Bestiarium

Fantastisches aus Biologie, Paläontologie und Kryptozoologie

Archive for Mai, 2007

Von Seeschlangen, Schlangenwalen und Pferdeaalen

Donnerstag, Mai 31st, 2007

Es gibt wohl kein typischeres Klischeebild einer Seeschlange, als das eines Schlangen-oder Drachen-artigen langestreckten Wesens, das sich mit vertikalen Windungen des langen Körpers im Wasser bewegt, wobei zahlreiche Buckel oder sogar gänzlich aus dem Wasser ragende Körperwindungen zu sehen sind. Solche Wesen sollen sowohl in verschiedenen Meeren, als auch in Binnengewässern gesichtet worden sein. Eines der bekanntesten ist das Ogopogo,  welches im Okanagan-See im kanadischen British-Columbia. Vermeintliche Photos und Augenzeugenberichte deuten auf ein Wesen von vielleicht knapp 10m Länge hin, das sich mit horizontalen Windungen im Wasser fortbewegt, wobei neben drei bis fünf relativ eng stehenden Rückenbuckeln der Kopf und manchmal auch die Schwanzspitze aus dem Wasser ragen. Auch einige Nessie-Sichtungen und verschiedene an pferdeköpfige Riesenaale erinnernde Monster aus kleinen Binnnenseen entsprechen diesem Typus.

Das eigentlich seltsame an der Sache ist, dass kein einziges bekanntes Lebewesen, weder lebend noch ausgestorben sich auf solche Weise fortbewegen könnte. Praktisch alle Fische (von Ausnahmen wie verschiedenen Rochen, Kugel-Koffer und Plattfischen mal abgesehen) bewegen sich mit horizontalen Bewegegungen ihres Körpers, aber niemals mit vertikalen, da der Körper von Fischen dieser Bewegung auch nur ziemlich wenig Spielraum läßt. Eine solche Fortbewegung hat auch vor allem am Gewässerboden Vorteile, und ist auch noch in sehr flachen Wasser oder stark strukturierten Lebensräumen möglich. Auch die Amphibien und die Reptilien (auch hier gibt´s natürlich wieder Ausnahmen, etwa Schildkröten) hielten diese Art der Fortbewegung mit setlich ausgreifenden Körperbewegungen bei, und erst einige hochentwickelten Arten aus denen Säuger und Dinosaurier hervorgingen, verloren diese Fortbewegungsweise.

Da sich für Tiere mit senkrecht unter dem Körper liegenden Gliedmaßen ein seitliches Auslenken der Gliedmaßen nicht anbietet, mußte die Wirbelsäule stattdessen an vertikaler Bewegungsfreiheit gewinnen. Als die ersten Säuger dann wieder anfingen sich ihre Nahrung im Wasser zu suchen und sich schließlich zu vollkommen marinen Formen entwickelten, behielten sie diese Errungenschaft bei, und bewegten sich vor allem durch vertikale Bewegungen. Darum ist die Schwanzflosse von Walen und Seekühen auch nicht senkrecht wie bei Fischen, sondern waagrecht.

An dieser Stelle kommen nun die sogenannten Schlangenwale ins Spiel. Unter den primitiven Walen entwickelte sich eine Linie zu riesigen langgestreckten Meeresraubtieren, den Basilosauriern, von denen bislang drei Arten, Basilosaurus isis, Basilosaurus cetoides und Basilosaurus drazindai. Als die ersten Knochen dieser Tiere entdeckt wurden, hielt man sie für die Überreste mariner Reptilien, daher das “-saurus” im Name. Diese Wale wiesen eine Reihe von Besonderheiten auf, etwa der etwa 1,5m lange Schädel, der im Vergleich zur Gesamtlänge von bis über 20m geradezu winzig wirkte. Das vermeintlich schlangenartige Erscheinungsbild sowie die Fähigkeit sich mit vertikalen Bewegungen fortzubewegen, hat dazu geführt dass diese Tiere als Erklärung für viele Ungeheuersichtungen herangezogen wurden, u.a. im Okanagan-See.

Die Idee scheint auf dem ersten Blick verlockend, krankt aber an mehreren Stellen. Zum einen stellt sich die Frage ob Basilosaurus überhaupt in der Lage gewesen wäre, die typischen Buckel, welche bei Seeschlangen und Monstern in Seen vorkommen sollen, überhaupt erzeugt haben könnte. Einerseits war Basilosaurus wahrscheinlich weitaus weniger schlangenähnlich und weitaus voluminöser, als man früher dachte. Auch war der Schwanz weitaus kürzer als man in älteren Büchern manchmal lesen kann, und machte nur etwas mehr als ein Drittel der Gesamtlänge aus. Genaugenommen war die schlangenartige Gestalt vor allem auf den ziemlich kleinen Kopf zurückzuführen. Auch Glattdelphine und Furchenwale wie Blau-oder Finnwal haben extrem langgestreckte Körper, was aber weit weniger auffällt, da ihre Köpfe im Verhältnis viel größer sind. Die besondere Wirbelsäulenanatomie von Basilosaurus deutet zwar tatsächlich darauf hin, dass er sich auf sehr ungewöhnliche Weise bewegte, und nicht nur der Schwanz, sondern möglicherweise der ganze Körper bei der Bewegung beteiligt war. Aber selbst bei einer sehr großen Bewegungsfreiheit erscheint es praktisch ausgeschlossen, dass sie die extrem nahe beieinander liegenden und sehr zahlreichen Wellen der Buckelseeschlangen erzeugen konnten, zumal die einzelnen Wirbel ungewöhnlich lang waren. Selbst beim besten Willen dürften nicht mehr als zwei Buckel auf einmal möglich gewesen sein.  Inzwischen wurde aufgrund seiner besonderen Wirbel spekuliert, ob er nicht womöglich sogar durch horizontale Bewegungen schwimmen konnte…

Alles in allem halte ich die Argumentation für einen Basilosaurus-ähnlichen Urwal für relativ dürftig. Dass enorme Futterbedürfniss sowie die Tatsache dass solche Tiere häufig an der Oberfläche zu sehen sein müßten, schließt eigentlich aus, dass sich eine Population solcher Tiere über Jahrtausende in einem See halten und verstecken könnte, mal ganz abgesehen davon dass man aus den letzten 37 Millionen Jahren keinen einzigen Basilosaurus-ähnlichen Wal mehr kennt.

Fleischgelüste bei Huftieren

Mittwoch, Mai 30th, 2007

Eigentlich scheinen die Rollen ja recht klar verteilt in der Natur, es gibt die Raubtiere die Fleisch fressen, und die Pflanzenfresser die Pflanzen fressen. Zugegebenerweise gibt es auch einige Ausnahmen wie den Pandabären der trotz seines Bärenerbes fast rein vegitarisch lebt, und auch einige seiner Verwandten fressen zum größten Teil Pflanzen, und sogar verschiedene Marder und Hunde-artigen fressen ab und an pflanzliche Kost. Bei den Raubtieren gibt es zugegebenerweise eine recht weitläufige Palette an unterschiedlichen Fressgewohnheiten, aber die meisten von ihnen sind in ihrer Wahl der Nahrung doch recht konservativ veranlagt und halten sich an tierische Proteine. Aber wie sieht es mit den Huftieren aus? Diese bilden gemeinhin die bevorzugten Beutetiere größerer Raubtiere, und gelten meist als die Pflanzenfresser schlechthin. Von Wildchweinen ist zwar allgemein bekannt dass sie auch beim Wühlen gefundene Engerlinge, Regenwürmer und auch mal aufgebrabene Jungmäuse oder sogar Aas fressen, dass sie aber auch teilweise aktiv auf Jagd gehen und sogar manchmal Fische fangen, ist weniger bekannt. Manche Wildschweine lernen sogar recht geschickt erwachsene Mäuse zu fangen, desweiteren fressen sie auch Eier und am Boden sitzende oder aus dem Netz gefallene Jungvögel, sowie verschiedene Amphibien und Reptilien. Zuweilen kommt es sogar vor dass sie selbst Hasen und angeschossene oder sonstig geschwächte Rehe und Hirsche töten und fressen. Vor einigen Jahren konnte ich in einer Dokumentation einmal eine sehr beeindruckende Szene sehen, in der zwei Wildschweine einen Hasen jagten. Auch einige Verwandte des Wildschweines, etwa die Busch-und Flussschweine nehmen sehr gerne Fleisch in ihren Speiseplan auf, während dies bei Arten wie dem Warzenschwein oder dem Riesenwaldschwein kaum einmal vorkommt.

Den grimmig aussehenden und mit großen raubtierhaften Zähnen ausgestatteten Wildschweinen kann man derartige Vorlieben noch recht gut zutrauen, dass aber auch Nilpferde zuweilen Fleisch fressen, ist weit weniger bekannt. Wahrscheinlich handelt es sich hier eher um Ausnahmen, speziell in Zeiten in denen die Bullen aufgrund großer Rivalitäten nicht genug Zeit finden an Land zu grasen, und darum zusätzliche Kalorien aufnehmen, indem sie bei Gelegenheit auch Aas fressen. Ob sie nur schon tote Tiere fressen, oder unter Umständen auch von ihnen selbst getötete, ist mir nicht bekannt. Da Nilpferde jedoch zuweilen auch gegen andere Arten ein sehr aggressives Verhalten zeigen, und sogar manchmal andere Tier töten, könnte man vermuten dass zumindest manchmal auch von selbst “erjagten” Tieren gefressen wird. Auch Dromedare sollen manchmal Aas fressen, was auch kaum verwundert, da diese Tiere viel eher als andere in Situationen kommen, in denen es überhaupt keine pflanzliche Nahrung mehr gibt. Schon bizarren mutet es da an, dass Giraffen manchmal Knochen kauen, möglicherweise um zusätzliche Mineralien aufzunehmen.

Auch Hirsche geben sich nicht immer allein mit Gras, Rinde und Knospen zufrieden. Neben Fällen von nichtdestruktiven Autokannibalismus, bei dem Kühe von der eigenen Gebärmutter oder Hirsche den eigenen abgestreiften Bast oder abgeworfene Geweihstangen fressen, gibt es auch Fälle, in denen andere Tiere getötet und gefressen werden. Bei Gelegenheit fressen Hirsche Eier bodenbrütender Vögel oder sogar junge Vögel. In manchen Gebieten in denen die Hirsche die von ihnen benötigten Mineralien nicht durch normale Kost decken können, fressen sie zuweilen kleinen Vögeln die Beine ab, um so an zusätzliches Kalk und Phosphor zu kommen. In einigen Gebieten fallen Rentieren sogar bis zu zehn Prozent der Lemmingpopulationen zum Opfer.

Hier sieht man ein paar Rentiere im Schönbrunner Zoo, Lemminge kriegen sie hier aber sicher nicht:

Rentiere

Weitaus vielseitiger ist da das afrikanische Hirschferkel. Diese winzigen, entfernt mit den Hirschen verwandten Wiederkäuern leben in den Dschungeln Afrikas und haben sich auf besondere Weise an ihren Lebensraum angepaßt. Sie fressen nicht nur Aas und Insekten, sondern auch sogar Fische. Bei Gefahr flüchten sich diese Winzlinge oft in Urwaldflüße und Bäche, wo sie sehr gut und lange tauchen können, wobei sie sich auf dem Gewässergrund laufend, geschickt fortbewegen können. Unter Wasser haben sie sich auch eine zusätzliche Nahrungsquelle erschlossen, indem sie ins Wasser gefallene Früchte ausammeln, und auch bei Gelegenheit Fische fangen.

Die kleinen afrikanischen Ducker scheinen von Natur aus in eine Opferrolle geboren zu werden, da sie zahlreichen Raubtieren bis hin zu Riesenschlangen und großen Raubvögeln zum Opfer fallen können. Doch ausgerechnet unter diesen harmlos aussehenden Tierchen, die aussehen als hätten sie es darauf angelegt kommerziell für Streichelzoos gezüchtet zu werden, findet man die größte Jagdlust unter den Huftieren. Dass man im Magen des Blauduckers schon große Mengen an Ameisen gefunden hat, ist an sich schon kurios, wenngleich auch nicht schockierend. Eigentlich sehen diese kleinen Huftiere ja wirklich aus, als könnten sie keiner Fliege etwas zu Leide tun (vielen Dank an Sven Peter für das Photo):

Blauducker

Andere Ducker dagegen machen dagegen auf noch weit größere Tiere Jagd. Reptilien, Vögel und auch kleine Säugetiere werden planmäßig angefallen und gefressen, weshalb sie in Zoos auch nicht mit Vögeln vergesellschaftet werden.

Im Zoo von Zürich konnte das Jagd und Fressverhalten sehr gut dokumentiert werden, nachdem auffiel, dass im Schwarzrückendurcker-Gehege immer wieder Tauben fehlten. Bei einem Test mit einer toten Taube wurde diese vom Ducker sofort gefressen, bei lebenden Vögel konnte beobachtet werden, dass sie diese witterten, beschlichen und angriffen. Kleine Küken wurden mit einem Biss in Bauch oder Brust getötet, bei größeren Vögeln wurden die Vorderhufe benutzt, um sie zu töten oder zu betäuben. Daraufhin wurden Kopf, Flügel und Beine abgebissen, wobei nur der Kopf gefressen wurde. Aus dem verstümmelten Körper wurden dann die Eingeweide herausgesaugt oder gekaut, und stückweise ganz oder teilweise gefressen.

Dass sich ein solches Verhalten entwickelt hat, hat womöglich mit den geringen Nahrungsressourcen im Dschungel zu tun. Kleine Wiederkäuer sind aufgrund ihrer kurzer Därme auf sehr hochwertige pflanzliche Nahrung wie etwa Früchte angewiesen, die im Urwald nur in geringen Umfang gleichzeitig vorkommen, und oft weit auseinander liegen. Bei Hirschen geht es sicherlich weniger um zusätzliche Kalorien, sondern vor allem dadurch, den enormen Mineralienbedarf für das Wachstum ihrer Geweihe zu decken, bei den gehörnten Duckern dagegen scheint es sich ausschließlich zu einer üblichen Ergänzung des Speisezettels zu handeln. Interessant ist auch die Tatsache dass die Ducker wie alle Wiederkäuer keine oberen Schneidezähne besitzen, und auch ihre sonstige Bezahnung in keinster Weise auf solche carnophilen Neigungen hindeutet. Beutetiere wie etwa Vögel müssen sie daher ausschließlich mit ihren Backenzähnen zerteilen. Es wäre sehr interessant zu wissen, ob sich aus diesen Tieren bei entsprechenden Umweltbedingungen über die Jahrmillionen echte Raubtiere entwickeln könnte. Vielleicht wird das mal Thema eines Eintrages über spekulative Zoologie sein.

                                                                                                                                                                           

Das Problem der fehlenden Weichgewebeerhaltung

Dienstag, Mai 29th, 2007

Wenn man sich die heutige Tierwelt mal genauer ansieht, so fällt auf dass viele Tiere auffällige Hautanhängsel, Mähnen, Quasten oder Federn haben, oder dass teilweise auch große Teile des Körpers aus reinem Muskel-, Binde-, oder Fettgewebe bestanden. Bei vielen ausgestorbenen Arten wird das mit Sicherheit nicht anders gewesen sein, allerdings bleiben bei den ohnehin in der Regel nur unvollständigen bis fragmentarischen Knochenresten keine Spuren mehr davon übrig, mal abgesehen von ein paar extrem gut erhaltenen Fossilien, etwa die aus der Grube Messel, bei denen man teilweise noch Feder-und Haarabdrücke sehen kann. Im Endeffekt läuft es darauf hinaus dass viele ausgestorbene Tiere noch viel bunter, skurriler, fremdartiger und fantastischer, als wir uns das jemals vorstellen können. Man denke hier nur an die erst seit wenigen bekannte Tatsache, dass viele Raubsaurier Federn besaßen, und vollkommen anders aussahen, als Generationen von Paläontologen dachten.

Federn sind ohnehin ein besonderer Fall, da sie in ganz massiven Maße das Aussehen ihres Trägers beeinflussen können, fossil aber praktisch nie erhalten bleiben. Wären von Paradiesvögeln nur die Knochen bekannt, dann würde man sie wahrscheinlich einfach als relativ triste kleine bis mittelgroße Rabenvögel rekonstruieren. Überhaupt können durch bloße Unterschiede in der Ausprägung und Farbe von Federn, Fell und Haut ganz enorme Unterschiede im Aussehen eines Tieres bewirken, ohne dass man aus den Knochen darauf Rückschlüsse ziehen könnte. Sattelstorch und Marabu zum Beispiel sind beides ziemlich hochgewachsene und großschnäbelige Storchenvögel, und sehen sich in ihrer Gestalt an sich ziemlich ähnlich, und sicherlich haben sie, da sie ja auch relativ nahe verwandt sind, nur relativ wenige Unterschiede in ihrer Skelett-Anatomie. Da obendrein auch noch beide oft die gleichen Lebensräume bewohnen, käme man beim bloßen Studium ihrer Knochen kaum darauf dass der eine ein äußerst dekorativer und für einen Storch ungewöhnlich farbenfroher Vogel ist, während der andere ein (wenn man subjektive menschliche Maßstäbe ansetzt) ungewöhnlich häßlicher und schlicht gefärbter Vogel ist, der einen riesigen mit Bindegewebe gefüllten kropfartigen Halsauswuchs und wie von einer Krankheit entstellte Haut an Kopf und Hals hat.

Marabus

Auch von den bei Säugern ausgebildeten Weichteilfortsätzen und Fell-Modifikationen werden wir bei ausgestorbenen Arten kaum jemals Klarheit über ihr Aussehen bekommen. Einem ausgestorbenen Creodonten kann man an den Knochen nicht ansehen ob er ein kurzes Fell wie ein Tiger, oder einen langen wuscheligen Pelz wie der Kragenbär hatte. Bei einer Rekonstruktion, sei es nun eine Zeichnung oder ein Modell, macht aber auch die Haarlänge einen ganz entscheidenden Punkt beim Aussehen eines Tieres aus. Von auffälligen arteigenen Ausbildungen des Haarkleides wie es etwa bei vielen Primaten ausgeprägt ist, werden wir erst recht nichts erfahren, genauso wenig wie von der Schwanzflossenform archaischer Wale oder dem auf groteske Weise aufblaßbaren Nasensegel der Klappmütze.

Gerade auch bei den fossilen Walen gibt es in mancher Hinsicht sehr viel Unsicherheiten. Etwa das schon angesprochene Problem der Schwanzflossenform. Bei jüngeren Arten kann man sich sicher ohne allzu viel falsch zu machen, an den lebenden Arten orientieren, aber wie bei den frühesten Arten die Zwischenformen zwischen einem abgeplatteten Schwanz und einer echter Fluke reichten, aussahen, und wann sie genau auftraten, ist beinahe nur spekulativ. Das selbige gilt auch für die Rückenflossen, hier kann man beinahe keine Angaben darüber machen, ob überhaupt eine vorhanden war, oder wie sie aussah. Man macht es sich in der Regel nicht klar, aber einige der heutigen Wale gehören zu den seltsamsten und spektakulärsten Säugetieren, die es jemals gab. Glücklicherweise gibt es sie noch heute, denn viele ihrer Eigenheiten könnte man den Knochen kaum ablesen. Würde man wissen dass die Furchenwale dehnbare Kehlfurchen haben, dass die Glattwale monströs verlängerte Unterlippen besitzen, oder dass auf der Haut des Nordkapers riesige Seepockenkolonien und auf der des Buckelwales seltsame Hautknubbel wachsen? Auch der Pottwal, eines der hochentwickelsten Säugetiere überhaupt, hat eine ganze Reihe von anatomischen Besonderheiten, auf die man durch bloße Analyse nicht kommten würde.

Das waren jetzt mal nur einige Gedanken über eine ziemlich frustrierende Seite der Paläontologie. Man kann zwar so manches bei entsprechend gut erhaltenen Fossilien rekonstruieren, aber viele wirklich fantastische Dinge werden für immer verborgen bleiben.

Ausgerottete und beinahe ausgestorbene Tiere Deutschlands

Montag, Mai 28th, 2007

Heutzutage ist Deutschland extrem arm an größeren Säugetierarten, was aber keineswegs immer so war. Ich wollte hier nur einen kurzen Beitrag über Tiere schreiben, die einst einmal bei uns gelebt haben, und inzwischen beinahe oder vollständig ausgestorben sind. Die einzigen echten Großtiere die man regelmäßig antrifft, sind Wildschweine, Rothirsche und Rehe. Zwar gibt es auch vielerorts Damhirsche, teilweise sogar Sikahirsche und andere asiatische Arten, aber diese wurden alle eingeführt, und sind nicht heimisch.

Unter den Großsäugern hat Europa einen großen Teil schon gegen Ende der Eiszeit verloren, aber dennoch gab es auch hier noch einige ziemlich imposante Wildtiere. Allen voran der nur haarscharf dem Aussterben entronnene Wisent und der als Wildform gänzlich ausgerottete Auerochse.

Hier ein Bild eines Auerochsen-Skelettes aus dem Nationalmuseum von Kopenhagen, welches sogar noch Spuren von menschlichen Waffen zeigt:

Auerochsen-Skelett Kopenhagen

 Was viele Leute nicht wissen, ist dass es in Deutschland auch früher Elche gegeben hat. Schon Julius Cäsar berichtete von ihnen, und dass sie von den Germanen gejagt wurden. Auch im Nibelungenlied wird erwähnt dass Sigurd auf der Jagd neben allerlei anderem Wild einen Elch erlegte, der dort Shelk genannt wird. Manche Ortschaften und Städte tragen sogar heute noch in ihren Namen den Hinweis darauf, dass es bei uns auch Elche gab, etwa Ellwangen oder Elchingen. Im äußersten Osten Deutschlands verschwanden die letzten Elchbestände sogar erst gegen Anfang des 20. Jahrhunderts, und heutzutage kommen nur ganz selten mal noch eingewanderte Elche, etwa aus Polen.

Auch Wildpferde gab es früher bein uns, nämlich den inzwischen ausgerotteten Tarpan, der seit jeher wegen seines Fleisches und wegen gewissen Ernteschäden seit frühester Zeit stark bejagt wurde.

Unter den Raubtieren sind natürlich Wolf und Bär als die eindruchsvollsten Arten hervorzuheben, aber auch Luchse, Wildkatzen, Fischotter und Nerze waren einst weit verbreitet, und vielerorts normalerweise ein normaler Bestandteil unserer Fauna. Auch der Biber ist inzwischen ziemlich rar, und wäre teilweise beinahe gänzlich ausgerottet worden.

Auch die Vogelfauna unseres Landes hat einige sehr imposante Arten beinahe gänzlich verloren. Große Greifvögel wie Stein-und Seeadler, aber auch Fischadler, waren nach Jahrhunderten des Nachstellens beinahe ausgerottet, und brüten selbst nach Jahrzehnten des Schutzes immer noch nur in vergleichsweise geringen Zahlen. Neben den normalen Raubvögeln gab es auch Geier bei uns, sowohl die Gänsegeier, als auch die riesigen Mönchs-und Bartgeier. Infolge von Ausrottungskampangnen waren sie zwischenzeitlich gänzlich verschwunden, und kommen nur äußerst zögerlich wieder zu uns, wie jüngst einige Geier in Süddeutschland.

Neben Raubvögeln gab es auch noch einige andere, einst weitverbreitete Arten wie Kraniche, Trappen oder Auerhühner.

Eine Art, von der nur wenige wissen, dass es sie überhaupt in Deutschland gibt, ist die Europäische Sumpfschildkröte, die vor allem durch Verluste ihrer ursprünglichen Lebensräume aus vielen Gegenden verschwand. Ich hatte sogar das Glück vor einigen Jahren einmal eine in einem Wald-Teich zu sehen. Von den Fischen sind durch Gewässer-Verschmutzung und Verbau viele Arten bei uns beinahe ausgestorben, manche sogar gänzlich verschwunden. Lachse kommen seit einigen Jahren in geringen Stückzahlen teilweise wieder die Flüsse hinaufgeschwommen, einst waren sie aber weit verbreitet, und beinahe shcon ein Arme-Leute-Essen. Europäische Störe und Hausen kommen durch Überfischung und Stauwehre bei uns eigentlich gar nicht mehr vor, früher gab es sie dagegen in solchen Massen, dass sie in industriellen Maße befischt werden konnten.

Inhaltlich gibt dieser Eintrag natürlich nicht viel her, und ich wollte auch gar nicht in die Details gehen, sondern vor allem zeigen, dass es auch bei uns theoretisch noch eine sehr eindrucksvolle Fauna teils sehr großer einheimscher Wildtiere geben könnte.

Verkehrte Welt bei Flusspferd-jagenden Löwen

Sonntag, Mai 27th, 2007

In Tierdokumentationen und den meisten Büchern wird über Löwen in der Regel ein ziemlich stereotypisches Verhalten propagiert, nämlich dass er in Rudeln lebt, die vor allem aus Weibchen und ihren Jungen bestehen, und von ein oder zwei männlichen “Paschas” dominiert wird, welche nicht selbst jagen, sondern von den Tieren fressen, die die Weibchen erlegt haben.  In aller Regel stimmt das auch mehr oder weniger, aber Löwen sind weitaus anpassungsfähiger in Bezug auf ihre Lebensweise, sowohl in Hinsicht auf ihre Jagdstrategien und bevorzugten Beutetiere, als auch auf ihr Sozialverhalten, als allgemein bekannt ist. In der Regel besteht die Nahrung der meisten Löwenrudel aus mittelgroßen und relativ einfach zu tötenden Huftieren wie Gnus oder Zebras. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Rudeln, die sich auf deutlich wehrhaftere und größere Beutetiere spezialisiert haben. In manchen Gegenden werden etwa bevorzugt Kaffernbüffel gejagt, in anderen Giraffen-Bullen. Im Tsavuti haben sich sogar Löwenrudel darauf spezialisiert ausgewachsene (!) Elefanten zu töten. Oft geht eine solche Adaption an solche Beutetiere mit einer Veränderung der Sozialstruktur einher.

Besonders interessant sind hier bestimmte Löwenrudel im Virunga-Nationalpark in Zaire. In diesem Gebiet gibt es weder Zebras noch Gnus, und die kleineren solitär lebenden Gazellenarten sind keine lohnende Beutetiere für die Löwen. Dafür kommen dort große Mengen an Kaffernbüffeln und Flusspferden vor. Um dort also überleben zu können, mußten sich die Löwen den dortigen Gegebenheiten anpassen. Einige Rudel spezialisierten sich auf die Kaffernbüffel, während andere bevorzugt Flusspferde jagen. Der bekannte Naturbuchautor Vitus Dröscher schilder in seinem Buch “Die Welt in der die Tiere leben” eindrucksvoll eine selbst beobachtete Flusspferd-Jagd im Virunga. Schon das Rudel an sich war sehr ungewöhnlich, sowohl in seiner Zusammensetzung, als auch in seinem Verhalten. Es bestand aus fünf ziemlich großen Männchen, und einem einzelnen Weibchen, dass sich allerdings bei der Jagd nicht beteiligte. Dass diese Löwen sich überhaupt an ausgewachsene Flusspferde herantrauen, ist schon beachtlich, denn diese Tiere gehören zu den größten Landtieren überhaupt, und erreichen oft Gewichte von mehr als zwei Tonnen. Zudem sind sie alles andere als ungefährlich, und jedes Jahr fallen wütenden Flusspferden eine große Anzahl von Menschen zum Opfer, und auch gegen andere Tiere zeigen sie zuweilen sehr aggressives Verhalten. Auch gegen Räuber wie etwa Krokodile wissen sie sich in der Regel mit ihren riesigen Hauern sehr gut zur Wehr zu setzen. Nur an Land sind sie für die Löwen überhaupt angreifbar. Normalerweise verhalten sich Löwen bei der Jagd extrem ruhig um ihre Beute nicht zu verjagen, diese Löwen brüllten dagegen in Angesicht iher Beute laut herum, möglicherweise um das Flusspferd einzuschüchtern. Der Angriff erfolgte zuerst durch zwei Löwen von hinten, die sich in die Hinterbeine ihres Opfers verbissen, was sie dreimal wiederholten, bis das Flußpferd seine Hinterbeine nicht mehr aufrecht halten konnte, und sein Hinterteil herabsackte. Daraufhin sprangen es die drei anderen Löwen-männchen mit der geballten Masse von über einer halben Tonne von der Seite her an und warfen es um, woraufhin es mit einem Kehlbiss getötet wurde.

Flusspferde im Schönbrunner Zoo

Eine solche Jagd ist natürlich weitaus gefährlicher als kleinere Zebras oder Gnus zu jagen, auf der anderen Hand sichert hier eine einzige erfolgreiche Jagd auf mehrere Tage hinaus eine ausreichende Fleischversorgung. Da männliche Löwen deutlich größer und stärker sind als Löwinnen, konnte sich hier eine auf relativ brachialer Gewalt basierende Jagdstrategie auf verhältnissmäßig riesige und gefährliche Beutetiere entwickeln, die für ein normales aus weiblichen Löwen bestehendes Rudel wahrscheinlich kaum bezwingbar wäre. Die Flusspferd-Killer müssen weder besonders schnell noch besonders leise sein, wichtig ist vor allem dass sie genug Kraft besitzen, um ihre langsame Beute auf den Boden bringen zu können, wo sie dann getötet werden kann. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass solches Verhalten die Selektion besonders großer und starker, aber sozial kompetenter Löwen fördert. Andererseits führt dies zu einer massiven Umverteilung des Geschlechterverhältnisses, da auf diese Männchen-starken Rudel nur ein oder zwei Weibchen kommen, deren Zweck lediglich im Austragen und Aufziehen der Jungen liegt.

Das ist nur eine von mehreren ungewöhnlichen Lebensweisen bei Löwen, und zeigt auch gut wie Tiere in der Lage sind, ihr Verhalten den gegebenen Umständen entsprechend anzupassen, und dass oftmals propagiertes stereotypes Verhalten in der Natur ganz anders aussehen kann.

Irgendwann wollte ich auch mal über die Elefanten-jagenden Tsavuti-Löwen und über einige skurrile Entwicklungen bei der Jagd auf Kaffernbüffel schreiben.

Quelle: Vitus. B. Dröscher “Die Welt in der die Tiere leben - Meine Expeditionen auf sechs Kontinenten” Rasch und Röhring-Verlag 1991 

Rektale Unterwasseratmung bei Schildkröten

Samstag, Mai 26th, 2007

Einer der größten Schritte in der Evolution des Lebens war die Kolonisierung des Festlandes vom Wasser aus. Im Laufe der Erdgeschichte haben aber eine ganze Reihe von Lebensformen wieder amphibische oder sogar vollaquatische Lebensweisen entwickelt. Die Gründe dafür dürften verschieden sein, etwa die Vermeidung von Konkurenten oder Feinden, in vielen Fällen aber sicher einfach die Möglichkeit reiche Nahrungsrescource nützen zu können. Wenn man einmal den Blick auf die Wirbeltiere beschränkt, und dabei die Amphibien außen vor läßt, dann verwundert es womöglich etwas warum von allen wieder ins Wasser zurückgekehrten Arten keine Kiemen entwickelt hat, und alle noch zum Atmen an die Oberfläche müssen, egal ob es sich dabei um Krokodile, Wale oder Robben handelt. Warum haben sich bei diesen Tieren also keine Kiemen entwickelt? Ein Grund dürften wohl fehlende anatomische Voraussetzungen sein, die die Entwicklung von Kiemen begünstigen würden, und dass die allermeisten dieser Arten ja auch allem Anschein nach recht gut ohne derartige Anpassungen auskommen können, indem sie in mehr oder weniger großen Abständen einfach Luft holen. Das ist kein Problem, schließlich geht das ja (abgesehen von Unterwasserhöhlen) auch überall, wohingegen an Land kommende Wassertiere keineswegs immer zwischendurch ins Wasser springen können, es sei denn sie halten sich in einem lokal sehr begrenzten Lebensraum auf, wie etwa die Schlammspringer. Ein Wasserlebewesen dass dauerhaft an Land leben will, muß also in der Lage sein, den Sauerstoffbedarf vollständig durch atmosphärische Luft zu decken. Das geht entweder durch Lungen, oder bei sehr kleinen Tieren wie etwa den Lungenlosen Salamandern unter Umständen auch vollständig durch Hautatmung.

Ein Hauptgrund warum echte Kiemen nie von ins Wasser zurückgekehrten Wirbeltieren entwickelt wurden, dürfte auch in dem geringen Sauerstoffanteil des Wassers liegen. Wasser hat nur etwa ein zwanzigstel des Sauerstoffanteils von Luft, und unter Umständen sogar noch weitaus weniger. Insbesondere sehr aktive warmblütige Arten mit einem hohen Sauerstoffbedarf, etwa Wale oder Robben, wären möglicherweise gar nicht in der Lage allein durch Kiemenatmung immer genügend Sauerstoff aufzunehmen, zumal wenn schon ein einziger tiefer Atemzug an der Oberfläche wieder eine große Menge Sauerstoff liefern kann. Der hohe Sauerstoffanteil der Luft hat wahrscheinlich auch dazu geführt, dass viele Fische unabhängig voneinander aus teilweise unterschiedlichen Strukturen Organe entwickelt haben, mit denen sie Sauerstoff aus der Luft aufnehmen können, was insbesondere in von Natur aus sauerstoffarmen Gewässern überlebenswichtig sein kann. Solche Anpassungen findet man unter Welsen, Knochenzünglern, Labyrinth-Fischen und vielen anderen.

Unter den im Wasser lebenden höheren Tetrapoden (also Vierfüßern) konnten nur einige Angehörige der Reptilien mit ihrem in der Regel niedrigen Stoffwechsel und geringen Sauerstoffverbrauch zusätzlichen Sauerstoff aus dem Wasser aufnehmen. Ich habe schon mal gehört dass Seeschlangen in der Lage sind zusätzlich Sauerstoff über Hautatmung aufzunehmen, um länger tauchen zu können, genaueres weiß ich da aber nicht. Schon weitaus besser ist da die Hautatmung der Weichschildkröten bekannt. Diese teils äußerst seltsamen und manchmal sogar völlig unreptilisch aussehenden Tiere haben einen stark zurückgebildeten Panzer, der komplett von weicher Haut überwachsen ist. Mit ihrer stark durchbluteten und zottenartig vergrößerten Oberfläche ihrer Rachenschleimhaut können sie zusätzlichen Sauerstoff unter Wasser aufnehmen, und so sehr lange unter Wasser bleiben, ohne Luft holen zu müssen. Zusätzlich können sie noch über die Haut eine relativ große Menge Sauerstoff aufnehmen. Dass sich bei diesen Tieren so etwas entwickeln konnte, hängt sicherlich mit ihrem langsamen Metabolismus, und der Lebensweise am Gewässergrund zusammen, bei der ständiges Luftholen an der Oberfläche sehr störend ist.

Die aber wohl bemerkenswerteste Unterwasseratmung die sich bei manchen Schildkröten entwickelt hat, ist die Sauerstoffaufnahme durch die Kloake. Durch den Anus zu atmen hört sich für uns Menschen auf den ersten Blick natürlich alles andere als delikat an, für diese Schildkröten dürfte es nicht viel anders sein als ganz normales Atmen. Bei Reptilien werden sowohl Kot und Urin, als auch die Geschlechtsprodukte alle aus der gleichen Körperöffnung, der Kloake abgegeben. Manche Schildkröten beitzen paarige Aussackungen in ihrer Kloake, aber nur bei wenigen kann über diese auch tatsächlich Sauerstoff aufgenommen werden. Der bei weitem extremste Fall von Kloakenatmung ist die kleine Fitzroy-Schildkröte Rheodytes leukops aus Australien, welche erst 1973 entdeckt wurde. Diese Schildkröten leben im Wasser niedriger Stromschnellen, das extrem sauerstoffreich ist. Ihre Kloake hat einen Durchmesser von etwa 30mm und bleibt ständig offen, sogar wenn man die Tiere aus dem Wasser nimmt. Man kann dann sogar regelrecht in die riesigen Kloakensäcke hineinschauen. Diese erreichen eine Länge von über 10cm, was verhältnissmäßig enorm ist, wenn man bedenkt dass die Panzerlänge nur 26 cm beträgt. Ihre Oberfläche ist von stark durchbluteten Gefäßen bedeckt, so dass ein Austausch von Sauerstoff stattfinden kann. Zudem sind sie in der Lage diese Kloakensäcke zu kontrahieren und wieder Wasser anzusaugen, was sie in Frequenzen von 15-60 mal pro Minute machen. Ich hatte einmal die Gelegenheit in einer Dokumentation zu sehen wie eine solche Schildkröte unter Wasser atmet, indem sie ihre Kloakensäcke rythmisch kontrahieren läßt, ganz ähnlich wie eine Lunge. Ich muß gestehen, es sah ziemlich obszön aus. Nichtsdestotrotz sind diese komplexen Unterwasserlungen, mit denen die Tiere bis zu 68% ihres Sauerstoffbedarfs decken, und so sehr lange unter Wasser bleiben können, eine wirklich bestaunenswerte Entdeckung.

Die Evolution des Narwals

Freitag, Mai 25th, 2007

Ein meinr Ansicht nach besonders interessanter Fall spekulativer Paläontologie ist die Evolution des Narwals Monodon monoceros. Bei heutigen Narwalen bestitzen die Männchen einen massiv vergrößerten und an der Oberfläche spiralig gewundenen linken mittleren Schneidezahn, der außerhalb des Mauls aus die Haut bricht. Die frühesten Vorfahren dieser Wale haben wahrscheinlich so ähnlich ausgesehen wie die mit ihnen verwandten Belugas, aber wie die ganzen Vorfahren ausgesehen haben, die zu diesem oftmals Einhorn des Meeres genannten Wesens führten, ist durch keinerlei fossilen Funde belegt. Hier stellen sich mehrere Fragen, etwa wann die Schneidezähne anfingen waagrecht statt senkrecht zu stehen, wann sie nicht mehr aus dem Zahnfleisch, sondern außerhalb des Maules herauswuchsen, seit wann sie nur noch auf einer Seite einen großen Zahn ausbilden, oder wann sich die Spiralwindung entwickelt hat. 

Hier sieht man den Schädel eines Narwales in der Seitenansicht:

Narwal-Schädel1

Man kann gut erkennen, dass die Kiefer außer dem linken ersten oberen Schneidezahn (sowie dem im Kiefer verborgenen rechten ersten oberen Schneidezahn) vollständig zahnlos ist.

In der Aufsicht wird die durch den Zahn verursachte Assymetrie des Kieferknochens noch deutlicher:

Narwal-Schädel2

 Die Vorfahren der Narwale müssen zweifellos teilweise ziemlich eigentümlich ausgesehen haben, es gibt sogar gewisse Hinweise darauf, dass anfangs nicht nur die oberen Schneidezähne etwas verlängert waren, sondern auch die unteren…

Der Vergleich mit dem Schädel des Belugas, welcher dem der frühesten Narwalvorfahren sehr ähnlich sein dürfte,  zeigt gut welche enormen Modifikationen des Schädels und der Zähne diese Tiere in ihrer Evolutionsgeschichte durchgemacht haben:

Beluga-Schädel

Der evolutionäre Prozess der von einem Tier mit einem Schädel ähnlich dem Beluga zu den modernen Narwalen geführt hat, kann nicht von jetzt auf gleich, und auch nicht vollkommen geradlinig stattgefunden haben. Die dazwischen gelegenen Zwischenstufen müssen teilweise äußerst seltsam ausgesehen haben.

 Auch wenn man bisher keine Knochen dieser Protonarwale gefunden hat, so kann man sich doch einigermaßen ausmalen wie zumindest einige ihrer Ahnen ausgesehen haben müssen. Da bei heutigen Narwalen normalerweise nur die Männchen einen Stoßzahn haben, und auch viele andere Wale teilweise sehr seltsam ausgebildete Zähne besitzen, die ausschließlich zur Austragung innerartlicher Rivalitäten dienen, kann man davon ausgehen, dass die allerfrühesten Narwale ihre leicht verlängerten und schräg aus dem Maul ragenden Schneidezähne bei Rivalenkämpfen benutzt haben könnten, ähnlich wie das die Männchen vieler Schnabelwale machen, deren Körper oft stark von Narben bedeckt ist, welche von den Zähnen anderer Bullen stammen. Spätere Formen hatten wohl schon recht gut entwickelte doppelte Schneidezähne, die aber vielleicht immer noch aus dem Maul heraus ragten. Interessanterweise kennt man einige primitive langschnäuzige, sogenannte haizähnige Wale (die Squalodontiden), welche neben ihren gesägten Zähnen im hinteren Kieferbereich auch senkrecht nach vorne stehende Schneidezähne an der Schnauzenspitze besaßen. Möglicherweise entwickelte sich dieses Merkmal bei ihnen aus ähnlichen Gründen wie bei den Vorfahren der Narwale. Ohne entsprechende Fossilien läßt sich hier leider sehr schwer sagen, wann die Zähne der Protonarwale außerhalb des Maules heraus wuchsen. Bei allen große Zähne tragenden Walen wachsen die Zähne noch aus dem Zahnfleisch, und das vorzugsweise im Unterkiefer, der Narwal ist hier die einzige Ausnahme. Heutige Tiere bei denen die Zähne auch außerhalb des Maules herauswachsen wären etwa die skurilen asiatischen Hirscheber oder Babirussas, bei denen die Eckzähne der Eber senkrecht aus oder Schnauzenoberseite herauswachsen, und einen Bogen nach hinten bilden. Vor einiger Zeit modellierte ich auch ein Modell eines solchen Protonarwales, oder Furcadon (nach dem Wort für eine zweizinkige Gabel) wie ich ihn inoffiziell genannt habe, das ein frühes mögliches Entwicklungsstadium aus der Ahnenreihe der Narwale zeigt. Das Modell besteht aus Fimo und wurde mit Wasserfarben bemalt, und anschließend lackiert:

 protonarwal-seitlich.jpg

 Der Körper bildet eine Art Zwischenform zwischen Narwal und Beluga, wobei mir im Nachhinein leider aufgefallen ist, dass der Kopf proportional zu groß geworden ist.

Protonarwal Unterseite

 Man sieht gut dass die beiden kurzen Stoßzähne noch nicht außerhalb des Maules durch die Haut stoßen, sondern noch aus dem Zahnfleisch ragen. Auch eine Drehung ist noch nicht vorhanden. Was man auf dem bemalten und lackierten Modell leider nicht mehr so gut sieht, sind die zahlreichen parallel verlaufenden Narben, die ich noch aufmodelliert habe, ähnlich wie bei vielen Schnabelwalen, die sich auch mit ihren Zähnen gegenseitig solche Verletzungen zufügen.

Nicht minder interessant ist hier auch die Evolution und die spekulativen Zwischenformen der bizarren “Walroßwale” Odobenocetops peruvianus und Odobenocetops leptodon, welche entfernte Verwandte von Narwal und Beluga waren, vielleicht werde ich mich auch mal denen widmen. Bis dahin werden aber noch weitere Beiträge folgen.

Anmerkung: Die Bilder der Schädel von Narwal und Beluga stammen aus der Sammlung des Zoologischen Institutes in Tübingen.

Spekulative Paläontologie

Freitag, Mai 25th, 2007

Seit Menschen angefangen haben gezielt nach Fossilien zu suchen und diese zu untersuchen, wurden Unmengen von Resten fossiler Lebewesen gefunden, und ständig werden es mehr. Seit bekannt ist dass sich Lebewesen aus anderen Lebewesen entwickeln, und jede einzelne Art aus einer anderen, ganz ähnlichen Art hervorgegangen ist, konnte man anhand des Fossilrekordes für viele Arten, Gattungen und Familien teils sehr gute und in manchen Fällen sogar beinahe lückenlose Abfolgen von Abstammungslinien erstellen. Man weiß heute schon ziemlich gut wie sich aus Fischen Amphibien, aus Amphibien Reptilien, aus Reptilien Säuger und letztendlich über die Dinosaurier auch Vögel entstanden sind, um nur mal ein paar der ganz großen Langzeitransformationen zu nennen. Man kennt unzählige ausgestorbene Arten, und ständig findet man neue, die teilweise Lücken zwischen zwei Arten oder Gruppen füllen können. Da Fossilation allerdings nur unter extrem günstigen Umständen stattfindet, und die Chancen genau jene Fossilien vor ihrer Zerstörung durch Erosion oder geologische Aktivitäten auch noch zu finden extrem gering sind, kennt man nach wie vor nur einen kleinen Bruchteil aller bisher existierenden Arten. Viele Tiere wurden überhaupt nie fossil überliefert, etwa weil sie nur Weichgewebe besaßen, das nur außergewöhnlich selten als Abrdruck erhalten bleibt, oder weil sie in Gegenden lebten, in denen kaum Fossilation stattfinden konnte, etwa im Regenwald. Insofern ist es kaum verwunderlich dass viele Arten teils nur von unvollständigen oder gar nur fragmentarischen Resten bekannt ist, und in manchen Fällen tatsächlich noch riesige Lücken in den Entwicklungslinien bestimmter Arten herrschen.

Da nun aber jede einzelne Tier-oder auch Pflanzenart eine lückenlose Reihe von Vorfahren gehabt hat, muss es auch unzählige noch unentdeckte Zwischenformen gegeben haben. Hierbei muss ich anmerken dass mir der Begriff Zwischenformen etwas missfällt. Jede Zwischenform war an sich zu ihrer Zeit eine eigene “saubere” Art, und da Evolution pratktisch immer schleichend verläuft, und keine rasanten Sprünge macht, kann man keineswegs immer abgrenzen. Selbst unter lebenden Tieren ist es schwierig genug zwischen Arten, Unterarten und Rassen abzugrenzen, und die Frage wie man sie überhaupt genau definieren soll, hat schon zu vielen bösen Worten geführt. Tatsache ist doch dass es bei Transformationen, die über kleine Änderungen geschehen, andauernd gewisse Graustufen gibt, und es in aller Regel unmöglich ist, genau abzutrennen, und genau den Moment zu finden, an dem man sagen kann “so, und jetzt ist es ein Vogel”. Etwa ab wann ein lungenatmender Fisch mit Füßen ein Amphibium ist, oder eben doch noch ein hochentwickelter Fisch.

Auf was ich eigentlich hinaus wollte, ist dass es unzählige spektakuläre Tiere gegeben haben muss, von denen wir bisher nichts gefunden haben, und in manchen Fällen wohl auch nie finden werden. Wenn man beispielsweise bedenkt was für fantastische Lebewesen sich auf abgelegenen Inseln entwickelten, fällt es schwer sich auszumalen was in prähistorischen Zeiten alles auf Inseln gelebt haben muss. In einigen wenigen Fällen hat man Fossilien von Dinosauriern und anderen Tieren gefunden, die einst auf Inseln gelebt haben, und unter ihnen waren viele, teils extrem bizarre Formen, etwa winzige Sauropoden, räuberische Riesenigel oder fünfhörnige (ja, Hirsche mit Hörnern, das gab´s auch)Hirsche. Das sind aber extreme Ausnahmen, die meisten Inseln die vor Jahrmillionen existiert haben, dürften längst wieder im Meer verschwunden sein, oder trockengefallen und von der Erosion abgeschliffen worden sein. Folglich kann man in vielen Fällen nur spekulieren, was für Wesen im Laufe der Erdgeschichte womöglich entstanden sind. Hier geht es nicht nur darum möglichst sinnvolle Zwischenformen in Stammbäumen zu konstruieren, sondern auch darum, sich zu überlegen zu was sich einige bekannte Arten womöglich entwickelt haben könnten. 

 Betrachtet man etwa die auf Inseln allgemein üblichen Entwicklungstrends, so kann man fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass viele urtümliche kaltblütigen Reptilien auf Inseln Riesenformen entwickelt haben, das große warmblütige Arten verzwergten, und sie vielleicht in der Abgeschiedenheit ähnlich fantastische Eigenheiten ausbildeten wie etwa die Paradiesvögel auf Neu-Guinea, deren Vorfahren recht triste starenähnliche Vögel waren. Unter anderem hat mich die Frage interessiert, ob sich vielleicht auf abgelegenen Inseln flugunfähige Pterosaurier entwickelt haben könnten, und wie diese womöglich ausgesehen haben könnte. Was dafür und was dagegen spricht, wollte ich eigentlich mal in einem eigenen Beitrag abhandeln.

Aber wo es schon gerade um Pterosaurier geht, so sollte erwähnt werden, dass gerade diese sehr interessant für die “Disziplin” der spekulativen Paläontologie sind. Das Problem ist nämlich dass man zwar eine ganze Reihe verschiedenster mehr oder weniger hochentwickelter Flugsaurier gefunden hat, in ihrer Evolutionsgeschichte aber Zwischenformen praktisch vollkommen fehlen. Ähnlich sieht es bei Fledermäusen aus, denn schon die allerältesten Fossilien unterscheiden sich nur relativ geringfügig von den heutigen Arten. Das mag vor allem daran liegen dass es sich um sehr kleine und grazile Tiere handelte, die kaum jemals versteinerten, und deren Körper in den Wäldern oder Dschungeln in denen sie wahrscheinlich lebten, kaum jemals erhalten bleiben konnte, und innerhalb weniger Tage restlos recyclet wurden. Fossilien von Pterosaurier oder urtümlichen Fledermäusen stammen praktisch immer von Tieren die über dem Wasser abstürzten von Sediment eingeschlossen, und so konserviert werden konnten. Betrachtet man die heutigen Tropenwälder, dann ist die Wahrscheinlichkeit das vergleichbare Tiere einmal fossil erhalten bleiben, ziemlich gering, und die Tatsache dass einige frühe Gleitflieger überhaupt gefunden wurden, schon ein ziemlicher Glückstreffer ist. Und so bleibt es in vielen Fällen nach wie vor nur möglich zu spekulieren.

Kann ein Aal zu einem Monster wachsen?

Donnerstag, Mai 24th, 2007

In der kryptozoologischen Literatur findet man eine ganze Reihe von teils sehr verschiedenen Untieren, welche die Seen Großbritanniens, insbesondere von Irland bevölkern sollen. Einige sollen wie Drachen ausgesehen haben, andere wie Schlangen oder sogar säugerähnlich gewesen sein. Einige von ihnen wurden auch als riesige Aale beschrieben. Vor einiger Zeit kam auch die Hypothese in Umlauf, dass solche Kreaturen, insbesondere das Monster von Loch Ness, auf Aale zurück gehen sollen, die nicht zum Laichen in die Sargasso-See abwanderten, sondern in den Seen blieben, dort uralt wurden, und immer weiter wuchsen. Hört sich ja an sich ganz plausibel an, und würde auch eine ganze Reihe von Fragen beantworten, etwa warum nicht ganze Populationen von Monstern existieren müssen, oder wie sie in teils winzigen Gewässern überleben könnten.

Doch der Teufel steckt hier im Detail, denn der Urheber dieser Vermutung, wußte allem Anschein herzlich wenig über das Wachstumsverhalten von Aalen. Wie viele andere ist er dem Irrglauben aufgessesen, dass Fische ihr ganzes Leben lang immer weiter wachsen, und so theoretisch jede beliebige Länge erreichen, und so zu Monstern heranwachsen können. Nun ist es tatsächlich so dass die allermeisten Fische ab einer gewissen Größe so gut wie gar nicht mehr wachsen, meist nach Erlangen der Geschlechtsreife. Auch wenn danach das Wachstum noch anhält, ist es bei den meisten Arten so gering, dass es kaum noch ins Gewicht fällt. Andernfalls gäbe es unter vielen Fischen, insbesondere solchen die im Aquarium gehalten, und so gut über einen langen Zeitraum beobachtet werden können, enorme Größendifferenzen unter den geschlechtsreifen Tieren. Nun gibt es tatsächlich Fische, bei denen auch nach dem Erlangen der Geschlechtsreife das Wachstum noch vergleichsweise stark ist, und bei denen in der Regel die größten Exemplare tatsächlich schon ziemlich alt sind. Dank einer Studie aus den Jahren 1987 und 1988, bei der insgesamt 8612 weibliche Aale aus dem Burrishole-System in West-Irland vermessen, und ihre Wachstumsraten anhand von Gehörsteinuntersuchungen ausgewertet wurden, liegen für die Wachstumsraten von Flussaalen sehr gute Daten vor. Interessant war dass von dieser riesigen Menge Aale nur ein winzigen Bruchteil eine Länge von mehr als 62 cm hatte, nämlich nur 0,6% ´87 und 0,7% ´88. Jene übergroßen Aale zeigten auch ein anderes Wachstumsverhalten als ihre kleineren Artgenossen. Sie wuchsen nicht nur geringfügig schneller, sondern auch länger schnell. Anhand der an den Gehörsteinen feststellbaren Wachstumsraten konnten auch Diagramme angefertigt werden, die die Zuwachsraten im Verlauf der Jahre zeigen. Unter den Aalen mit einer Länge von mehr als 62 cm konnten Alter von 32-57 Jahren ermittelt werden, und bei jenen unter 62 cm Alter von 8-42 Jahren. Das schnellste Wachstum fand im ersten Lebensjahr statt, bei den kleinen Aalen hielt ein relativ schnelles Wachstum etwa 17 Jahre an, bei den großen dagegen etwa 34 Jahre. Die durchschnittliche Längenzunahme bei den normalen Aalen betrug 1,42 cm, das der großen 1,6cm pro Jahr, der Unterschied war also relativ gering. Die großen Aale übertrafen ihre Artgenossen also nicht einfach dadurch deutlich an Größe, dass sie über einen sehr langen Zeitraum wuchsen, sondern vor allem weil sie langanhaltend relativ schnell wuchsen. Die Wachstumskurven verlaufen anfangs bei beiden Variäteten in etwa gleich, bei den normalen Aalen wird die Kurve allerdings deutlich flacher, bei den großen Aalen dagegen nur relativ geringfügig, wenngleich ebenfalls stetig. Anhand der Abnahme der Steilheit der Wachstumskurve läßt sich berechnen bei welcher Länge das Wachstum so weit abgenommen hätte, dass es zu überhaupt keinem Längenzuwachs mehr kommt. Bei den normalen Aalen wäre das eine Länge von 99,9cm, bei den großen eine hypothetische Länge von 204,5cm,  bei einem Alter das irgendwo zwischen 150 und 200 Jahren liegen würde (genaue Angabe fehlt hier).

Üblicherweise werden sie aus verschiedenen Gründen gar nicht erst so groß, entweder weil sie teilweise noch in sehr hohem Alter abwandern, oder, falls dies in einem Gewässer ohne Meereszugang passiert, weil sie schlicht und einfach auch nicht unsterblich sind, und irgendwann einmal den Löffel abgeben, bevor sie so eine Länge erreichen könnten. Tatsächlich stammen die größten Aale meist aus Gewässern, in denen sie eingesetzt wurden, aber mangels fehlender Abwanderungsmöglichkeiten nicht ins Meer konnten. Die größten bestätigten Längen für Europäische Flussaale liegen bei etwa 1,5m. Man liest zwar gelegentlich auch von 2m, aber allem Anschein gibt es dafür keine Beweise, weshalb es sich hier auch um Anglerlatein handeln kann. Warum diese Unterschiede im Wachstumsverhalten überhaupt aufkommen, ist nicht ganz klar, vielleicht hängt es mit einer unterschiedlichen Ernährungsweise zusammen, die bei den großen Aalen vor allem aus Fisch besteht, möglicherweise hat es auch genetische Hintergründe.

Dass es sich hier um Aale aus einem irischen Gewässer (das obendrein einen sehr guten Fischbestand aufweist und nicht wie viele andere überfischt wurde), ist besonders praktisch, wenn man Vergleiche mit angeblichen Riesenaalen in irischen Seen machen möchte.

Das Wachstum dieser Tiere hat natürlich noch ein paar andere wichtige Komponenten, etwa die Verfügbarkeit und Menge der Nahrung, sowie die Wassertemperatur. Ein Aal der bei einer optimalen Temperatur (diese liegt beim Aal bei 26°C) und optimaler Nahrungsversorgung aufwächst, überdurchschnittlich gute genetische Anlagen besitzt und nicht ins Meer abwandern kann, wäre sicher in der Lage ein noch stärkeres Wachstum als die “großen” Aale zu zeigen, und auch eine etwas größere Länge zu erreichen. Aber auch die würde in Anbetracht der limitierten Lebensjahre wohl kaum die 2m erreichen.

In Anbetracht dieser Fakten kann die Hypothese, dass Aale, welche nicht abwandern und in Gewässern bleiben, zu Monstern heranwachsen können, guten Gewissens zu den Akten gelegt werden. Selbst wenn ein Aal Jahrzehnte lang und obendrein noch ungewöhnlich schnell wachsen würde, wäre er selbst nach 100 Jahren weit davon entfernt, auch nur annährend echte Monster-Maße erreichen. Bedenkt man dass beispielsweise im Loch Ness mit einer maximalen Wassertemperatur von 6-7°C auch noch alles andere als optimale Bedingungen für das Abwachsen von Aalen herrschen, verliert die “Nessie-ist-ein-uralter-Riesenaal”-Hypothese gänzlich an Glaubwürdigkeit. Dass dies auch für eine Reihe von anderen Fischen zutrifft, soll später auch irgendwann noch bearbeitet werden.

Quellen:

VARIABILITY IN GROWTH RATE IN. EUROPEAN EEL ANGUILLA ANGUILLA. (L.) IN A WESTERN IRISH CATCHMENT. W. Russell Poole and Julian D. Reynolds.
                                                                                                                                             

H. Kuhlmann: Der Einfluß von Temperatur, Futter, Größe und Herkunft auf die sexuelle Differenzierung von Glasaalen(Anguilla anguilla)

Makaracetus bidens-ein Wal mit einem Rüssel?

Dienstag, Mai 22nd, 2007

Wer mit der Geschichte der Kryptozoologie vertraut ist, der wird bei dem Titel dieses Eintrages wahrscheinlich sofort gewisse Assoziationen haben, die ich hier allerdings gleich enttäuschen muss. Nein, es soll hier nicht um den Kadaver des seltsamen Meereswesens namens Trunko gehen (der mit allergrößten Wahrscheinlichkeit der verweste und vollkommen entstellte Körper eines Walhais oder vielleicht auch eines Wales gewesen ist), sondern um einen der bizarrsten Wale, die es jemals gegeben hat.

Makaracetus ist erst seit kurzem (2004) durch ein paar sehr fragmentarische Fossilien bekannt, unter denen sich glücklicherweise ein recht gut erhaltener Schädel von 53cm Länge befindet, der einst zu einem Wal von der Größe eines Belugas gehört haben dürfte. Seinen Namen hat er von einem asiatischen Fabelwesen namens Makara, das einen Fisch-oder Drachenförmigen Körper und Kopf besitzt, sowie einen kurzen Rüssel auf der Schnauze trägt. Der Schädel zeigt eine ganze Reihe von ungewöhnlichen Merkmalen, die so von keinem anderen Wal bekannt sind. Der Schädel an sich war recht breit und kompakt, die Schnauze dagegen relativ schmal, und verbreiterte sich leicht nach vorne hin. Von der Seite betrachtet stieg die Schnauze vor den Augen leicht an, um sich dann zu einer großen, schräg abfallenden Nasenhöhle zu öffnen. Die Form des Schädels zeigt, dass in der Schnauzenregion ursprünglich Ansätze für starke Muskeln saßen, und große Blutgefäße durch die Knochen führten, die nötig waren um das Gewebe vorne an der Schnauze hinreichend mit Blut zu versorgen.

 Es ist sehr wahrscheinlich dass Makaracetus einen kurzen Rüssel besaß, womöglich ähnlich dem eines Tapirs. Daraus ergeben sich auch gleich weitere Hinweise auf die Lebensweise. Für einen im freien Wasser lebenden Wal hätte eine derartige Entwicklung relativ wenig Sinn gemacht, wohl aber für ein Lebewesen, das seine Beute am Boden suchte, und vielleicht zwischen Wasserpflanzen, im Schlick oder im Sand nach Beute suchte. Die Kiefer von Makaracetus beschreiben einen leichten Bogen nach unten, eine Anpassung die man auch von Tieren wie manchen Waranen kennt, die hartschalige Nahrung zu sich nehmen. Die Zahnreihen im Schnauzenbereich stehen sehr eng zusammen, wohingegen die an seitlich abgeflachte Kegel erinnernden Zähne relativ weit auseinanderstehen. Dies war sicherlich nicht die Bezahnung eines Fisch-oder Kopffüßer-Fressers, sondern eher eines Tieres, das sperrige Beutetiere wie mit einer groben Grillzange vom Boden aufnahm. Der Zahnbogen im hinteren Kieferteil ist dagegen recht breit, und die dortigen Zähne stehen eng und haben eine in der Aufsicht dreieckige, teilweise zerklüftete Oberfläche. Im Zusammenspiel mit der starken Kiefermuskulatur dürften sie gut geeignet gewesen sein, Krustentiere, Muscheln oder Schnecken aufzubrechen.

Man kann sich gut vorstellen dass ein kurzer muskulöser Rüssel sehr vorteilhaft war, am Boden nach Krusten-und Schalentieren zu suchen, und diese gegebenenfalls auch vom Boden oder von Steinen zu lösen, um sie dann mit den vorderen Zähnen zu packen, und mit den hinteren Backenzähnen zu zermalman. Wie dieser skurile Wal zu Lebzeiten nun tatsächlich ausgesehen hat, ist schwer zu sagen. Ich habe schon ein paar versuchsweise Rekonstruktionszeichnungen gemacht, die allerdings sehr spekulativ sind, etwa in Bezug auf die Position der Nasenöffnungen am Rüssel.

Erschwerend kommt hinzu dass bei Walen durch ihren dicke Fettschicht die äußere Form nur wenig Gemeinsamkeiten mit dem Schädel besitzt, etwa bei dem rundköpfigen Beluga, dessen Schädel ähnlich aussieht wie der eines Mosasauriers. Dass Makaracetus schon eine Melone besaß, ist relativ unwahrscheinlich, da es sich zum einen um eine sehr frühe Form handelte, und zum anderen bei der vermuteten Lebensweise eine Echolotwahrnehmung nur eine untergeordnete Rolle gespielt hätte. 

Quellen:

Philip D. Gingerich et al. (2005): Makaracetus bidens, a new protocetid archaeocete (Mammalia, Cetacea) from the early middle Eocene of Balochistan (Pakistan). - Contributions from the Museum of Paleontology, University of Michigan 31: 197 - 210

Bilder vom Schädel gibt es hier:

http://deepblue.lib.umich.edu/bitstream/2027.42/41260/3/Vol%2031%20No%209%20Final.pdf