähne einfinden, und nicht alleine in ihrem Revier nach Weibchen rufen, wie es der Auerhahn macht. Früher gab es diese Tiere mit Sicherheit häufiger, aber da sowohl das Birkhuhn als auch der Auerhahn in vielen Gegenden schon lange ausgerottet wurden, sind auch die Hybriden entsprechend seltener geworden.

Rackelhahn

Dieses Präparat befindet sich in der Schausammlung des Zoologischen Instituts der Universität Tübingen.

Der Palmendieb – der größte Landarthropode der Welt

Mittwoch, August 22nd, 2007

 Wenn man die heutigen Insekten, Spinnen und anderen Gliederfüßer ansieht, dann fällt vor allem eines auf: Alle sind relativ klein. Selbst die allergrößten Arten, die unter ihren Verwandten wahre Giganten darstellen, sind immer noch mehr oder weniger Kleinvieh. Die größten Käfer, Stab-und Gespensterheurschrecken, Vogelspinnen, Riesentausendfüßer oder Skolopender mögen zwar für uns teilweise erschreckend groß sein, aber es gibt einen landbewohnenden Arthropoden der diese alle bei weitem in den Schatten stellt.

Die Rede ist vom Palmendieb (Birgus latro), einem riesigen Landeinsiedlerkrebs. Im Gegensatz zu den meisten ihrer kleineren Verwanten verstecken sie ihren Hinterleib nicht in Schneckengehäusen, sondern tragen ihn unter dem Vorderleib gekrümmt. Nur die Jungtiere benutzen noch Schneckenhäuser. Erwachsene Palmendiebe können enorme Größen erreichen, mit Gewichten von 4 Kilogramm, einer Körperlänge von 40cm und einer Beinspannweite bis zu einem Meter. Das wäre bereits für eine ganz normale Krabbe ziemlich viel,  aber für einen Landeinsiedlerkrebs ist es gigantisch. Selbst die anderen Landkrabben, die teilweise recht beachtliche Größen erreichen können, sehen winzig aus neben diesen Tieren. Es ist schon etwas befremdlich ein derartig großes Tier mit einem Exoskelett an Land herum laufen zu sehen. Wer diese Tiere noch nie im Museum oder im Fernsehen (oder gar lebend) gesehen hat, kann sich mit diesem Präparat aus dem Naturhistorischen Museum in Wien eine Vorstellung von ihrem Aussehen machen:

 Palmendieb (Birgus latro)

Um mir eine langatmige Beschreibung dieser Tiere zu sparen, verweise ich an dieser Stelle auf den ausgesprochen guten Wikipediaartikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Palmendieb

Hier sieht man noch ein anderes Photo eines Palmendiebes, das ich im Stuttgarter Rosensteinmuseum gemacht habe:

Palmendieb

Die Kokonuss täuscht übrigens über das Nahrungsspektrum dieser Tiere hinweg. Pflanzliche Nahrung ist nur ein Bestandteil ihres Speiseplans, denn sie fressen auch Aas und lebende Tiere. Vor kurzem sah ich in einer hochinteressanten Dokumentation über die Krabbenwanderung auf der Weihnachtsinsel, wie ein Palmendieb aus einem Versteck heraus eine Weihnachtsinsel-Krabbe (Gecarcoidea natalis) mit den Scheren packte, und in Stücke schnitt.  

War Ardea bennuides der Totenvogel Benu?

Montag, August 20th, 2007

Die mythologische Welt der alten Ägypter ist ganz besonders reich an zahlreichen Fabelwesen, unter denen die Sphinx oder tierköpfigen Gottheiten wie der Schakalgott Anubis zu den bekanntesten zählen. Die allermeisten von ihnen sind Chimären, zusammengesetzt aus Tieren und Menschen, oder auch wie im Falle des Seelenfressers Amemamit, welcher den Kopf eines Nilkrokodils, die Vorderseite eines Leoparden oder Geparden und das Hinterteil eines Nilpferdes besitzt, aus verschiedenen Tiere zusammengesetzt. All jene Mischwesen haben eines gemeinsam, nämlich dass die Abgrenzungen zwischen den einzelnen Wesen klar voneinander erkennbar sind, und es zu keiner willkührlichen Vermischung verschiedener Attribute kommt, wie es in vielen anderen Kulturen der Fall ist. Zudem sind sowohl die einzelnen Körperpartien wirklich existierender Lebewesen, als auch die zuweilen auch dargestellten Haus-und Wildtiere sowohl auf bildlichen als auch auf figürlichen Darstellungen oft von erstaunlicher Natürlichkeit, so dass man in aller Regel die verschiedenen Arten klar zuordnen kann. Zwar gibt es mannigfaltige, teilweise extrem bizarre Kombinationen, etwa Menschen mit Skorpionskörpern als Unterleib, oder Skarabäen mit Geierflügeln. Wirklich eigenständige Lebewesen, die nicht stückweise zusammengesetzt sind, findet man dagegen kaum. Eine der wenigen Ausnahmen ist das mysteriöse Seth-Tier. In aller Regel wird der Gott Seth als tierköpfiger Gott dargestellt, in einigen Fällen aber auch als ein schwer definierbarer Vierfüßer mit großen Tütenohren, einer langen, leicht nach unter gerichteter stumpfen Schnauze, einem windhundartigen Körper und einem senkrecht in die Höhe stehende dünnen Schwanz mit einer Quaste am Ende. Das Seth-tier wurde schon als Esel, Schakal, archaische Giraffe und sogar als Ameisenbär gedeutet, vielleicht handelt es sich aber auch hier um ein etwas freizügiger gestaltetes Mischwesen, dem unter anderem das Erdferkel, und das oft mit steil erhobenen Pinselschwanz laufende Warzenschwein als Vorbild dienten, beides Tiere, die einst auch in Ägypten vorkamen. Bisher hat man noch kein lebendes oder ausgestorbenes afrikanisches Tier entdeckt, das dem Wesen auf den alten Darstellungen ähnelt, und Seth bleibt nach wie vor rätselhaft. Bei einem anderen Mythentier aus dem Reich der Pharaonen sieht die Sache allerdings ganz anders aus. Lange Zeit wurde der Totenvogel Benu oder Bennu als reines Fantasiegeschöpf abgetan. Diesem als großer Reiher dargestellten Vogel wurde nachgesagt, dass er die Seelen der als würdig empfundenen Toten zum Gott Re brachte. Der Benu findet sich in vielen Darstellungen, sowohl auf Papyri, als auch auf Wandmalereien und Steingravuren.  Besonders viele Darstellungen findet man im Totenbuch des Schreibers Ani, ein Papyrus aus der Zeit um 1300 v. Chr. Hier sind einige Bilder des Benu aus diesem Totenbuch:

 benu2.JPG

Man achte auf die kleine Benu-Hyroglyphe vor dem linken Bein des Benu.

benu1.JPG

Diese Darstellung ist besonders interessant, denn sie zeigt rechts möglicherweise einen Jungvogel, der noch keine Federfahnen am Kopf hatte.

benu3.JPG

Hier sieht man auch einige seltsame Chimären mit dem Oberkörper eines Menschen und dem Unterkörper eines Benu.

benu4.JPG

benu-chimare1.JPG

benu-chimare2.JPG

Dieses Bild stammt aus einer original getreu nachgebildeten Grabkammer des Kunsthandwerkers Sennedjem, der zur Zeit Sethos I. und Ramses II. lebte.

benu5.JPG

Seinem Aussehen nach ist er als typischer Reiher zu erkennen, mit langen Stelzbeinen, einem langen, oft S-förmig gekrümmten Hals und einem langen Schnabel, am Hinterkopf zeigt er auch die beiden für viele Reiherarten typischen Federfahnen. Seine Größe variiert geringfügig, aber meist wurde er als ein recht großer Vogel dargestellt, der selbst mit in den Nacken gelegten Hals nur wenig kleiner als ein Mensch war. Zuweilen wurde ihm auch noch eine herrschaftliche Krone zugestanden, was allerdings wenig heißen muss, denn dies war manchmal sogar bei Fischen wie etwa dem bizarren Nilhecht der Fall. Die altägyptischen Tierdarstellungen lassen kaum einmal einen Zweifel an der Idendität der dargestellten Wesen, speziell bei Vögeln wie etwa wilden Gänsen oder Enten, sind Körperform, sowie Farbe und Musterung des Gefieders im Allgemeinen detailgetreu wiedergegeben. Unter den heutigen Reihern gibt es allerdings keinen, der dem Benu wirklich ähnlich sieht, und so wurde vermutet, dass es ihn niemals wirklich gegeben hat. Im Jahre 1979 aber entdeckte die Archäologin Dr. Ella Hoch von der Universität Kopenhagen unter den aus Kuwait und dem Oman stammenden Knochen, welche seit 1958 geborgen wurden, bis dato aber noch nicht weiter untersucht worden waren, die Überreste einer sehr großen unbekannten Reiherart. Den Knochen zufolge waren diese Vögel größer als die größten heutigen Reiher, die Goliath-Reiher (Ardea goliath), welche Höhen bis zu 1,40m erreichen. In Bezug auf die Größe würde dieser Vogel also durchaus den Darstellungen des Benu entsprechen. Man datierte die Knochen auf ein Alter von 3800 bis 4700 Jahren, was bedeutet dass zumindest die Künstler der ältesten Dynastien diesen Vögeln noch begegnet sein können. Vom Benu heißt es, dass er vom Osten her käme, was von der Lage Ägyptens aus auch mit den Fundorten auf der arabischen Halbinsel übereinstimmen würde. Da es sich bei dieser Reiherart mit großer Wahrscheinlichkeit um jenen Vogel handelte, der für den mythologisch verklärten Benu Modell stand, wurde er Ardea bennuides genannt. Nun stellt sich natürlich die Frage wann und warum dieser Vogel ausgestorben ist. Möglicherweise handelte es sich um einen Zugvogel, der nur zu bestimmten Zeiten das Nildelta aufsuchte, wo er von den frühen Dynastien auch von Künstlern gesehen und naturgetreu wiedergegeben wurde. Vielleicht starb er aufgrund von Nachstellungen oder auch durch die Vernichtung seiner Brutplätze auf der arabischen Halbinsel schon in der frühen Antike aus, so dass er in späteren Dynastien nur noch von Geschichten und Bilder bekannt war, was vielleicht auch den mythischen Status als Seelengeleiter erklären könnte. Die Darstellung des Benu ohne Federfahnen ist besonders interessant, denn sie deutet darauf hin, dass der damalige Maler noch einen lebenden Ardea bennuides als Vorlage für den Benu gesehen haben könnte.

Anmerkung:

Alle Photos stammen aus der Ausstellung “Tod am Nil” vom Museum Schloss Hohentübingen.

Gab es auf Madagaskar tatsächlich 10m lange Nilkrokodile?

Montag, August 20th, 2007

Wenn es um die Größe von Krokodilen geht, dann kann man oft eine ganze Menge ziemlich abenteuerlicher und allzu oft auch ziemlicher unwahrer Dinge lesen. Dabei fällt auch immer wieder auf, dass hier die tatsächlich dokumentierten und angeblichen Rekordexemplaren in ihrer Größe meisten weit auseinander klaffen. Ich wollte hier jetzt gar nicht auf all diese angeblichen Riesenexemplare aus Afrika, Asien oder Australien eingehen (das werde ich später irgendwann mal), sondern mich einmal einer sehr speziellen Thematik widmen.

Wenn es um die maximale Größe des Nilkrokodils geht, kann man zuweilen lesen, dass man auf Madagaskar Knochen von Nilkrokodilen mit einer Länge von 10m gefunden haben soll. Nähere Angaben werden dazu aber nie gegeben. Als erstes las ich davon in Grizmek´s Tierleben, und bei Wikipedia bin ich auf darauf gestoßen. Zugegebenerweise hat mir das ziemliches Kopfzerbrechen bereitet, und auch langwieriges Nachforschen hat praktisch keine Ergebnisse geliefert. Heutzutage gibt es auf Madagaskar nur eine einzige Krokodilart, das Nilkrokodil Crocodylus niloticus. Diese Tiere zeigen keinerlei Affinität zu extremen Größen heranzuwachsen, und werden auch nicht so groß wie ihre Verwandten auf dem wildreichen afrikanischen Kontinent. Es ist extrem unwahrscheinlich dass diese Krokodile auf Madagaskar jemals wirklich aufsehenserregende Größen erreicht haben. Ein Krokodil wächst nicht einfach mal auf das Doppelte  seiner natürlichen Länge, völllig unabhängig davon wie lange es lebt, denn auch bei Krokodilen stagniert das Wachstum mit zunehmenden Alter immer mehr, und wirklich alte Exemplare wachsen praktisch gar nicht mehr. Von ausgestorbenen Riesenkrokodilen wie Sarcosuchus imperator, der eine Länge von etwa 12m erreichte, weiß man dass sie ein anderes Wachstumsverhalten hatten als moderne Krokodile. Sie wuchsen eigentlich gar nicht einmal unbedingt schneller als moderne Krokodile, aber dafür hielt ihr schnelles “jugendliches” Wachstum, das bei modernen Arten meist einige Zeit nach erreichen der Geschlechtsreife stark abnimmt, über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten an, und ließ erst viel später merklich nach. Ein ähnliches Wachstumsverhalten konnte auch für den Riesenwaran Megalania prisca ermittelt werden, wenngleich diese Art ihr Wachstum schon deutlich früher bremste.

Hätten die madagasischen Nilkrokodile das genetische Potential zu einer Länge von 10m heranzuwachsen, dann wären heute mit Sicherheit auch extrem große Exemplare bekannt, was aber nicht der Fall ist. Madagaskar bot auch nie eine wirklich gute Ausgangsposition für einen wirklich großen Räuber. Es gab zwar noch bis vor wenigen hundert Jahren eine reichhaltige Megafauna aus Elefantenvögeln, Riesenlemuren und drei Arten von kleinen Nilpferden, um nur mal einige der spektakulärsten Arten zu nennen, aber im Vergleich zu den afrikanischen Savannen, welche riesige Mengen an Großwild beherbergen, war die madagasische Tierwelt doch recht ärmlich. Das Nilkrokodil ist vielleicht unter allen modernen Arten am stärksten darauf angepaßt, ab einer gewissen Größe Säugetiere von teils beachtlichen Größen zu fressen. Die Voraussetzungen dafür sind günstig, denn ihre Beute, allen voran verschiedene Huftiere, müssen nicht nur zum Trinken in den Aktionsbereich der Krokodile kommen, sondern sind bei Wanderungen auch oft gezwungen, Flüsse zu durchqueren, wovon die Krokodile ebenfalls profitieren können. Genaugenommen stellt sich hier sogar die Frage, warum das afrikanische Nilkrokodil nicht noch größer ist.

Tatsächlich hat es in Afrika vor zwei Millionen Jahren einmal ein sehr großes Krokodil namens Rimasuchus lloydi gegeben. Diese Art erreichte eine Länge von etwa 8m und war extrem robust gebaut. Der Schädel war noch kräftiger und massiver als beim Nilkrokodil, und mit größter Wahrscheinlichkeit handelte es sich um ein auf Großsäuger spezialisiertes Raubtier. Eine zeitgleich lebendene Art, Euthecodon brumpti, wurde sogar noch größer, und erreichte eine Länge von etwa 10m. Allerdings war Euthecodon eine extrem langschnäuzige Krokodilart, die eine Parallelentwicklung zu den Gavialen war, und ein spezialisierter Fischfresser gewesen ist. Laut Wikipedia sollen auch am Viktoriasee Fossilien sehr großer Nilkrokodile gefunden worden sein, aber ich glaube viel eher, dass es sich um Knochen von Rimasuchus oder Euthecodon handelte, und nicht um die von normalen Nilkrokodilen.

Aber zurück zu Madagaskar. Dort lebte tatsächlich noch vor sehr kurzer Zeit noch eine andere Krokodilart namens Crocodylus robustus. Man hielt sie ursprünglich für nahe Verwandte des Nilkrokodils, oder ging sogar davon aus, dass sie mit den heutigen Nilkrokodilen auf Madagaskar identisch waren und sogar heute noch leben würden, spätere Untersuchungen haben aber gezeigt, dass sie viel mehr mit dem Zwergkrokodil Osteolaemus tetrapsis. Insofern ist die Bezeichnung Crocodylus robustus falsch, und sollte entsprechend geändert werden. Diese Art war noch vor sehr kurzer Zeit existent, und möglicherweise verschwanden sie erst mit der restlichen Megafauna Madagaskars nach der Besiedlung durch den Menschen. Warum diese Art aber ausstarb, und das Nilkrokodil überlebte, ist allerdings unbekannt. Diese Tiere waren in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Am auffallensten waren die kleinen “Hörner” am Hinterrand des Schädels. Auch moderne Krokodile wie das Nilkrokodil besitzen nach oben ragende Knochenwülste hinter den Augen, aber bei Crocodylus robustus waren diese stärker ausgeprägt, als bei jeder anderen Art. Wozu sie aber gut waren, ist nicht bekannt. Hier ist mal eine Rekonstruktion die ich vor einiger Zeit anhand eines Schädel von Crocodylus robustus gemacht habe:

Crocodylus robustus- wurde allerdings nur 4-5m lang

 Könnte als diese Art hinter den angeblichen 10m langen Nilkrokodilen stecken? Teilweise habe ich schon gelesen dass diese Art 10m erreicht haben soll. Aber allem Anschein nach wurden hier die vermeintlichen 10m langen Krokodile und Crocodylus robustus einfach in einen Topf geworfen, und die Seite auf der ich das gefunden habe, machte auch keinen allzu seriösen Eindruck. Von Crocodylus robustus sind eine Reihe von Knochen bekannt, auch fast vollständige Schädel, aber selbst die größten bekannten Individuen waren nur 4-5m lang. Das ist immer noch recht groß, vor allem wenn man bedenkt dass der nächste lebende Verwandte eine maximale Länge von 1,9m erreicht, aber meistens sogar noch deutlich kleiner bleibt. Als Gewichtsangabe findet man für C. robustus übrigens oft ein Gewicht von 170kg, doch diese Angabe ist zweifellos zu gering, denn ein solches Krokodil wäre nur Haut und Knochen. Bei 4-5m würde das tatsächliche Gewicht viel eher 300-500kg betragen haben, abhängig davon, wie groß diese Tiere tatsächlich geworden sind. Also kann auch Crocodylus robustus wohl kaum hinter den Angaben von 10m langen Krokodilen stecken.

Die große Frage ist hier nun natürlich, woher diese Angaben kommen. In “ The Eighth Continent: On the Trail of the Extraordinary in Madagascar” von Peter Tyson konnte ich einen kleinen Zusatzhinweis finden. Dort wird erwähnt dass es auf Madagaskar einst eine riesiges Krokodiartl gegeben haben könnte, wobei allerdings allgemein vermutet wird, dass es sich um die noch heute dort vorkommenden Nilkrokodile handelte. Crocodylus robustus wurde auch lange als identisch mit den modernen madagasischen Krokodilen angesehen, und ich habe den Verdacht, dass hier verschiedene Dinge miteinander vermischt wurden. Falls es auf Madagaskar tatsächlich 10m lange Krokodile gegeben haben sollte, dann waren diese sicherlich nicht mit den Nilkrokodilen identisch, die heute dort leben. Und selbst wenn es irgendwann mal auf Madagaskar 10m lange Nilkrokodile gegeben haben sollte (was ich nicht glaube), dann würde dass noch lange nicht bedeuten, dass auch heutige Nilkrokodile tatsächlich so groß werden können. Meine persönlich Vermutung ist, dass es nie 10m lange Krokodile auf Madagaskar gegeben hat, auch wenn ich der letzte wäre, der sich nicht wünschen würde dass es sie doch gab. Massive Größenüberschätzungen anhand von Fossilien sind leider in der Geschichte der Paläontologie nichts ungewöhnliches gewesen, vor allem wenn nur fragmentarische Fossilien bekannt waren. Dass man über diese angelichen 10m langen Krokodile auch so gut wie gar nichts findet, spricht auch nicht gerade für ihre Glaubwürdigkeit. Ich wage mir jetzt nicht anzumaßen zu behaupten dass es definitiv niemals 10m lange Krokodile auf Madagaskar gegeben hat, aber ich sehe die Sache sehr sehr kritisch, und würde nicht allzu viel darauf geben. Sollte irgendjemand zusätzliche Informationen zu dem Thema haben, würde mich das sehr interessieren.

Bild des Tages: Schädel eines Ganges-Flussdelphins

Samstag, August 18th, 2007

Flussdelphine gehören in vieler Hinsicht zu den faszinierensten Walen überhaupt, leider auch vielfach auch zu den seltensten, und der tragische Fall des allem Anschein nach inzwischen ausgestorbenen Chinesischen Flussdelphines zeigt uns, dass das Aussterben von Großtieren keineswegs auf die vorigen Jahrhunderte beschränkt war.

Dieses Photo habe ich im Rosenstein-Museum in Stuttgart gemacht. Es zeigt den Schädel des Ganges-Flussdelphins (ja, ich halte mich nicht an die neue Rechtsschreibung, “Delfin” mit “f” sieht einfach schrecklich aus) Platanista gangetica:

Ganges-Flussdelphin Platanista gangetica

Man kann an ihm gut verschiedene spezielle Anpassungen erkennen. Zum einen sind etwa die Augenhöhlen nur extrem winzig, und kaum auszumachen, dafür ist die Stirnregion, welche mit der Echoortung unter Wasser in Zusammenhang steht, auf massive Weise ausgeprägt.  Auffallend ist auch die sehr lange Schnauze, mit den langen nadelförmigen Zähnen in der vorderen Hälfte. Tatsächlich können diese Delphine ihr Maul nie richtig schließen, denn die vorderen Zähne greifen zwar ineinander, bleiben aber wegen der nicht vorhandenen Lippen selbst bei geschlossenen Kiefern nach wie vor zu sehen.

Bild des Tages: Libellen-Schmetterlingshafte

Freitag, August 17th, 2007

Vor ein paar Monaten habe ich beim Spazierengehen ein paar sehr seltsame Insekten auf einer an einem steilen Hang gelegenen Wiese gesehen, die mir bisher noch nie lebend unter die Augen gekommen sind. Das Aussehen dieser Insekten, das ein bißchen zwischen der eines Schmetterlings und einer Libelle lag, ließ allerdings keinen Zweifel daran, dass es sich um Schmetterlingshafte(libelloides longicornis) handelte. Diese zu den Netzflüglern gehörenden Tiere sind entfernt mit den weitaus häufigeren Florfliegen sowie den vor allem durch ihre gefräßige Larvenform bekannten Ameisenjungfern.

Nachdem ich eine ganze Weile lang erfolglos versuchte, ein vernünftiges Photo von den ständig hin-und her fliegenden Schmetterlingshaften zu schießen, gelang es mir dann noch ein paar sehr schöne Bilder von zwei aneinander hängenden Schmetterlingshaften zu machen, die auf einmal auf meiner Hose landeten und sich paarten (…):

Schmetterlingshafte

Bild des Tages: Riesen-Tiefseeasssel (Bathynomus giganteus)

Mittwoch, August 15th, 2007

Dass in der Tiefsee eine gane Reihe äußerst skurile und merkwürdige Wesen leben, ist ja allgemein bekannt. Allerdings handelt es sich bis auf wenigen Ausnahmen in aller Regel um sehr kleine Tiere, die in der Regel nur wenige Zentimeter messen, und nur ein paar Gramm auf die Waage bringen. Eine dieser Ausnahmen sind gewisse Tiefseeasseln der Bathynomus. Diese Tiere weisen eine kaum zu übersehende Ähnlichkeit mit den in praktisch jedem Garten heimischen Kellerasseln auf, und tatsächlich sind sie auch mit diesen verwandt. Aber einmal abgesehen davon dass es sich um Tiefseebewohner handelt, und gewisse äußerliche Differenzen in Bezug auf Gliedmaßen oder Augen bestehen, fällt vor allem der enorme Größenunterschied auf.

Bathynomus giganteus

Man kennt insgesamt neun Bathynomus-Arten, von denen die größte Bathynomus giganteus. Bei diesem in der Schausammlung des Paläontologischen Institutes in Tübingen ausgestellten Exemplar, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um diese Art. Diese Tiere können Längen bis 37cm erreichen, bei einem Gewicht von etwa 1,5kg. Dieses Exemplar hatte in etwa die Größe eines ausgewachsenen Igels. Hier sieht man noch einmal den Kopf etwas besser:

Bathynomus giganteus

Lebende Exemplare sind von einem zarten Rosa, teilweise auch mit einem leichten Grau. Dieses Exemplar ist natürlich durch das Alter, und wahrscheinlich auch durch Konservierungsmittel praktisch vollkommen entfärbt. Bei diesen Tieren handelt es sich um Aasfresser, die am schlammigen Meeresboden in Tiefen von meistens 365-730m leben, und sich vor allem von herabsinkenden toten Tieren ernähren. Ob ihre enorme Größe aber, wie auf der Tafel am Präparat beschrieben, dazu entwickelt wurde, um lange Perioden ohne Nahrung auszukommen, wage ich einmal zu bezweifeln. Hier spielten sicher auch andere Faktoren eine Rolle. Zum Schluss noch mal eine (leider etwas verwackelte) Ansich welche auch die Unterseite zeigt:

Bathynomus giganteus